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Leseprobe 3a

 

Leseprobe 3b

 

New York 24, 30. Dezember 1963
50 West 77 Street

Lieber Graf Riccabona,

wie Sie sehen, erinnere ich mich Ihrer sehr wohl: ich gebe Ihnen Ihren Titel, mit dem Sie sich bei uns in Paris eingeführt haben. Ich tue es nicht, um unserem lieben Josef Roth eine Freude zu bereiten, der ja mit größerer Lust Briefe an einen lieben Grafen, als nur an einen "Herrn von.." zu schreiben pflegte. Denn wie Sie wissen, bin ich ja kein Legitimist, womit ich nicht sagen will, dass mir die Gesetze der Republik, die die Adelstitel abschaffen wollen, nicht stagelgrün [?] aufliegen.
Ich habe mich mit Ihrem Brief riesig gefreut und Sie können gewiss sein, dass ich mich auch gefreut hätte, wenn Sie mir nicht anlässlich der Erscheinung meines Romans gratuliert hätten. Aber was machen Sie, lieber Graf Riccabona, in Feldkirch? Was macht man überhaupt in Feldkirch? Mich hat man, wie ich aus Österreich geflüchtet bin, just in Feldkirch ganz nackt ausgezogen und mir auch das ganze Geld, das ich bei mir hatte, weggenommen. Aber ich bin mit Feldkirch nicht böse; im Gegenteil, mir hat dort am Bahnhof während der Revision ein S-A-Mann, ein jugendlicher Tiroler, das Leben gerettet. Das ist eine sehr hübsche Geschichte, die ich Ihnen nicht kurz erzählen will. Ich hoffe, Sie nämlich noch einmal zu sehen; denn sollte ich in diesem Jahr nach Europa reisen, was ich plane, werde ich gewiss auch nach Wien kommen, wo wir uns treffen könnten.
Auf Ihre Fragen: Was mit Jonas ist, weiß ich nicht. Ich hab ihn zuletzt einmal in Paris 1950 getroffen, wo er sich als tüchtiger Berliner Jude sowohl literarisch als auch katholisch betätigte. Hans Natonek ist leider hier in Amerika vor ein paar Monaten gestorben. Ich habe ihn zum letzten Mal 1957 in Paris gesehen, wo er ganz unverändert, d.h. ganz jung aussah und frisch verheiratet war.
Meine Frau lässt Sie herzlich grüßen. Mein Sohn, der damals 8 Jahre alt war, erinnerst sich Ihrer leider nicht. Er ist nun ein erwachsener Mann und ist ein Musikschriftsteller, hauptsächlich für Jazz passioniert.
Nun wünsche ich Ihnen ein Gutes Neues Jahr und hoffe, von Ihnen bald wieder zu hören, was mich aufrichtig freuen würde, denn wir haben uns beide noch an sehr viel Gemeinsames zu erinnern.

Herzlichst,
Ihr,
Soma Morgenstern

P.S. Wie erfährt man in Feldkirch, dass ein Roman von mir erschienen ist? Schreiben Sie mir darüber Genaues, - da kann ich nicht genug darüber hören.