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Johannes E. Trojer –  Biografisches

„Vom meinem Vater, einem unendlich fleißigen Weber, der sich zu Tode ‚gewirkt' hat, habe ich das Denken nach den textilen Begriffen von Zettel und Eintrag. Die abzuspulenden Werktage sind der grobe Eintrag in den baumwollenen Zettel. Aus solchem Garn ist die Tuchent gewirkt, nach der ich mich strecke.“
(Aus: RUTLUK – Ein Rückblick. In: Föhn, Heft 10, 1981, S. 7–8, hier S. 8)

Der Schriftsteller Johannes E. Trojer (1935–1991) lebte, arbeitete und wirkte im abgelegenen Osttiroler Villgratental. Über die Grenzen des Bezirks Lienz hinaus galt er in Regionalgeschichte und Volkskunde als äußerst beschlagen, er war bekannt als Verfasser gesellschaftskritischer Aufsätze und Glossen und als Herausgeber der Kulturzeitschrift „Thurntaler“ (1977–1987).

Johannes E. Trojer (Lebenslauf), am 4.11.1935 in Außervillgraten als zweitältestes von 12 Kindern eines kleinen Bergbauern in Hinterdurach geboren; 1950–1951 Maturaschule in Stams; 1951–1957 Bischöfliches Gymnasium Paulinum in Schwaz, Matura; 1957–1959 Studium an der Universität Innsbruck (Deutsch, Geschichte, Kunstgeschichte, Volkskunde); 1958–1959 Abiturientenkurs an der Lehrerbildungsanstalt in Innsbruck; 1961 Lehrbefähigungsprüfung;
1959–1964 Volksschullehrer in Kartitsch, Lindsberg, Bannberg und Sillian; 1964 (bis auf weiteres) Lehrer, Leiter und Direktor der Volksschule Innervillgraten;
1964 geheiratet (Maria Kollreider);
1967 hausgebaut;
seit 1971 in Außervillgraten wohnhaft.

1967 Herausgabe der Festschrift „Innervillgraten 1267-1967“
1984 Herausgabe eines Kunstführers von Innervillgraten
1985 Herausgabe von F. J. Koflers „Rauhe Sonnseite.
Erinnerungen an eine Kindheit“
seit 1977 Herausgabe der Tiroler Halbjahresschrift „Thurntaler“
seit 1979 Freier Mitarbeiter auf der Kulturseite
der Tiroler Tageszeitung

seit 1961 volkskundliche, journalistische und literarische Beiträge sowie Rezensionen in: „arunda“, „skolast“, „föhn“, „foehn“, „pferscha“, „Thurntaler“, „Horizont“, „Sturzflüge“, „Der Schlern“, „Tiroler Heimatblätter“, „Osttiroler Heimatblätter“, „Osttiroler Bote“
(Biographische Notizen, verfasst von Johannes E. Trojer für das Brenner-Archiv, 1986)

Am 24. September 1991 ist Johannes E. Trojer an Krebs gestorben. Der „Osttiroler Bote“ hat geschrieben: „Osttirol hat einen Schriftsteller von Format verloren.“ Dem Partezettel, der den frühen Tod Trojers mitteilte, war ein Billett beigelegt. Auf ihm stand dessen Vermächtnis:

„Vom Schwarzsee im Krater wie auf dem Mond die Geschichte könnte ich erzählen. Der Stein, der versank, um im Grunde das goldene Hufeisen zu finden, hätte ich, hätte ich ihn nicht geworfen, sein können. Die Wellen, die er machte, schlug ich.“
(Aus: RUTLUK – Ein Rückblick, in: Föhn, Heft 10, 1981, S. 7–8, hier S. 8)

 

 

 

 



Trojer als Schriftsteller und Publizist

Trojer verkörperte die der Tiroler Literatur oftmals nachgesagte politische Widerständigkeit bei gleichzeitig konzentriertem Blick auf den ‚Sozialraum Heimat’. Seine Texte öffnen den Blick auf vergangene und gegenwärtige Mechanismen des Sozial- und Machtgefüges im Dorf, für dörfliche Anachronismen, Vorgänge und Befindlichkeiten. Insofern lässt er sich nahtlos einreihen in die Reihe jener Schriftsteller, die in den 1970er und 1980er Jahren die damaligen gesellschaftlichen  Realitäten in Tirol scharf kritisierten – wie Norbert C. Kaser, Hans Haid, Felix Mitterer oder Markus Wilhelm. Doch in höherem Maß als diese war Trojer, weil er der Kritik am Bestehenden durch solide Recherchen eine Basis gab, Literat und Feldforscher in Personalunion.

Nach ersten literarischen Versuchen als Gymnasiast hatte Trojer in den 1960er Jahren begonnen, „die eigene Sprache zur Sprache zu bringen“. In der Tradition der experimentellen und visuellen Poesie verfasste er in den frühen 1970er Jahren Texte, die seine Grundanliegen aufgriffen oder vorwegnahmen. Trojer publizierte in dieser Zeit nicht nur eine Sammlung dialektaler Redewendungen und eine Analyse der Außervillgrater Mundart, er schrieb auch kritische Dialektgedichte. Darüber hinaus inspirierte ihn das lokale Idiom zu literarischen Experimenten: 1971 ließ er beispielsweise die 12- bis 14jährigen Volksschüler alle Dialektflüche aufschreiben, die ihnen bekannt waren, montierte sie zu einer „Litanei der Flüche“ zusammen und veröffentlichte diese später in der Zeitschrift „Morgenschtean“.

Einen größeren Kreis kulturell Interessierter machte Trojer erstmals 1977 auf sich
 aufmerksam, als er unter dem Titel „SAETZE + ABSAETZE AUS DER HEILEN WELT“ in der Südtiroler Kulturzeitschrift „Arunda“ collageartige Dorfprosa veröffentlichte. Die Publikation der zweiteiligen „Notizen für eine Dorferhebung“, die Mitte der 1980er Jahre in den Tiroler Zeitschriften „e.h. – erziehung heute“ und „Foehn“ erschienen sind, ist zusammen mit den kulturkritischen Essays „Herzensbildung leidet Not“ und „Mag i Osttirol?“, die in der von Krista Hauser betreuten kulturpolitischen Beilage der Tiroler Tageszeitung „horizont“ veröffentlicht wurden, Ausdruck des literarisch-publizistischen Aufschwungs, den Trojer nahm.
 


 

Abgesehen von einigen wenigen Veröffentlichungen in Kulturzeitschriften ist Trojer als Literat jedoch insgesamt kaum in die Öffentlichkeit getreten, auch nicht in seiner eigenen Zeitschrift, dem „Thurntaler“ (1977–1987), die er zehn Jahre lang praktisch im ‚Ein-Mann-Betrieb’ am Fuße des gleichnamigen Hausberges herstellte. Trojer legte den „Thurntaler“ bei Ersterscheinen „als Magazin für Information und Dokumentation zu Handen der Einheimischen und Gäste im ost- und südtirolischen Pustertal“ an. Bis zum Einstellen der Zeitschrift im Dezember 1987 wurde daraus ein wichtiges Forum für zeitgenössische Literatur, zeitgeschichtliche Dokumentation sowie Kunst- und Kulturkritik, das stets regionale Aspekte berücksichtigte.
Zu lesen waren im „Thurntaler“ Reiseberichte aus den Anfängen des Alpinismus und Schulgebete aus der NS-Zeit, Belege zum Fremdenverkehr im Villgratental und Ausschnitte aus Kriegstagebüchern, berufliche Erfahrungsberichte von Sozialarbeitern und Erinnerungen von NS-Widerstandskämpfern, Sitzungsprotokolle der Villgrater Gemeinderäte und eine Abhandlung zur Prostitution. Untersucht wurden dörfliche Medienwelten genauso wie die österreichische Literatur. Prosatexte, Gedichte und Kurzdramen damals zum Teil noch großteils unbekannter Tiroler Autoren wie Norbert Gstrein standen oft im selben Heft wie Schüleraufsätze und dialektale Dorfpoesie, Kinderzeichnungen reihten sich ein in künstlerische Illustrationen, Bauaufnahmen alter Bauernhäuser wurden ergänzt durch fotografische Ortserkundungen. Für die Zeitgenossen lag die Stärke der Zeitschrift „im Regionalen, das durch die Art der Darstellung den Charakter des Allgemeinen, für jede Alpenprovinz Gültigen bekommt“, wie Markus Wilhelm vermerkte. Unter diesem Aspekt fiel der Zeitschrift auch eine Integrationsrolle zu: Sie wurde ein Forum jener lesenden und schreibenden Landsleute, die statt „nachzubeten“, was andere vorsagten, lieber selbstständig dachten.


 

Im Jahre 1998, sieben Jahre nach seinem Tod, wurde Trojers literarischer Nachlass in dem Auswahlband „Trojer. Texte aus dem Nachlass“ (Haymon-Verlag) einer breiteren Leserschaft zugänglich. Der Band vereint Texte, die sichtbar machen, dass Trojers literarische Arbeiten, seine Gedichte und Prosaskizzen, eine Art Synopse all seiner Tätigkeiten darstellen. Mit ausgeprägter Sprachsensibilität ging er – anknüpfend an den sprachkritischen Gestus eines Karl Kraus’ und das sprachspielerische Experiment der Wiener Gruppe – daran, hohle Phrasen aufzubrechen und Möglichkeiten unkorrumpierter Schreibweisen auszuloten. Trojer verfasste lyrische Zustandsbilder und prosaische Ortsberichte, die im Genre blieben und es zugleich sprengten. Trojer fand damit einen Weg jenseits pauschaler Verdammung – im Gegensatz zu vielen seiner Schriftstellerkollegen, die mit ihrer einseitigen Blickweise auf dörflich-ländliche Lebenswelten die so genannte Anti-Heimatliteratur prägten. Die Südtiroler Schriftstellerin Anita Pichler (1948–1997) über Trojer: „Und eine ganze Generation hat von ihm gelernt, dass es Wege gibt, jenseits von gefühlsduseliger Heimattümelei und großkotzigem Weltbürgertum, wo auch die Dörfer Welt sind, die man anschauen kann, ohne zu verdammen oder zu verherrlichen.“ (Aus: Schwere Schuhe, keine Namen. In: Feldforschung 1995, S. 26–31, hier S. 28)

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Trojer als Zeithistoriker und Volkskundler

Trojer war kein ausgebildeter Zeithistoriker und Volkskundler mit Universitätsabschluss. Aber er hat geradezu paradigmatisch als Archivar und Chronist eines Lebensraums gearbeitet, als Heimatforscher und Sprachkundler. Er rückte dabei die Gegend, in der er lebte und arbeitete, mit der Beharrlichkeit eines Feldforschers ins Blickfeld – nicht nur die offiziell hochgehaltene Kultur und Tradition, sondern auch beiläufigere, unscheinbare Formen, das mehr oder minder Typische und das vermeintlich Untypische.
Mit der exemplarischen Aufbereitung von regionalen Themen für ganz Tirol und darüber hinaus bewies Trojer, dass eine ernstzunehmende, ungewohnt lebendige Auseinandersetzung mit der Geschichte der Vergangenheit und der Gegenwartskultur auch im hintersten Tal möglich ist. Trojer bündelte verstreutes Wissen aus lokalen und überregionalen Archivbeständen mit eigenen Forschungsergebnissen zu einem einzigartigen Kompendium. Mittels ‚Erinnerungsinterviews’ generierte er authentische Erfahrungsberichte aus Gegenwart und Vergangenheit, um das Schweigen zu politischen, aber auch sozialen Tabuthemen zu brechen. Zwar sah er sich selbstironisch als „Dilettant“, der sich mit Volkskunde, Zeit- und Kunstgeschichte, Dialektforschung etc. beschäftigte. Doch die Auswahl und Fülle der zusammengetragenen Materialien und die Qualität der daraus erarbeiteten Elaborate überzeugen vom Gegenteil.
Trojers Erforschungen der eigensten Geschichte von Dorf und Tal machten auch vor der jüngeren Vergangenheit nicht halt – immer mit dem Blick auf übergeordnete historische Zusammenhänge: Ab 1982 dokumentierte er die Zeit des Nationalsozialismus im Villgratental und den Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Osttirol und leistete damit Pionierarbeit. Trojer war es auch, der erstmals das Schicksal des Innervillgrater Bauern Vinzenz Schaller beleuchtete. Schaller hatte 1940 den militärischen Eid auf Hitler verweigert und Haftaufenthalte im Gestapo-Gefängnis Berlin-Moabit und im Konzentrationslager Dachau überlebt. Im „Thurntaler“ veröffentlichte Trojer Schallers bis dahin unveröffentlichten Erlebnisbericht, den jener bereits unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg niedergeschrieben hatte. Auch Trojer selbst hat in seiner Zeitschrift den Lebensweg Schallers ausführlich geschildert. Er lotet darin die Hintergründe von Schallers Handeln aus, aber auch die zum Teil durchaus ambivalente Reaktion der Villgrater auf den ‚Anschluss’ und das Verhalten im Tal, das Vinzenz Schaller gegenüber an den Tag gelegt wurde.
Trojers zeithistorische Arbeiten zum Themenbereich Nationalsozialismus im Villgratental wurden posthum, im Jahre 1995, publiziert – unter dem Titel „Hitlerzeit im Villgratental. Verfolgung und Widerstand in Osttirol“ (Studienverlag / Reihe Skarabäus).
 


 

Bis heute ist der Blick auf Trojers Leben und Werk im Villgratental von Misstrauen und Abwehr umschattet. Trojers literarische und journalistische Publikationen und seine Forschungen zur Geschichte und Lebensart der Villgrater haben gleichermaßen ins Nervenzentrum gesellschaftlicher Entwicklungen getroffen: Teile der Bevölkerung fühlten sich vehement provoziert.

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