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Theorien und Probleme regionaler Literaturgeschichtsschreibung - Projektbeschreibung

 
Für mich sind die Orte ja die Räume,
die Begrenzungen, die erst die Erlebnisse
hervorbringen. Mein Ausgangspunkt ist ja
nie eine Geschichte oder ein Ereignis,
ein Vorfall,  sondern immer ein Ort.
Peter Handke

 
Vorbemerkung


Die Renaissance des Themas Regionalismus angesichts globalisierter Verhältnisse, vereinzelt in den 1970er und 1980er Jahren, vermehrt um die und nach der Jahrtausendwende[i], in eins damit, partiell verbunden, mehrheitlich aber parallel, die forcierte Auseinandersetzung der Geisteswissenschaften mit dem Problem des Raums in all seinen Facetten ist sicherlich nicht als die Reaktion verschreckter Gelehrter auf schwer verkraftbare Modernisierungsschübe zu deuten, vielmehr artikuliert sich darin der Versuch der Kulturwissenschaften, dem, was sich tut, theoretisch auf Augenhöhe zu begegnen. Man sucht schlicht, zu verstehen, was vor sich geht, was mit den Regionen (dem Raum) passiert, sie unter veränderten Bedingungen neu zu deuten. Das betraf nicht nur das Thema selbst, sondern auch die Art der Auseinandersetzung mit diesem. Wo alles gleitet und sich wandelt, akzentuiert auch die Theorie das Moment der Veränderung, konkret die wechselseitige Relationalität von Raum und Gesellschaft. Raum wird in den aktuellen kulturwissenschaftlichen Konzepten durchgängig (in manchen freilich schon seit langem) nicht als statisches Behältnis begriffen, sondern als durch kulturelle Praxis und soziale Beziehungen erzeugter, erfahrener Raum.[ii] Er ist nicht, er wird hervorgebracht. So auch die Region bzw. die Regionen, die man einem einleuchtenden Definitionsversuch zufolge in Hinsicht auf die die Kulturwissenschaften vor allem interessierende Perspektive als „Kulturraumverdichtungen“[iii] begreifen kann.
Das zusätzlich Spannende an dem Thema war die Dynamik, die es durch die aktuellen Entwicklungen erhält. Migration, neue wie alte Medien sowie der rasche Wandel wirtschaftlicher und kultureller Verhältnisse verändern nicht nur die Regionen selbst, sondern auch deren Selbstbilder nachhaltig. Regionalität und Regionen, darüber lohnt sich nachzudenken, sind ein Thema, weil diese einerseits, zumindest in Europa, gegenüber dem Nationalen an Bedeutung gewinnen, andererseits aber – durch die Globalisierung – in ihrer Identität gefährdet sind. Vom Regionalen ist deshalb nicht zuletzt auch vermehrt die Rede, seit dieses schwindet. Diesen Prozess kann auch regionale Literaturgeschichtsschreibung mit reflektieren. Denn ihr Thema ist – neben den Texten, Autoren, den Bedingungen, die diese vorfinden, den Orten, über die sie schreiben – auch die Geschichte einer Region. Ihr sich zuzuwenden und über sie Identität zu generieren – und sei es in (selbst)kritischer Betrachtung – in einer Phase, da das Regionale als regional Besonderes gefährdet ist, kann mehrerlei bedeuten: „Rettung des Besonderen“[iv], Besinnung aufs Erbe, da dieses nicht mehr selbstverständlich tradiert wird, regionale Neupositionierung unter veränderten politischen Vorzeichen (in den 1990er Jahren vor allem für die Regionen des europäischen Ostens). Ihr ‚aufgeklärt‘ sich zuzuwenden bedeutete, auch die Intentionen dieser Zuwendung offen zu legen und zu reflektieren.

 
Schwerpunkte


Das Projekt Theorien und Probleme regionaler Literaturgeschichtsschreibung sucht in vier Schwerpunktsetzungen sein Thema zu erfassen. Dass es dabei, angesichts bemerkenswerter Vorarbeiten[v], nicht notwendig war, bei Adam und Eva anzufangen, versteht sich von selbst.
Die erste zielte dabei grundlegend in Anlehnung nicht an den Inhalt, aber den Titel einer berühmten Antrittsvorlesung auf den Gegenstand selbst. „Was heißt und zu welchem Ende studiert (oder schreibt) man (heute) regionale Literaturgeschichte(n)?“, lautete demzufolge (auch in Fortführung früherer Forschungsarbeiten)[vi] die prinzipiell ergebnisoffene erste Fragestellung, in welcher es um eine Rechtfertigung des Gegenstands selber, seine Methoden sowie – nicht zuletzt – die Differenz von regionaler und nationaler Literaturgeschichtsschreibung, deren je unterschiedliche Akzentsetzungen u. ä. ging. Die Schwerpunktsetzung zielt im Weiteren natürlich auch auf eine (Selbst-) Reflexion der Projekte des Brenner-Archivs in diesem Bereich.[vii]
Die zweite stellte im Anschluss an das oben Skizzierte den Begriff der Region selbst sowie das Thema Raum ins Zentrum ihres Interesses. Nicht um Regionalitätsforschung im engeren Sinn freilich ging es dabei, wohl aber um den Wandel des Regionalen vor einem globalisierten Kontext, um mögliche Antworten der Literatur darauf (in einem eingeschränkten Untersuchungsfeld) und um den grundsätzlichen Zusammenhang von Regionalität fokussierender Literaturwissenschaft und Raumtheorie. Das zielte auf eine Akzentuierung des Aufmerksamwerdens auf die beschriebenen Orte (und darauf, wie sie beschrieben werden) sowie auf die Präsentation von Raum in den Texten generell, also auf das Thema der literarischen Raumgestaltung[viii], im Hinblick auf die theoretische Betrachtung und Darstellung auch auf die Akzentuierung der räumlichen Vernetzung (im Gegensatz zur Linearität der Zeitperspektive). Hierbei ging es angesichts des Umfangs der Thematik freilich nur um einzelne Schlaglichter, um topographische Erkundungen in einzelnen Texten, nicht aber um eine (mögliche) Theorie des ‚literarischen Raumes‘.
Die dritte Schwerpunktsetzung zielte, daran anschließend, auf Regionalität als Strukturmoment literarischer Texte, ein Thema, das insbesondere durch Norbert Mecklenburgs vielbeachtete Arbeit Erzählte Provinz entscheidende Impulse erfahren hat und das heute ob der skizzierten Prozesse, die Regionen betreffend, und ob der (in der Regel) selbstverständlichen Modernität in zeitgenössischer Literatur aus der ‚Provinz‘ besonders aktuell ist. Ist die Verschränkung von Regionalität und Moderne das Spannende an den von Mecklenburg untersuchten Romanen[ix] und macht vielfältige Differenzierung im Hinblick auf Phänomene wie Moderne und Anti-Moderne, Großstadt- und Provinzroman, ‚Heimatkunst‘ und Avantgarde nicht zuletzt die Qualität seiner Studie aus, so ist in kritischer Fortführung seiner Arbeit doch zu fragen, inwieweit die Kategorie der Regionalität eines Textes, bei Mecklenburg als seine „ländlich-provinzielle Bestimmtheit“[x] definiert, nicht zusätzlicher und weiterer Differenzierung und zugleich einer Erweiterung bedarf. Grundsätzlich ist Regionalität ja nicht aufs ‚Ländliche‘ zu beschränken und im literaturwissenschaftlichen Diskurs sowohl von der Literatur (als ästhetisches oder ästhetisch-politisches Programm, literarisches Motiv, konkrete Ortsbezüglichkeit) als auch von der Region her zu denken. Im letzteren Fall ist sie dann insbesondere für regionale Literaturgeschichtsschreibung interessant, nämlich als Eigenschaften „in einer Region entstandener oder einer Region sich zuzählender Literatur“.[xi] Ob es hier für einen bestimmten Untersuchungszeitraum tatsächlich regional Eigentümliches gibt oder gab, angefangen von sprachlichen Eigenheiten (etwa dialektalen Färbungen) über Stile, Motive, Gattungen, bevorzugte Themen bis hin zu inhaltlichen Übereinstimmungen, ist und bleibt für regionale Literaturforschung eine reizvolle Fragestellung. Man braucht aus den Ergebnissen dann ja nicht gleich das ‚Wesen‘ eines Volksstammes herauslesen zu wollen.
Die vierte Schwerpunktsetzung endlich betraf das Thema (regionaler) Identität, im Weiteren dann auch – schlaglichtartig – das Thema Heimat. Zu beidem, das braucht hier nicht näher ausgeführt werden, liegt nicht weniges vor. Heimat zumal[xii], als emotional stark aufgeladener und mit mannigfachen Konnotationen verbundener Begriff, hat auch in der Wissenschaft seit den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts (in Verbindung vor allem mit der kritischen Wende in Heimatliteratur und -film) wieder Konjunktur, und erneut natürlich ob der aktuellen Prozesse Europäisierung und Migration. Ob als Geborgenheits- oder Sehnsuchtsort, als Projektionsfläche für retardierende sowohl als auch progredierende Phantasien, ob in seiner problematischen Verklärung und damit zusammenhängenden Trivialisierungen oder (völkischen) Instrumentalisierungen, ob in seinem geschichtlichen Wandel, seiner Orientierungsfunktion, seiner Wechselbeziehung zu Begriffen wie Fremde und Exil oder eben auch in Zusammenhang mit dem „Konzept ‚Heimat‘ in der Literatur“[xiii], kaum eine Bedeutungsnuance des Begriffs, der man nicht mehr oder weniger ausführliche und aufschlussreiche Studien gewidmet hat. Nichtsdestotrotz hatte das Thema auch hier seinen Ort. In unserem Zusammenhang interessierte der Heimatbegriff vor allem als Imaginationsraum für die Autoren, interessierte das Verhältnis der Autoren zum Ort, zur Region ihrer Herkunft, interessierte, ob eine Region Autoren „Heimatbedingungen“[xiv] ermöglicht und interessierte, wenngleich das natürlich kein literaturgeschichtliches Problem im engeren Sinn ist, das Thema Heimat (oder Fremde) in den Texten selbst.
Wenn regionale Literaturgeschichtsschreibung neben den Autoren und der Literatur einer Region auch die Region selber, ihre Orte, ihre Landschaft, ihre politischen, sozialen, sprachlichen und kulturellen Verhältnisse (sowie deren Geschichte) im Blick hat, im Blick haben sollte, so eben vor allem auch deren Spiegelung in der Literatur, also gleichsam den literarischen Raum im realen. Diese doppelte Ortsbezüglichkeit (und damit auch Ortsgebundenheit) ist regionaler Literaturgeschichtsschreibung eigentümlich. Indem sie die Interaktion von Regionen und Literatur kritisch begleitet und kommentiert und neben den Werken auch die soziokulturellen und politischen Prozesse in einer Region verfolgt, insbesondere aber deren literarische Spiegelung, sucht sie beidem gerecht zu werden, dem Kunstcharakter der Werke, die immer noch im Mittelpunkt stehen sollten, aber auch dem, was diesen (mit) verortet. Und – mit verantwortet. Denn die regionale Situierung der Werke, die Analyse auch ihrer regionalen Bedingtheit nehmen diesen nichts von ihrem Kunstcharakter, können aber entscheidend zu ihrem Verständnis beitragen, zumindest diesem neue Facetten erschließen. Davon unberührt, sind die vielfältigen Impulse, die regionale Literaturgeschichtsschreibung der Literaturgeschichtsschreibung insgesamt zu vermitteln vermag, erst noch zu entdecken und deren systematische Darstellung ein Desiderat.

Roger Vorderegger



[i] Im Folgenden, das zu illustrieren, nur eine Auswahl von Titeln (in alphabetischer Folge) zum Thema Regionalismus und Literatur resp. regionale Literaturgeschichtsschreibung, um die es hier geht. Die Renaissance des Themas ist aber allgemein und hängt natürlich auch mit den Entwicklungen durch die und in der EU zusammen: Dieter Breuer: Warum eigentlich keine bayerische Literaturgeschichte? Defizite der Literaturgeschichtsschreibung aus regionaler Sicht. In: Kontroversen, alte und neue. Akten des VII. Internationalen Germanisten-Kongresses. Hg. von Albrecht Schöne. Tübingen 1986, S. 5–13. Dieter Fechner: Literarisches Mühlhausen in Thüringen. Eine kleine regionale Literaturgeschichte. Bad Langensalza 2005; Wilhelm Gössmann, Klaus Roth (Hg.): Literarisches Schreiben aus regionaler Erfahrung. Westfalen – Rheinland – Oberschlesien und darüber hinaus. Paderborn u. a. 1996; Jens Haustein, Helmut Tervooren (Hg.): Regionale Literaturgeschichtsschreibung. Berlin 2003 (= ZfdPh. 122, Sonderheft); Renate von Heydebrand: Literatur in der Provinz Westfalen 1815–1945. Ein literarhistorischer Modellentwurf. Münster 1983; Detlef Ignasiak (Hg.): Beiträge zur Geschichte der Literatur in Thüringen. Rudelstadt, Jena 1995. Instytut Filologii Germańskiej der Uniwersytet Opolski (Hg.): Regionalität als Kategorie der Sprach- und Literaturwissenschaft. Frankfurt/M. u. a. 2002; Norbert Mecklenburg: Die grünen Inseln. Zur Kritik des literarischen Heimatkomplexes. München 1986; Andreas Kramer: Regionalismus und Moderne: Studien zur deutschen Literatur 1900–1933. Berlin 2006; Arno Lubos: Literatur Schlesiens: Aufsätze und Vorträge. Berlin 2007; Ernst Mader: Literarische Landschaft bayerisches Allgäu. Grundzüge einer regionalen Literaturgeschichte. Blöcktach 1994; Anselm Maler (Hg.): Literatur und Regionalität. Frankfurt/M. u. a. 1997; Jens Stüben (Hg.): Ostpreußen – Westpreußen – Danzig. Eine historische Literaturlandschaft. München 2007; Martina Wagner-Egelhaaf (Hg.): Region – Literatur – Kultur. Regionalliteraturforschung heute. Bielefeld 2001; Armin von Ungern-Sternberg: „Erzählregionen“. Bielefeld 2003.
[ii] Zur vielfältigen Forschungstätigkeit auf dem Gebiet der ‚Raumforschung‘ der Kulturwissenschaften nach dem „topographical turn“ sei hier nur auf die Homepage der Arbeitsgruppe „Raum – Körper  – Medium“ verwiesen, die einen guten Einstieg in das Thema sowie einen Überblick über die aktuellen Entwicklungen sowohl wie inzwischen klassische Positionen bietet: http://www.raumtheorie.lmu.de/, Stand 23.2.2010.
[iii] Jürgen Joachimsthaler: Regionalität als Kategorie der Sprach- und Literaturwissenschaft. In: Regionalität als Kategorie (Anm. 1), S. 491–591, hier S. 491.
[iv] Vgl. Norbert Mecklenburg: Rettung des Besonderen. Konzepte für die Analyse und Bewertung regionaler Literatur. In: Ders.: Die grünen Inseln (Anm. 1), S. 265–289.
[v] Vgl. Anmerkung 1.
[vi] Auf den Schiller-Titel haben in dem Zusammenhang auch Renate von Heydebrand (1985) und zehn Jahre später Fritz Knapp angespielt. Vgl. Renate von Heydebrand: Was ist und zu welchem Ende betreibt man Literaturgeschichte für die Provinz Westfalen (1815–1945)? In: Grabbe-Jahrbuch, Jg. 4, 1985, S. 80–99; Fritz Knapp: Was heißt und zu welchem Ende schreibt man regionale Literaturgeschichte? Das Beispiel der mittelalterlichen österreichischen Länder. In: Hartmut Kugler (Hg.): Interregionalität der deutschen Literatur im europäischen Mittelalter. Berlin, New York 1995, S. 11–21.
[vii] Insbesondere natürlich auf das Großprojekt „Dokumentation Literatur in Tirol und Südtirol“, die Literaturlandkarte sowohl wie das biobibliographische Lexikon über einzelne Autorinnen und Autoren, die Rezensionsdatenbank und die Informationen zum literarischen Leben in Tirol. Vgl. http://www.uibk.ac.at/brenner-archiv/literatur/, Stand 23.2.2010.
[viii] Ihm hat sich in jüngster Zeit vor allem die groß angelegte und umfangreiche Arbeit von Armin von Ungern-Sternberg, gewidmet, nicht zufällig in Zusammenhang mit einem regionalistischen Thema, nämlich „mit Blick auf die deutsche Literatur des Baltikums“. Vgl. Ungern-Sternberg: „Erzählregionen“ (Anm 1), bes. S. 545–716.
[ix] Brochs Bergroman und Johnsons Jahrestage.
[x] Mecklenburg: Erzählte Provinz (Anm. 1), S. 31.
[xi] Jürgen Joachimsthaler: Regionalität als Kategorie der Sprach- und Literaturwissenschaft. In: Regionalität als Kategorie (Anm. 1), S. 491–591, hier S. 496.
[xii] Paradigmatisch verwiesen sei hier deshalb nur auf einen der aktuellsten Sammelbände zu dem Thema: Eduard Beutner, Karlheinz Rossbacher (Hg.): Ferne Heimat, nahe Fremde: bei Dichtern und Nachdenkern. Würzburg 2008.
[xiii] Vgl. Hans-Georg Pott (Hg.): Literatur und Provinz. Das Konzept ‚Heimat‘ in der neueren Literatur. Paderborn u. a. 1986.
[xiv] Vgl. Martin Walser: Heimatbedingungen. In: Ders.: Wie und wovon handelt Literatur. Aufsätze und Reden. Frankfurt/M. 1973, S. 89–99.