Leben und Werk "Schattenkampf" Bibliographie Aus dem Nachlass Mitarbeiter

 

Aus dem Nachlass

Der Nachlass Christoph Zanons
umfasst 16 Kassetten mit Notiz- und Tagebüchern (4 Kassetten),
Manuskripten und Typoskripten (4 Kassetten) und zahlreichen Briefen.

 


Notiz- und Tagebücher

 
Notizbuch Zanons
 Aufzeichnungen am 15.10.86 im Tagebuch vom 2.10.86-25.2.87
Vorarbeit zu "Schattenkampf"

Besonders interessant und aufschlussreich für Zanons literarisches Schaffen sind die Notiz- und Tagebücher.
In über 30 Tagebüchern und an die 20 Notizbüchern, kleinen Notizheften, Büchern und kleinen Blöcken, insgesamt datiert von 1964-1997, notierte Zanon all seine Beobachtungen. Zanon war in diesem Sinne ein Vielschreiber, ob auf Wanderungen in der Bergwelt, in einem Café, auf Reisen, ja sogar in der Schule muss sein Notizbuch immer dabei gewesen sein.
Es handelt sich bei diesen Notiz- und Tagebüchern weniger um Tagebuchaufzeichnungen im herkömmlichen Sinne, denn man findet wenig Persönliches und Familiäres darin. Vielmehr ging es Zanon darum, all das Material, das er aus seinen Beobachtungen, Wanderungen und Wegen bezog, direkt einzufangen. Und genau in diesen kurzen aber direkten Notizen liegt Zanons Stärke: das unmittelbare Einfangen von Situationen, Details und Atmosphäre, scheinbar Unscheinbarem, das zum Mittelpunkt seiner Beobachtungen wird.


 

Die Notizen lassen sich in einige große Themenbereiche unterteilen, die immer wieder zum Gegenstand von Zanons genauen Beobachtungen und Beschreibungen wurden.

Wanderungen


Rauchkofel

Da gibt es also die zahlreichen Wanderungen, die Zanon regelmäßig unternommen hat. Diese Wanderungen führten ihn immer wieder in die Osttiroler Bergwelt, sie entführten ihn aber auch in eine ferne, ihm fremde Bergwelt wie beispielsweise in Südtirol, Süditalien, Istrien und anderen Teilen Österreichs. Leitmotivisch kehren manche Berge und Orte immer wieder, der Rauchkofel, der auch schon in "Schattenkampf" erwähnt wurde, die Lienzer Dolomiten im Allgemeinen und Täler, die stark an das verlassene Tal aus dem "Abseits"-Text (S.106-108) aus "Schattenkampf" erinnern. Die Berge sind Rückzugsorte und Orte der Erholung, wo er neue Kraft schöpfen konnte.

 Überlegungen zu seinem Schreiben

"Ich brach ein Stück Eis, wie es hing unter dem Dach des Rosenkrautes und der Latschen. Das Eis behielt in seiner kalten Kammer einen feinen, gegabelten Zweig einer Erika. Das Eis zerschmolz in der Hand: seine Tropfen glitten kühlend die Handgelenke hinab. Wie wohl tat das Eis! Ich strich mir seine kalte, kantenlose Glätte über die Wangen, über die Stirn, seine Tropfen vermischten sich mit denen des Schweißes, sein Frieren drang an die Hülle des Hirns und an den hitzedampfenden Nacken, wo das Leben strömt. Ich saugte an dem kalkgelben Eis und schmeckte den Stein und alle Zeiten des Berges und des uralten Meeres. Ich versank in dem schmelzenden Eis, war blind und lachte und meine Brust nahm von der herben Luft bis in die tiefsten Spitzen der Zungen." (21.3.87, Tagebuch vom 6.3.-30.4.87)

Einen weiterer großen Teil der Notizbücher machen Überlegungen Zanons zu seinem Schreiben aus. Zanon reflektiert ganz allgemein Aufgabe und Funktion der Literatur, im Speziellen setzt er sich auch mit seiner Existenz als Schriftsteller auseinander, was stets aus einer sehr kritischen Perspektive erfolgt.

Nachvollziehbar wird in diesen Eintragungen auch Zanons Methode und man erkennt, wie sehr das oben erwähnte direkte Einfangen von Situationen und Atmosphäre auf exakten und detaillierten Beobachtungen und intensiven Sinneswahrnehmungen basiert.

Interessant sind auch die direkten Vorarbeiten, die sich zu fast allen seiner Werke finden. Sei es zu unveröffentlichten Manuskripten, zu seinen Büchern z.B. "Die blaue Leiter" und "Freude und Abschied" oder zu den beiden in der Tiroler Kulturzeitschrift "das Fenster" erschienenen Erzählungen "Die Geschichte des Pfeils" und "il dolce canto", stets findet man mehrere Textstufen und Varianten, die Zanons Arbeit an den Texten, das Überarbeiten und Korrigieren, das er als eine mühsame und schwierige Arbeit empfand, dokumentieren.

Ein Text, an dem sich die Textgenese relativ gut nachvollziehen lässt, ist "Die Geschichte des Pfeils".

Reisetagebücher
 26.5.94 im Tagebuch vom 5.5.-8.9.94
Hof Toskana

Der eindrucksvollste Teil der Notizbücher widmet sich aber den Reisebeschreibungen Christoph Zanons. Die Sehnsucht trieb ihn immer wieder weg aus der Enge der Osttiroler Bergwelt. Italien, das apulische Altamura, die Adria sowie die Toskana, Städte wie Mailand, Perugia, Trento und Triest aber auch die Küste und die Inseln Istriens wurden ihm genauso wie die Berge in der Heimat zu Kraft- und Sehnsuchtsorten. Und wieder einmal bestechen diese Texte durch das überzeugende Einfangen der Atmosphäre der jeweiligen Landschaft.

Auswahltexte zu den Reisetagebüchern:

Lektüre

 Aufzeichnungen vom 2.11.1988 im Tagebuch vom 20.7.1988-12.3.1989
Notizen zu
Peter Handke

 

 

Zanon war nicht nur ein Vielschreiber sondern noch mehr ein Vielleser. Das beweisen einmal mehr die Notiz- und Tagebücher, in denen sich zahlreiche Verweise auf Lektüre und Leseerlebnisse finden. Erwähnt Zanon manchmal nur zusammenhanglos einen Autor oder ein bestimmtes Werk, so setzt er sich ein anderes Mal intensiv mit einem einzelnen Werk auseinander. Dass Zanons Schreiben von der Lektüre stark beeinflusst worden ist, zeigt sich in seinen Schriften. Einen besonderen Stellenwert hat aber Peter Handke, dessen Bücher Zanon ein ständiger Wegbegleiter in seinen Notiz- und Tagebüchern sind und dessen Schreiben einen großen Einfluss auf Zanons Schaffen ausgeübt hat. So hegte Zanon wie Handke auch eine Leidenschaft zum Genre Film. Weitere Autoren, die Zanon immer wieder erwähnt, sind unter anderem Franz Kafka, James Joyce und Albert Camus, aber sein Interesse galt auch Reisebeschreibungen, der russischen Literatur und der Philosophie Kierkegaards und Wittgensteins. Als Lateinlehrer las er natürlich auch die lateinischen Dichter.

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