Leben und Werk "Schattenkampf" Bibliographie Aus dem Nachlass Mitarbeiter

 

Zu "Schattenkampf. Texte von der Heimat" (1992)

 Aufzeichnungen vom 15.10.1986 im Tagebuch vom 2.10.1986-25.2.1987
Vorarbeit zu
Schattenkampf

"Schattenkampf", erschienen 1992 im Innsbrucker Haymon-Verlag, ist Christoph Zanons bekanntestes Buch. Wie zu allen seinen Werken gibt es auch zum "Schattenkampf" ausführliche Vorarbeiten in den Notiz- und Tagebüchern, in denen nicht nur die Herangehensweise an das Thema des Buches nachvollziehbar wird, vor allem kann man die Textgenese relativ gut nachvollziehen. Zu einigen Texten gibt es verschiedene Variationen, bestimmte Motive wie das verlassene Tal oder die Wege tauchen immer wieder in den Notiz- und Tagebüchern auf.


Siehe zu den Vorarbeiten zu "Schattenkampf":
Unterweger, Sandra: "Der Nachlass Christoph Zanon. Die Vorarbeiten zu 'Schattenkampf.
Texte von der Heimat' in den Tagebüchern von 1985 bis 1992".
In: Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv, Nr.22/2003.

 

Zum Inhalt von „Schattenkampf“

(entnommen aus Unterweger, Sandra: Zeitgenössische Literatur aus Osttirol.
Diplomarbeit. Innsbruck 2002.)

 
Christoph Zanon,
Schattenkampf

Zanons drittes Buch „Schattenkampf“ trägt den Untertitel „Texte von der Heimat“, was das zentrale Thema des Buches von vornherein determiniert. Ursprünglich sollte der Untertitel „Texte zur Heimatfindung“ lauten, was in dieser Form auch im Umschlag festgehalten ist. Das Buch setzt sich aus mehreren, inhaltlich aufeinander bezogenen Texten zusammen, wobei der Aufbau keineswegs willkürlich ist, sondern einer strengen Komposition folgt und auf einer strukturierten Verknüpfung basiert. Zanon experimentiert mit verschiedenen Textsorten und reiht formal unterschiedliche Texte zu einem homogenen Ganzen aneinander, um sein Ziel, die Suche nach Heimat, möglichst effizient verfolgen zu können.

Das Buch ist grob in zwei Teile, genauer aber in fünf Abschnitte gegliedert. Dem Hauptteil „Retour“ sind ein essayistischer Text mit dem Titel „Tirol? Heimat?“ und der etwas surreal anmutende Text „Auf der anderen Seite“, dessen Schauplatz Moskau ist, vorangestellt. Im Essay reflektiert Zanon den Begriff Heimat und operiert mit dem Begriffspaar „Tirol? Heimat?“, das unterschiedlichste Assoziationen auslöst und Klischees zwar anklingen lässt, aber durch die Zeichensetzung auch gleich wieder zurück- und Zanons differenzierte Auseinandersetzung mit dem Begriff vorwegnimmt. Der Erzähler verlässt nach dieser Reflexion, die direkt und explizit Osttirol als Schauplatz festlegt, die Grenzen dieser Region und setzt seine Suche in der Großstadt Moskau fort.

Quelle: Durchgehen. Fotoessay von Klaus Dapra. In: "Schattenkampf".
aus Klaus Dapra:
"Durchgehen"

Retour“ bildet das Kernstück von „Schattenkampf“, in dem sich der Ich-Erzähler auf eine nächtliche Lokaltour durch Lienz begibt, diverse tatsächlich existente Lienzer Lokale besucht und verschiedenste Menschen trifft. Die Beobachtungen, die er während dieses nächtlichen Streifzugs macht, gibt er minuziös wieder, doch bleiben all die Begegnungen, die der Erzähler mit den verschiedensten Menschen macht, die im Grunde nur die Kleinstadt repräsentierende Typen sind, oberflächlich und flüchtig. Zanon fängt aber in seinen nüchternen und recht distanzierten Schilderungen die Atmosphäre der Kleinstadt sehr treffend ein.

Im Anschluss daran ist ein Fotoessay von Klaus Dapra mit dem Titel „Durchgehen“ einmontiert, dessen Fotos von Lienz den Text „Retour“ illustrieren.

Der letzte Abschnitt des Buches ist mit „Wege“ betitelt und wiederum in sieben, formal voneinander unterschiedliche Texte gegliedert. Die verschiedenen „Wege“, die der Erzähler in seiner Suche nach Heimat beschreitet, werden zum durchgängigen Motiv in „Schattenkampf“.

 Aufzeichnungen aus dem Notizbuch 1.11.1986-26.5.1988



Aufzeichnungen aus dem Notizbuch 1.11.1986-26.5.1988
Vorarbeit zu
"Litanei"

In diesen sieben Texten werden prägnante Impressionen, Erfahrungen, Bilder oder Erinnerungen formal und sprachlich unterschiedlich gestaltet. Die fünf Prosaskizzen werden von zwei lyrischen Passagen umrahmt, die Form der „Litanei“ zu Beginn des „Wege“-Komplexes muss nicht näher erklärt werden. „Abseits“ ist eine zwar kurze, aber umso eindrucksvollere Erzählung über einen Kartografen, der ein Tal entdeckt, das er auf Grund seiner Schönheit in keiner Wanderkarte verzeichnet, und in „Die Erde von außen“ reflektiert der Ich-Erzähler die Gesetzmäßigkeiten der Natur, um in einer versöhnlichen Grundstimmung zur Einheit mit der Natur zu gelangen.
Was allen diesen Texten gemein ist, ist das Beschreiten von noch unbegangenen Wegen, Zanon verlässt in diesen Texten die Stadt und ihre Menschen und schildert Wanderungen in die Bergwelt, abseits der Geschäftigkeit der Stadt und der Gesellschaft, wo sich seine Suche nach Heimat als erfolglos erwies, denn die Lokaltour „ist eigentlich nur ein fortgesetztes Davongehen“1), so der Autor selbst. Dabei baut Zanon eine starke Opposition zwischen Gesellschaft und Natur, Stadt und Gebirge auf, was sich in den Gegensatzpaaren „droben – drunten“, „oben – unten“, die als durchgängiges Stilmittel in fast allen Texten eingesetzt sind, manifestiert.

Der Text „Die Spuren der Augen“ ist eine Momentaufnahme einer Kindheitserinnerung, in der alle Sinneswahrnehmungen mit großer Intensität wiedergegeben werden, und der Ich-Erzähler den Spuren seiner Kindheit folgt, ein weiterer Weg, sich der Heimat anzunähern.
„Die Winternacht des Vaters“ schließlich ist eine Erzählung, in der sich der Vater resigniert aus der vorweihnachtlichen Konsum- und Wohlstandsgesellschaft in die Stille der Natur und der Nacht zurückzieht, ohne den Symbolen dieser Gesellschaft allerdings wirklich entkommen zu können. Die Einsamkeit der Natur wirkt heilend auf ihn und hilft ihm, diese Gesellschaft wieder ertragen und versöhnt dorthin zurückkehren zu können.
Gegen Ende des Buches beschreibt der Ich-Erzähler in „Der Tag beginnt mit dem Morgen“ eine Schitour, die er mit einem Freund in die Einsamkeit, Ruhe und Stille der Bergwelt unternimmt, wo die Suche zu einem positiven Ende gekommen zu sein scheint. Denn von dort oben, vom Gipfel aus, erträgt der Erzähler auch wieder den Anblick der Stadt.
Den tatsächlichen Abschluss bildet der lyrische Text „Geschenk“, der ein versöhnliches Ende der Suche verheißt. Zanon legt hier die Betonung abschließend auf die Irrwege, deren Beschreiten im Laufe der Suche tatsächlich oft erfolgreicher und entscheidender war als das Wandeln auf bereits beschrittenen Wegen. Mit dem letzten Satz schließt sich der Kreis, die Suche nach Heimat ist abgeschlossen: „Und sein Irrweg war eine Heimkehr“ (Schattenkampf, S.127).

Die Ambivalenz zwischen Ablehnung und Distanz und Annäherung und Versöhnung bleibt dabei immer bestehen, auf seinen Wegen scheint die Suche des Erzählers nach Heimat immer mehr zu einer Suche nach Schönheit und Nähe zu werden, was ihm in diesem Sinne ebenso Heimat bedeutet. Zanon versucht in allen Texten eine jeweils andere Annäherung an seine persönliche Heimat, denn als Schauplatz legt er von vornherein Osttirol fest, Ziel des Erzählers ist es, eine Heimat in dieser Region ausfindig machen zu können. Zanon nähert sich diesem Thema über verschiedene Zugänge, er bedient sich verschiedener sprachlicher Verfahrensweisen und literarischer Traditionen, um zu einem möglichst differenzierten Bild und Begriff von Heimat zu gelangen. Er beschreitet die verschiedensten Wege auf der Suche nach Heimat, das Durchwandern der Stadt, und die Wege, die ihn in die Umgebung, in die Bergwelt, führen, werden ihm zum Mittel seiner Heimatfindung.
Zanons Heimatfindung ist dabei gleichzeitig immer ein Kampf. So wie ein anderer Osttiroler Autor, nämlich Gerold Foidl in seinem Roman "Der Richtsaal", in einem Kampf mit seiner Familie und im weitesten Sinne mit der Heimat abrechnen will, so droht Zanons Suche manchmal zu einem „Schattenkampf“ zu verkommen.
Alle Texte in diesem Buch sind von einer großen Dichte, man kann unzählige Hinweise aufspüren, denen nachzugehen man als Leser nicht widerstehen kann, und so gerät man immer tiefer in den Bann der Vielschichtigkeit der Sprache. Durch den Einsatz der verschiedenen Textsorten und durch Zanons genaue, detaillierte und feine Beobachtungsgabe ist es möglich, dass die Suche nach Heimat in diesem Werk nicht in die Untiefen der traditionellen Heimatliteratur abgleitet, sondern eine neue Art der Annäherung an Heimat darstellt.

---------------------------------------------------

1) Zanon, Christoph: Zu „Schattenkampf“. In: Raneburger, Thomas: Zanon:
   Versuch einer Monographie, Fachbereichsarbeit am BG/BRG Lienz 1993/94,  o.S.

nach oben