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Leseprobe 2a

Leseprobe 2b

 

Prof. Dr. Theodor W. Adorno
Frankfurt am Main, 25. Februar 1959
Kettenhofweg 123

Herrn Rechtsanwalt
Dr. Max von Riccabona
Feldkirch (Vorarlberg)
Marktplatz 13
Österreich

Sehr verehrter Herr Dr. von Riccabona,

bitte entschuldigen Sie die ungebührlich lange Verzögerung meiner Antwort auf Ihren Brief vom 20. Januar. Ich bin unterdessen sehr krank gewesen - eine schwere Virusgrippe mit Lungenaffektion - und fange jetzt erst allmählich an, mich wieder ein wenig zu erholen - fieberfrei und, wie man so sagt, außer Gefahr, aber noch arg schwach und müde.
Sehr gerne würde ich Ihren Bekannten bei Herrn Cordier behilflich sein. Aber es ist ein bisschen schwierig: einmal, weil ich Herrn Cordier, der mich übrigens zu der Dubuffet-Ausstellung eingeladen hatte, leider nicht selbst kenne, dann aber - und das fällt mehr ins Gewicht - weil ich in Dingen der bildenden Kunst keinerlei Autorität beanspruchen kann. Es wäre ein bisschen so, wie wenn ich versuchen wollte, das, was zu Recht oder Unrecht ich nun einmal in der Musik bedeute, etwas usurpatorisch auf einen Bereich zu übertragen, in dem mir das mangelt, worauf es zunächst einmal ankommt, wenn man sich getraut, seinen Mund aufzumachen, nämlich das präzise und konkrete technische Verständnis. Es ist also nicht der Mangel an Bereitschaft, sondern die einfachste Bescheidenheit, die mich hier zur Zurückhaltung nötigt.
Vorschlagen würde ich Ihnen, sich in der Angelegenheit der Herren Grebmer-Wolfsthurn und Salzmann der Intervention eines Österreichers zu bedienen. Von den hier lebenden wäre wohl der geeignetste mein Freund Andreas Razumovsky; Sie können ihn jederzeit über die Frankfurter Allgemeine Zeitung erreichen. Ich nehme an, dass Sie ihn kennen (er ist ein alter Freund von Barbara Coudenhove); sollte das nicht der Fall sein, so autorisiere ich Sie natürlich gern, sich auf mich dabei zu berufen. Empfehlen würde es sich wohl, wenigstens ein paar Fotografien beizugeben, die einigermaßen eine Vorstellung vermitteln.
Sehr schwer ist es, zu Ihren Gedichten etwas wirklich Verantwortliches zu sagen. Gerade bei Lyrik gehört wohl, so paradox das klingt, eine gewisse Fülle von Material dazu, damit man der Konsequenz des Tones innewird. Mir will vorkommen, als wäre in den Meditationen - der Name schon verweist darauf - das Verhältnis zwischen dem Gedachten und dem Wort Gewordenen noch nicht recht gelöst - als wären Gedanken versifiziert ("Unter der Last des Dämons Norm zum Phantom erkalten" ist ein Gedanke, gleichsam diesseits des dichterischen Mediums). Auch will es mir nicht einleuchten, Zitate in Gedichte einzubauen, und der Kontrast von Jazz und Natur ist ein wenig abgebraucht. Aber solche Dinge können in einem durchgebildeten Oeuvre einen ganz anderen Stellenwert gewinnen als den, der ihnen isoliert zuzukommen scheint, und eben darum zögere ich so sehr. Ich weiß, wie ängstlich Thomas Mann immer wieder sich sträubte, Gedichte zu beurteilen, die man ihm vorlegte - und wo sollte ich eine Zivilcourage hernehmen, die ihm abging.
Sehr freuen würde ich mich, Sie wiederzusehen, und verbleibe mit den freundlichsten Grüßen

Ihr stets ergebener
Th. W. Adorno

"publikation mit freundlicher genehmigung des Theodor W. Adorno
Archivs, Frankfurt am Main"