Erfahrungsbericht - Auslandssemester an der University of Alberta, Edmonton


Wintersemester 2016 (fall term), von Anna Kuisle


Vorbereitungen:

Nachdem ich die Zusage von der Innsbrucker Seite aus erhalten hatte und meine offiziellen Bewerbungsunterlagen nach Kanada geschickt waren, ging das Warten und Nachhaken los. An meiner Fakultät (Civil Engineering) hat alles etwas länger gedauert, die Kurswahl musste ich oft umändern, weil Kurse doch nicht angeboten wurden und auch meine offizielle Bestätigung und online Zugang zu Bear Tracks (das Pendant zu lfu online) verzögerten sich ziemlich. Ich hatte den Flug schon gebucht und die offizielle Zusage kam tatsächlich erst im August!! Deshalb war auch meine Bewerbung fürs Wohnheim, ich hatte mich für’s East Campus Village entschieden gehabt, viel zu spät. Im Endeffekt hat aber die Kurswahl noch geklappt und am letzten Tag vor die Kurse losgingen war ich dann, Dank lieber Bemühungen der Mitarbeiterin im Lehrstuhl in Edmonton, auch in drei Kursen eingeschrieben. Im Allgemeinen muss ich sagen, dass die Organisation zwar schlecht war bezüglich der Kurse, die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Kanadier, sowohl per Mail als auch persönlich sehr groß sind. Den Wohnheimplatz habe ich allerdings nicht bekommen, doch durch glückliche Umstände bin ich bei der nettesten Gastfamilie in ganz Edmonton gelandet und hatte ein super Zimmer.


Campusleben:

Wohnen kann man entweder on Campus in einem der Wohnheime (HUB, International House, ECV, Pinecrest sind so die am häufigst gewählten) oder in einer WG in der Stadt. Preislich sind die Wohnheime meiner Meinung nach überteuert, allerdings bekommt man auch privat nichts unter 500 CAD$ (entspricht ca. 360EUR). Es ist aber nicht zu schwer selbst etwas nahe der Uni zu finden. Der Campus selbst ist riesig, da fällt die Orientierung am Anfang schwer, aber sehr schön und modern. Zu Beginn des Semesters finden die „Transitions“ statt, wo den Internationals alles gezeigt und vorgestellt wird und erste Kontakte geknüpft werden können. Es gibt überall am Campus Kaffee Läden und Fast Food Restaurants aber Mensa gibt’s nicht, jedoch bringen viele ihr Essen von zu Hause mit und wärmen es in den bereitgestellten Mikrowellen auf. Es gibt viele schöne Lernplätze in allen Fakultäten und auch Bibs. Die Atmosphäre ist aber etwas anders, da überall gegessen wird. Die meisten Gebäude sind mit sogenannten Pedways (abgeschlossene Verbindungsgänge) verbunden, da es vor allem ab Januar sehr, sehr kalt wird und wochenlange Höchsttemperaturen von -20°C normal sind. Die Kanadier lieben ihren Kaffee, jeder läuft mit Thermosbecher in der Hand über den Campus und auch der Kleidungsstil ist recht lässig und kurze Hose bei -15°C kann schon mal dabei sein. Es gibt ein Fitnessstudio, eine Schwimmhalle, eine Kletterhalle und eine Eislaufhalle, was man alles umsonst benutzen kann. Zusätzlich gibt es ähnlich der Usi ein großes Kursangebot, allerdings etwas teurer als zu Hause.


Studium:

Die Kurse, vor allem im Masterstudium, sind sehr zeitaufwändig und umfangreich. Gewöhnlich werden 3-5 Kurse belegt und teilweise findet ein Kurs 4mal wöchentlich statt. Zusätzlich sind viele Assignments (Übungsaufgaben, Projekte oder Zusammenfassungen von Texten) abzugeben. Es wird viel zusätzliches Lesen erwartet und man ist während des Semesters stark beschäftigt. Die Note setzt sich dann aus den einzelnen Abgaben, der Zwischenprüfung und der Endprüfung zusammen und wird relativ an die Leistungen der Klasse angepasst. Auch wenn sich 3 Kurse zuerst wenig anhört, darf man das nicht unterschätzen, es gibt schon einiges zu tun. Die meisten Kurse sind 3 Units wert, was 6 ECTS entspricht.
Edmonton: Die Stadt wird durch den Fluss in Nord (Downtown) und Süd (hier ist die Uni) geteilt. Durch einige Brücken und auch die LRT (ähnlich einer s-Bahn) verbunden. Das öffentliche Verkehrsnetz ist in der Kernzone ganz gut, vor allem Busse, allerdings weiter weg vom Zentrum kaum mehr vorhanden, weswegen sehr viel Autoverkehr stattfindet. Downtown ist geprägt von Hochhäusern, Bürokomplexen und einer beschäftigten Arbeitswelt, hat aber überhaupt keinen Charme und ist für Autos ausgelegt. Etwas netter ist die so genannte Whyte Ave (82nd Avenue), wo viele Geschäfte, Bars und Cafés angesiedelt sind. Von der Uni gut zu Fuß oder mit dem Bus zu erreichen. Zur Naherholung gibt es das River Valley, direkt an die Uni angrenzend, wo man laufen, mountain biken, Rad fahren, grillen und entspannen kann. Die größte Mall Nordamerikas gibt’s auch in Edmonton, mit Eislaufplatz, Schwimmbad, Freizeitpark und unzähligen Geschäften. Für mich ist die Stadt selbst nicht besonders attraktiv, abgesehen vom River Valley, wo man im Winter auch Langlaufen und Schlittschuh laufen kann. Die Leute allerdings, die ich kennenlernen durfte haben den Ort zu etwas Wunderschönem gemacht.


Freizeit:

Da ich sehr viel Spaß am Bergsport habe bin ich sofort dem Outdoors Club beigetreten, was ich nur jedem empfehlen kann. Jedes Wochenende werden Ausflüge in die Rocky Mountains organisiert und mit etwas Losglück kommt man dann für richtig wenig Geld (Benzin und Camping Platz Gebühr) ein Wochenende lang in die Berge zum Wandern, Klettern, Kanu fahren, Bergsteigen, Schneeschuh wandern oder Langlaufen. Ich habe fast alle meine Freunde durch diesen Klub kennengelernt und dadurch eine enorm schöne Zeit hier erlebt. Die Natur in den Bergen ist gewaltig, so klare blaue Seen, unglaublich viel Platz ohne große Infrastruktur und gigantische Landschaft. Fast jedes Wochenende konnte ich in den Bergen verbringen, so die Nationalparks entdecken und neue Freunde kennenlernen. Allerdings ist das mit großem Fahraufwand verbunden, an einem Wochenendausflug fährt man ca. 1000km!!! Ca. 4h dauert die Fahrt in die Rockies (Banff oder Jasper). Im Winter kann dort auch gut Ski gefahren werden, die Tageskarte kostet aber ca. 90-100 CAD$. Der Ski und Snowboard Club organisiert auch dazu Fahrten, da es praktisch kein öffentliches Verkehrsmittel gibt um in die Berge zu kommen.


Over All:

Abschließend kann ich auf eine absolut geniale Zeit hier in Edmonton zurückblicken. Die Leute sind mindestens so freundlich und hilfsbereit, wie es das Vorurteil sagt. Die Kurse im Master sind sehr intensiv und etwas anders aufgebaut als in Innsbruck. Kleine Teilnehmeranzahl und viel persönlicherer Kontakt zum Professor schaffen ein angenehmes Arbeitsklima. Wer nach Edmonton geht, vor allem im Winter, sollte sich auf sehr kalte Temperaturen einstellen. Mir hat das aber gefallen, zu erleben, wie sich Rad fahren bei -20°C anfühlt und zu sehen wie ein großer Fluss innerhalb weniger Tage komplett zufriert. Ich habe hier sehr gute Freunde gefunden und vielleicht die bisher glücklichste Zeit meines Lebens gehabt. Leider war ich nur ein Semester da, jedem würde ich empfehlen zwei Semester zu planen, da man sich nach vier Monaten so richtig eingelebt hat und dann alles einfacher und mehr zum Genießen ist. DANKE an alle, die mir diese Erfahrung ermöglicht haben und meinen Aufenthalt so besonders gemacht haben.