Reinhard Artberg, Großer Geist (1986)

Abbildung zur kunsthistorischen Bildanalyse

Reinhard Artberg, Großer Geist, Eitempera auf Leinwand, 140 × 120 cm, 1986, Innsbruck, Artothek des Bundes

Ein monströses Wesen steigt aus dem Meer empor. Es hat große Augen, spitze Ohren und ein breites Maul mit scharfen Zähnen. Diese bedrohlich wirkenden Körperteile vereinen sich mit comicartigen Elementen wie dem Doppelkinn, einer stilisierten tierischen Schnauze, deren geweiteten Nasenlöcher in Untersicht zur Schau gestellt werden, sowie merkwürdig kleinen Elefantenfüßchen. Mit einer Ansammlung abstrakter Formen hinter ihr erhebt sich die Fantasiefigur aus einer surrealen Einbruchsstelle des Meeres, von deren Kanten Wasser in die Tiefe stürzt.

Die Stimmung des Bildes wird von der in pastelligen und matten Eitemperafarben gemalten Dämmerung getragen, die romantisch und apokalyptisch zugleich anmutet, wodurch Artberg einen Eindruck erzeugt, der zwischen Ruhe und Spannung oszilliert. Ebenso uneindeutig ist die Gegenüberstellung der Bildmotive, denn die annähernd naturgetreue Berglandschaft im Hintergrund rechts zeigt sich als ein statisches Pendant zur dynamischen Aufwärtsbewegung des fantastischen „Großen Geistes“ im Vordergrund. Dessen Darstellung deckt sich allerdings nicht im Geringsten mit der allgemeinen westlichen Vorstellung eines großen Geistes, eines intellektuellen Denkers oder eines Genies. Im Gegenteil: Die Figur, deren Körperteile der Tierwelt entnommen sind und die überzeichnete Körperproportionen aufweist, wirkt dusselig und unvernünftig.

Artbergs Spiel mit Gegensätzen äußert sich in einer ironischen Bildsprache, mit der er Kritik an der „(blinden) Technikgläubigkeit“1 üben will. Als dieses Bild in den 1980er Jahren entstand, hielt sich der Tiroler Künstler in der Normandie auf, wo er zurückgezogen und in unmittelbarer Nähe zur Natur arbeitete. Damals setzte er sich in mehreren Bildern mit Maschinen, Algorithmen und den fortschreitenden technologischen Entwicklungen auseinander, die zwischen den Versprechen utopischer Rationalisierung und ihren potenziellen dystopischen Konsequenzen verhandelt wurden. In diesem Sinne versteht sich Artbergs „Großer Geist“ als sinnbildliche Metapher für eine von der Vernunft verlassene Gesellschaft, die in die Luft zu fliegen droht, sofern sie sich nicht den mit der Technik einhergehenden Herausforderungen widmet und den Umgang mit Maschinen reflektiert.

 

Victoria Gwiggner, Bachelor-Studentin der Kunstgeschichte| Oktober 2026


Referenzen

1 Dies vermittelt der Künstler in einer E-Mail an die Autorin
am 01. Juni 2026.

Bibliographie

Cornelia Müller-Thies, Reinhard Arzberger. Großer Geist (1986), in: Christoph Bertsch (Hg.), Kunst in Tirol. 20. Jahrhundert, Ausstellungskatalog, Institut für Kunstgeschichte der Universität Innsbruck, Innsbruck 1997, Bd. 1, 94–95, bes. 94f.


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