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Station 11:
Mit Karl Schönherr in Telfs – aber nur bei gutem Wetter

Der Dramatiker und Arzt Karl Schönherr lebte in Wien und kehrte über die Sommermonate immer wieder nach Tirol, wo er geboren und aufgewachsen war, zurück. Seit seiner Studienzeit in Wien floh er über die Sommermonate regelmäßig vor der Hitze der Großstadt nach Telfs im Oberinntal, das sein Sommerfrische-Domizil wurde. Diese Zeit war für Schönherr aber nicht nur eine Erholungsphase, sondern auch Inspirationsquelle und Recherchemöglichkeit für sein literarisches Schaffen. Seine Aufenthalte in Telfs regten ihn zum Schreiben an und so flossen viele Figuren und Motive unter anderen aus den Wirtshäusern, in denen der junge Schriftsteller viele Tage und Nächte musizierend und Karten spielend verbrachte, in seine Bühnenwerke ein. Aber nicht nur die Wirtshausgesellschaft diente Schönherr zur Inspiration und als Anlass für neue Werke. Häufig verbrachte er Stunden damit, im Kaufmannsladen auf einem Salzfass zu sitzen und die Menschen zu beobachten, die ein- und ausgingen. Er soll jedes Detail über die Kund*innen des Ladens auf einen Notizblock notiert haben. Er habe, so wird berichtet, die so gesammelten Redewendungen und Kraftausdrücke der Bevölkerung für seine naturalistischen Dramen verwendet.

 

FIBA, Sig. 139-01-01-004

FIBA, Sig. 139-01-01-004

 

 

  Transkription


Adressatin der vorliegenden Karte – sie ist wohl aus einem Kartenbüchlein gerissen worden - ist die Wiener Society-Lady Alice Epstein, Stieftochter des österreichischen Komponisten Johann Strauss Sohn. Mit ihr war Schönherr über einige Jahre in brieflicher und persönlicher Verbindung. Die Vorderseite präsentiert eine Fotografie des damals noch kleinen Ortes Telfs am Fuße der Hohen Munde. Der Schwatz über den Gartenzaun ist wohl idealtypisch für die gesellige Muße der Sommerfrische. Das abgebildete „Rinnerbad“ war eine frühere Badeanstalt in Telfs, die es jedoch schon lange nicht mehr gibt. Wo und was genau das Rinnerbad war, weiß die Mehrheit der Telfer Bevölkerung nicht mehr. Auch das Internet scheint diese frühere Badeanstalt beinahe vergessen zu haben und die Angestellten des Rathauses Telfs hatten leider keine genaueren Informationen. Allerdings konnten sie das Haus auf der Ansichtskarte als den ehemaligen Gasthof Föhrenhof identifizieren. Heute sind an dieser Stelle Privathäuser und ein Pfarrzentrum zu finden.

Anna Füreder

Karl Schönherr. Fotograf: Wenzel Weis, © Österreichische Nationalbibliothek



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© Brenner-ArchivEtwas weiter als nach Telfs reiste Ernst von Glasersfeld: siehe Station 22

 
Literatur
Karl Schönherr an Alice Strauß, 29.9.1908. FIBA, Slg. Karl Schönherr, Sig. 139-01-01-004.
 
Karl Schönherr. Foto des Autors. Fotograf: Wenzl Weis. Gemeinfrei, Copyright Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv Austria, Inventenarnr. Pf 4863:C(3).
  
Vinzenz K. Chiavacci: Karl Schönherr und seine Zeit. In: Karl Schönherr: Gesamtausgabe. Lyrik und Prosa, hg. v. Vinzenz K. Chiavacci, Wien: Kremayr & Scheriau 1969, 7-45.
  
Stefan Dietrich: 100 Jahre Marktgemeinde Telfs 1908-2008. Gemeinsam die Zukunft gestalten. Telfs: Marktgemeinde Telfs 2008.
  
Annette Steinsiek: Ein „Kriegsgedicht“? Der Brief von Karl Schönherr an Alice Epstein vom 12.3.1915 und sein Drama „Volk in Not“. In: Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv 33/2014, Dossier Erster Weltkrieg. Attraktion und Trauma, 69-74.




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