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Wer war Franz Tumler?

Kurzbiographie

Franz Tumler (links) mit Jörg Hofer in dessen Atelier, Laas 1981Besonders geprägt wird Franz Ernest Aubert Tumler durch die Vaterheimat Südtirol, in der er selbst nur sein erstes Lebensjahr verbracht hat. Die Mutter übersiedelt nach dem Tod des Vaters, Franz Tumler sen., nach Linz, wo Tumler die Schule besucht und von seinem Stiefvater, der auch Lehrer ist, dazu angehalten wird, Erfahrungen genau zu beobachten und zu beschreiben. Der Großvater Josef Fridrich war Buchdrucker in Ried i. I. und später in Linz, was Tumler zusätzlich ein enges Verhältnis zu Gedrucktem ermöglicht. Neben A. Th. Sonnleitners „Höhlenkindern“ liest Tumler in frühen Jahren vor allem Adalbert Stifter. Mit 14 Jahren besucht er das erste Mal die Verwandten in Laas, Schlanders und Bozen. Südtirol beeindruckt ihn nachhaltig, was sich schon in seiner ersten großen Erzählung „Das Tal von Lausa und Duron“ niederschlägt. Das Zusammentreffen der Italiener, Deutschen und Ladiner im Ersten Weltkrieg wird anhand eines Dorfes und konkret an einer Familie demonstriert. Das Scheitern der Heimatfindung bestimmt diese Erzählung, deren Veröffentlichung durch Paul Alverdes im „Inneren Reich“ dem Autor einen großen Erfolg beschert und schließlich den Weg für sein weiteres literarisches Schaffen ebnet. Als Soldat und erfolgreicher Schriftsteller im Dritten Reich lässt er sich zum Teil auf die Ideologie der Zeit ein. Es sind dabei vor allem nichtfiktionale Texte (Österreich ist ein Land des Deutschen Reiches) und Auftragsarbeiten, in denen er sich klar zum Nationalsozialismus bekennt. Neben Paul Alverdes sind es namentlich Gertrud Fussenegger, Graf von Thun Hohenstein, Bruno Brehm, Sepp Keller, Jürgen Eggebrecht und Josef Weinheber, mit denen er in der Kriegs- und vielfach auch in der Nachkriegs-Zeit engen Kontakt pflegt.
Tumler als Soldat bei der Korrektur von "Das Tal von Lausa und Duron"1941 hat sich Tumler freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet; nach der Rückkehr aus Krieg und Gefangenschaft, die er in seinem Roman „Heimfahrt“ aufarbeitet, siedelt er sich in Hagenberg (OÖ) an. Erst mit dem Roman „Der alte Herr Lorenz“ (1949) kann er literarisch wieder Fuß fassen. Wichtig für seine weitere Karriere sind aber vor allem „Ein Schloß in Österreich“ (1953) und „Der Schritt hinüber“ (1956) sowie „Der Mantel“ (1959). Mit letzterem beginnt auch ein neuer Abschnitt im Schreiben Tumlers.
Tumlers dritte Heimat wird Berlin. Dort schließt er Freundschaft mit Gottfried Benn, und er wird zu Treffen der Gruppe 47 eingeladen. Er wird Mitglied und in den 60er Jahren Leiter der Abt. Literatur der Berliner Akademie der Künste. Immer wieder besucht er Südtirol und Oberösterreich. In Südtirol entwickelt sich Tumler zu einer Schlüsselfigur der Literaturszene. Norbert C. Kaser: „Ich habe zwar etwas gegen Betitelungen, aber er ist der Vater unserer Literatur und unseres Erkennens.“
Mit seiner „Aufschreibung aus Trient“ schafft Tumler eine breite Diskussionsbasis für die politischen Probleme rund um den Konflikt zwischen Deutschsprachigen und Italienern in Italien. Nach seinem Schlaganfall 1973 kann er nur mehr Gedichte schreiben, und er stirbt schließlich 1998 in Berlin.
Sein Schreiben mutet oft wie ein Beschreiben an. Er konzentriert sich auf Ausdruck und Sprache, reflektiert in den Texten den Schreibprozess selbst und findet zu einer Art Metasprache. Als Höhepunkt in diesem Zusammenhang kann „Volterra. Wie entsteht Prosa?“ (1962) bezeichnet werden. Durch die Entwicklung neuer Schreibformen – vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg – distanziert sich Tumler ganz entschieden vom Schreiben im Nationalsozialismus, und er wird heute zu Recht als Autor der Moderne bezeichnet. Besonders bemerkenswert sind die Erzählhaltung in „Der Mantel“ und das Prosagedicht „Sätze von der Donau“. Der Erzähler ist selbst so unsicher, dass er dem Leser keine Chance bietet, sich eine Identifikationsfigur zu suchen. Ständig werden Wissen und Erkenntnisse in Frage gestellt.
Immer wieder arbeitet Tumler mit Verweisen auf Stifter. Vor allem Stifters Rückzug auf die Genauigkeit und die Langsamkeit nimmt sich Tumler zu Herzen.
Sein Werk trägt stark autobiographische Züge. Tumler muss, so scheint es, immer wieder aufs Neue heimisch werden. Es verwundert also wenig, dass er in seinen Texten beharrlich auf die sein Leben bestimmenden Landschaften: auf Südtirol, auf Oberösterreich und auf Berlin zu sprechen kommt.

Biographische Daten
Der Vater, Dr. Franz Tumler (1878-1913), ist Professor am k.k. Staats-Reform-
Realgymnasium in Bozen.
Die Familie mütterlicherseits stammt aus Wien, der Großvater betreibt eine Druckerei in Oberösterreich. Mutter Ernestine (geb. Fridrich) zieht 1913 mit dem einjährigen Franz und dessen Schwester Erna nach Oberösterreich.

 

1918

Volksschule in Linz und der Bürgerschule in Lambach

1926

1. Besuch in Südtirol (Familie Muther/Laas, Familie Schaller/Bozen)

4 Jahre bischöfliche Lehrerbildungsanstalt in Linz (Reifeprüfung 1930)

1928 1. Veröffentlichungen im „Linzer Tagblatt“
1930 Lehrer in Stadl-Paura und Buchkirchen bei Wels
1932/33 in Südtirol
1934 Mitarbeit bei der „Alpenländischen Morgen-Zeitung“ (später „Zeitung am Morgen“).
Diese wurde zum Teil zensuriert und später eingestellt (24. 2. 1934 als „Alpenländische Morgen-Zeitung“ bzw. 20. 3. 1934 als „Zeitung am Morgen“)
Teilnahme an den Lagern der „Reichsjugendführung“ (Lusen/Bayrischer Wald) bis 1938
1937 Fahrt nach Wien, Bekanntschaft mit Graf von Thun-Hohenstein, Wittgenstein, Weinheber
1938 Ausscheiden aus dem Schuldienst
Freier Schriftsteller
Mitglied bei der SA, Gast auf dem Ersten Großdeutschen Dichtertreffen“ in Weimar
1939 Heirat mit Susanne Lühr (spätere Scheidung, aus der Ehe geht ein Sohn hervor)
1940 Teilnahme an der „Salzburger Dichterwoche“
1941 freiwillige Meldung zum Kriegsdienst, Marineartillerie, zahlreiche NS-Literaturpreise
1945 Rückkehr nach Oberösterreich, lebt in Hagenberg bei Linz, später in Altmünster am Traunsee und Linz
1952 zunehmender Aufenthalt in Berlin
Freundschaft mit Gottfried Benn
1955 Gast bei der 16. Tagung der Gruppe 47 in Berlin (auch 1957 u. 1962)
1956 Autor im Suhrkamp-Verlag
1959 Mitglied der Akademie der Künste
1960 Mitglied der Bayerische Akademie der schönen Künste
1967-70 (stellvertretender) Direktor der Abteilung Literatur der Akademie der Künste
1972 gehört dem PEN-Zentrum der BRD an
Professor, e.h. der Republik Österreich
1973
Schlaganfall; Tumler kann danach nur noch kurze Texte bzw. Gedichte verfassen.
In den folgenden Jahren viele Reisen und Heirat mit Sigrid John
1998 Beisetzung in Berlin unter Laaser Marmor

 

Preise

 

1940 Dichterpreis der Reichshauptstadt (Berlin)
1942 Sudetendeutscher Schrifttumspreis (Karlsbad)
1956 Charles-Veillon-Preis (Lausanne, für „Der Schritt hinüber“)
1961 Ehrenpreis des Bundesverbandes der deutschen Industrie (Köln)
1967 Literaturpreis der Bayrischen Akademie der Künste (München)
1969 Adalbert-Stifter-Medaille des Österreichischen Staatspreises (Wien)
1970 Arbeitsstipendium, Villa Serpentara (Rom)
1971 Adalbert-Stifter-Preis (Linz)
1982 Andreas-Gryphius-Preis (Düsseldorf)
Würdigungspreis für Literatur des Landes Tirol (Innsbruck)
1985 Walther-von-der-Vogelweide-Preis (Bozen)
Verdienstkreuz des Landes Tirol (Bozen)
1992 Kunstwürdigungspreis der Stadt Linz

 

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