Streetart an einer Mauer: Abgebildet ist ein Junge, der durch ein großes Loch in einer Mauer steigt. Hinter der Mauer steht ein Ortsschild mit der Aufschrift "Mykolajiw" und man blickt durch das Loch auf eine idyllische Wiesenlandschaft.

Streetart in der ukrainischen Stadt Mykolajiw (Künstler: Konstantin Kachanovsky)

Didaktik slawi­scher Spra­chen: Inter­view zum Jubi­läum von DiSlaw

Das Open-Access-Journal DiSlaw beschäf­tigt sich mit der Didaktik slawi­scher Spra­chen und publi­zierte kürz­lich die zehnte Ausgabe. Zu diesem Anlass sprach Yana Lyapova mit Wolf­gang Stad­ler, Magda­lena Kalt­seis und Sonja Bacher  – Mitglieder des Edito­rial-Boards und Wissen­schaft­le­r:innen der Uni Innsbruck – über die Grün­dung des Magazin und die Heraus­for­de­rungen beim Unter­richten slawi­scher Spra­chen.

Die mehrsprachige Zeitschrift DiSlaw (Didaktik slawischer Sprachen) feiert heuer ihr fünfjähriges Jubiläum und publizierte kürzlich ihre zehnte Ausgabe. Initiiert wurde die Gründung 2021 von dem Slawisten Wolfgang Stadler, der damals als Professor für Russische Sprachwissenschaft und Fachdidaktik an der Universität Innsbruck tätig war.

Die Doktoratsstudentin Yana Lyapova sprach nun mit ihm (Wolfgang Stadler, WS) sowie zwei weiteren Herausgeberinnen, Magdalena Kaltseis (MK) und Sonja Bacher (SB), über die Entwicklung der Zeitschrift, die Fremdsprachenlehre und zukünftige Perspektiven.

YL: Wie entstand die ursprüngliche Idee für DiSlaw und wie schwierig war die tatsächliche Umsetzung des Journals?

MK: Die Idee dazu stammte von Wolfgang Stadler aufgrund der Einstellung der Zeitschrift Praxis Fremdsprachenunterricht und der Beihefte Englisch, Französisch und Russisch  im Oktober 2020 (bei der Wolfgang Stadler zwischen 2009–2011 Mitherausgeber war), die bis dahin fachdidaktische Beiträge im Bereich Russisch als Fremdsprache publiziert hatte. Die Umsetzung war insofern schwierig, als Mitarbeiter:innen sämtlicher Slawistikinstitute in Österreich und auch Kolleg:innen pädagogischer Hochschulen bei der Gründung der Zeitschrift eingebunden wurden und zunächst nicht klar war, in welcher Form  die Zeitschrift entstehen sollte – als Open-Access-Journal, als Zeitschrift eines Verlages oder als institutsübergreifende bzw. universitätsinterne Zeitschrift.

SB: Als die Entscheidung für ein Open-Access-Journal mit der Universität Innsbruck als Medieninhaberin gefallen war, begannen wir als elfköpfiges interdisziplinäres Team die umfangreiche Checkliste für die Herausgabe von Open-Access-Zeitschriften abzuarbeiten. Dieser arbeitsintensive Prozess dauerte über ein Jahr und erstreckte sich von der Namensfindung für die Zeitschrift, Diskussionen über die thematische Ausrichtung, das Profil und potenzielle Zielgruppen, der Klärung ethisch-rechtlicher Aspekte (z.B. Open Access Statement, Lizenzen, Autor*innenvereinbarung), der Etablierung einer profunden Qualitätssicherung bis hin zum Aufbau der DiSaw-Webseite im OJS.

YL: Das klingt alles in der Tat nach einer Vielzahl an Herausforderungen, und zwar sowohl in finanzieller als auch in organisatorischer Hinsicht. Hat sich denn auch die inhaltliche Arbeit an DiSlaw im Laufe der Zeit verändert und, wenn ja, in welcher Form? (z. B. andere Themenschwerpunkte, geändertes Verfahren, Einigung bei neueren CfP …)

MK: Ja, die Arbeit an der Zeitschrift ist immer besser bzw. professioneller geworden; schließlich hatten einige Mitglieder des Editorial Boards vor der Gründung von DiSlaw kaum bis keine Erfahrung mit der Arbeit an einer wissenschaftlichen Zeitschrift.

SB: Genau, die Arbeitsabläufe konnten nach und nach im Sinne des Learning by Doing optimiert werden.

WS: Auch die slawischen Sprachen, die DiSlaw abdeckt, wurden seit der Gründung erweitert bzw. haben – so wie das Russische – Rückschläge erfahren. Das Aufnehmen weiterer slawischer Sprachen in die Zeitschrift hängt auch mit der Zusammensetzung des EB zusammen, da es immer jemanden braucht, der eine bestimmte slawische Sprache auf sehr hohem Niveau beherrscht, um entsprechendes Feedback geben zu können.

MK: Ein weiterer Fokus von DiSlaw ist seit Beginn des Ukrainekriegs die ukrainische Sprache geworden, die nun mehr Aufmerksamkeit erhält als noch zu Beginn der Zeitschrift.

YL: Dass DiSlaw also immer bemüht ist, mit der Zeit zu gehen und rasch auf Herausforderungen zu reagieren, wird anhand eurer Ausführungen schnell deutlich. Welche sind die spezifischen didaktischen Herausforderungen für das Unterrichten slawischer Sprachen und wie versucht DiSlaw diesen zu begegnen?

MK: Einerseits werden die slawischen Sprachen – mit wenigen Ausnahmen – in Schulen im deutschsprachigen Raum kaum bzw. zum Teil (immer) wenig(er) unterrichtet. Eine weitere Herausforderung ist, dass die Fachdidaktik Russisch klar dominiert und die anderen slawischen Sprachen – auch, weil sie viel weniger oft an Schulen oder Hochschulen vertreten sind – aus wissenschaftlicher, fachdidaktischer Sicht weniger Berücksichtigung finden. DiSlaw versteht sich als mehrsprachiges Journal, das versucht diesen Herausforderungen zu begegnen, indem es spezifische Themenbereiche vorgibt bzw. abdeckt und sowohl wissenschaftlich-theoretische Beiträge, theoriegeleitete Studien aus der Unterrichtspraxis als auch Best-Practice-Beispiele und Buchrezensionen zur Publikation annimmt.

 

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YL: Gibt es bisher Feedback von Lehrenden zu einzelnen Best-Practice-Beispielen in DiSlaw und werden diese in irgendwelchem Rahmen besprochen, geteilt oder kommentiert?

SB: Ja, die im OJS automatisch geführten Statistiken zu den Beitrags-Views belegen eindeutig, dass das DiSlaw-Journal und insbesondere auch die praxisorientierten Beiträge stetig an Popularität dazugewonnen haben.

MK: Wir erhalten auch immer wieder von Lehrkräften und Kolleg:innen persönliches Feedback, dass Beispiele ausprobiert wurden und bei den Lernenden gut angekommen sind. Der Mehrwert bzw. die Wichtigkeit der Best-Practice-Beispiele hat sich auch kürzlich gezeigt, als wir für den neuen HAK-Lehrplan 2026/27 Lehr- und Lernmaterialien für den neuen Unterrichtsgegenstand “Internationale Kommunikation mit Fokussprache” aus DiSlaw gesammelt haben und diese nun Lehrkräften auf der Homepage des Instituts für Slawistik zur Verfügung stellen.  

YL: Welche Funktion hat  die Vortragsreihe DiSlaw Online und erreicht sie auch Interessierte jenseits der Universität(en)?

MK: Die Vortragsreihe DiSlaw Online wurde von Wolfgang Stadler und Eva Binder ins Leben gerufen, um die Inhalte von DiSlaw in hybrider Form einem breiteren Publikum zu präsentieren. Konkret wird in dieser Reihe ein Beitrag ausgewählt und der/die Autor:in stellt diesen kurz vor. Anschließend erfolgt eine Diskussion. Dadurch werden auch interessierte Lehrkräfte und Personen erreicht, die nicht im wissenschaftlichen Bereich tätig sind.

WS: Die Vorträge waren bisher unterschiedlich gut besucht, wobei die Anzahl der Interessierten bzw. die Zahl der Teilnehmenden – sicherlich auch aufgrund der zuletzt verstärkten Bewerbung der Veranstaltung – gestiegen ist. Darüber freuen wir uns sehr, aber für die weiteren Vorträge der Reihe wäre es wünschenswert, wenn mehr Interessent:innen, vor allem Lehrer:innen an Schulen, teilnehmen würden.

YL: Gab es bisherige Ausgaben von DiSlaw, die euch persönlich entweder durch den thematischen Fokus oder die Arbeit mit Gastherausgeber:innen besonders in Erinnerung geblieben sind?

WS: Ganz sicherlich die erste Ausgabe, die wir bewusst dem Thema “Motivation” gewidmet haben und die von M. Winkler und M. Kaltseis herausgegeben wurde – zwei Mitarbeiterinnen des EB, die mit viel Engagement “ins kalte Wasser gesprungen” sind und mit Formatierungs- und anderen Anfänger:innenproblemen kämpfen mussten. Dabei ließen sie viel Umsicht walten und leisteten enorme Vorarbeitenn, um diese allererste Nummer zeitgerecht erscheinen zu lassen.

SB: Ja, die Hefte, an denen ich als Herausgeberin mitgearbeitet habe. Als besonders herausfordernd habe ich das von Julia Hargaßner und mir herausgegebene Heft zum Thema “Differenzierung und Individualisierung” in Erinnerung, obwohl es eines der kürzesten ist. Das große Interesse an der Differenzierung und Individualisierung hat sich in der Vielfalt eingereichter Abstracts gezeigt. Die Publikationsbilanz war letzten Endes dennoch durchwachsen. Nur wenige Beiträge haben es ins Heft geschafft. Dies war unserer Ansicht nach dem hohen Komplexitätsgrad des Themas und der enormen Herausforderung, Differenzierung und Individualisierung praktisch greifbar zu machen, geschuldet.

MK: Neben der allerersten Ausgabe von DiSlaw, die Wolfgang bereits erwähnt hat, ist mir die gemeinsam herausgegebene Ausgabe mit Eva Binder über „Audiovisuelle Medien“ in Erinnerung geblieben. Sie hat verdeutlicht, dass mediendidaktische Fragestellungen in den Didaktiken anderer slawischer Sprachen als Russisch bislang nur wenig erforscht sind und daher ein großes Entwicklungspotenzial aufweisen.

YL: Mir scheint, als würde DiSlaw ein ziemlich breites Spektrum sowohl in thematischer als auch in sprachlicher Hinsicht abdecken wollen. Wie werden die Themen der Ausgaben bestimmt und welche Faktoren beeinflussen diese Auswahl?

MK: Die Themen werden vom EB bestimmt, wobei jedes Mitglied sich mit einem Themenvorschlag in eine Liste einträgt. Die Themenvorschläge werden dann in gemeinsamen Sitzungen diskutiert. Die themenspezifischen Ausgaben für die nächsten Jahre sind bereits geplant. Da jedoch aktuelle Entwicklungen eine sehr große Rolle spielen und es DiSlaw wichtig ist, diese zu berücksichtigen, ergeben sich auch kurzfristig immer wieder Änderungen. Unlängst wurde aufgrund einer eingelangten Anfrage bzgl. Gastherausgeberschaft einer renommierten Wissenschaftlerin das Thema “Teaching East Slavic Languages in the Context of Political Repression and Military Conflicts” aufgenommen und zeitlich vorgereiht. 

YL: Eure Ausführungen verraten die angedachte Breite der Themen und Schwerpunkte von DiSlaw, aber die Zeitschrift ist an einer österreichischen Universität angesiedelt. Gibt es Interesse an DiSlaw seitens der Lehrenden für die autochthonen slawischen Minderheiten in Österreich und darüber hinaus?

WS: Ja, vor allem für das Slowenische und Burgenlandkroatische. Es gibt hier auch Lehrkräfte, die Beiträge dazu in DiSlaw verfasst haben – so u.a. auch für die sorbische Sprache in Deutschland. Insofern dient DiSlaw auch als Austauschplattform für Lehrkräfte in diesem Bereich.

YL: Was ist eurer Meinung nach die größte Zukunftsherausforderung für die Fremdsprachendidaktik im deutschsprachigen Raum? Gibt es auch hier große Unterschiede zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz?

SB: Die Beibehaltung der sprachlichen Vielfalt im Fremdsprachenunterricht, die leider in den letzten Jahren aufgrund politischer Entscheidungen immer weiter eingeschränkt wurde und wird. Die derzeitigen bildungspolitischen Entscheidungen laufen bedauerlicherweise der Trilinguismus-Deklaration der Europäischen Union (Weißbuch 1995, Gipfel von Barcelona 2002, GeR 2001 und 2018) zuwider. Wir werden versuchen, diese durch unser Journal weiterhin zu beleben. Ich glaube, Österreich, Deutschland und die Schweiz sitzen da im selben Boot und stehen ähnlichen Herausforderungen gegenüber.

WS: Die grundlegendere Herausforderung besteht wohl darin, sprachliche Vielfalt, gesellschaftliche Relevanz und qualitativ hochwertigen Unterricht unter zunehmend schwierigen institutionellen Bedingungen miteinander zu verbinden. Zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz bestehen dabei sicherlich Unterschiede, aber keine grundsätzlich verschiedenen Herausforderungen. In Österreich ist die unmittelbare Nachbarschaft zu mehreren slawischsprachigen Ländern von größerer Bedeutung. Hinzu kommt eine stark ausgeprägte gesellschaftliche Präsenz südslawischer Sprachen: Bei den Vier- und Fünfjährigen in elementaren Bildungseinrichtungen war Bosnisch-Kroatisch-Serbisch 2022/23 mit sechs Prozent die häufigste nichtdeutsche Erstsprache. Die entscheidende Frage ist hier weniger, ob slawische Sprachen curricular möglich sind, sondern ob Schulen über genügend Lehrkräfte, Lerngruppen und institutionelle Kontinuität verfügen, um solche Angebote dauerhaft einzurichten.

YL: Das bewegte politische Klima und die immer wiederkehrenden Überarbeitungen der Lehrpläne sorgen wohl für genug Abwechslung und erfordern einiges an Flexibilität bei den didaktischen Ansätzen. Welche Themen werden derzeit für zukünftige Ausgaben in Erwägung gezogen? Dürfen wir einige davon erfahren?

MK: Es wird im Herbst dieses Jahres noch eine Sonderausgabe „Bunte Ukraine: 14 Best-Practice-Beispiele für den Ukrainischunterricht“ erscheinen. Für nächstes Jahr haben wir eine Ausgabe mit einem kritischen Blick auf Lehrwerke slawischer Sprachen sowie das bereits erwähnte Themenheft zum Unterricht (ost)slawischer Sprachen in Krisenzeiten geplant.

WS: Vorgeschlagen sind z. B. „Unterricht slawischer Sprachen in unseren Nachbarländern (Deutschland, Italien, Schweiz, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn)“ oder „Sprache und Zugehörigkeit – Slawische Sprachen im Kontext von Migration und Mehrsprachigkeit“. Spannend könnte auch ein Heft zu „Krisen, Konflikte, Kommunikation – Slawische Unterrichtssprachen im Dialog der Gegenwart“ werden. Und was die Herausforderungen in der Zukunft angeht, KI bleibt wohl ein „Dauerbrenner“.  Wir denken also auch an ein Heft mit dem Titel „Künstliche Intelligenz im Unterricht slawischer Fremd- und Herkunftssprachen.“

SB: Unsere Leser:innen dürfen also gespannt bleiben.

YL: Auf die kommende Ausgabe zum Ukrainischunterricht freue ich mich als Leserin und kürzliche Studieneinsteigerin der ukrainischen Sprache ganz besonders! Da habt ihr euch ja einige spannende Themenfelder vorgenommen. Ich bedanke mich bei euch allen für das Gespräch und wünsche dem Journal noch viel Erfolg und eine möglichst breite Rezeption für die kommenden zehn Ausgaben!

(Yana Lyapova)

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