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Leseprobe 4a

Leseprobe 4b

Leseprobe 4c

 An Wolfgang Bauer, 26.5.1979


Lochau, 26.V.1979
DDr. Max v.Riccabona
6911 Lochau, Vorarlberg
Pfänderstr. 6


Lieber Wolfi!
Nachdem ich schon ziemlich lange nichts mehr von Dir gehört habe, auch nichts darüber, was Du treibst und schreibst, benütze ich folgenden Anlass, Dich wieder zu "kontaktieren" (wie's bekanntlich im Jargon der Spionageagenten heisst).
Ich nehme an, dass Du in den Protokollen 78/2 gelesen hast, was Otto Breicha an ersten Entwürfen zum Halbgreyffer gebracht hat und bedaure ich ausserordentlich, dass Du verhindert warst, wie ursprünglich besprochen, bei dieser Gelegenheit dazu ebenfalls was zu schreiben. Rein(h)ard Priessnitz, ist dafür eingesprungen, wie Du allenfalls ersehen konntest. Ich hoffe nun mit dem Halbgreyffer bis Ende des Jahres fertig zu werden, da ich nur noch das Material an Skizzen und Entwürfen ect. "entchaotisieren" also ordnen muss. Dies ist allerdings auch nicht gerade leicht und erfordert eine ziemlich effiziente Konzentration, da ich mir stilistisch sozusagen eine "Fluktuation" zwischen konventionellen Artikulationsformen (bezw. Des- oder Entartikulationsformen) und aleatorisch konstruierten Bauelementen ect. vorgenommen habe, wobei ich irgendwie, ich gebe es zu, mich habe mehr von Komponisten, wie John Cage und bildenden Künstlern, wie Marcel Duchamps Impulse entliehen habe, als von Schreibern.
Eigentlich hatte ich nun die Absicht, meine ganzen handschriftlichen und maschinengeschriebenen mehr oder minder lesbaren Entwürfe, Skizzen ect. kurzum meine Vorarbeiten dem Mistkübel zu überantworten oder zu verbrennen. Einige Freunde, Freundinnen und Bekannte schlugen mir aber nun vor, dieselben jenen von ihnen, die an diesen Vorarbeiten allenfalls interessiert sein könnten, zu dezidieren.
Nachdem Du einer der Allerersten warst, die von mir überhaupt Notiz genommen haben, habe ich nun auch Dich, pardon bitte, zu jenen gezählt.
Nun zu den Beilagen: Beilage IA, aleatorische Phrasen und Wortesammlungen, Verfremdungen, Phraseologieexzerpte, Protokolle über in Spelunken ect. akustisch Aufgeklaubtes ect: Hier habe ich teils in einer teils in zwo, teils in drei Kolonnen dies u.a. auch plötzliche Einfälle ad hoc, also sozusagen aleatorisch notiert, wobei dies dann als Bauelemente auf alle drei Teile je nach Bedarf aufgeteilt wird. Also auch z. B. beim zwoten Teil der ausschliesslich Diskussion ist auf Zwischenrufe von anderen Tischen usw. Hier verweise ich vor allem auf A2, deutsche Presseschau v. 23. April 1977, weil es sich hier um ein formales, methodologisches Experiment handelt, das allenfalls auch für Dich als Autor bezgl. Deiner Arbeiten interessant sein könnte. Der Vorgang ist dabei folgender: ich schreibe z. B. am 9uhr früh z. B. an Skizzen zu den Diskussionen des 2. Teils, also aleatorisch z.B. oder auch zu einem Gedicht. Nun kann man bekanntlich immer jeweils um 9 Uhr früh vom Deutschlandfunk die Presseschau hören. Ich sitze also bei eingeschaltetem Radio an der Schreibmaschine und höre diese gleichzeitig zum Schreiben und nehme sofort also ad hoc irgendeine gehörte Phrase oder einen Fetzen davon akustisch auf und notiere sie entweder auf einem neben der Schreibmaschine liegenden Zettel oder direkt in den maschinengeschriebenen Text. Dies geschieht vor allem, um den auditiven Vorgang unmittelbar zu fixieren, denn später würde er allenfalls durch Reflexionen unfreiwillig dazu Erfundenes oder Gedachtes verunreinigt. Das Verfahren ist übrigens nicht ganz neu. James Joyce wendete es z.B. sicher in seinem Werk "Finnegans Wake" an. Wie es in seiner Biographie von Ellman heißt, diktierte er einmal seinem Sekretär. Jemand öffnete die Tür und rief irgendwas herein. Joyce daraufhin: ".. Bitte schreiben Sie dies auch noch dazu hinein.." So stellen viele der Aleatorika der Beilage IA keineswegs reine Erfindungen von mir dar, sondern sind Deformationen, Überdrehungen von Zeitungslektüre, Behördenankündigungen, von Gehörtem aus dem Funk, von aufgeklaubten Sprach- bzw. Gesprächsfetzen an Wirtshaustischen auch die Zwischenrufe habe ich öfters ähnlich von Nebentischen in Spelunken gehört. Heute hieß es z.B., um 9 Uhr in den Nachrichten vom Deutschlandfunk über einen Bombenanschlag in einem Café in Madrid wörtlich: "..Die Bomben explodierten auf der Toilette, einem Ort der sehr oft Versammlungen der extremen Rechten dient.." usw. Soweit dies. Typisch daran ist, wie erwähnt die sofortige Notierung des Gehörten, die dann allenfalls verfremdet oder auch wörtlich in den Text investiert werden kann, was meines Erachtens die Möglichkeit zum direkten Zugang zur Realität des Heute vergrößert und vor allem für eine parodistische Auseinandersetzung mit der Informationslawine der Zeit besonders geeignet ist.
Beilage II: Der Umschlag enthält Skizzen zum 1. Teil, die bereits rudimentäre Gestalt angenommen haben. Durch II A bis II C habe ich die Skizzen nach den Phasen ihrer Entstehung geordnet, als work in progress. Alle Phasen sind jeweils mit aleatorischem Material, das bis zum Zeitpunkt der Niederschrift vorhanden war, jeweils angereichert. Ferner: da der erste Teil ja aus lauter mißglückenden Anläufen, Einleitungsversuchen und deren Diskussionen in einem kleinstädtischen Weinhaus bestehen soll, sind sie jeweils den entsprechenden Personen zugeordnet, also mißglückter Anlauf des Chronisten, des Scholaren ect. Der Hudibras von Samuel Butler ist sozusagen die englisch-puritanische Parallele zum Don Quijote und stellt eine Bildungsprotzerei des Chronisten dar, die er bei dieser Gelegenheit anbringen will, im Text als Montage dazu collagiert.
Zu Beilage III: Skizzen zum 2. Teil: Auch hier in drei Phasen, jeweils aleatorisch angereichert. Er besteht ausschliesslich aus Diskussionen und unterscheidet sich vom ersten Teil vor allem durch den Ortswechsel. Während die Ereignisse des 1. Teils in einer Kleinstadt stattfinden, treffen sich nun die vier Symposiasten in einem Dorfwirtshaus in Syndenprumpfstetten am unteren Schweinbutzbach, wohin sie der Studiosus in sein geerbtes Wirtshaus zum frohen Ochsen eingeladen hat. Anstatt Wein wird nun Jubiläumsfrohestochsenbockbier gesoffen. Dies hat das akute Auftreten von Sprachsyndromen zur Folge. Und zwar das "Meinichsyndrom des Scholaren, das "Netwohrsyndrom des Studiosus, sowie als simpelstes und vulgärstes das "Jawollsyndrom des Chronisten und aller Zwischenrufer. Das "Äh, Ähn" des Dr. v. Halbgreyffer ist aristokratisch erbbedingt, daher nicht durch Bier provoziert und daher auch kein Syndrom. Es kommt daher auch schon im ersten Teil vor.
IV A Dr.v.Halbgreyffer ist schon im Sanatorium zur frohen Seelengenesung, wo er im Rahmen der Parodie auf die Psychoanalyse wild drauflos schreibt. Neue Aleatorika (das erste Thema wird also wieder aufgegriffen), lyrische Prosa und
IV B Gedichte. Dabei verfolgt er zwei Ziele. 1. Unter dem Titel "Abecedarien" eine manieristische Parodie auf Harsdörffer ect Athanasius Kircher usw. Jedes Gedicht fangt mit jeweils einem Buchstaben des "Analphabetes" jeweils mit dem Buchstaben desselben an, wobei jede Zeile damit beginnt. Betäubt usw. Ferner Metatropismen. Dr.v.Halbgreyffer ist sexuell Metatropist. Er wäre vielleicht homosexuell, wovon ihn jedoch das Vorhandensein des männlichen Geschlechtsteiles abschreckt, weil dies Balanceschwierigkeiten vor allem im Falle der Erektion ergeben könnte, was nach Ansicht des Dr.v.Halbgreyffer "die Einordnung in die Pulsationen des Kosmos stören könnte". Er ist deshalb passive Lesbierin.
Am vierten Teil bin ich gerade dran und habe auch schon das ä ganze Material gesammelt. Es ist ein üblich geschriebener Roman des Dr.v.Halbgreyffer. Als Abenteurer schildert er seine Begegnungen und Erlebnisse, die er mit einem weiblichen James Bond zusammen absolviert. Wenn Dich die diesbezüglichen Skizzen auch interessieren, könnte ich sie Dir schicken. Soviel für heute, also wie erwähnt, wenn erwünscht, Fortsetzung folgt.
Mit herzlichsten Grüssen Dein
P.S. Hast Du übrigens die Ansichtskarte von meiner großen Schiffsreise von Florida durch die Karibik nach Rio erhalten.