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Leseprobe 1

Leseprobe 1b klein

 

Schaan, den 7. 2. 1947

Lieber Herr Rost!

Sie werden sehr erstaunt sein, etwas von mir zu hören, aber ich habe Ihnen versprochen, einmal zu schreiben; ich will jetzt dieses Versprechen erfüllen. Ich möchte mich gleich zu Beginn dieses Briefes für dessen mangelhafte inhaltliche wie äußere Form entschuldigen. Leider habe ich sehr wenig Zeit, ein literarisches Kunstwerk zu schaffen und die ständige Geschäftskorrespondenz verschlechtert ebenfalls den Stil. Außerdem bin ich gezwungen, mit der Maschine zu schreiben, da meine Handschrift völlig unleserlich ist und selbst eines Analphabeten unwürdig wäre.
Wie geht es Ihnen eigentlich?
Ich hatte, wie Ihnen bekannt sein dürfte, in Dachau noch den Flecktyphus bekommen, gewissermaßen als letzten Gruß der nordischen Edelidee und kehrte erst am 19. Juni 45 zu meinen väterlichen Penaten zurück. Ich ging sofort in ein Sanatorium, da auch ein leichter TBC Einbruch festgestellt worden war. Leider wurde ich gegen meinen Willen in die Politik getrieben. Die drei Parteien konnten sich auf keinen Vorsitzenden des Landesausschusses der Legislative einigen; einig wurden sie erst, als sie glaubten, mir dieses unangenehme Amt anhängen zu können; sie schickten mir ihre Vertreter. Und wie Geschäftsreisende oder Versicherungsagenten derselben Firma beschwätzten mich Klerikale, Sozialisten und Kommunisten solange, bis ich, um meine Ruhe zu haben, zusagte. Die Wahlen zu den Parlamenten in Wien und den Bundesländern brachten mir die so ersehnte Möglichkeit, mich aus der Politik zurückzuziehen; ich bin nur noch Vorsitzender eines Boxclubs und gehöre keiner politischen Partei an.
Gesundheitlich bin ich so halbwegs auf der Höhe, obwohl sich durch meinen törichten Entschluss, ein Zeit lang ein politisches Amt zu übernehmen, meine Heilung naturgemäß etwas verzögert hatte. Mein Herz ist durch die Folgen des Flecktyphus noch immer irgendwie beeinträchtigt, was besonders deshalb besonders ärgerlich ist, weil mir der tägliche Genuss von 5 Brasilzigarren, an den ich vor dem Lager gewohnt war, nun verboten wurde; ich darf nur noch eine leichte Zigarre und höchstens zwei Pfeifen im Tage rauchen. Auch hinsichtlich der Pirschgänge im Hochgebirge bin ich höchst schmerzlichen Einschränkungen unterworfen; ich darf nur noch auf Enten im Tiefland und nicht auf Gams ins Gebirg gehen. Gott sei Dank wurde diese Einschränkung nur auf ein Jahr ausgesprochen. Auch hinsichtlich Wein und Schnaps bin ich einer Diktatur unterworfen.
Nach Italien bin ich noch immer nicht gekommen.
Ich [...] lebe hauptsächlich in Liechtenstein. Hie und da arbeite ich in der Kanzlei meines Vaters, der Batonnier von Vorarlberg ist. Nebenher arbeite ich an einer These auf juristischem Gebiet, da ich die Absicht habe, Privatdozent für öffentliches Recht zu werden. Es wurden mir auch zwei Mal Posten in der Bundesregierung in Wien angeboten, aber ich habe sie abgelehnt.
Im Sommer fahre ich wahrscheinlich nach Frankreich an die Côte d'Azur oder sonst irgendwo hin, da bei uns das Wetter meistens im September am schönsten ist. Hätten Sie übrigens Lust, im September einmal herzukommen und einige Bergtouren zu machen. Ich habe ein sehr romantisches Haus gemietet, [...]. Der Besitzer ist ein uralter Wilderer, der noch die Kunst besitzt, aus den unwahrscheinlichsten Pflanzen Schnäpse zu brauen. Jetzt ist er bei mir als Aufseher. Selbstverständlich kein elektrisches Licht und kein Radio. Das Essen sehr gut und ein wenig primitiv. Außerdem ist, was bei uns eine Seltenheit ist, dieser Bauer ein Freigeist und Heide im wahren Sinn des Wortes, nicht im Pseudosinn der Nazi.
Ich müsste es nur rechtzeitig wissen, wann und mit wie viel Personen sie ungefähr kommen und zwar bis etwa Juli, damit ich das Notwendige arrangieren kann.
Ist es Ihnen bekannt, dass Ludwig Ficker wieder einen "Brenner" herausgegeben hat? Ich werde Ihnen, wenn ich Ihre genauere Adresse habe, einige Sachen von hier zuschicken, von denen ich glaube, dass sie Ihren Interessen entsprechen dürften.
Sind Sie mit Bob Klessens in Verbindung? Ich möchte sehr gerne mit ihm die Verbindung aufnehmen, er hat mir in der Größe seiner Geistigkeit in Dachau einen unauslöschlichen Eindruck gemacht.
Haben Sie Verbindungen zu sowjetischen Kreisen? Es würde sich nämlich um folgendes handeln: Der Lieblinssohn von Theodor Haecker, der knapp vor Torschluss noch gestorben ist, wie Ihnen bekannt sein dürfte, befindet sich in russischer Gefangenschaft und man hat nicht die geringste Nachricht von ihm. Ich habe dies durch Ludwig Ficker erfahren, der mit der Tochter des Verewigten in Verbindung ist. Glauben Sie, dass man in diesem Fall etwas machen könnte?
Ich glaube, dass auch Ihnen das Andenken Theodor Haeckers so teuer ist, dass Sie diese Bitte nicht als eine Zumutung empfinden. Falls Sie etwas zu unternehmen in der Lage wären, wäre ich sehr dankbar, wenn Sie mir dies mitteilen könnten.
Haben Sie Verbindung zu Picasso? Es würde mir sehr viel daran liegen, den größten Maler der Jetztzeit kennenzulernen.
Ich glaube oft daran, ob es nicht überhaupt gut wäre, wenn die wenigen geistig noch beweglichen Europäer sich zusammenfinden würden, in einem so eng als möglich gehaltenen Kontakt, um zu den Schwierigkeiten und Verkrampfungen der Zeit einen Beitrag leisten zu können. Ich will mich beileibe nicht als großen Geist bezeichnen, aber vielleicht kann man auch eine zum Ausgleich von Meinungen befähigte Natur in diesem Zusammenhang brauchen. Und darin habe ich eine gewisse Praxis. Es gelang mir während meiner Tätigkeit tatsächlich, Konservative und Kommunisten und alles mögliche unter einen Hut zu bringen; die meisten Beschlüsse waren einstimmig, obwohl der Legislativkörper paritätisch, nicht proportional zusammengesetzt war.

In diesem Sinne und in der Hoffnung, bald etwas von Ihnen zu hören, verbleibe ich mit kameradschaftlichen Grüßen Ihr sehr ergebener

P.S. Ich hoffe, das nächste Mal einen Brief zu schreiben, der weniger Ihre stilistischen Gefühle verletzt; es ist hoch an der Zeit, dass ich aus einem Waldmenschen wieder in einen Europäer verwandelt werde.