FSP-Tag: Do we still care? Über Demokratien in Krise

06. Oktober 2026, 13:00-19:30 Uhr

Claudiana, Herzog-Friedrich Straße 3, 6020 Innsbruck

Zu den größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zählen die Erosion und der Zerfall von Demokratien und demokratischen Strukturen, die über Jahrzehnte als Musterbeispiele von freiheitlicher und solidarischer Kultur und Denken galten. Zahlreiche Wissenschaftler:innen haben sich ausführlich damit beschäftigt, den Grund und Ursprung dieser Prozesse zu erörtern und die Mechanismen, die zur Abschaffung von Demokratien führen, offenzulegen.

Angeregt von Moshe Zimmemanns Buch "People Gone Mad. Wie die Demokratie sich selbst zerstört" widmet sich dieser Workshop den Gefahren, die Menschen in die Irre führen und sie dazu bringen, "den kollektiven Verstand" zu verlieren und die Bereitschaft zu bekunden, "auf den höchsten Wert der Demokratie zu verzichten – die individuelle und kollektive Freiheit". Im Rahmen des Workshops werden interdisziplinäre Perspektiven zu Wort kommen, um unter anderem aufzuzeigen, dass "caring", Solidarität und Empathie zwischen Individuen eine zentrale Rolle für die Rettung der Demokratie spielen könnten.

 

Um Anmeldung bis 05. Oktober 2026 wird gebeten: fsp-kultur@uibk.ac.at

Programm

13:00-13:15 Uhr: Begrüßung

Univ.-Prof. Mag. Dr. Dirk Rupnow, Vizerektor für Personal

13:15-13:30 Uhr: Eröffnung

assoz. Prof. Noam Zadoff, PhD, Institut für Zeitgeschichte

Panel 1: Schulen und Medien

Moderation: assoz. Prof.in Dr.in Brigitte Truschnegg (Dekanin, Philosophisch-Historische Fakultät)

13:30-14:00 Uhr: Demokratie auf dem Land? Sozialisation, Engagement und Vergemeinschaftung junger Menschen in hybriden Räumen (Marion Näser-Lather & Liv Ohlsen, Empirische Kulturwissenschaft)

Der Beitrag untersucht ländliche Lebenswelten junger Menschen als „mehr-als-digitale“ Räume, in denen sich politische Sozialisation, Vergemeinschaftung und Engagement in Form hybrider alltagskultureller Praktiken vollziehen. Auf Grundlage ethnografischer Forschung im Projekt YouReACT sowie einer Vorstudie zeigen wir, wie soziale Medien im Zusammenspiel mit lokalen Infrastrukturen, Vereinen, Familien und Peergroups als vermachtete Orte der antidemokratischen Radikalisierung wirken können, gleichzeitig jedoch auch demokratisches Engagement, Solidarität und politische Teilhabe ermöglichen.

Marion Näser-Lather ist assoziierte Professorin am Institut für Geschichtswissenschaften und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Innsbruck und seit 2024 Vorsitzende der Österreichischen Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft. Ihre Forschungsinteressen umfassen Gender Studies, Protestforschung, Digitalisierung sowie methodische und ethische Aspekte des Forschens in sensiblen Feldern.

Liv Ohlsen ist Doktorandin am Institut für Geschichtswissenschaften und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Innsbruck. Seit September 2025 arbeitet sie als Dissertantin im Drittmittelprojekt „Young People in Remote Regions - Prospects for Strengthening Democratic Attitudes and Participation“ (YouReACT). Ihre Promotionsforschung widmet sich der Frage, wie politische Handlungsspielräume und Demokratie im Alltagsgeschehen junger Akteur*innen in ländlichen Räumen im Kontext des Digitalen erlebt, verhandelt und definiert werden.

14:00-14:30 Uhr: Do schools actually care? Rahmenbedingungen und Herausforderungen für Demokratiebildung in der Schule (Heike Krösche, Institut für Zeitgeschichte)

Angesichts des wachsenden Bewusstseins für die Komplexität miteinander verknüpfter Krisenphänomene und das schwindende Vertrauen in demokratische Institutionen erfährt Demokratiebildung in bildungsprogrammatischen Veröffentlichungen eine verstärkte Aufmerksamkeit. Ausgehend von der Offenheit und damit Veränderbarkeit demokratischer Systeme ist Demokratiebildung auf erfahrungsbasiertes Lernen durch Möglichkeiten zur Mitgestaltung einer demokratischen Schulkultur ausgerichtet. In der Didaktik der Politischen Bildung besteht darüber hinaus Einigkeit, dass es auch eine analytisch-kritische Beschäftigung mit politisch-gesellschaftlichen Phänomenen und der konflikthaften Dimension von Politik im Rahmen des Fachunterrichts braucht, um politikbezogene Kompetenzen zu fördern und demokratische Werte zu stärken.

Der Vortrag nimmt eine fachdidaktische Einordnung der Konzepte Demokratiebildung und Politische Bildung vor und diskutiert, inwieweit die institutionellen Rahmenbedingungen und Hierarchien der Schule überhaupt demokratische Prozesse zulassen. Dabei wird auch auf die aktuelle bildungspolitische Diskussion um die geplanten Unterrichtsfächer „Medien und Demokratie“ und „Demokratiebildung, Konfliktlösung und Kommunikation“ in Österreich Bezug genommen.

Heike Krösche ist Assistenzprofessorin am Institut für Zeitgeschichte und Institut für Fachdidaktik und leitet den Bereich „Geschichte und Politische Bildung“ am Institut für Fachdidaktik. Im Wintersemester 2022/23 hat sie die Professur für Geschichte und ihre Didaktik mit dem Schwerpunkt Zeitgeschichte an der PH Freiburg vertreten.

Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Konzepte historischer und politischer Bildung, der Umgang mit populistischen Narrativen im Unterrichtsfach „Geschichte und Politische Bildung“ sowie machtkritische, diversitätssensible und intersektionale Ansätze.

14:30-15:00 Uhr: Feinde, Verbündete und Vetternwirtschaft: Pressefreiheit in der Ära Trump (Cornelia Klecker, Department of America Studies)

Der Vortrag untersucht den Bedeutungswandel des Begriffs „Meinungsfreiheit“ in den USA anhand konservativer Mediendiskurse und medienpolitischer Entwicklungen unter der zweiten Präsidentschaft Donald Trumps. Im Zentrum steht die These, dass konservative Akteur*innen die Idee der Meinungsfreiheit zunehmend nicht mehr als universelles demokratisches Prinzip, sondern als selektiven, parteipolitisch definierten Anspruch verstehen. „Anti-Woke“-Comedians, Podcaster*innen und (politische) Kommentator*innen, die einst vor einer Einschränkung der freien Meinungsäußerung warnten, unterstützen heute staatliche Eingriffe in die öffentliche Kommunikation oder nehmen diese zumindest in Kauf.

Darüber hinaus ordnet der Vortrag diese Entwicklung in die fortschreitende Medienkonzentration im konservativen Lager ein. Social-Media-Plattformen wie X (ehemals Twitter), Meta und TikTok stehen inzwischen ganz oder teilweise unter dem Einfluss von Personen aus Trumps politischen Umfeld und prägen damit, welche Stimmen Sichtbarkeit erhalten und welche marginalisiert werden. Auch große traditionelle Medienunternehmen unterliegen derzeit weitreichenden Konzentrationsprozessen: So ebnet beispielsweise die Übernahme von Paramount durch Skydance unter der Führung eines Trump-nahen CEOs den Weg für die Entstehung eines regierungsnahen rechtskonservativen Medienmonopols.

Der Vortrag zeigt, wie sich der Begriff „free speech“ im Zusammenspiel politischer Rhetorik und medienökonomischer Machtverschiebungen strategisch neu definiert und wie ungleich und ideologisch vermittelt Meinungsfreiheit in den USA gegenwärtig verteilt ist.

Cornelia Klecker ist stellvertretende Leiterin des Instituts für Amerikastudien der Universität Innsbruck und Herausgeberin der Open-Access-Zeitschrift JAAAS: Journal of the Austrian Association for American Studies. Ihre Forschungsinteressen umfassen u.a. die gegenwärtige US-amerikanische Politik und (Nachrichten)Medien. Sie ist Mitherausgeberin des kürzlich erschienenen Sammelbands Flyover Fictions: Polarization in US-American Culture, Media, and Politics (University of Nebraska Press, 2025). Ihre anderen Publikationen inkludieren “Trump as the ‘Kardashian of Politics’? Daniel J. Boorstin’s ‘Pseudo-Event’ and the Rise of Donald Trump” in The Journal of American Culture.

15:00-15:30 Uhr: Kaffeepause

Panel 2: Theoretische Aspekte

Moderation: Mag. Dr. Ingrid Böhler (Institut für Zeitgeschichte)

15:30-16:00 Uhr: Normative Abschottung und der Einfluss von Außenpolitik auf nationale Identität. Wenn universalistische und partikularistische Normen bei Debatten über Israel und Palästina in Deutschland aufeinanderprallen (Jan Busse, Institut für Politikwissenschaft, Universität der Bundeswehr München)

Gesellschaften beruhen immer auf hegemonialen Ordnungsvorstellungen. Die Besonderheit liberaler, demokratischer Gesellschaften besteht darin, dass diese Ordnungsvorstellungen darin so Normalisiert sind, dass sie für ihre Etablierung und Stabilisierung lediglich in Ausnahmefällen auf offene Zwangs- oder Repressionsmittel angewiesen sind.

Auf Grundlage einer foucaultschen Machtanalytik widmet sich der Vortrag den gesellschaftlichen Debatten über Israel und Palästina, insbesondere infolge des Terroranschlags vom 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Gazakrieg. Dabei fällt auf, dass sich Diskursräume in Zivilgesellschaft, Kunst und Kultur sowie der Wissenschaft erheblich verengt haben und staatliche Stellen dabei eine wesentliche Rolle gespielt haben. Damit verbundene Formen der normativen Abschottung tragen zur Verengung von Diskursräumen bei, weil innerhalb dieser Diskurse immer wieder hegemoniale Vorstellungen der nationalen Identität der Bundesrepublik als solcher herausgefordert wurden. Kritik an der deutschen Position gegenüber Israel/Palästina richtete sich zunehmend auf eine wahrgenommene Glaubwürdigkeitskluft zwischen dem Anspruch sowohl für das universalistische Völkerrecht als auch für die Sicherheit Israels einzustehen. 

Entsprechend zeichnet der Beitrag nach, wie sich in rechtlicher, diplomatischer und institutionell-öffentlicher Hinsicht eine normative Abschottung und diskursive Schließung beobachten ließ. Eine damit verbundene Normenhierarchie verlässt im schlimmsten Fall das demokratisch-liberale Wertefundament, wenn Völkerrecht und bürgerliche Grundfreiheiten zu einem vordemokratischen Konzept wie der Staatsräson gegeneinander in Stellung gebracht werden.

Dr. Jan Busse arbeitet als Senior Research Fellow an der Universität der Bundeswehr München.  Dort schloss er 2016 seine Promotion ab. Zuvor Studierte er an der London School of Economics and Political Science und der Universität Bielefeld.

Er ist Ko-Herausgeber der Zeitschrift für Internationale Beziehungen. 2025 wurde er zum Fellow der Bayerischen Wissenschaftsallianz für Friedens-, Konflikt- und Sicherheitsforschung berufen. Seine Forschung beschäftigt sich mit internationaler Ordnung und Konfliktforschung mit einem regionalen Schwerpunkt auf dem Nahen Osten und wurde in führenden internationalen Fachzeitschriften, wie International Studies Review, International Political Sociology oder Mediterranean Politics, veröffentlicht. 

2018 erschien die Monographie "De-Constructing the Dynamics of World-Societal Order: The Power of Governmentality in Palestine" bei Routledge, 2021 der von ihm herausgegebene Sammelband "The Globality of Governmentality: Governing an Entangled World". Sein Buch "Der Nahostkonflikt: Geschichte, Positionen, Perspektiven" (mit Muriel Asseburg), erschien 2026 in 14. Auflage in der Reihe C.H. Beck Wissen. 

16:00-16:30 Uhr: Wählen, um die Demokratie abzuschaffen? Moshe Zimmermanns Diagnose im Dialog mit Rational Choice, Wahlforschung und Systemtheorie (Bettina Mahlert, Institut für Soziologie)

Anknüpfend an Moshe Zimmermanns Buch „People gone mad“ rückt der Vortrag – in Abgrenzung zur klassischen Elitenforschung – das Handeln der Bürgerinnen und Bürger in den Fokus, wenn es darum geht zu erklären, wie etablierte Demokratien zerfallen können. Dabei wird der Fokus von der dominanten gesellschaftlichen Stimmung auf die individuelle Wahlentscheidung verschoben. Es wird eine Situation analysiert, in der Bürgerinnen und Bürger ihre Stimme Parteien geben, welche eine Einschränkung der freiheitlichen Demokratie in Aussicht stellen. Der Vortrag geht den Erklärungsoptionen nach, die drei sozialwissenschaftliche Perspektiven – Rational Choice, Wahlforschung und Systemtheorie – für diese Entscheidung bieten, wobei die Thesen Zimmermanns aufgegriffen und um weiterführende Überlegungen ergänzt werden.

Bettina Mahlert ist Assistenzprofessorin für Soziologische Theorie und Allgemeine Soziologie am Institut für Soziologie der Universität Innsbruck und Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie. Nach Stationen an den Universitäten München, Bielefeld und Aachen habilitierte sie sich 2019 an der RWTH Aachen. Innerhalb ihrer Arbeitsschwerpunkte – der soziologischen Theorie, der politischen Soziologie und der Wissenssoziologie – besteht ihr primäres Forschungsinteresse darin, die potenziellen Verwendungsweisen und den heuristischen Wert von Begriffen und Theorien zu verstehen, um diese für empirische Fragen fruchtbar zu machen. Bettina Mahlert ist in der Global Sociology verortet, und ihre spezifische Expertise liegt in der Systemtheorie Niklas Luhmanns.

16:30-17:00 Uhr: Society Gone Mad. Thesen zur Faschisierung (Daniel Burghardt, Institut für Erziehungswissenschaft)

Der Faschismus und dessen Analysen erleben momentan eine Renaissance. Dazu geben aktuelle Entwicklungen weltweit Anlass: Indes erscheint der Begriff bisweilen inhaltslos und verweist etymologisch lediglich auf das (Kampf-) Bündlerische (ital. fascio ist Bund) seiner Erscheinung. Aus diesem Grund finden häufig idealtypisch geprägte Debatten um ein „Faschistisches Minimum“ statt.

Der Vortrag widmet sich dagegen der Subjektseite des Phänomens: Während sich viele Faschismusanalysen darauf konzentrieren, aus den gegenwärtigen Erscheinungen einzelne Kriterien zu finden, die das Phänomen erfassen, sucht der sozialpsychologische Zugang der Kritischen Theorie nach Erklärungsmodellen, die im Ausüben von Gewalt, Zerstörung und Aggression einen libidinösen Lustgewinn und narzisstische Gratifikation erkennen. Die vorgestellten Thesen umkreisen mit dem Fokus auf das Unbewusste der Propaganda, der Infantilität, der Sexualität und der Ökonomie unterschiedliche Aspekte, die zu einer Faschisierung der Individuen, wie der Gesellschaft beitragen. 

Daniel Burghardt ist Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt soziale Ungleichheit und politische Bildung an der Universität Innsbruck. Seine Forschungsbereiche sind Kritische Theorie, Erziehungs- und Bildungsphilosophie, psychoanalytische Pädagogik sowie antisemitismus- und rassismuskritische Bildungsarbeit. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift "Freie Assoziation - Zeitschrift für psychoanalytische Sozialpsychologie" und Mitglied der Initiative Kritisches Gedenken. Zuletzt ist von ihm das Buch »Elend und Emanzipation – Über die Politisierung des Leidens« (2024) erschienen.

18:00 Uhr: Keynote

People Gone Mad. Wie die Demokratie sich selbst zerstört (Moshe Zimmermann, Hebrew University Jerusalem)

Nach oben scrollen