WS2026/27 Bachelor

 

S.S. Aquitania, White Star Line

PJ Entwerfen 1
Tim Altenhof

Architektur als Argument

Was bedeutet es in der Architektur, ein Argument vorzubringen? Welche Medien oder Formate stehen zur Verfügung, um ein Argument zu formulieren? Ist ein Gebäude wichtiger als ein nicht realisiertes Projekt oder ein schriftlicher Text?

Dieses Studio geht von einer provokanten These aus: Ein Buch kann genauso Architektur sein wie ein Gebäude. Wir werden uns innerhalb der Architekturtheorie mit einer ihrer wirkungsvollsten und polemischsten Formen auseinandersetzen: dem Manifest. Das Manifest ist weder einfach nur Text noch Anleitung. Vielmehr ist es ein performativer Akt. Es beschreibt nicht bloß eine Idee. Es bezieht Stellung und versucht, uns zu überzeugen.

Das Manifest schafft ein Publikum und benennt gleichzeitig einen Feind. Es übertreibt, provoziert und schlägt eine andere Sichtweise vor. In diesem Sinne ist es selbst ein architektonisches Mittel: Es konstruiert eine Welt, bevor diese überhaupt existiert.

Unser zentrales Objekt in diesem Studio ist Le Corbusiers Vers une architecture (1923), eines der einflussreichsten Bücher in der Geschichte der modernen Architektur. Anstatt es als kanonisches Manifest modernistischer Architektur zu betrachten, werden wir es sezieren und seine Wirkweisen studieren. Wie wirken Bilder, Vergleiche, Slogans, historische Bezüge, Provokationen, Diagramme, Grafikdesign und Gegensätze zusammen, um ein architektonisches Argument aufzubauen? Was geschieht, wenn Text und Bild aufeinandertreffen? Ist ein Bild lediglich die Illustration eines Textes, oder erzeugen Text und Bild jeweils eigenständig Bedeutung? Sind Bilder verführerischer als Text? Wir werden auch hinterfragen, wer im Namen der Architektur sprechen darf. Der Kanon der Architekturmanifeste wirft Fragen zu Geschlecht, Urheberschaft und Autorität auf. Wessen architektonische Argumente dürfen überhaupt Einfluss gewinnen?

Nach der Analyse von Vers une architecture werden Studierende in diesem Kurs ihr eigenes architektonisches Manifest zu einem aktuellen Thema – Wohnen, Klima, KI, Umnutzung, Gesundheitsaspekte usw. – entwickeln und eine provokative Position formulieren. Sie werden eine These aufstellen, ihre Leserschaft auswählen und mit den Mitteln der architektonischen Überzeugungskraft experimentieren: Worte, Bilder, Zeichnungen, Diagramme, Layouts und vielleicht sogar Gebäude.

Die zentrale Frage lautet: Wie wird Architektur zu einem Argument – und wie kann ein Argument zu Architektur werden?

Das Studio lädt ein, herauszufinden, was Architektur ist, indem man ein eigenes Argument dafür entwickelt.

Entwerfen 3

PJ Entwerfen 3
Gruppe 0: Giacomo Pala, Marco Russo

Reinventing Utopia: A Speculative Studio on Architecture and Society 

Utopian thinking has always questioned the present by imagining alternative forms of society and coexistence, from Plato and Tao Yuanming to More, Campanella, and Bacon, and from Renaissance ideal cities to 20th-century housing experiments like the Barbican, Alt-Erlaa, and Habitat 67. This studio approaches utopia not as a mode of architectural thinking: a way to question existing conditions, establish alternative scenarios, and explore how ideas take spatial form.

First Semester
Each student selects one built utopian project, such as the Barbican Estate, Alt-Erlaa, Habitat 67, or comparable examples, and studies it in depth. Through analytical drawings, diagrams, and models, students investigate how a social and political vision was translated into architectural form: how utopian ideas are spatialized in plans, sections, elevations, and urban layouts. The work involves close reading of the project's spatial, structural, and organizational logic, as well as its relationship to a broader philosophical or literary tradition. Alongside the analytical and graphic work, each student writes an essay that develops a research question and thesis, tracing the connection between the chosen project and the utopian ideas that informed it.

Second Semester (from January onwards)
Working in teams of two or three, students choose one classic utopian text (More's Utopia, Bacon's Nova Atlantis, Campanella's Città del Sole, de Pizan's Cité des Dames, or others) and reimagine it architecturally. Each team defines its own reading of the text, connects it to a contemporary theme, writes a book about the research topic, and develops a speculative architectural vision: a contemporary reinterpretation of that utopia, presented through mega-drawings or models.

studio brief

Care

PJ Entwerfen 3
Gruppe 1: Peter Volgger, Christoph Siegele

»WHO CARES?«

Typologien für das gute Leben 

Care ist überall – und dennoch architektonisch kaum sichtbar. Wir pflegen, teilen, trösten, reparieren, warten und hören zu. Doch wo kann man schlafen, ohne ein Hotel zu buchen? Allein sein, ohne einsam zu werden? Nichts leisten? Abkühlen, schweigen oder einfach Zeit verlieren?

Who Cares? lädt Studierende dazu ein, neue Räume der Sorge zu entwerfen. Ausgangspunkt ist kein Gebäude, sondern ein gesellschaftlicher Mangel: Erschöpfung, Isolation, permanente Erreichbarkeit, fehlende Rückzugsorte oder ökologische Krisen. Daraus entstehen experimentelle Mikro-Typologien – Schlafhaltestellen, Klimaoasen, Bibliotheken der Einsamkeit, Häuser fürs Faulsein oder räumliche Erfindungen, für die es noch keinen Namen gibt.

Das Entwerfen gliedert sich in drei Teile:

THEORIE: Gemeinsam lesen und diskutieren wir Byung-Chul Han, Eve Kosofsky Sedgwick, Hartmut Rosa, Richard Sennett, Peter Kropotkin und weitere Positionen zu Erschöpfung, Resonanz, Solidarität und gegenseitiger Hilfe.

ENTWURF Die Studierenden übersetzen ein konkretes Care Gap in eine präzise räumliche Hypothese. Architektur soll die Widersprüche der Sorge nicht auflösen, sondern sichtbar und produktiv machen.

AUSSTELUNG: Die Projekte werden zu einer gemeinsamen räumlichen Erzählung verbunden und in Bruneck, Innsbruck und Wien präsentiert. In Zusammenarbeit mit externen Partnern (HTL, Berufsschule, Start-up) entsteht eine Installation, die Ausstellung  als kollektiven Prozess des Entwerfens, Produzierens und Vermittelns versteht.

Welche Räume braucht eine Gesellschaft, die Sorge nicht länger auslagert, sondern als gemeinsame kulturelle Praxis begreift?

Weitere Infos: Website von Peter Volgger

La zone, 1940

VO Architekturtheorie 2
Bettina Schlorhaufer

Im Rahmen der Lehrveranstaltung erhalten die Studierenden Einblick in die politischen, ideologischen, künstlerischen und philosophischen Zusammenhänge von Architektur, Städtebau und Landschaft vom späten 19. Jahrhundert bis in die Zwischenkriegszeit.

Page of the dialogue 'De Ludo Globi'

SE Architekturphilosophie
Marco Russo

Planetarische Kosmopoetik: Architektur und Weltproduktion

In der Poetik (Dichtkunst) des Aristoteles markiert die Krise (κρίσις/krísis) den Wendepunkt innerhalb des Dramas: Der Handlungsstrang wird zugespitzt, erreicht seinen Höhepunkt und knickt plötzlich. Die Krise unterscheidet sich vom übrigen Verlauf eines Stücks, sodass sie als Ausnahmesituation gelten kann. Auf die Gegenwart übertragen erweist sich die Krise jedoch als Normalität: Wenn nicht die Wirtschaft betroffen ist, dann etwa Moral, Klima oder Politik. Ist ein Ausweg aus dieser Dauerkrise noch möglich?

In seinen neueren Arbeiten lädt der Philosoph Franco „Bifo“ Berardi zum Desertieren ein. Gemeint ist nicht (nur) die sprichwörtliche Fahnenflucht in Kriegssituationen, sondern die Eröffnung von Fluchtlinien aus den toxischen Verhältnissen unserer Zeit. Wie lassen sich Lebens- und Arbeitsenergie so einsetzen, dass verlorene Sensibilität zurückkehrt? Dichten – so die These – ist die Strategie, die diese Flucht ermöglicht.

Unter dem Stichwort der planetarischen Kosmopoetik möchten wir Architektur als Medium verstehen, das Fluchtlinien eröffnet und Räume jenseits der Krisenlogik entwirft. Im ersten Teil des Seminars möchten wir uns mit dem Denken des Philosophen und Theologen Nikolaus von Kues (1401–1464) vertraut machen, einer Persönlichkeit an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit. Konzepte wie der „Zusammenfall der Gegensätze“ (coincidentia oppositorum), die „belehrte Unwissenheit“ (docta ignorantia) und das Kugelspiel (De ludo globi) möchten wir im Hinblick auf relevante Fragen der Architektur diskutieren: Wie verhalten sich Alt und Neu, Innen und Außen, Natur und Technik zueinander? Was bedeutet es, in der Architektur eine demütige Haltung einzunehmen, die partizipative, kreislauffähige und damit wandlungsfähige Projekte ermöglicht? Inwiefern ist Architektur ein Kräftefeld von Zufall, Übung und Orientierung?

Cusanus dient als philosophisches Gerüst. Im Anschluss wenden wir uns zeitgenössischen Ansätzen zu: Mit Franco „Bifo“ Berardi erkunden wir, wie Architektur Räume und Atmosphären hervorbringen kann, die Sensibilität, Fürsorge und Empathie kultivieren. Ausgehend von Bogna Koniors Lesart der Dark-Forest-Theory untersuchen wir, wie das Geflecht digitaler Technologien unser Verständnis der Welt verschiebt. Welche Rolle kommt der Architektur dabei zu – folgt sie oder verweigert sie sich? Mit Armen Avanessian vertiefen wir schließlich das Konzept einer planetarischen Ethik und fragen, welche Aufgabe eine zukünftige Architektur in unserer Gegenwart hat.

Cultural Studies

SL Cultural Studies
Peter Volgger

Die Cultural Studies sind ein thematisch breit gefächertes und methodisch offenes Forschungsfeld. Sie untersuchen kulturelle Praktiken, Medien, Alltagswelten und gesellschaftliche Konflikte aus unterschiedlichen Perspektiven. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Kultur und Identität entstehen, vermittelt und ausgehandelt werden – und wie sie mit Machtverhältnissen, sozialen Unterschieden und politischen Prozessen verbunden sind. In der Einführungs-LV werden die Themen des Wintersemesters 2026/27 vorgestellt.

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