Andrea Holzinger, Ohne Titel (2008)
Andrea Holzingers Malerei bewegt sich im Spannungsfeld zwischen fotografischer Präzision und malerischer Auflösung. Das glamouröse Gemälde suggeriert die langen schlanken Beine eines Models oder einer Tänzerin fragmentarisch vor indigoblauem Grund.
Der Bildausschnitt verweigert narrative Vollständigkeit. Körper und Gesicht bleiben ausgespart, Identität wird nicht individualisiert. Stattdessen konzentriert sich die Komposition auf eine artifizielle Bewegung und spiegelnde Oberflächen. Die makellosen Beine, die glänzenden goldenen Schuhe und nur ein Detail eines hellgelben Kleides am oberen Bildausschnitt verweisen auf Eleganz, Schein und Inszenierung, zugleich auf Disziplin und Körperbewusstsein, vielleicht die eines Fashion Models? Diese Pose eines glamourösen Auftritts wirkt wie aus einer größeren Szene herausgelöst, wie ein Detail aus einem Glanz & Glamour Modemagazin der 2000er Jahre.
Der bis auf einen helleren vertikalen Streifen monochrome und leuchtendblaue Hintergrund verstärkt den Eindruck einer provokanten, in Öl gemalten Illusion. Dieser entzieht dem Motiv den konkreten Raumbezug und verwandelt die Figur in ein nahezu schwebendes Bildzeichen, nur durch die Spiegelungen der Schuhe behält die Komposition einen Raumbezug. Ein überraschendes Bilddetail wird erst auf den zweiten Blick hin sichtbar: die reizvollen Varianten der Riemchensandaletten.

Andrea Holzinger, Ohne Titel, Öl auf Leinwand, 130 × 130 cm, 2008, Innsbruck, Artothek des Bundes
In ihrem Oeuvre entwickelt die 1963 in Innsbruck geborene Andrea Holzinger eine figurativ-malerische Übersetzung von fotografischen Vorlagen, eine Bildsprache, mit der sie den Eindruck dokumentarischer Wiedergabe unterläuft. In diesem Werk wird die Gegenständlichkeit durch subtile Schattierungen und Chiaroscuro1-Effekte irritiert. Durch den Einsatz der Komplementärfarben Blau und Gel sowie markanter Konturen gelingt es der Künstlerin, die Szene mit hellem Licht zu durchfluten und eine künstliche und zugleich anziehende Aura zu schaffen.
Kunsthistorisch lässt sich Holzingers Malerei in einer Linie mit Positionen der Pop Art und des Fotorealismus verorten, die seit den späten 1960er Jahren das Verhältnis von Fotografie und Malerei neu definierten. Anders als ihre Vorbilder interessiert sie jedoch weniger die perfekte Illusion, ein Stilmittel der konventionellen Werbegrafik, als die Fragilität visueller Wahrnehmung. Im vorliegenden Werk aus dem Jahr 2008 wird dies besonders deutlich: Einem Schnappschuss gleich, mit einem Mix aus malerischer Schärfe, Kontrast, Verschwommenheit und Spiegelung reflektiert Holzinger über unsere Konsumkultur. Durch diese visuellen Elemente wird die konsumfreudige Scheinwelt der frühen 2000er Jahre vermittelt. Die mondänen High-Heels und die Beine ziehen Blicke an, während sie vor himmlischen Blautönen zu schweben scheinen.
Karin Strametz, Bachelor-Studentin der Kunstgeschichte | Oktober 2026
Referenzen
1 Der Begriff Chiaroscuro ist eine kunsthistorische Fachbezeichnung für die Helldunkel-Malerei. Das Wort setzt sich aus den Wörtern "chiaro" (italienisch für "hell") und "scuro" (italienisch für "dunkel") zusammen.
Bibliografie
Marie Rubner, Andrea Holzinger, in: Christoph Bertsch / Rosanna Dematté / Claudia Mark (Hg.), Kunst | Sammlung | Universität. Kunst in Tirol nach 1945, Innsbruck 42021, 404–405, bes. 404.
Günther Moschig, Andrea Holzinger, in: Christoph Bertsch (Hg.), Kunst in Tirol. 20. Jahrhundert, Ausstellungskatalog, Institut für Kunstgeschichte der Universität Innsbruck, Innsbruck 1997, Bd. 2, 314–315, bes. 314.
Theresa Witting, Andrea Holzinger, in: Christoph Bertsch (Hg.), Kunst in Tirol. 20. Jahrhundert, Ausstellungskatalog, Institut für Kunstgeschichte der Universität Innsbruck, Innsbruck 1997, Bd. 2, 316–317, bes. 316.
Christoph Wetzel, Wörterbuch der Malerei, Stuttgart 2018.
Online-Quellen
Artothek des Bundes, Andrea Holzinger, in: Artothek des Bundes, URL: https://artothek.info/people/527/andrea-holzinger (28.09.2026).
Hansjörg Unterlechner, Andrea Holzinger, in: Galerie Unterlechner (2013), URL: http://www.galerieunterlechner.at/wp/andrea-holzinger/ (28.09.2026).
Klocker Museum, Andrea Holzinger, in: Klocker Museum, URL: https://www.klockermuseum.at/de/kunstsammlung
/kuenstlerinnen/andrea-holzinger (28.09.2026).
Kunstbrücke, Andrea Holzinger, in: kunstbrücke, URL: https://kunstbruecke.at/sammlung/andrea-holzinger/ (28.09.2026).
weitere Kunstwerke

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