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o. t., faltcollage

 Lümmel Diese Collage ist eine der zahlreichen bildkünstlerischen Arbeiten Max Riccabonas. Ein Teil davon ist im Forschungsinstitut "Brenner-Archiv" der Universität Innsbruck erhalten, ein Teil im Franz-Michael-Felder-Archiv der Vorarlberger Landesbibliothek (wo auch der Vorlass Riccabonas sich befindet), der größte Teil im Vorarlberger Landesmuseum, wo 1989 in einer großen Personale die Collagen Riccabonas ausgestellt worden sind.

Riccabonas anti-musealem Gestus entsprechend ist es eine doppelseitige Arbeit, also nicht zum traditionellen Aufhängen und Ausstellen geeignet, sondern als klapp- und faltbares Objekt gedacht. Man kann - da es nicht sinnvoll erscheint, "Vorder-" und "Rückseite" zu trennen - analog zu einer Vinyl-Scheibe von einer A- und einer B-Seite sprechen. Dem gemäß enthält die A-Seite einen geklebten Text, der die sprichwörtliche Verfahrensweise des "anonymen Briefes" aufgreift ("Outhis"), die fragmentarische B-Seite nimmt den poetologischen Ansatz auf, ergänzt die geklebten Lettern um farbiges, collagiertes Bildmaterial und schließt mit der Abbildung eines Mischpultes.

Dieses Mischpult ist signifikant für die Arbeitsweise und Technik Max Riccabonas in seinen bildnerischen wie in seinen literarischen Arbeiten. Riccabona mischt - bevor es in der zeitgenössischen Kunst und der Populärkultur die Begriffe von Sampling, Remix etc. gegeben hat - verschiedene Bestandteile, kombiniert sie immer wieder neu und unterlegt sie mit wiederkehrenden Motiven.

Leitmotivisch kehrt dabei in seinen bildnerischen Arbeiten etwa die Verwendung von Medikamentenschachteln wieder. Damit ist einerseits das Phänomen der Krankheit, des Leidens präsent; andererseits wird die (künstlerische) Verwendung verschreibungspflichtiger Mittel quantitativ weit übertroffen durch die Collagierung von "C-Vit fortissimum" und anderen abwehrstärkenden Präparaten: Somit wird auf eine sehr ironisch materialisierte Weise der Gedanke von Immunität, von Widerstandskraft, von anhaltender Widerständigkeit manifest, und damit ist stets auch Riccabonas persönliche Geschichte - sein Widerstand gegen das NS-Regime, für den er drei Jahre lang in Dachau ("Auf dem Nebengeleise") inhaftiert war - mit involviert.

Zu diesem Thema gehört auch der ausgeschnittene Satz auf der B-Seite: "Daß wir gute Lager liefern, wissen Sie." Ein Satz, der, aus dem Zusammenhang gerissen und in den neuen Kontext des Riccabonaschen Lebenstextes gestellt, mehr als makaber ins Schwarze trifft, und ein Satz, der noch stärker hervorgehoben wird dadurch, daß die anderen Textfragmente auf dieser Seite zumeist unvollständig und zerstückelt sind. "gute Lager" impliziert die perfektionierte Funktionstüchtigkeit der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie; zugleich wird in der verknappt zugespitzten ‚Qualitätsversicherung' "gute Lager" die moralisch-ethische Dimension so unpathetisch wie stark zum Ausdruck gebracht.

Typisch für Max Riccabona ist der spielerische Umgang mit Bild/Text-Mehrdeutigkeiten oder auch -verstärkungen, wenn zum Beispiel in der vorliegenden Arbeit der Buchstabe "O" einmal von einem Geldstück gestellt wird, einmal von einem Kompass und einmal von einer Uhr (die das Wort "Eigentorschlußpanik" schlüssig verstärkt!). Damit sind die Dimensionen Zeit und Raum einerseits, die in Riccabonas Arbeit immer wieder thematisierte Macht des Kapitalismus andererseits (eindrucksvoll in der Buchstabenkombination "knock out") repräsentiert.

"abendländisch normiert" und "musterkonform" spielen eine große Rolle insofern, als Max Riccabona als deklarierter Individualist sich immer gegen Zuordnungen und Festschreibungen zur Wehr gesetzt hat. Ironischen Umgang mit diesem Phänomen zeigt auch das Format dieser Arbeit, die - auf der Basis genormter DIN A4-Seiten bestehend - die reglementierten Ausmaße verlässt, in bewusst verwackelter Optik Vorstellungen vom Idealmaß die Stirn bietet und sie konfrontiert mit der eigenwilligen Ästhetik der bildnerischen wie textuellen "Poetatastrophen".


Petra Nachbaur