Bericht über mein Auslandssemester 2016 an der University of Alberta (UofA)

Wintersemester 16/17, von Alexander Draxl

Drei Wochen vor meinem Flug nach Edmonton Ende August 2016 bekam ich eine Nachricht von University of Albertas Abteilung für Residence Services, dass man beim Abarbeiten der Warteliste für Unterkünfte am Universitätscampus nun bei mir angelangt sei – das einzige, was man mir noch anbieten könne, wäre ein Studio Apartment für $860 im Monat. Ein Angebot, das ich dann doch dankend ausschlug, hatte ich mir doch schon einen Monat zuvor ein günstigeres Zimmer auf Airbnb in einer WG gesucht. Und so wohnte ich die vier Monate des Herbstsemesters auf der zentral gelegenen University Avenue; 20 Minuten zu Fuß vom Kursraum am Campus entfernt und nur fünf Minuten von der größten Einkaufsstraße Edmontons, Whyte Avenue.

Meine beiden Mitbewohnerinnen waren während den ersten beiden Wochen meines Aufenthalts in Edmonton noch auf Reisen, die Lehrveranstaltungen hatten noch nicht begonnen und so blieb es mir selbst überlassen, mich mit der Stadt vertraut zu machen. Besonders zog es mich dabei in das River Valley, welches den Saskatchewan River umgibt, der Edmonton zweiteilt. Mit seinen vielen verzweigten Wegen und Bänken am Fluss ist das River Valley der ideale Ort, um Sonne tankend zu lesen und gleichzeitig den Jetlag zu bekämpfen.

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Einer der kleinen Wege durch das River Valley.

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Saskatchewan River, nahe des William Hawrelak Parks.

Mit dem langsamen Eingewöhnen war es dann aber vorbei, als das Semester schließlich begann. Es wurde schnell klar, dass dort von StudentInnen sehr viel mehr Arbeitsaufwand erwartet wird, als ich es bis dahin gewöhnt war. Noch erstaunlicher aber war, dass die StudentInnen fast ausnahmslos ohne große Beschwerden die geforderten Leistungen erbrachten – sogar die vereinbarte Lektüre, und das waren für meine drei Kurse zusammengenommen circa drei Bücher pro Woche, wurde von allen gelesen. Besonders interessant war es, zwei Kurse zu besuchen, die für Bachelor- und Masterstudenten offen waren, natürlich mit je unterschiedlichen Anforderungen und zu erbringenden Leistungsnachweisen. Dadurch bekam ich einen Einblick, was von undergraduate, respektive graduate students, erwartet wird – also zum Beispiel, mit wieviel Selbstständigkeit in der Erarbeitung von Themengebieten jeweils gerechnet wird.

Eine der interessantesten Erfahrungen war es, das Umgangsklima an dem Institut, dem ich zugeordnet war, dem Department of Modern Languages and Cultural Studies, zu erleben. Jeden Mittwochnachmittag trafen sich Lehrende, nichtwissenschaftliche MitarbeiterInnen und Studierende und brachten eine Stunde damit zu, über ihre jeweiligen Projekte zu reden und sich darüber auszutauschen. Dabei wird Vernetzung großgeschrieben – jede Person, mit der ich dort ins Gespräch kam, vermittelte mich anschließend an andere Personen weiter, deren wissenschaftliche Interessensgebiete sich mit den meinen überschnitten. Vor allem für neue StudentInnen ist dies eine tolle Möglichkeit, die einzelnen Lehrenden und deren Schwergebiete kennenzulernen – eine Möglichkeit, die mir in dieser Form in Innsbruck noch nicht begegnet ist.

Für alle Fragen während meines Aufenthalts in Edmonton war das Sekretariat des MLCS Departments der verlässlichste Ansprechpartner. Carrie Smith-Prei, Graduate Chair des Instituts, nahm sich sogar die Zeit, meine Bewerbungsunterlagen für ein PhD-Studium in den USA durchzulesen und diese mit Anmerkungen zu versehen.

Anders als manche anderen AustauschstudentInnen hatte ich vorab nicht geplant, während meines Auslandsaufenthalts viel herumzureisen. Meine Erwartung, dass die drei Kurse zu aufwendig für Reisen während des Semester wären, bestätigte sich dann auch – buchstäblich jedes Wochenende verbrachte ich in einer der vielen Bibliotheken am Campus, um kleine wöchentliche Arbeiten zu verfassen, Präsentationen auszuarbeiten, oder Abschlussarbeiten vorzubereiten. Meine bevorzugte Bibliothek war dabei die Rutherford Library für Humanities and Social Sciences, die zweitgrößte wissenschaftliche Bibliothek Kanadas. Im fünften Stock, unter einem Glasdach mit viel Sonnenlicht und nahe der Abteilung für Deutschsprachige Literatur, deren Sammlung einen umfangreicheren Anschein als die hiesige macht, fand ich einen ruhig gelegenen Platz. Das Verfassen von englischen Texten für Kurse war vor allem anfangs eine einigermaßen zeitraubende Tätigkeit – mich daran zu gewöhnen hat ein Schreibkurs geholfen, der für alle ausländischen Master- und Phd-StudentInnen gratis angeboten wurde.

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Ein kleiner Teil von Rutherford Library.

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Mein Arbeitsplatz.

Am meisten mitgenommen habe ich aus meinem Kurs X-Rated: Sex on Screen. Das lag nicht allein am spannenden Inhalt, sondern auch vor allem daran, dass der Kurs außerordentlich gut durchstrukturiert war und von interessanten Filmbeispielen begleitet wurde. Auffallend war dabei, dass StudentInnen durchwegs Feedback von den Lehrenden bekamen – zum Beispiel durch ein fakultätsweit verwendetes Formular zur Bewertung von mündlichen Präsentationen. Ein schriftliches Feedback habe ich in meinen fünf Studienjahren noch nicht erhalten – wie ich dort erkannt habe, kann dies aber einen Einblick in Stärken und Schwächen gewähren, den mündliche Rückmeldungen nicht bieten.

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Die verschneite University Avenue.

Eine andere angenehme Überraschung war, dass der von vielen prophezeite typisch kanadische Winter erst gegen Ende meines Aufenthalts in Edmonton Einzug hielt. Bis Anfang Dezember hatte es nur einmal geschneit und Mitte November konnte ich immer noch im Pullover zu meinen Kursen spazieren. Erst zwei Wochen vor meiner Abreise zeigte sich Edmonton dann von seiner eisigen Seite und die Temperaturen fielen auf -30°. Da kann es schon einmal passieren, dass man auf dem Weg zu einem weiter entfernten Restaurant 40 Minuten in einem unüberdachten Terminal einen Zwischenstopp machen und auf einen verspäteten Bus warten muss – bei den Temperaturen kann es auch geschehen, dass sich Handys abschalten und in einen kurzen Winterschlaf übergehen. Wer sich dann nicht seine weitere Busroute gemerkt hat, könnte leicht verzweifeln.

Auch wenn es dort also einige ungewohnte Situationen gab, Verzweiflung kam dann aber doch nie auf, denn dafür sind die Kanadier zu fröhlich und hilfsbereit. Insgesamt kann ich jeder und jedem einen Aufenthalt in Kanada empfehlen, denn: KanadierInnen sind, wie auch andere AustauschstudentInnen immer wieder festgestellt haben, einfach die besseren AmerikanerInnen – sie stellen nicht nur freundliche Fragen, sie sind es auch.