Bericht – Bishop‘s University

Fall Term 2016, von Verena Kretzschmar

Unsere liebe Frau Kretzschmar hat sich dazu entschieden, während ihrer Zeit in Kanada eine Blog zu schreiben (https://alleininkanada.wordpress.com/) und hat uns erlaubt, Auszüge daraus hier zu veröffentlichen. Vielen Dank an sie und viel Spaß beim Lesen. Euer ZKS Team.

Bald geht es los

Montag, 29.8.2016

Ich habe bisher hinter mir:

  • eine Bankenodyssee zwecks Kreditkartenbeschaffung
  • eine Versicherungsodyssee (das ging dann Hand in Hand mit der Kreditkarte)
  • eine Anrechnungsodyssee (weil die Uni bei jeder Änderung die Unterschrift des Dekans braucht, welcher aber gottseidank sehr hilfsbereit und zuvorkommend ist)
  • eine super Grillparty
  • eine Checklisten-Fertigung
  • gefühlte 15 Wie-packe-ich-meinen-Koffer-Tutorials (Erkenntnisse: Kleidung rollen, Vakuumsäcke, viel dort kaufen)
  • Millionen Einträge auf der Uni-FB-Seite (viele davon hilfreich)
  • eine Panikattacke

Dienstag, 31.8.2016

Ein Drama gehört dazu, zu jeder Reise. Ich sage so viel dazu: Vergesst nicht auf die Zeitverschiebung! Das kann eure Arbeit beeinflussen, sehr. Aber wird schon werden, es wird immer alles. Jetzt drücke ich mich noch ein bisschen vor dem Packen. Hurra!

Mittwoch, 1.9.2016

Und es gibt endlich ein Foto!

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Es beginnt

Samstag, 3.9.2016

Wow, das ist eine Woche! Es ist wie im amerikanischen Highschool-Hollywood-Film – exakt gleich.

Am Move-In-Day verpasse ich leider alles, ich komme später an, als ich plane. Am schlimmsten ist das verpasste barbecue – ich muss hungern.

In meinem Zimmer halte ich es keine 5 Minuten aus – ich muss raus – das ist mir zu einsam.

Ich lerne dann gleich meine Nachbarin kennen, eine ganz liebe, junge Kanadierin. Sie und ihre Freundin bringt mich gleich zur Station, wo man mir gütigerweise noch einen Studentenausweis gibt – mit dem gehts zum Football-Spiel. Wobei ich nur die wie Windeln aussehenden Football-Hosen von hinten bewundern kann – das Spielfeld sehe ich nicht. Ich bin dann auch bald unterwegs ins Bett – etwas zu essen habe ich nicht mehr gefunden – ich kaue deshalb an meinem Müsliriegel. Das Bishops-Football-Team hat übrigens verloren.

Erste Lehre des Abends: Vergiss niemals deinen Schlüssel, auch nicht, wenn du nur kurz aufs Klo gehst! Niemals!

Jetzt wird es crazy

Sonntag, 4.9.2016

Gottseidank schreibt mir eine Ausslandsstudentin aus Deutschland, welche ich schon davor über FB kennengelernt habe, ob wir zusammen frühstücken wollen. Auch sie ist dank Jetlag viel zu früh wach. Dank der App der Uni, welche auch eine Karte integriert hat, finde ich sogar den Weg dorthin. Ich muss ca. 10 Minuten zur Food Hall (Dewies) gehen – könnte mich davon abhalten, zu viele Crêpes zu essen.

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Viel Schokolade und sogar ein paar Erdbeeren!

Nach dem Welcome Meeting meiner Residence (Pollack, „most traditional = alt), von dem ich so gut wie nichts mehr weiß, geht’s los zur Orientationweek-Team Registration à Willkommen im Hollywood Film! Gefühlt 25 Teams versammeln sich unter einem Zelt und 24 davon schreien und kreischen: Do you like to Paaaarty? Bei jedem Team dasselbe: Partyyy wooohoooo! Ganz am Ende im Zelt ist ein normales Team. Supernett. Happy aber nicht übertrieben. Und drei Mal dürft ihr raten: Das ist das „Dry-Team“, also das Team, welches seinen Froshies (neue Studenten) keinen Alkohol anbietet. Wir schließen uns dem Team gleich an. Lustigerweise wird das Team zum größten aller Zeiten!

Tanja, Karina und ich schleichen uns durch die Academic Buildings, wir wollen sehen wo was ist – fühle mich wie ein Verbrecher. Wie verlaufen uns, kommen irgendwann wieder an einem komplett anderen Ort aus dem Gebäude raus – ist nichts passiert, war aber lustig.

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Am Abend geht’s in das Theatre wo der Direktor zu uns spricht – aber erst nach 20 Minuten Party. Der Direktor ist natürlich auch nicht so steif, wie bei uns sondern „wooohooooo, I am so excited – I can’t hear you – Louder“ … Er hat aber appelliert, doch nicht nur davon zu sprechen, dass Bishop’s University die „Party School Number 1“ ist, sondern man auch die Qualität der Lehre hervorheben soll.

Danach kommt ein elendslanger Vortrag über „Can I kiss you“. Der Inhalt zusammengefasst: Erst fragen bevor man jemanden küsst, und niemanden vergewaltigen – Danke! Danach sind die Opening Ceremonies = PAAARTY im Theatre – Ich habe genug! Gute Nacht!

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Ein Satz mit X

Montag, 5.9.2016

WARUM tut ihr das? Warum? Wer setzt um 9 Uhr ein Treffen für International Students an? Wir haben alle einen JETLAG und ihr habt uns bis 11 Uhr nachts einen Rape-Vortrag vorgehalten – wir wollen nicht um 9 Uhr in einem auf gefühlt minus 15 Grad heruntergekühlten Raum sitzen und uns zum zehnten Mal anhören, wie es auf der Bishop’s läuft. Erzählt mir lieber wo der Staubsauger ist, das wären die wichtigen Fragen … Ich bin müde – ich schreibe den Einstufungsenglischtest nicht (der ist freiwillig für Exchange Students) und gehe schlafen.

Ich freue mich auf den Mount Pinnacle Heute gibt’s eine Tour da hin!

Naja, es sollte eine Tour da hin geben. Aber die Busse tauchen nicht auf – misscommunication! Einer der wenigen Punkte auf die ich mich in der Orientationweek gefreut haben, und jetzt findet er nicht statt :‘(

Frosh Houses und Direktor-Tradition

Dienstag, 6.9.2016

Campus-Tour für meinen Studiengang. Ich hoffe sie erklären uns wo man was findet usw. Sie versuchen es zumindest. Wirklich gut ist die Information aber nicht, wir haben auf unseren eigenen Trips durch die Academic Buildings und unserer eigenen Campustour mehr erfahren. Das einzige, was mir in Erinnerung geblieben ist, ist der Typ vor der Library, der bei jedem dritten Wort aufstoßt, knallrote Augen hat, keine Stimme mehr hat und lallt. Eigentlich hätte er uns was über die Library erzählen sollen – er ist aber nur ein gutes Beispiel, warum man nicht immer zur PAAARTY zum Animal House gehen soll. Ich finde es sehr lustig.

Jedes Team hat übrigens irgendwie ein eigenes Froshie-House. Das sind kleine Party-Häuser rund um den Campus. Das Animal House ist das schlimmste. Da ist es wie im Film. Party und Saufspiele (vorwiegend Trichtersaufen), kreischende Mädels in Miniminiröcken, muskelbepackte Typen in Muscle-Shirts … unglaublich laute Musik … zum zusehen ganz lustig.

Am Abend versammeln wir uns alle im Quad (ein großer Platz). Jede Gruppe singt, tanzt, schreit ihr Motto. Unseres ist: Straight outta Lennoxvegas (Der Stadtteil, in dem wir sind, heißt Lennoxville). Es gibt auch die Backstreet Gaiters und Gaitallica … Gaiters sind glaub ich die Footballer der Uni oder so.

Dann singen wir den Bishop’s Song:

Raise a toast to Bishop’s University

On the mighty Massawippi shore!

We’re conditioned to our fate,

We will never graduate,

We will stay here for evermore!

College days will linger ever in our hearts,

Having sex, smocking doobs (officially: Wearing gowns, raising hell) and quaffing ale!

And we’ll show our esprit de corps

As we watch the Gaiters roar,

On to victory!

So raise your beer mugs,

And your little brown jugs

To Bishop’s University!

Wooooooooo

Wir üben den Song und dann gehts los zur alten Bishop’s Tradition: Wir schleichen uns zum Haus des Principals (Direktor) Wir sind um die 300 Leute, gaaaanz leise. Dann wird geklopft und der Direktor mit dem Bishops Song „geweckt“ (um ca. 21 Uhr). Dem Direktor gefällt’s aber nicht, wir müssen nochmal lauter singen. Jetzt ist er zufrieden. Ich fühle mich wie in einem Film. Surreal.

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Wir verstecken uns vor dem Haus des Direktors

Was ist bitte Putine – Hundefutter?

Mittwoch 7.9.2016

Die Kurse beginnen. Ich bin nervös aber freue mich. Die Hörsäle sind miniklein. Die Lektoren ganz nett – könnte viel Arbeit werden.

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Am Abend gibt es eine Art Schnitzeljagd (Scavenger Hunt) durch Lennoxville. Es stellt sicher heraus, es ist ein Kindergeburtstag auf die Stadt verteilt. Es gibt ein paar Challenges die man bestreiten muss: 10 Mal im Kreis drehen und ein Tablet einen Parcours entlang tragen, Äpfeltauchen, Putine (Pommes mit Käse und Sauce) nur mit dem Mund essen wie ein Hund, usw. Manche gehen da voll ab, ist sehr lustig.

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Lipsync – I am out!

Donnerstag 8.9.2016

Ich hab mich in einem Programmierkurs angemeldet, ich wollte das immer schon mal machen. Heute findet die erste Stunde statt. Und jetzt ratet, was in diesem Kurs nicht verwendet werden darf: GENAU! DER LAPTOP! HAHAHAHAH! Ich dachte die ältere Dame vorne am Pult macht einen Scherz, aber es stimmt, wir müssen den Code per Hand schreiben… hahaha! Naja, ich schau mir das mal an, dann entscheide ich, ob ich in dem Kurs bleibe.

Why Europe is better at happiness as the Americans

At the happiness report Europe is once again leading the list of the happiest countries in the world. You may ask why. It’s simple! It’s our toilets! We have real toilet paper, like real – you know. Not just wrapping paper for packages but soft 4-layed toilet paper. And what else? We got doors at our toilets, that go aaaall the way down until the floor – no, you cannot see another one’s underwear – the door is covering you, that’s what a toilet door is supposed to do. It’s the same with the top. If you got into the worst situation of all, you can even look over the top of the toilet door and see yourself in the mirror. What’s that for? No one wants to see onself in a mirror while taking a dump – it’s not the most beautiful sight, you know. Jeah, you could refresh your make up there but nooo you have to assure not to splash yourself with the water of the toilet – so, American toilets are most disgusting and still Americans do quite well on the happiness report. You might ask: Why, considering they have the most disgusting toilets? Prepare for the answer: They have cookies!

Wichtige Fragen für Kanada und die Bishop’s University

Vor einem zweistöckigen Gebäude: „Ich muss in den dritten Stock, wo ist hier der dritte Stock?“ (Kanadier zählen nicht wie wir: Erdgeschoss, 1., 2., 3. Stock; sondern lassen das EG einfach aus … der kanadische 3. Stock ist also der europäische 2. Stock)

„Was ist 12 a.m.?“ (Ist es jetzt Mitternacht oder Mittag?  Das Rätsel des Tages – fragt mich nicht, ich weiß es nicht!)

„Wann öffnet Dewies? Wann schließt Dewies? Wann wird in Dewies das Menü von Frühstück auf Lunch, von Lunch auf Dinner und von Dinner auf Nachtessen getauscht? „(Warum das wichtig ist? Weil sich die Auswahl von Essen sonst auf Burger, Pommes und Toast mit Nutella beschränkt.) (Antworten? 7.30 Uhr. 23 Uhr. 11.00, 16.00, und kA)

„Wo gibt es richtiges Klopapier?“ (Antwort: Nirgends! In der selben Kategorie befindet sich auch die Frage: „Wo gibt es ordentlichen Kaffee?“ … Trinkbaren Kaffee gibt es aber zumindest in Tim Hortons. )

„Wie schaffe ich es, dass die Waschmaschine auch tatsächlich meine Waschmaschine wäscht?“ (Antwort: Gar nicht! Leider haben es europäische Waschmaschinen nicht über den großen Ozean geschafft, mit der Folge, dass die Waschmaschinen hier Müll sind – sorry liebe Nordamerikaner, aber kommt mal nach Europa, dann zeug ich euch, wie man Wäsche ohne Chemiekeule wäscht.)

„Warum, nein wirklich, WARUM verfrachtest du, liebe Bishop’s University, das MUSIC DEPARTMENT in das Gebäude einer RESIDENCE?!“ (Capslock-Rage, zu Recht! Hier versucht jemand zu schlafen – und bis zur Nachtruhe um 23 Uhr probt eine Punkband – na vielen Dank!)

„Worin genau liegt der Sinn – oder auch – woher kommt die Freude darüber, mitten in der Nacht „Let’s got to the gate, let’s go to the gate“, durch den Gang der Residence zu brüllen?“ (Ernsthaft, ist das Brüllorgan mit dem Torkel-Modus verbunden? Wenn es wenigstens nicht 2 Uhr nachts wäre! Ich stelle mir vor, wie ich diese Typen mit faulen Tomaten bewerfe – hat jemand faule Tomaten? Meine Postboxnummer lautet 456)

To be continued!

Zittern ums letzte Klo

Dramatische Szenen spielen sich in der Residence der Bishop’s University ab! Zwei von drei sind bereits gefallen – nur noch eines hält die Stellung. Das letzte Klo! Es ist auch schon angesch..(lagen), hat (R)..isse und beinahe Löcher. Aber noch hält es tapfer jeden Scheiß aus. Wird es durchhalten (oder ist es doch ein Durch-fall?)? Das große Zittern beginnt. Inzwischen werden schon Bananen verteilt, um größere Bombardements zu verhindern.

Ähnlich ist es übrigens schon den Duschen ergangen. 2 von 5 sind funktionstüchtig, eine dritte kann mit technischem Geschick kurzzeitig zur Warmwasservergabe ermutigt werden. Es sammeln sich schon weinende Frauen vor der Türe und bringen Opfergaben dar (vor allem Seife, Haarspangen, Haare und Klopapier), um die Badegötter milde zu stimmen.

Ich kneife derweil die Arschbacken zusammen und hoffe auf ein Wunder!

Diplomverleihung in Kanada

In Quebec gibt es zwischen der Highschool und der Uni noch eine Zwischenstufe: das Cégep. Nach zwei Jahren hat man es geschafft und bekommt ein Diplom verliehen. Weil Anne-Maries Eltern zur Diplomverleihung gerade in Paris verweilten, waren wir der Ersatz bei der Veranstaltung. Verstanden haben wir natürlich nichts, war ja alles auf französisch. Aber es war trotzdem ganz lustig mitanzusehen. Und am Schluss werden tatsächlich Hüte geworfen! Vielen Dank, dass wir dabei sein durften, Anne-Marie!

Lernen, schreiben, präsentieren

Für alle, die es gar nicht wissen: Ich bin dank eines Auslandssemesters über das Zentrum für Kanadastudien in Kanada. Das heißt, da war doch noch was: Ach ja! Studieren! Studieren an der Bishop’s University (ich kann diese zwei Worte nicht mehr schreiben ohne sofort den Uni-Song im Kopf zu haben -> brainwashed) ist super. Die größten „Klassen“ bestehen aus maximal 50 Personen, die Professoren kennen einen schon nach zwei Stunden beim Namen und es gibt keine Unterteilung zwischen Seminar und Vorlesung. Man hat einfach jedes Fach, egal welches, drei Stunden in der Woche. Die sind auch unterschiedlich verteilt. In Political Studies und International Studies habe ich jedes Fach zwei mal pro Woche für jeweils 1,5 Stunden. Nur in einem Programming-Kurs (den ich just for fun gemacht hab – eine Spitzenidee) habe ich zusätzlich noch eine Stunde ein „Lab“ für Laboratory – das heißt in diesem Fall einfach, dass man noch eine Stunde das Programmieren am Computer übt. Wie diese 1,5 Stunden gestaltet werden, kommt sehr  auf den Professor darauf an. Manchmal ist es eine Vorlesung, in der aber auch viel Mitarbeit verlangt wird, welche tatsächlich stattfindet. Die Professoren schaffen es wirklich, auf Studierende einzugehen. Ich habe auch nie das Gefühl, gerade für dumm gehalten zu werden (was in Innsbruck durchaus vorkommt). Manchmal gibt es auch Gruppenarbeiten, oder man muss ein kleines Essay zu einem Thema vorbereiten über das dann eine Stunde diskutiert wird (wie in einem Debattierclub). Also alles sehr abwechslungsreich. Es gibt keine einstündigen Referate bei denen nur wenige zuhören und am Ende sowieso keine Diskussion entsteht. Allerdings ist das Studium quantitativ auch viel mehr Arbeit als in Innsbruck. In Innsbruck habe ich am Ende des Semesters eine Vorlesungsprüfung pro Fach und muss ein Referat und eine Seminararbeit für das Seminar fertigstellen. In Quebec muss ich wöchentliche Hausaufgaben erledigen. Nur exemplarisch: In einem Fach gelten folgende Anforderungen: Ein Critical Movie Review über einen politischen Film schreiben und dabei alles bis dahin gelernte und aus der Literatur gelesene einbinden; eine Seminararbeit schreiben; ein Midterm-Exam, dafür kein Final Exam, eine Gruppenpräsentation. Die Final Exams sind auch meist drei Stunden lang, welche man auch wirklich braucht, um alle Fragen zu beantworten. Dabei werden vor allem Essays verlangt – und zwar wirkliche Essays. Es wird empfohlen sich erst eine Struktur, Mind Map oder eine Art Inhaltsverzeichnis anzulegen und dann erst das Essay zu schreiben. Das war für mich vollkommen neu. Also in dem Sinn war das zu Beginn schwieriger. Allerdings ist das Studium von der Qualität her nicht schwieriger. Der Stoff war nicht schwieriger zu verstehen oder zu managen. Es ist einfach mehr zu tun in einem engeren Zeitraum. Das sollte man Bedenken, wenn einem Performance wichtig ist und man dennoch etwas Erleben will.

Es ist nicht immer alles toll – und das ist in Ordnung

Am Anfang ist man noch so beschäftigt mit allem Neuen, dass man überhaupt keine Zeit hat nachzudenken, wie es einem eigentlich geht. Weil man eh immer was unternimmt und die Uni einem noch nicht so viel abverlangt, vergeht die Zeit am Anfang wie im Fluge. Wenn sich aber erst mal alles beruhigt hat und der Uni-Alltag Form annimmt, beginnt schon mal das Heimweh. Nun bin ich keine 18-20 mehr, so wie die meisten auf der Bishop’s University (da ist er schon wieder, der Song in meinem Kopf), ich habe auch keine allzugroße Lust mehr auf Party, Trinken und was man sonst noch so am Campus bekommt. Daher werden die Abende manchmal lang. Aufgrund der Zeitverschiebung schlafen ab ca. 16-17 Uhr kanadischer Zeit zu Hause schon alle. Das ist an Abenden für mich wirklich hart. Ich vermisse auch meinen Freund sehr. Das ist nicht immer leicht und schön. Auch der Stress der Uni, der dann langsam beginnt, tut sein übriges dazu. Dass es meiner Residence zugeht, wie im Kindergarten, hilft da auch nicht unbedingt (Man hört auch alles durch die Wände und es ist arschkalt, weil die Fenster undicht und die Wände nicht isoliert sind (Maximaltemperatur im Zimmer: 17-19 Grad)).  Kurz gesagt, es kann einem im Auslandssemester auch mal echt schlecht gehen.

ABER ,

man lernt gerade in dieser Zeit sehr viel über sich selbst. Man entdeckt, welche Dinge einem wichtig sind und welche nicht. Man merkt auch, wer in dieser Zeit für einen da ist und wer nicht – wer sich mal meldet und fragt, wie es einem geht und von wem man nichts hört. An dieser Stelle, DANKE an alle, die für mich da waren und mir geholfen haben, als es mir nicht so gut geht!

Ich für meinen Teil habe gelernt, dass ich Österreich, Innsbruck und vor allem meinen Freund wirklich liebe! Also an all jene, die Angst haben, dass ihre Beziehung wegen des Auslandssemesters Schaden nehmen könnte, sei gesagt: es kann auch genau umgekehrt sein, die Beziehung kann noch viel stärker aus einem solche Erlebnis hervorgehen.

Ich würde also das Auslandssemester wieder machen! Ich würde mich nur zuvor besser über die Uni, die Umgebung und die Kultur auf der Uni informieren. Die Info, dass die Bishop’s Uni als Partyuniversity bekannt ist, hätte mir eine Vorahnung geben können, dass die Uni vielleicht nicht so meinen Lebensstil trifft.

Erfüll dir deinen Traum

Wie im vorigen Blog-Eintrag eventuell ersichtlich wurde, war nicht immer alles so toll auf der Bishop’s University. Deshalb habe ich mir gesagt: „So, Kanada war immer dein Traum! Du bist nur im falschen Teil des Landes!“ Ich wollte immer nach Kanada in die BERGE, nun ist Quebec flach wie ein Brett. Mein Traum war immer schon Vancouver und Snowboarden im Deep Powder! Also: JETZT ODER NIE!

Und ich sag’s euch Leute, das war die beste Entscheidung überhaupt! British Columbia ist genau das Kanada, wie ich es mir vorgestellt habe. Wirklich liebe, nette, offene, herzliche Menschen (Quebec ist in dieser Hinsicht sehr französisch – mit Ausnahmen!), BERGE (ich hab sie soooo vermisst), tolle Landschaften, hüfttiefer Powder und so vieles mehr!

Ich gönne mir also vier Tage snowboarden in Whistler und treffe jeden Tag auf Anhieb tolle Menschen.

Am Anreisetag sehe ich mir kurz Vancouver im strömenden Regen an. Ist trotzdem schön:

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Tipps fürs Ausland und ein bisschen Fazit: Es ist nie zu spät für ein Auslandssemester

Kanada war immer ein Traum von mir. Das war der Grund warum ich ins Zentrum für Kanadastudien ging, um mich zu informieren. Da wurde mir sofort ein persönlicher Beratungstermin gegeben. Das hat mich erst mal überfordert, das machte alles so konkret. Ich wollte doch nur mal sehen. Aber es war gut so! Im Kanadazentrum werden keine halben Sachen gemacht.

Ich war also beim Beratungstermin und war eigentlich nicht gut vorbereitet. Ich hatte eigentlich keine Ahnung von Kanada, obwohl es immer ein Traum war. Ich hab nur gehört, dass es für die Bishop’s University keinen Töfl-Test braucht, das war ein wichtiges Kriterium, weil ich bis zur Abgabefrist der Bewerbung keinen Töfl-Test mehr machen können hätte. Daher:

1. Tipp: Kümmert euch um euer Auslandssemester 1,5 Jahre bevor es stattfinden soll! Sonst wird’s stressig und ihr müsst Kompromisse schließen.

Ich hätte mich mehr mit der Uni und dem Ort der Uni auseinandersetzen sollen. Als ich bemerkte, dass es nur eine Bacheloruni im Flachland ist, war es schon zu spät (ich war ja schon im Master).

Als es dann losging hatte ich Riesenangst vor dem alleine reisen – dazu kann ich euch nur sagen:

2. Tipp: Ihr braucht wirklich keine Angst haben vor dem Alleine reisen, das ist gar nicht so spektakulär wie man immer meint.

Mit dem Packen hatte ich keine Probleme. Aber gut, wenn ihr einen Tipp braucht:

3. Tipp: Macht euch eine Packliste und haltet sie ein. Kauft manche Dinge in Kanada, aber nehmt jene mit, ohne die ihr keinen Tag aushaltet (ich habe zwei Wochen lang einen Föhn stark vermisst).

Auf der Bishop’s angekommen, war ich von Beginn an sehr unglücklich mit der Residence. Daher mein Tipp:

4. Tipp: Wenn ihr schon älter seid und nicht mehr so viel Party machen wollt, sucht euch lieber ein Privatzimmer. Das könnte unter Umständen sogar billiger sein. Die Lebensmittelpreise (für gesunde Lebensmittel) sind ungefähr so hoch wie in Innsbruck. Mieten sind etwas günstiger.

Seid offen für neue Leute. Legt euch nicht zu schnell auf eine kleine Gruppe fest – es gibt so viele Leute von überall her, welche ihr kennen lernen könnt. Vor allem an der Bishop’s hat man oft das Gefühl es gibt mehr International und Exchange Students als normale! Nutzt das, das ist super spannend!

5. Tipp: Seid offen und traut auch einfach mit Leuten zu reden.

Die Uni selber hat mir super gefallen. Ich war anfangs erstaunt, wie zugänglich die Professoren sind. Nutzt das! Wenn Professoren sagen, sie helfen jederzeit gerne, dann geht einfach in ihre Sprechstunden. Sie sind super nett und wollen wirklich für die Studierenden da sein. Bringt euch auch im Unterricht ein, ihr profitiert nur davon. Habt keine Angst vor Blamagen, die Professoren können auch seltsame Wortmeldungen wirklich gut handeln. Selbst wenn man mal vermeintlichen Blödsinn sagt, so helfen die Professoren auf den richtigen Pfad, damit man auch was versteht.

6. Tipp: Die Professoren sind wirklich offener und zugänglicher. Redet mit ihnen, geht in die Sprechstunden, meldet euch!

Wie schon erwähnt ging es mir auch mal nicht so gut. Das ist die Gelegenheit mehr über euch und eure Lieben zu erfahren. Sprecht in einer solchen Zeit mit euren Freunden und der Familie darüber. Ich dachte immer, das wäre ein Last für meinen Freund, Freunde und Familie. Aber im Gegenteil, sie waren froh, dass ich ihnen erzählte, wie es mir wirklich ging und sie waren auch froh, dass sie mir nur durchs Reden helfen können. Es ist auch in Ordnung, sich Hilfe in solche Situationen zu holen – amerikanische Unis haben da ein breites Angebot!

7. Tipp: Lasst euch helfen!

Das wichtigste ist aber, dass ich es nicht bereut habe, ein Auslandssemester zu machen. Es ist eine wahnsinnig wertvolle Erfahrung. Ich habe so viel gelernt, vor allem über mich selbst. Ich möchte die Erfahrung nicht missen! Daher mein wichtigster Tipp.

Premium Tipp: TUT ES!