Das Rätsel um Otto Weininger – Allan Janik im Gespräch mit Michael Schorner

Otto Weininger (1880–1903) ist die umstrittenste Figur, die das Wien des Fin de Siècle hervorgebracht hat. Der Sohn eines jüdischen Goldschmieds studierte Philosophie und Psychologie an der Universität Wien und beherrschte sechs Sprachen. Nach seiner Promotion konvertierte er zum Christentum und veröffentlichte 1903 seinen Bestseller Geschlecht und Charakter – ein bahnbrechendes und höchst provokantes Buch, das unter anderem Adolf Hitler, Ludwig Wittgenstein und James Joyce beeinflusste. Weininger nahm sich am 3. Oktober 1903 das Leben und hinterließ einige wenige Werke, eine Reihe von herausfordernden Ideen und viele unbeantwortete Fragen.

Allan Janik arbeitete viele Jahre am Forschungsinstitut Brenner-Archiv und veröffentlichte zahlreiche Arbeiten zu Wittgenstein und Weininger. Längst ein Klassiker ist die gemeinsam mit Stephen Toulmin entstandene, 1973 veröffentlichte Studie Wittgenstein’s Vienna. Mit seinem neuen Buch Hitler’s Favorite Jew greift er auf ein halbes Jahrhundert Forschung zurück, um sich mit dem Leben und Vermächtnis Otto Weiningers zu befassen und dessen übergroßen Einfluss auf einige der größten Denker des 20. Jahrhunderts, aber auch Misogyne und Antisemiten zu beleuchten. Wäre die in der Weininger-Rezeption dominierende Auffassung von dem Frauenhasser und ultimativen jüdischen Selbsthasser die ganze Geschichte, hätte es wenig mehr zu sagen gegeben. Allan Janik will jedoch einige Missverständnisse ausräumen und erläutert, wie Weiningers bizarres Buch und dessen unerhörte Behauptungen über Frauen und Juden entstanden sind. Er vertritt die These, dass Weiningers Ziel entgegen der landläufigen Meinung progressiv und humanistisch war.

“Otto Weininger is seen as the bad conscience of Vienna 1900: misogynistic, antisemitic and anti-modern: ‘Hitler’s favourite Jew’. Yet Weininger was also admired by many in Vienna 1900, including Ludwig Wittgenstein. How could this possibly be? Allan Janik shows us a quite different Weininger: in the context of his time, as a deeply ethical thinker. Through an admittedly tragically flawed, but nonetheless brilliant argumentation, Weininger sought to champion tolerance for homosexuality, and demand that men respect women, based on an ultimate faith in human decency, in a world whose misogyny, homophobia, antisemitism and cynical exploitation of others he decried. This is an eye-opener about a much-maligned and misunderstood figure of Vienna 1900.”
— Steven Beller, author of Vienna and the Jews, 1867-1938: A Cultural History

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