Portrait Walter Leitner

Archäologe Walter Leitner anlässlich des 35-jährigen Jubiläums des Fundtags im Interview

35 Jahre Ötzi-Fund – 35 Jahre Wissen­schafts­ge­schichte

Der Archäo­loge Walter Leitner beglei­tete die wissen­schaft­liche Aufarb­ei­tung rund um den Fund der Glet­scher­mumie von Beginn an. Er hielt über 600 Vorträge zum „Mann im Eis“, war jahre­lang Mitglied im archäo­lo­gi­schen Beirat des Südti­roler Archäo­lo­gie­mu­seums in Bozen und ist wissen­schaft­li­cher Leiter des Ötzi-Dorfs in Umhau­sen. Zum Jubi­läum erzählt er die bewegte Geschichte der Stein­zeit­mu­mie.

Uni Innsbruck: Als die Gletschermumie am 19. September 1991 gefunden wurde, waren Sie gerade Leiter der Abteilung „Ur- und Frühgeschichte des Alpenraumes" am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Innsbruck – der Fund betraf also genau Ihren Forschungsbereich. Wie kam die Mumie vom Tisenjoch an die Universität Innsbruck?

Walter Leitner: Zunächst ging man ja davon aus, dass es sich um einen verunglückten Bergsteiger aus der jüngeren Zeit handeln würde. Die Leiche wurde geborgen und zur Obduktion auf das Institut für Gerichtsmedizin der Universität Innsbruck gebracht. Das ist der übliche Weg, wenn eine unbekannte Person gefunden wird und man ihre Identität feststellen möchte. Die geplante vollständige Obduktion wurde dann aber abgebrochen, weil der Oberarzt Dr. Hans Unterdorfer den Verdacht äußerte, dass die Leiche „sehr alt" sein könnte. Daraufhin wurden wir am Institut für Ur- und Frühgeschichte kontaktiert. Der damalige Institutsleiter Prof. Konrad Spindler hat sich den Fundkomplex am darauffolgenden Tag angeschaut und bereits nach wenigen Minuten verkündet: „Das ist ein Mann aus der Steinzeit."

Woran konnte der Professor derart schnell die zeitliche Einordnung festmachen?

Die Ausrüstungsgegenstände waren es, die Konrad Spindler so schnell zuordnen konnte – insbesondere das Beil. Diese Art von Kupferbeilen kann man sehr gut in die späte Jungsteinzeit datieren, also um etwa 3000 v. Chr.

In weiterer Folge haben wir dann fünf Proben für eine C14-Datierung verschickt. Alle fünf Labore – in der Schweiz, Schweden, Frankreich, England und Massachusetts (USA) – sind unabhängig voneinander zum gleichen Ergebnis gekommen: Die Leiche stammt aus der Zeit zwischen 3300 und 3100 v. Chr. Und damit begann erst die eigentliche Geschichte.

Ötzi im Eis

Ötzi, wie er am 19. September 1991 am Tisenjoch gefunden wurde.

Wo lagen die großen Herausforderungen bei der Forschungsarbeit rund um die Gletschermumie?

Die Mumie wurde innerhalb der Universität Innsbruck von der Gerichtsmedizin auf das Institut für Anatomie verlegt. Um sie für die weitere Forschung zu erhalten, musste sie unter gletscherähnlichen Bedingungen konserviert werden. Dafür braucht es zwei Mikroklimafaktoren: Kälte und Luftfeuchtigkeit. Man hat sich auf minus sechs Grad Celsius und fast 100 Prozent Luftfeuchte geeinigt. Die Mumie wurde in sterile Operationstücher gewickelt und mit zwei Schichten Crushed-Ice bedeckt. Sie für Forschungszwecke freizulegen war eine aufwendige Prozedur. Untersucht wurde sie dann immer für maximal eine halbe Stunde, um ein Auftauen und damit den Verlust von Körperflüssigkeit zu vermeiden. In dieser Form wurde Ötzi sechs Jahre und dreieinhalb Monate aufbewahrt – bis er im Jänner 1998 nach Bozen überstellt wurde, wo man ihn jetzt durch ein kleines Sichtfenster im Museum sehen kann.

Mit welchem Teilbereich der Forschung rund um die Gletschermumie haben Sie sich befasst?

Mein Schwerpunkt liegt in der Untersuchung des archäologischen Umfeldes des Mannes im Eis und generell in der hochalpinen Archäologie. Anhand von Vergleichsfunden haben wir Schlüsse auf Ötzis Herkunft gezogen: Entlang des Eisack- und Etschtales zwischen Brixen und Riva am Gardasee finden wir eine ganze Reihe von Steinstatuen aus dem dritten Jahrtausend v. Chr. Die ältesten davon sind der norditalischen Remedello-Kultur zuzuordnen. Auf diesen sogenannten Figuren-Menhiren sind Beile eingemeißelt, die typologisch denen des Ötzi genau entsprechen. Es ist also naheliegend, dass der Fundkomplex der frühen Phase des Remedello-Kulturkreises angehört hat. In Latsch im Vinschgau gibt es einen Menhir, der einen Bogenschützen zeigt, der von hinten auf einen unbewaffneten Mann zielt. Möglicherweise wurde hier das Todesszenario Ötzis buchstäblich in Stein gemeißelt.

Zu den letzten Stunden des Mannes habe ich kürzlich einen Beitrag veröffentlicht. Diese lassen sich basierend auf den genauen Fundpositionen von Beil, Bogen, Köcher, Mantelresten und Grasmatte sehr gut rekonstruieren. Aber von Beginn an: Alle Anzeichen sprechen dafür, dass er aus dem Vinschgau über das Schnals- und Tisental zum Alpenhauptkamm aufstieg. Wir gehen davon aus, dass Ötzi gezwungen war oder wurde, sein Territorium zu verlassen. Wohin er wollte, wissen wir nicht, aber ein Mann seines Ranges hatte wohl gute Aussichten, anderswo aufgenommen zu werden.

Doch so weit kam es gar nicht: Ötzi hatte am Tisenjoch eine Rast eingelegt, um etwas zu essen. Das beweist die unverdaute Magenfüllung. Eine Felsrinne erschien ihm als geeigneter Rastplatz. Gleich am Eingang der Rinne legte er Rückentrage, Kupferbeil, Bogen, zwei Birkenrindenbehälter und seinen Fellmantel auf einem etwas erhöhten Felsabsatz ab. Einige Schritte weiter lehnte er seinen Köcher gegen eine schräge Felswand. Auf einem freistehenden Stein in der Felsrinne rollte er seine Grasmatte aus und ließ sich zum Essen nieder.

Seine Verfolger – ich gehe davon aus, dass es zwei waren – warteten außerhalb der Rinne hinter einer Felskante. Nach seiner Rast muss Ötzi aufgestanden sein und sich umgedreht haben, um die Grasmatte wieder aufzurollen. In diesem Moment wurden mindestens zwei Pfeile aus dem Hinterhalt abgeschossen: Einer davon streifte das linke Schulterblatt, der andere traf tödlich. Der Streifschuss legt nahe, dass zwei Schützen am Werk waren, die einander Schützenhilfe gaben.

Gewisse Erkenntnisse wurden mit der Zeit und neuen Methoden überholt. Wie kann man die Prozesshaftigkeit der Wissenschaft kommunizieren, ohne dass die Glaubwürdigkeit infrage gestellt wird?

Zu Beginn schwang natürlich sehr viel Euphorie mit, und mitunter wurden vorschnell Schlüsse gezogen. Hier liegt die (Dauer-)Aufgabe von Wissenschaft und Forschung: wissenschaftliche Diskussion, wiederholte Untersuchungen, vergleichende Forschung. Manchmal muss man auch revidieren. Das gehört dazu – und so wird es auch weiterhin sein.

Insbesondere bei den Methoden hat sich in den 35 Jahren sehr viel weiterentwickelt, gerade im medizinischen Bereich. Möglichkeiten zum Feststellen verschiedener Krankheiten, Ötzis Blutgruppe, die Analyse seiner genetischen Vorfahren – das ist wirklich beeindruckend. Auch die bildgebenden Medizinverfahren sind besser geworden: Die Pfeilspitze im Schulterblatt wurde zunächst übersehen, ist aber auf den später erstellten Röntgenbildern deutlich besser zu erkennen – und auf den daraufhin aufgenommenen MRT-Bildern noch einmal präziser.

Neben den verschiedenen Fachbereichen der Medizin und der archäologischen Forschung waren noch viele weitere wissenschaftliche Disziplinen an der Aufarbeitung beteiligt: Bei der Bestimmung des Alters der hölzernen Fundstücke ist die Dendrochronologie gefragt, bei der Analyse des Mageninhalts bezüglich enthaltener Pollen die Palynologie. Auch Glaziolog:innen und Klimawissenschaftler:innen haben zu dem Fund publiziert. Erst kürzlich erschien außerdem eine neue Publikation aus der Mikrobiologie von Frank Maixner.

Ich schätze, dass wir im „Fall Ötzi" circa 90 Prozent aufklären können – und manches vielleicht nie. Neue Methoden und Forschungsansätze können aktuelle Interpretationen jederzeit revidieren, aber auch verbessern.

Welche aktuellen Forschungsprojekte gibt es?

Ein Team rund um Kurt Nicolussi von der Universität Innsbruck arbeitet daran, das Alter von Ötzi anhand von neuen dendrologischen Messungen der hölzernen Beifunde präziser zu datieren.

Die Gletscher schmelzen weiter: Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Sensationsfundes in Ötzi-Größenordnung ein?

Es gibt einen wunderschönen Fundkomplex am Schnidejoch in der Schweiz, etwa 200 bis 300 Jahre jünger als Ötzi. Man fand Kleidungsstücke, Schuhe, einen Bogen, Pfeilschäfte und Pfeilspitzen – nur keine menschlichen Überreste. Man vermutet, dass die Person am Berg verunglückt war und die Leiche von den Begleitern ins Tal gebracht wurde. Die Ausrüstung beließ man am Berg. Insbesondere das vollständig erhaltene Bogenfutteral aus Birkenrinde ist eine Sensation.

An diversen Stellen im Alpenbogen macht man immer wieder Einzelfunde von Gegenständen aus vorgeschichtlicher Zeit, jedoch wurden diese meist vom Gletscher talwärts transportiert und schmelzen jetzt an anderer Stelle aus dem Eis. Wären dort auch Leichen dabei gewesen, wären diese längst vom Gletscher in ihre Einzelteile zerlegt und verstreut worden. Aber die Chancen stehen gut, dass im Zuge des aktuellen Gletscherschwundes weitere sensationelle Funde aus prähistorischer Zeit im hochalpinen Bereich zutage kommen.

 

Zur Person: Der gebürtige Bozner Walter Leitner studierte Ur- und Frühgeschichte sowie Klassische Archäologie an der Universität Innsbruck und promovierte ebendort. 1989 wurde er zum Leiter der Abteilung „Ur- und Frühgeschichte des Alpenraumes" am Institut für Ur- und Frühgeschichte bestellt. Ab 2005 übernahm er die Leitung des Instituts für Archäologien an der Universität Innsbruck. Er führte Grabungen im In- und Ausland durch. Neben seiner Forschungstätigkeit setzt er sich bis heute engagiert für die Wissenschaftsvermittlung rund um den Gletschermumienfund ein.

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