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Ernst von Glasersfeld springt in den Schnee - nach Australien

Sommerfrische einmal anders: Mit Schiern im Schnee. In der Ruhe vor dem Sturm des zweiten Weltkriegs befindet sich ein armer Student als Schilehrer in Australien. Sein Name ist Ernst von Glasersfeld. Glasersfeld (1917-2010) erlangte später zusammen mit seinem Freund Heinz von Foerster Berühmtheit als Gründer des Radikalen Konstruktivismus.

Im Gegensatz zur damals üblichen Sommerfrische war die Motivation Glasersfelds jedoch nicht nur, aus dem eigenen Alltag auszubrechen, sondern auch seine finanzielle Lage zumindest nicht noch prekärer werden zu lassen. Darüber hinaus bestand eine Einladung durch den australischen Schiklub, der auch die Kosten für die Überfahrt trug. In der Sommerfrische mussten Anfahrtskosten selber getragen und Unterkünfte bezahlt werden. Zur Erholung trug bei, dass kaum anstrengende Tätigkeiten vollbracht wurden. Für die mentale Verfassung Glasersfelds erholsam war zudem der Gegensatz von Australien zum immer mehr nationalsozialistisch geprägten Europa, und das Kennenlernen neuer, anregender Orte und Personen.

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Glasersfeld Porträt. © Brenner-Archiv

Wohl auch deshalb, weil seine Mutter eine Schifahrerin war, hatte er in seiner Kindheit und Jugend Spaß an dieser Sportart und als Schifahrer an Rennen teilgenommen. Ein Einblick in die für damalige Verhältnisse spektakuläre Reise des Zwanzigjährigen kann mithilfe des hier abgebildeten Fotos, das im Sommer 1937 am Mount Kosciuszko in New South Wales aufgenommen wurde, gewonnen werden. Wir sehen Glasersfeld, wie er mit seinem Können, konkret hier einem Quersprung aus dem Stand, die Australier*innen beeindruckt. Doch das alles konnte erst nach einer wochenlangen Überfahrt mit dem Schiff von Neapel nach Melbourne geschehen. In seiner Autobiografie berichtet er selbst von diesen Ereignissen. Unter anderem davon, dass ihm gegen Ende des Winters bei einem internationalen Schirennen, mit Teilnehmern u.a. auch aus der USA, der Sieg gelang.

Insgesamt verkörpert das vorliegende Stück am ehesten die Seite der Sommerfrische, die von einem Ausbruch aus der eigenen Lebenswelt und damit vom Kontrast zum Alltag geprägt ist. Es sorgt für eine thematische Erweiterung und Abwechslung der Ausstellung über die Sommerfrische hinaus in Richtung Geschichte und Urlaub, wie wir ihn heute kennen.

Norbert Gerhold


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Literatur 

Theo Hug u. Karlheinz Töchterle (Hg.): Ernst von Glasersfeld. Innsbruck: innsbruck uni- versity press 2009.

Ernst von Glasersfeld: Unverbindliche Erinnerungen. Skizzen aus einem fernen Leben. Wien/Bozen: FOLIO Verlag 2008.

 

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