Christoph Zanon

 Tagebuch, 20.7.1988-12.3.1989  Wanderung Insel Rab: 18.8.1988


Do 18.8.

Gestern ging ich über das Land, und zwar die Hügel hin, meistens auf dem Kamm bis zur höchsten Erhebung der Insel. Ich glaube, es rann aller Schweiß aus mir, daß gegen Ende des Wanderns mein Körper trocken blieb. Dabei hatte der Bogen der Sonne das steinige Land zum Glühen geheizt, und wenn ich stehen blieb, hatte die Glut gar keine Zugluft mehr und umhüllte als ein erstickendes Fluidum den ganzen Körper. Denn gegen Osten fällt das Land ab zum Meer und endet fast überall in 10-30 m hohen Brücken. Gegen Westen und vom Süden her ist es flach geneigt zu einer Senke von bebauten Feldern und Weingärten. Diese Senke ist umgeben von Wäldern großer Steineichen, der dichtbelaubten, schattenkühlen, in deren niedriger Halle auch ein flacher Weg zwischen dem aufragenden Gestein zu finden ist. Hier ruhen im Schatten die Schafe, alle sehr dürr, geschoren, scheu. Waren sie nicht nahe am Verdursten in dieser monatelangen Trockenheit? Ich hatte eines gesehen, wie es Blätter von einer Brombeerstaude gezupft hatte. Sonst gab es nichts als Disteln und ein paar Flecken halbverdorrter Farne. Das Gras, ein kurzer Flaum zwischen den Steinen, schien fast zerfallen vor Trockenheit.
   Das Gehen im Wald war gemütlich, ein Kreuz und Quer nach Belieben u. Neugier, denn ich hatte kein erklärtes Ziel und wußte nicht, was mir bevorstand. Ich fand einen Feigenbaum am Rand der Senke, ein erfreulicher Anblick, wie er seine großblättrigen Zweige über eine Mauer streckte. Ich pflückte ein paar reife Früchte, manche waren wurmstichig und die eine war zur Hälfte abgefressen von einem Vogel. Auf dem Rückweg sollte ich den Baum wieder suchen, dann wie ein Verdurstender seine süßen Früchte mehr schlingen als genießen. Dann würde ich ihn auch als Zeichen ansehen, daß der Weg nicht mehr lang sei. Denn der Übergang von diesen Wäldern in eine hitzedösende Steppe, die von dutzenden Mauern durchzogen ist, ist scharf. Dann war mein Weg nach der Meerseite hin gezwungen, außerhalb der unendlichen Mauern, auf die Schneide oder ein wenig darunter hin. Dort blies unablässig der Wind und kühlte und schlug ans Ohr. Nun war auch jede Bequemlichkeit des Gehens zu Ende und ich tat gut daran auf die scharf gewitterten Steine zu achten und stolperte trotzdem oft genug. Ihr Grauweiß oder Weiß strahlte das Licht von unter zurück und im Windschatten eines Stückes übermannshoher Mauer hatte sich die Hitze wie in einem Parabolspiegel gesammelt, sodaß die den Steinen zugewandte Seite kleinblättriger, dorniger Büsche dahinter verbrannt war. Überall landeinwärts gab es kahle, tote Bäume, dann die dichten, hohen Wacholderbüsche, in einem Eck sogar ein paar junge Kiefern und nicht weit davon eine Gruppe von Akazien.
   Steine sonst, dazwischen ockerfarbene Mugel von Distelgras und jene blauen, säbelblättrigen, die die Farbe des Meeres ins Land genommen haben. Mauern aus Millionen von weißen Steinen, manche noch von Stacheldraht oder Dornenstauden bewehrt. Im Frühjahr mochten diese Steppenräume ein Grün bewahren für die Schafe, nun schienen sie gebaut sinnlos wie von Leuten, die eher Steine häufen als untätig sind.
   Daß man durch diese Terrassen der Hitze über die stachelstarrenden Mauern einen geraden Weg durch kommen könne, versuchte eine Gruppe von etwa 13-jährigen Jungen samt ihrem Führer. Sie mühten sich unbeschreiblich, während ihr Nachzügler auf einer Mauer saß und schrie: Wo seid ihr! Wo seid ihr! Als ich ihn erreichte, richtete er Fragen an mich und begann zu weinen. Er hatte ganz den Mut verloren und tatsächlich schien er nicht mehr zu wissen, ob die Seinen vor oder hinter ihm waren. Auf seine Bitte hieß ich die Nächstvorderen warten und erfuhr später von ihrem Führer, einem jungen Mann, daß sie in eine Bucht nahe der Fährlandestelle zielten, wo sie übernachten wollten.
   Sie rasteten unter dem tiefen Schirm eines Hartlaubstrauches und wir wünschten einander das baldige Ziel. Es mußte eine große Strapaz sein für die jungen Leute. Es gab nur kurze und ziemlich flache Steigungen und mit guter Aufmerksamkeit konnte man das ewige Gestolper fast vermeiden. Aber die Hitze blieb und der Durst. Nun endete auch der Kriechwuchs, der letzte Anstieg war kahl und wüstenhaft. An manchen Stellen war das Gestein ausgespült und spitz geschliffen zu ellenlangen Zacken und ähnelte so dem "Büßerschnee". Wenn ich jetzt – bei diesem außergewöhnlich trockenen Schönwetter – hinunterschau zu dem entfernten Rücken, wo mein Weg endete, sehe ich die Mauer, die in der Richtung meines Blicks auf die Kuppe führt und ich ahne jenen steinernen, viereckigen Verschlag, der mir zur Hälfte des Weges wie ein Gipfelzeichen erschienen war.
   Nie war ich frei von den tollen Phantasien, darin die Zurückgebliebenen Opfer wurden von Grausamen Ereignissen. Sie begleiten mich wie das Klingen der aneinanderklopfenden Steine. Gewiß mußte ich alles geschehen lassen, wie es geschehen sollte und selbst wäre ich hier hilflos verlassen gewesen. Ein Bauer des Landes hätte vor mir den Kopf geschüttelt und nichts gewußt von der Pilgerschaft eines eigentlich Entwurzelten, der von neuem erfahren mußte, daß das Leben ein ungewisser und immer wieder mühsamer Weg ist; daß die Füße tapfer und die Beine stark, die Augen klug und der Mut beständig sind, aber unermeßlich weit die Welt, groß die Zeit, und der Sinn des Einzelnen zu beschränkt für Siebenmeilenstiefel. Was für eine geringe Entfernung für den langen Bogen der Sonne! Und das karge Land hatte ein stilles, vielfältiges Leben und kein Wesen war vom anderen losgelöst. In der Ferne schwieg das Strandgetümmel, dem das Ungehörige zu eigen war. Der Himmel stieg als Hitze vom Land und war ein riesenhaftes blaudunstiges Leuchten; die Sonne war näher, herrischer, heller und als ich gegen Osten und Norden und Westen schaute, schwanden Land und Meer in dem blassen Glühen und der Umkreis meiner Augen war allzu weit und die Freude unermeßlich.
   [...]
   Das große, ruhige Feuer der Sonne machte alles rein. Aus einer Entfernung hatte ich einen großen Greifvogel über der Erhebung gleiten sehen in großen Bögen mit reglosen Schwingen. Hier war sein Reich, er war eine Majestät, aber floh den dunklen Mensch. Meerseitig, jenseits eines der breiten Steinriegel schrak mein Blick ein wenig von den weißen Knochen und dem sauber von allem Fleisch gereinigten Fell eines Schafes. Kaum zwei Meter dahinter ein zweites, die Schädelgröße von einem Lamm. Vielleicht hatte der große Vogel die Schwäche der Tiere ausgenutzt? Vielleicht war hier seine mensa, der Ort seiner Mahlzeit oder wenigstens seines Schlachtens? Den größeren Schädel nahm ich auf, prüfend, ob in seinen Höhlungen ein Kriechtier hause, aber er war leer. Irgendwie hatte ich die Idee, meinen Kopf mit dem Schädel zu schmücken, aber weiter unten auf dem Rückweg, als ich mich für eine Fotografie abwandte, vergaß ich ihn auf einer Mauer.
    So eröffnete sich mir das Land nicht ohne Mühe. Verschwiegen blieb es trotzdem und still. Gelegentlich, wenn ich im Schatten der Mauern abwärts streifte, zerriß ich einen Spinnennetzstrang, der schräg nieder auf den Steinboden gespannt war, und einmal zog ich mir derart eine Spinne an den Oberschenkel, ein daumennagelgroßer, herzförmiger, grauer Rumpf, den ich in einem hastigen Reflex wegwischte, Ruhestörer selbst in dieser Wüste.