Christoph Zanon

 Tagebuch, 5.5.1994-8.9.1994  Toskana: 25.7.-29.7.1994

 

25.7.1994
    S. Baronto, Pistoia

[...]

26. In Monsummano geht der Blick zwischen den Häusern auf die Terrassen des Steinbruchs, wo die Zypressen wachsen. Auf dem Gipfel bricht der Buschwald auf und die braunen Wiesen werden frei zu einem Turm. Ich weiß nicht was es sein mag, die Ruine einer Burg? Der Reifen der Vespa quietscht an der Tankstelle, wo gleich die Warte hin und her gehen. Wir haben die kommerziellen Verhältnisse auf einer Schautafel abzulesen versucht. Die Bronzeskulptur auf dem Hauptplatz beweist ja, daß wir in der Stadt der Schuhfabriken sind. Die Hände, die über den Leisten den Schuh herausarbeiten, ragen in eine stählerne Kluft hinein, während die einzige Annonce einer Schuhfabrik, die an der Tafel über eine Nummer zu einer Straße führt, am anderen Ende der Stadt liegt. Was wünschen Sie? Schuhe für sich und Ihre Freunde, Ihre Frau Ihre Kinder zu guten Preisen? Kommen Sie morgen früh, ich führe Sie zu meinen Freunden, wo Sie alles etc.
Der Verkäufer beschwatzt uns, während er die Tortellini, gefüllt mit Rohschinken, in das Säckchen schaufelt. Draußen schiebt sich ein Lieferwagen rückwärts in die Hauptstraße. Fahr zu! Fahr zu! Fahr zu! Schreit der Junge und plötzlich: Warte! Warte! Warte!
    Wie du das Geld verdienst und wie du es ausgibst, indem du an der Bar ein Bier bestellst und eine Doppelmalzspezialität aus Belgien serviert bekommst. Einmal wurde es in der Abtei zur guten Hoffnung hergestellt, und die Mönche tranken aus anständigen Humpen. Nun, kostet es 6000 Lire das Schlückchen von 25 cl.

    Die Preise erhalten das Gespräch. Für ein Menü, alles inklusive um 25 Tausend, gibt es kein conto. Um 10 Uhr abends wacht die Finanz nicht mehr. Lo scontrino, è meglio,- im Gebirge gilt die Vorsicht nicht mehr. Zuerst minestrone oder pasta, dann pesce oder osso bucco und endlich eine große Schnitte Wassermelone. Sie wünschen noch eine Flasche Wein? Sie ist inklusive, nehmen Sie sie mit nach Haus. Das Mädchen bereitet die Tische für das Frühstück, setzt neben jedes Gedeck ein Eckchen Streichkäse und auf je vier Plätze eine Glasschale, gefüllt mit Butterflocken. Die Italiener sind die besseren Deutschen, in jeder Hinsicht. Die Fleischsoße ist EU-reif und desgleichen die Fischsoße. Der alte Herr schaut über den Rand seiner Brille und schwitzt. „Gehen Sie essen ins Restaurant Montefiori. Es gibt eine Speisekarte.“

[...]

27.
in der Kuppel der Kathedrale warten wir in Schlange auf den Weg durchs Dach auf die Spitze. Pfiffe und Geschrei befördern keinen einzigen der Touristen weiter. Die Fettschatten auf der Scheibe lassen einen Blick durch auf das Podium aus Holzbrettern, die den Altarraum bedecken. In dem Gewürge auf der Wendeltreppe, wo die Entgegenkommenden sich auf schmalem Absatz den Pfeiler entlang hinabhangeln, verweigert ein Kind seine Hand der hoch gestreckten einer Frau. Eine Reihe von Engländerinnen singt ein Lied, das die Beklemmung auf den Gesichtern nicht vertreiben kann.
    Florenz, Stadt des Mittelalters, einer Zeit, die lange vor den Touristen vertrieben worden ist. Wie war es in der leeren Riesenhalle des Doms bei einer hohen Messe? Und wie schlief es sich im Palazzo Vecchio? Wie gelang es den Künstlern, das Mittelalter mit antiken Figuren in toskanischer Grazie zu verkleiden und also zu verweigern?

    Es ist als ob diese Massen von Menschen mit ihren Stadtplänen und Fotoapparaten die Luft noch mehr aufheizen. Es kann sein, daß die Fotoapparate winzige Erschütterungen in die Gebäude schießen. Ein Mann fischt mit dem Ruder seinen Strohhut aus dem Arnofluß und wirft ihn auf den Steg. In den Arkaden der Uffizien stehen die Hundertscharen an zum Eintritt. Wenn ein Japaner in Tokio sagen kann, er habe die Uffizien besucht, ist das schon etwas, sagt Michael.

Das Schicksal dieser Stadt scheint Kunstsammler gewesen zu sein, es hätt aber seine Schätze gern in den Häusern verborgen.

    Als ich vor der Fassade des Doms stand, schauderte mir, weil ich so lange kein so gewaltiges und schönes Bauwerk mehr gesehen habe. Die beiden Tore des Babtisteriums (dieses Heidentempels) zeigen das ganze Wesen der Renaissance. Der palazzo vecchio ist das städtische Gegenstück zu den deutschen Burgen, ich kann mir vorstellen, daß von seinem Turm aus die Späher über das weite Tal wachten. Der palazzo Pitti ist ein imperialer Grobklotz und der Boboli-Garten wird erst reizvoll, wenn man von seiner Südseite aus in die Villenhügel und die sanften, sich weithin ins Dunstige staffelnden Berge schaut. Hier ahne ich die überaus liebliche Ansicht der Stadt, die im Inneren eher düster wirkt. Denn da sie mit Rom und Venedig hervorragt aus dem Glanz der italienischen Städte, fehlt ihr doch das Meer.
    Wäre ich ein junger Herr in perlmuttschimmerndem Anzug und sienabraunen Schuhen, was würde ich tun? Würde ich Geschäfte machen und selbst Fäden der eleganten, ehrenwerten Politik ziehen? Vielleicht würde ich große und witzige Wissenschaftler hören und mit den Granden aus Mailand diskutieren, alles bei Jahrgangsweinen in den ersten Restaurants. Ich würde auch die eine oder andere Affäre haben etc.
Aber ich würde natürlich in einem Vorort leben, vielleicht in Sesto und mit den kleinen Leuten reden. Ich würde mit der Hausfrau und den Hausherrn in einer kleinen, halbdunklen Küche mittagessen, während das Fernsehprogramm läuft.

28. im Morgengrauen krähte ein Hahn und ein Hund bellte dazu.

Der Pfarrer saß in der Loggia seines Hauses und las Zeitung und horchte Bach-Musik von einem das Harmonium imitierenden elektronischen Instrument. Ich hatte gehört, es sei eine romanische Kirche und betrat sie: der schlichte Raum war dunkel und stickig warm. Ich ging vor gegen das Kruzifix hin, die Musik drang irgendwie herein, vielleicht von einem der Seitenräume: im rechten stand ein Orgeltisch unter einer Serie von Pfeifen. Niemand saß an dem Tisch. Ich drehte um; zu den Seiten wie fiktive Wächter des Altarraums standen zwei Lesepulte: auf dem einen lag eine Bibel geöffnet, feine Schrift in den weißen Seiten, auf dem anderen ein vergriffenes Buch mit der Aufschrift Pangelio. Ich schlug es auf, zwischen den Versen der Heiligen Schrift waren Illustrationsfotos. Es war so eine Art biblia panperum.

In meinem neuen Heimatdorf S. Baronto saß ich und sah mein Amphitheater aus Olivenbäumen zu Füßen und das weite Tal, dessen Ränder ins Licht entschwinden. Ich sah die Häuser an der Straße, die ihre Augen grün geschlossen haben und die Türen zur Nachtseite hin offen. Die Gehöfte auch, erdsteinfarben ihre Mauern und erdglutfarben die Dächer, und ich hatte Freude daran.

[...]

ich habe die via vecchia per Lamporecchio versucht, sie endete nach einer Viertelstunde Wegs im Dickicht, das einer Machete bedurft hätte.
Ich besuchte jenes von mir behelfsmäßig porträtierte Haus, wagte mich aber nur ins Erdgeschoß, das noch einen alten Traktor und anderes altes Landwirtschaftsgerät enthielt. Die Zeit verwüstet langsam. In einem Eckzimmer lagen verstreut Kassabücher, ein Katalog für Landwirtschaftsgeräte (vermutlich aus den 50er Jahren), auch Briefumschläge (von denen ich ein Stößchen habe mitgehen lassen) und Etikette einer "Fattoria Varrazano" und ganze Stapel zusammengefalteter Pappkartons.
   Daneben in einem finsteren Wäldchen, das von einer übermannshohen Mauer eingefaßt ist, konnte ich durch das Gittertor die offensichtlich ebenfalls verlassene "Villa Varrazano" sehen, genauer gesagt, ihre zwei über den Haupttrakt symmetrisch aufragenden Veranden. Was für Geschichte mochte auf diesem Fleck geschehen sein?