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Tirol / Südtirol – Eine literarische Topographie 

 
Ausgehend von dem Grundgedanken, dass Literatur Vorstellungen von Räumen repräsentiert, Räume aber auch konstruiert wie dekonstruiert, sollen die literarischen Modellierungen des Untersuchungsraumes Tirol/Südtirol dokumentiert und ihre Entwicklungs- und Bruchlinien nachvollzogen werden. Der ins Auge gefasste Untersuchungsraum zeichnet sich als geographischer wie semantischer Raum, häufig als Grenzland apostrophiert, durch vielfältigste Aneignungen aus. Als Transitraum charakterisiert ihn ein besonders hoher Grad an Literarisierung. In Texten vieler deutschsprachiger wie fremdsprachiger Autorinnen und Autoren wurde die Region literarisch geformt, damit immer wieder neu erfunden. Vor diesem Hintergrund ergeben sich folgende Fragestellungen, denen nachgegangen werden soll:

Die Hauptfragestellung befasst sich mit dem Verhältnis von empirischen Räumen und ihrer literarischen Perspektivierung und Brechung: Welche Orte und Räume werden in literarischen Texten warum mit welchen ästhetischen Verfahren entworfen, inszeniert, dekonstruiert? Wie gestalten und reflektieren Texte Verortungen und Nicht-Verortungen im imaginierten Raum?

Weiters sollen Fragen nach der Genese gängiger (identitätsstiftender) Bilder von Orten, von „literarisierter Region“ (Kanonisierung) sowie der Erzeugung regionaler Selbstbilder (Identitätsbildung) in historiographischer Perspektive beantwortet werden: Welche literarischen Modellierungen der Region werden produziert und reproduziert? Welche spezifischen Texte sind es, die die Region literarisieren? Welche Texte regionalisieren den geographischen Raum? Welche Texte regionalisieren die Literatur im Raum Tirol/Südtirol?

Dabei scheint es besonders wichtig literarische Topographien im Spannungsfeld von Lokalität – Regionalität – Nationalität – Globalität zu betrachten und als spezifische Raumbeziehungen zu analysieren; und zwar in Hinblick auf die Überwindung der Raumhierarchie (Zentrum-Peripherie) sowie in Hinblick auf die Auflösung realer, territorialer oder symbolischer Räume: Wie besetzt die jüngere und jüngste Literatur das vor dem Hintergrund von Globalisierung und einer durch Märkte (scheinbar zunehmend) uniformen Kultur-Landschaft immer wieder konstatierte „Sinnvakuum“, welche Spielräume und Perspektiven öffnen sich?

Schließlich sollen auch Impulse zur wissenschaftlichen Reflexion sowie zu kulturellen Zugängen (Wissenschaftskommunikation) gegeben werden: Inwieweit können topographisch bezogene Analysen von Literatur einerseits für die Literaturwissenschaft, andererseits für die Tradierung des kulturellen Erbes einer Region nutzbar gemacht werden?

Besonderer Wert soll auf die Vermittlung der Ergebnisse an eine breitere Öffentlichkeit gelegt werden. Geplant sind neben einer breiten Streuung der Forschungsergebnisse mittels Internetseite die Durchführung und Erprobung unterschiedlichster Vermittlungsangebote im literaturtopographischen Bereich, wobei zeitgemäße Formen der Literaturvermittlung während der Forschungsarbeit gleichermaßen als Bezugsrahmen wie als Korrektiv mitgedacht werden sollen.

Das Forschungsvorhaben versteht sich als Folgeprojekt des am Forschungsinstitut Brenner-Archiv von 2006–2009 durchgeführten Projektes „Literatur-Land-Karte Tirol“, bei dem literarische Texte zu Tirol, Informationen zu literarischen Schauplätzen und literarhistorisch bedeutsamen Orten sowie zu den jeweiligen Tirol-Bezügen von einzelnen Schriftsteller/innen in einer Datenbank gesammelt und via Internet auszugsweise an eine breitere Öffentlichkeit kommuniziert wurden. Auf Datenbank, zugehöriges Internetportal und bislang recherchiertes und dokumentiertes Material sowie umfangreiche Vorarbeiten kann im Zuge der weiteren Forschungsarbeit zurückgegriffen werden, wobei die Forschungsperspektive ausgeweitet wird, die Fragestellungen präzisiert und methodisch/theoretisch fundiert werden. 

 
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