Literatur in Osttirol Projektbeschreibung Osttiroler Autoren Leseproben Mitarbeiter

 

Leseproben - "Literatur in Osttirol"


 

 
 

Trojer, Johann: "RUTLUK – Ein Rückblick".
In: Föhn 10, 1981, S.7f.


>>1 Mittelpunkt<<
Als ich die Volksschule, die ja immer an die Kirche angehängt war, besuchte, bedrängte mich zweifache Not, die Kälte und die "Häuslzeit". Sie gehörten zusammen. Kirche und Schule, beide auf der Schattenseite gelegen und in hoher Lage, wo der Winter kein Ende nehmen will, dazu, machten uns, ohnedies nur notdürftig gekleidete Bauernkinder durch und durch gefroren. Ununterbrochen ausbrechende Hustenanfälle, die einander natürlich ansteckten, und die, je mehr wir sie zu verhalten versuchten, desto unvermeidbarer waren, bildeten den ständigen schaurigen Chor bei Messe und Unterricht. Es war, als wäre etwas zu verbellen gewesen, was sich nicht hatte verbellen lassen. Wer zum Dienst am Altar auserwählt war, wurde des Ofens in der Sakristei und der lodenen Ministrantenkittel und der warmen Krägen wegen regelrecht beneidet. Die anderen Kinder froren an Füßen und Händen, an allen Enden und Zipfen umso mehr.
Für die Häuslnot (fern vom Heimathaus) gab es im gegabelten Zwiesel Schule-Kirche keinen einzigen (Ab-)Ort, wo man das Nötigste halbwegs sauber hätte verrichten können. Volle Hosen, Lachen, Urin unter den Kirchenstühlen und Schulbänken, Gestank und Spott waren denn auch an der Tagesordnung.
Die Klos im Schulhaus waren gänzlich unbenützbar. An ein sitzendes Geschäft war überhaupt nicht zu denken. So standen die Haufen auf dem Brett und Boden herum. Wir Knaben urinierten von Ferne Richtung Öffnung, den Mittelpunkt des vollkommenen Kreises mit der Seele suchend. Am Boden bis zur Tür beulten sich die Eisgallen gelb. Wer ihnen mit genagelten Goiserern zu nahe trat, glitschte aus und schlug in den – prosaischen – Dreck.
Die Welt ist kleiner und klein geworden, seitdem der Mensch aus dem Mittelpunkt des Kosmos eigenhändig verrückte. Nowaja Semlja liegt geläufig um die nächstbeste Ecke. Wirklichkeiten, die es gar nicht gibt, wenn es die Medien nicht gäbe sind uns aufgegangen. Im Lustschloß Belvedere zu Wien macht Heinz Conrads heute seine Gala, strahlt strahlend sich aus in den Äther. Nur mit einem Satz in Versfüßen komme ich da drüber hinweg. Wenn die Werbehausfrauen ihre Mundränder zwischen hantigem Zweifel und erlöstem Glauben aufmerksam verziehen, muß ich wegschauen. Ich erbreche vor Erbrochenem.
Vom Schwarzsee im Krater wie auf dem Mond die Geschichte könnte ich erzählen. Der Stein, der versank, um im Grunde das goldene Hufeisen zu finden, hätte ich, hätte ich ihn nicht geworfen, sein können. Die Wellen, die er machte, schlug ich. Wie das Licht verhalte ich mich in Quanten und Wellen.
Als I-Punkt wird man in die Welt gesetzt, und der Tod macht einen Punkt zuletzt hinter alles. Dazwischen breitet man sich ein wenig aus. Man zeigt klare Überzeugungen her, wo man sie nicht hat. Den Arzt erkennt man an der Tasche, die Demagogen an der Masche. Die Vorstellung vom harmlosen Landleben stützt sich weitgehend auf die Deichsel eines  Leiterwagens. Vorbeikommen an der Front bewaffneter Gesichter! In der Jugend mit Möglichkeiten gespielt, ohne Aussichten gesehen zu haben. Ich mache es kurz: Wo bleibt da ein möglicher Mittelpunkt? Ich stelle ihn in Frage um für mich es zu sein.
Wenn wir Kinder die runde Sau aus dem Stall, der zu allen heiligen Zeiten einmal auszumisten war, in die Weite schieben mußten, wo besser hätten wir anfassen können als vorn an den wunderbar großen Ohren und am Ringelschwanz hinten. An den Enden ließ sie sich bewegen. Am weitesten vor reichen nun einmal die Sinne. Wir sollten uns ihrer mit der größten Lust und Leidenschaft bedienen. Der Sinn mag irgendwie irgendwo dazwischen liegen, der Lungenbraten, das Beuscherl. Bei genauerer Betrachtung zerfällt eben alles.
[...]


>>Echter<<
Der Abschnitt fängt mit der echtesten Süßigkeit, die die Natur beschert, an: mit dem Bienenhonig in- und ausländischer Herkunft. Was sich als echter Gebirgshonig deklariert, wurde von emsigen Immen im oststeirischen Hügelland gesammelt. Einer meiner Brüder hat aus Großvaters Stand fürwahr echten Honig stehlen wollen, aber einen Fladen echte Brut erwischt. Er bekam einen ruhrartig schwarzen Durchfall und wäre beinahe daran gestorben. Die Frau Baldauf in Panzendorf hat ihn wieder gesundgepflegt. Jetzt ist er ein starker Bergbauer und Totengräber. Beim Fis-Rennen wurden er und einige andere brave Bauern vom obersten Versellenberg abkommandiert, in Rückenkörben Schnee zur homologierten Strecke zu bringen. Hat diese an sich äußerst unliterarische Sache nun etwas mit Kultur zu tun oder nicht? Mir scheint, sie entbehrt der tragischen Poesie nicht.
Inzwischen bin ich gegen das verlogene Schmuckwort >>echt<< unsagbar allergisch geworden, habe es aus meinem Munde verbannt, kann es nicht anhören. Zu oft habe ich es vernehmen müssen von Kulturpolitikern, Altertumshändlern und Politikern. Im >echten< Brauchtum wird es beschworen, in >echten< Volksliedern wird es besungen. Die >echt< tirolische Gemütlichkeit macht Krawall. Die >echteste< Tiroler Gastlichkeit ist das Wurzen. Je unechter etwas ist, desto >>echter<< gebärdet es sich. An diese Schlußfolgerung kann man sich unbesehen halten. Das >Echte< ist längst nicht mehr das Rechte. Die besonders >echten< Tiroler haben es verächtlich gemacht.
[...]


>>Kultur zu sein<<
Heute, jetzt, wo ich so lebe, wie ich lebe, weiß ich mit der >>Kultur<< natürlich am allerwenigsten anzufangen. Von hohen Gebirgen eingeschlossen gehen die Tage und Wochen mit mir ihren Gang und ich komme (schön langsam?) in die Jahre, wo einem nach der allgemeinen Geltung nichts mehr zuzutrauen ist. [...]
So lebe ich in Abschnitten, zehre an Vergangenheitsresten und verzehre mich stückweise selber. Die chronische Krankheit, mit den haltbarsten Fasern meines Habitus eigentlich von Wochenend zu Wochenend immerzu zu leben, hatte mich bereits im bischöflichen Gymnasium befallen. Samstagnachmittag konnten wir immerhin Prüfungen und Prüfungsangst befristet >>vergessen<<. Am Sonntag gab es keine Lektio, statt >>Studium Freistudium<<, mehr Freizeit, längeren Morgenschlaf und besseres Essen. Die Dispositionen nach Wohlbefinden, Körpergefühl, Freude und Freiheit, die wir meinten, nach Wollen, was wir konnten, und nach noch nicht abgetöteter Lust waren schnurstracks auf die freien Tage hin ausgespannt. Von meinem Vater, einem unendlich fleißigen Weber, der sich zu Tode >>gewirkt<< hat, habe ich das Denken nach den textilen Begriffen von Zettel und Eintrag. Die abzuspulenden Werktage sind der grobe Eintrag in den baumwollenen Zettel. Aus solchem Garn ist die Tuchent gewirkt, nach der ich mich strecke.
>>Wo bleibt da die Kultur?<< fragt formhalber die rhetorische Frage. Sie pflanzt sich auf im Maibaum vor meiner Nase – eine sinnreiche Verlängerung aus 1938 –, sie liegt mir im Ohr wie der samstägige Rasenmäher eines meiner Nachbarn – einen hat jeder übrigens –, sie nimmt die Steigung der Kirchenzäune hinauf schwungvoll im dritten Gang, sie weht aus den Rauchfängen zur Kochzeit wie der Wind. In die Ochsenhörner der Einsteller und aus den Katalogen der Aussteller bläst sie. Am Tisch ißt und im Bett schläft sie (aber auch umgekehrt). Mit dem pensionierten Förster, der das maibaumrunde Geländer der Höhenstraße verlegen tätschelt, geht sie einher. Hut trägt sie oder hängt am Nagel. Sie ist nicht zu fassen, wenn sie da ist. Aber wenn sie fehlt, gehen wir ein. ]


>>Soll jeder Mensch trachten<<
Kultur ist, soviel läßt sich sagen, und das kennzeichnet sie und zeichnet sie aus, an sich vollkommen >>unbrauchbar<<. Die meisten Politiker, Kulturreferenten und Bildungsfunktionäre scheinen das auch durchaus dumpf zu fühlen. Denn sie pflegen im allgemeinen nur jene Kultur zu billigen und zu fördern, die ihnen (!) etwas>>bringt<<. Und diese fördern sie zudem mit öffentlichem Geld. Soweit hat sich bis ins abgelegenste Dorf der kategorische Imperativ, Kultur einfach zu haben durchgesetzt. Und haben wir sie etwa nicht in reichstem Maße, vielfältig wie die Veranstaltungskalender der Fremdenverkehrsorte und zeitgemäß ohne Frage? Wo wir was noch nicht haben, holen wir es aus der nahen oder fernen Vergangenheit her. Es muß nicht einmal unsere eigene sein. Im Notfall schaffen wir fremde, wiewohl >arteigene< Vergangenheiten bei. Denn schließlich brauchen wir Kultur unbedingt, hauptsächlich zum Herzeigen. Da langen wir am besten eben nach dem nächstbesten Tirolerhut, der steht uns ja so gut – je verfilzter, undurchlässiger er ist, desto besser, desto >>echter<< –  und setzen ihn auf, uns, den Häusern, den Hirnen, den Kindern. Was da an organisierten und wohlwollend subventionierten >Kulturträgern< landesweit bis zur Präpotenz gerühmt wird, tritt dann so unerbittlich massiv – vom Gemeinschaftsgeist betäubt – auf, daß hinterher ein Boden wie verbrannte Erde ödet. Anfangs der sechziger Jahre war ich noch naiv genug zu glauben, daß von dem abgestandenen, abgelebten Brauchtum etwa eine ganze Menge endlich untergeht und neuen Formen einer Gemeinschaftskultur Platz macht. Im Gegenteil! Seit den Siebzigerjahren sind die restaurativen Tendenzen, die den Kulturbegriff einer unmenschlichen Vergangenheit gefährlich weiterführen, erfolgreich wie noch nie. Was dem Leben wie dem Zusammenleben, der Kultur, gleich, ob sie erhaltet oder erschafft, gut bekommt, die Vielfalt, die Toleranz, die Freiheit nämlich, fehlt weitgehend. Dagegen herrschen faustfeste politische Interessen, Dirigismus, Borniertheit und Organisation.
Mit der Kultur ist es (nicht zufällig) wie mit dem Orgasmus: Je verkrampfter man sie betreibt, desto mäßiger fällt sie aus. Sie mag es nicht, wenn die Leute – Kulturfunktionäre ausgenommen – immer an sie denken. Am besten ist, man läßt sie kommen. Damit sie kommt, muß man allerdings so sein, wie man ist, nicht wie >>Die Quelle<<, die Dorfverschönerer und die Volkstumspfleger haben wollen, daß man sei.
>>Den ganzen Tag blies der Wind sehr kalt vom Tyroler Gebirg<<, schrieb Goethe 1786 in München in sein Reisetagebuch. Seit Goethe, dem ersten Romantiker, ist alles >>Bergichte<< durch die Romantiker, andauernd verniedlicht und erniedrigt worden. Die Lug vom Trug der >sanften Matten< für harte Tat-Sachen hat sich ausgebreitet. Die ersten Bücher, die ich mir im Leben kaufte, waren Goethes Werke, zweibändig, und Winnetou I, II,III von Karl May, ohne recht zu wissen, daß ich tatsächlich die beiden deutschen Hauptklassiker erwischt hatte. Ich las beide von vorn bis hinten. Der eine versorgte mich mit einem hohen Begriff vom edlen Weißen Mann, der andere mit anspruchsvollen Lebensweisheiten, die ich heftlweis herausschrieb. Als Goethe dann in den obersten Klassen wirklich dranwar, widerstand er mir von Herzen. Die unaufhörlichen Lobgesänge des Professors auf die klassisch-humanistischen Ideale hatten mich abgestoßen. Von den alten Römern behielt ich soviel, zu wissen, daß sie ausgezeichnete Maurer gewesen waren. Gleichermaßen widerlich wurde mir die eigenartig zwiespältige Schwärmerei für die alten Griechen. Man stelle sich vor: Der geistliche Professor im Bratenrock besingt die Göttin der Morgenröte! Den Wohllaut der homerischen Verse hämmerte er uns mit einem winzig kurzen, scharf gespitzten Bleistift auf das Pult in die Hirne. Bei der schriftlichen Matura in Deutsch wurden drei Themen vorgegeben. Von den 21 Kandidaten wählten drei, darunter – ahnungslos wie ich war – ich, das folgende: >> Jeder Mensch soll trachten ein Mittelpunkt echter Kultur zu sein<<...

nach oben




 
 

Trojer, Johannes E.: "Der Schwarzpappel in A.Villgraten gewidmet".
In: Trojer. Texte aus dem Nachlass von Johannes E. Trojer.
Zusammengestellt  und mit einem Nachwort versehen von Ingrid Fürhapter und Andreas Schett.
Innsbruck: Haymon, 1998, S.25.


Singst du
Mir mein
Lied vom gehen
In deinem angesicht
Auf und ab den
Blendenden
Asfalt vom still
Stand vor dem
Trabantenhof in
Frost in
Weiß


Schwarzpappel


Beugst dich dem
Tauernwind wie
Ich über das
Geländer der
Stillen brücke


So
Sing ich
Das deine
Dir

nach oben




 
 

Romananfang von Foidl, Gerold: Der Richtsaal.
Hrsg. und mit einem Nachwort von Dorothea Macheiner.
Innsbruck: Skarabaeus, 1998, S.5f.


Der Provinzbahnhof lag verschlafen in der aufziehenden Morgendämmerung, als ich mich auf den Weg durch die winkligen Straßen der Kleinstadt machte. Ich wollte Großvater noch einmal sehen, der die Erinnerung an die wenigen Jahre Kindheitsglück verkörperte, bevor ich als Siebenjähriger Augenzeuge des grauenhaften Kosakenmassakers geworden war. Seit dieser Zeit haßte ich diese Stadt mit ihren Menschen, weil hier meine Kindheit im Lauf der Jahre so restlos zerstört worden ist, daß ich später nie mehr die Ausgelassenheit der Jugend zu erleben vermochte.
Als mir meine Verwandten unerwartet den Beweis lieferten, daß sie es waren, die mich als Vierzehnjährigen in die Psychiatrie zwangseingewiesen hatten, verließ ich die Stadt, die ich nicht als meine Heimatstadt empfand, mit dem festen Entschluß, auf keinen Fall jemals wieder zurückzukehren. Es waren dieselben Verwandten, die schon Mama zur Abtreibung gezwungen hatten, als Vater nach Kriegsende als verschollen galt und sie von einem anderen Mann schwanger war. Großmutter und Onkel Elmar, der Arzt. Denen nichts wichtiger war, als die Familienehre wie eine Reliquie zu bewahren. Ohne danach zu fragen, mit welchen Mitteln sie das bewerkstelligten.
Der Hohn und Spott meines Vaters, der Mitschüler und meiner Umgebung verhinderten im Gewitter meiner epileptischen Anfälle von vornherein jeden Gedanken, der Stadt und ihren Bewohnern jemals die Schuld am zerstörerischen Verlauf meines Lebens nachzusehen. Bei meiner Rückkehr spielte das alles keine Rolle mehr, da ich nur gekommen war, um meinen Großvater noch ein letztes Mal zu sehen und mich anschließend umzubringen.
Ich spürte die aufkommende Morgenkälte, schlug den Kragen der speckigen Duvetinejacke hoch, zog den grauen Schlapphut tiefer in die Stirn und ging den Hauptplatz hinauf. Mit wirr in das Gesicht hängenden Haarsträhnen, dreifärbigem Stoppelbart und verschlampter Kleidung, die jedem Landstreicher zur Ehre gereicht hätte.
Ich langte unterwegs mehrmals in die Herzgegend und betastete die Auswölbung unter der Achselhöhle, wo sich die in der Jackentasche verborgene Pistole befand. Die Hausfassaden zu beiden Seiten würdigte ich keines Blicks, ich grinste nur verächtlich hinüber zu jener Häuserfront, hinter der die Reichen und Alteingesessenen wohnten. Einer, dem man ansieht, daß er nichts mit dieser Stadt zu tun hat und auch nichts mit ihr zu tun haben will. Der es verwünscht, daß sich seine Mutter zum Zeitpunkt der Geburt gerade hier aufgehalten hat. Mein Bekenntnis zu dieser Stadt erschöpfte sich mit dem Taufschein, und fragte mich einer nach meiner Herkunft, antwortete ich: "Ich bin laut Taufschein in Lienz geboren und deshalb Tiroler, aber nur, weil ich meinen Geburtsort nicht selber bestimmen konnte."
Tante Gaby lieferte während meines vorjährigen Urlaubs durch eine unbedachte Äußerung den Beweis über die wirklichen Umstände meiner Zwangseinweisung in die Psychiatrie. Das löste eine Lawine von chaotischen Reaktionen aus, die meine gesamte Vorstellungswelt umstürzten und die Widerstandskraft so lange lähmten, bis ich mich selbst in eine Lage manövrierte, in der ich mich zum Selbstmord entschloß, um dem ständigen Angstgefühl zu entkommen. Äußerst sorgsam und unbewußt ging das vor sich. Zuerst mein Inneres mit lähmenden Schatten verdeckend, bis es unbemerkt zu schrumpfen begann, sich zunehmend einengte und sich von allem, was um mich herum vorging, abgrenzte. Eines Tages war es dann soweit, ich konnte keinen Ausweg aus dieser verfahrenen Situation finden. Damals entschied ich mich zum Kauf einer Pistole. Anschließend empfand ich die weitere Zeit als problemlos, ich hatte wieder Distanz zwischen mich und meine Erlebnisse gelegt, die mich jedoch zunehmend in meiner Handlungsfreiheit einengten.
Da ich von der Zukunft nichts mehr zu erwarten hatte, besann ich mich stärker auf die wenigen glücklichen Erlebnisse der Vergangenheit. Auf Mama, die vor mehr als zwei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, und auf Großvater. Ich spürte, daß es mir ungemein leichtfallen würde, mich umzubringen, weil ich mich zumindest an diese kurze Zeit des Glücks erinnern konnte.

nach oben




 
 

Zanon, Christoph: Ausschnitt aus "Retour".
In: Schattenkampf. Texte von der Heimat.

Innsbruck: Haymon, 1992, S.30-32.


Wir haben das Gasthaus Bachmann erreicht und betreten es durch einen Windfang, einen Milchglaskasten mit Kanten aus Winkeleisen. Der Tisch hinter dem Eingang ist leer, die beiden Tische im Schankraum sind dicht besetzt: zwei große Menschenrunden haben sich um die Kartenspieler gesammelt. Im anschließenden Raum sitzt eine Familiengruppe beisammen, viele Kinder, aber nur ein Mann, ein schielender, langhaariger Junge. Die Frauen versuchen sich in einem dünnen, zaghaften Gesang, der nach kurzer Zeit vom Polka- und Walzergedudle aus der Musikbox unterdrückt wird. Eine der Frauen hat sich vom Gesang rühren lassen und die Tränen rinnen über ihre dicken Wangen.
   Wir stellen uns an die Theke. All die Augen stieren in die Karten und spielen insgeheim die Besserwisser, währen die Spielpartner einander mit halb rätselhaften Gesten und Worten beschwören, womit sie zugleich den Mitspieler informieren und dem Gegenspieler bluffen wollen. Unter den sogenannten >>Kiebitzen<< sind zwei alte Weiblein. Die eine, die mit einem langstieligen Löffel die Kohlensäure aus ihrem Bier gesprudelt hat, gibt ihn der anderen weiter. Ergeben senkt diese ihren Blick aufs Glas. Ihre schlaffen Unterlider zeigen die rote Innenseite, ihr Gesicht ist klein, faltengemustert, ein Äffchenkopf, der nun, zugleich mit der Freundin daneben, einen Vögelchenschluck aus dem Glas nippt.
   Oswald hat sogleich mit ausholendem Arm einen Bauern begrüßt: Du hast noch nicht bestellt, und ich habe noch nicht bestellt. Was magst du trinken?
   Der Bauer lacht groß, solche Verschwendung ist er nicht gewohnt, sein Glas ist ja noch fast voll! Oswald ruft schon in die Schank und wird von einem sauren Schluckauf, den er mit vorgehaltener Faust in die Kehle zurückdrängt, unterbrochen. Mein Blick verliert sich in die schimmernde Reihe der Gläser auf den Regalen. So ähnlich empfinde ich, wenn ich auf dem Meer schwimme: die Zeit geht von selbst, das Leben lächelt gleichmütig und möchte schon seine ewige Kosten-Nutzen-Rechnung vergessen. Sollte ich, anstatt hier in das Lichtgeklingel der Gläser zu dösen, nicht besser der Spur eines Geschehens folgen? Vielleicht würde ich irgendeine Kleinstadttragödie entdecken? Vielleicht die Tragödie jenes Mädchens, die heute vormittag in der Kälte auf dem Sockel der Marienstatue des Johannesplatzes saß? Müßte ich >>das Glück des Tages<< suchen? Ich würde es erkennen, es würde seine heiteren Worte reden und mich den Geruch der Ewigkeit lehren – Siehe, wie es jetzt ist, ist es gut. Das sinnlose Herumstehen, leicht beduselt, frei von jedem Menschenanspruch. Ich überlege, wie ich mich, ohne unfreundlich zu erscheinen, aus Oswalds Anspruch davonmachen kann. Früher, als ich jung war und skrupellos, ging ich gelegentlich, wenn ich einer Gesellschaft und ihrer zahllosen Schnäpse und Biere überdrüssig war, aufs >>Haus der Häuser<< und nahm den Ausgang durchs Fenster. Manchmal schob ich mich, den Kopf voraus, durch die schmale Öffnung, und streckte die Arme nach dem festen Boden aus, was für einen Beobachter draußen sehr fragwürdig ausgesehen haben mag. Aber hätte mich auch jemand ertappt, erwischt hätte mich niemand, denn es machte mir leidenschaftlichen Spaß, Wege zu nehmen, die niemand nahm: durch die Hinterhöfe zu steigen und mich an Fenster zu schleichen, die von Mauern und Zäunen ganz geborgen zu sein schienen. Am frühen Morgen, wenn die Stimmen der Vögel überlaut und überklar durch die schlafende Stadt klangen, turnte ich eine ganze Gasse hin, über Mauern und Garagen und Schuppendächer und an Spalieren, ohne nur einmal die Straße zu berühren. Ich bildete mir ein, auf der Flucht zu sein und verwandelte den Druck der Angst in katzenhafte Gelenkigkeit. Wie stark und heiß fühlte ich mich, wie herrlich war meine Wut!
   Das Fensterchen im Bachmann-Klo ist vergittert. Aber von Oswald würde ich mich nicht so schäbig davonstehlen. Trotzdem habe ich genug, überhaupt vom Bier; ich trinke es, als müßte ich es in mich hineinstopfen. Die weinerliche Frau im Nebenraum scheint ihr Leid einer anderen, älteren zu übertragen und beide trinken Bier. Die Durchreichöffnung zur Seite der Theke umrahmt ein Stück der Küche: die blaugraue, leere Atmosphäre dunstet bis zu mir her den Geruch von kaltem Schweinefleisch aus. Ich stecke meine Nase in den Zigarettenrauch und beschließe mich zu verabschieden. Oswald, der in einem lebhaften Gespräch mit dem Bauern ist, hält meine Hand lange fest, er grüßt mich und bedankt sich, und in seinen Augen ist eine kleine Verlassenheit.

nach oben




 
 

Salcher, Hans: "Der erste Schultag".
In: Weißgekalkt.

Innsbruck: Skarabaeus, 2001, S.29-31.

Der erste Schultag


Nicht ganz sieben Jahre bin ich, als mich meine Mutter in die Schule bringt, um gleich darauf wieder heimgeschickt zu werden. Dein Kind ist noch Kind, sagt der Lehrer. Es spielt noch zu viel. Und er dreht mit seiner buchdicken Hand an meinem Kopf. Sein Blick zur Tür sagt uns, wir sollen gehen. Ich halte mich fest an Mutters Rock. Mein Kind nehme ich nicht mehr mit heim, sagt sie. Das Kind bleibt da, und Sie werden ihm Lesen und Schreiben lernen. Wenn du glaubst, daß der Kleine das schafft, sagt der Lehrer, bitte sehr, nur hereinspaziert in die gute Stube. Wir behalten hier alles, sogar kleine Schweinchen lernen bei uns mit viel Eifer. Und es werden aus ihnen manchmal auch brauchbare Menschen, die den Müll von der Straße kehren. Die Mutter streicht mit ihren rauhen Händen meine Tränen von den roten Wangen, und leise sagt sie in mein Ohr: Sei brav und befolge, was der Herr Lehrer sagt. Einen kurzen Blick noch, ein Augenzwinkern, und weg ist sie. Hier hinten ist noch ein Platz frei für dich, brüllt der Lehrer. Die Eselsbank. – Gelächter. Ich weiß nicht, was der Lehrer mit der Eselsbank meint. Es ist eine Schulbank wie alle anderen auch. Der Unterricht beginnt mit dem Kreuzzeichen und einem Gebet, das ich schon lange von zu Hause weiß und auch alleine erzählen kann. So bemühe ich mich mit lauter Stimme, besonders schön und klingend mitzubeten. Wer brüllt denn da so falsch und glaubt, er kann schon alles? Unterbricht der Lehrer. Bist du das, da hinten auf der Eselsbank? Ja, ich singe, ich kann dieses Gebet schon lange. Steh auf, wenn ich mit dir rede. Ängstlich verstumme ich. Was wolltest du sagen, Esel, erbost sich der Lehrer. Nichts. Du Lügner, das kannst du zu Hause tun, aber nicht hier bei mir. Hier herrscht Ordnung und Disziplin, habt ihr das gehört? Ein lautes Ja geht durch alle Köpfe. Jetzt weiß ich schon, die Schule ist keine gemütliche Almhütte, kein Herumstreunen und Baumsitzen. Alles wird einem hier genommen. Traurig schaue ich auf die Schultafel. Der Lehrer klingelt zur Pause. Alle strömen wie wildgewordene Schafe aus der Klasse. Ich bleibe sitzen. Esel lassen sich nicht auf Befehl mit einer Glocke aus dem Stall treiben. Langsam und ängstlich kommen die anderen mit dem Lehrer in die Klasse zurück. Das Gebrüll beginnt von Neuem. Heft heraus, wir beschriften es mit unserem Namen, bestimmt der Lehrer. Aber den Namen darauf schreiben, den jeder hat. Ich halte kurz den Arm hoch. Herr Lehrer, ich kann noch nicht schreiben. Dann lernst du es, ist die Antwort. Ich will nichts weiter sagen. Das Heft vor meinen Augen. Es regnet Tränen darauf. Ich will heim, stehe auf und gehe zur Tür. Stehen geblieben. Wo geht es hin, mein Freund? Ich will heim. Da kann sich der Lehrer vor Lachen kaum noch fassen. Heim will er. Uns alle im Stich lassen. Will noch jemand nach Hause? Der soll aufstehen und gehen, sagt der Lehrer. Niemand steht auf. Und du Esel willst nach Hause gehen! Der Esel geht nach Hause. Die ganze Klasse lacht. Ich höre sie noch vor dem Schulhaus lachen. Auf dem Nachhauseweg begleiten mich die schönsten Vogelgesänge und ein leiser warmer Regen, der die Steine am Boden für mich glitzern läßt.

nach oben




 
 

Patterer, Gertraud: "Ih ghör nit zu die Himmelkemma".
In: Himmlezn.
Klagenfurt: Heyn, 1995, S.5f.


Süeß, schmeckt's ausa ausn Hofertol.
Süeß, schmeckt's öacha vom Ederplon.
Und die Holdern werdn bold blüehn!
Ih sitz in Gödnacher Boch, mittn Wossa
auf an Stoan.
Schworz loahnt 's Wolknfüeder ober mir.
Die Sunne schaug wie a Wolf hintern
Zirkusgitter fürcher.
's Wolknfüeder hot umegschmissn,
und der Himmel schlog mit der glühentigen
Goaßl
auf des leze Roß.
A Eidechse liegt aufn Stoan,
gscheid genüe und mocht sih kloan
und braucht koan röetn Kittl.
Ih müeß auf die Gemeinde giehn und
bettlen,
ob ih nit die Komma nebm der
Töetnkomma krieg,
zu bochtn, für a Johr, für mei Bette.
Nocha, werd ih wohl dechtascht
nimma lebm!
Die Komma nebm der Töetnkomma,
isch nit leicht zu kriegn.
Woaß nit wie tüen, wie stiehn, wie
schaugn,
woaß nit wie sogn und wie garmen,
ih ghör nit zu die Himmelkemma.
Bin nit amol ols Beihirschl zu brauchn!
Die Holdern werdn bold blüehn!
Es Eidechsl hot lei drei Finger
und bringt sich übern Winter.
Ober von der Schlonge –
stommt's wohl oh!
Die Holdern werdn bold blüehn!
Und aufn Ederplon, do steht a Kreuz,
mit an schworzn Myrtnkronz.
Und die Nocht glitznent Sterne!
Kriech ih holt ols Grogge aufn zu
den Kreuz.
Und die Margaritn hobm weiße Strohln.
Und wie die Grogge rean konn!
Und obm beim Kreuz, wo's Holz a bissele
vanönder steht,
da kriech i h eine in die Lunze.

nach oben




 
 

Aus Ladstädter, Uwe: "Hin und zurück".
In: Brachland.
Eine Osttirol Anthologie.
Hrsg. v. Ladstädter, Uwe. Innsbruck: Skarabaeus, 2000. S.111-112.


Wenn du mit dem Fahrrad die Hauptstraße querst und in die engen Seitengassen tauchst, ist dir, als dränge sich halb Lienz entgegen. Alle, die du kennst und grüßt, sehen dir an, warum du es so eilig hast. Oder ist es nur die Stimmung dieser Stunde? Der erste helle Abend im Frühling, der Asphalt noch warm von der kräftigen Sonne, durch die Straßen surrend, den hohen Horizont jener zackigen Schrofen betrachtend, willkommener Schutz im Süden, mit schimmernden Schneerinnen dazwischen, aus denen der Tauernwind im Übermut weiß glitzernde Hochzeitsschleier ziehen kann. Wendest du dich dem Osten, Norden und Westen zu, buckeln braungrüne Almmatten in den blauweiten Himmel, zeichnen Baumäste einen dunklen Zaun gegen das schwindende Licht. Kein Talboden, kein Geländeeinschnitt, der nicht mit einem Berg endet. All diese Spitzen und Kuppen, mit Kreuzen markiert und in Karten verrechnet, im Heimatkundeunterricht verteidigt und in mehrsprachigen Foldern aufgelistet, werden angeboten, angenommen und angegangen. Den Nachkommenden weisen Holztafeln mit Berg- und Hüttennamen nicht nur die Richtigkeit des eingeschlagenen Weges, sondern nötigen sie mit aufdringlichen Stundenzahlen. Du traust diesen Vermessenheiten ohnehin nicht, weißt du doch längst, daß nur die Gedanken den Weg einteilen, die Schritte hemmen oder beflügeln.


Andererseits reichen unsere Berge längst nicht mehr überall aus, den Himmel zu begrenzen. Dort und hier stützen Stahlträger als metallene Klammern zwischen Erde und Luft die Wolken, als Strommasten wie die Pflöcke eines Weidenzaunes verbunden und sich gegenseitig haltend, als Handy- und Sendestationen unsichtbar verkettet, als Liftstützen auf der Suche nach dem höchsten Punkt. An manchen Tagen kannst du die einzelnen Streben als schwarze Silhouette gegen den dunkler werdenden Abend ausnehmen.

nach oben




 
 

Aichner, Bernhard: "20:00 – 4:00"
In: Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv, Nr. 21/2002, S.17- 22.


der kopf ist schwer. sie sitzt in der ecke am boden. die augen sind geschlossen. der mund offen. die musik laut. ihre beine sind angezogen. von den armen gehalten. in der ecke vor dem eingang zur toilette sitzt sie. an ihr vorbei füsse und schuhe wenn sie die augen öffnet. und dann wieder der kopf auf dem knie. und die augen gehen zu. weil alles so laut ist.
und zu viele bilder. nur noch schlafen. in dem kleinen kinderzimmer bis wieder tag ist.
und im kopf alles still. und das nachthemd hinter der tür. und die sterne die sie auf die decke geklebt hat. und wie das licht von der laterne draussen leicht im zimmer liegt. und in der wand hört sie die spülung manchmal. sonst ist es still. und dann kommt der tag. und die laterne geht aus. und sie liegt in dem kleinen bett. und zieht die decke über den kopf.
am boden in der bar reibt sie die beine aneinander. weil etwas juckt unten. und ihr
kopf schwer ist. und voll. und sie nicht aufstehen kann. und so weit ist sie von ihrem bett. so weit können diese beine nicht. weil ihre beine allein sind. allein getanzt. und getrunken. die haare im gesicht. und der schweiß klebt auf der haut. und wie sie an der bar sitzt und ihr mund voll wird immer wieder. und ihr kopf schwer. und wie der schweiß kalt wird. und sich alles dreht. und es aus ihrem mund kommt. und sie aus der toilette kriecht und sitzen bleibt in der ecke am boden. mit angezogenen beinen. und ihre wange seitlich schwach auf der schulter. und wie es riecht. wie ihre hose nass ist. und stinkt. wie kleine klumpen hart werden je länger sie sitzt. und wie sie die augen wieder zumacht. und sie die schritte hört neben sich. und die musik. und wie sie reden. und ihr atem schwer ist. und sie sich nicht bewegen kann. nicht bewegen. nur sitzen. und die augen zu.
und wieder denkt sie an das bett in dem kleinen zimmer. und wie die laterne hell
ist draussen. wie es tag wird und das kleine nachthemd hinter der tür. und wie sie aufwacht. und sich die augen reibt und zur tür geht. in die küche. und der cafe in ihrer hand ist. und der blick auf der tischdecke mit den gelben blumen. und das holz wie es furchen hat und löcher. und auch sonst alles wie holz ist.
in der bar am boden. und wie es stinkt in ihrer nase. aber sie riecht nur schwer. es
wird weniger mit der zeit. bis das licht angeht und die musik aus ist in der bar. und sie hinaus muss. auf die strasse. weil sie hier nicht bleiben kann. und sie sich hochzieht und zur tür wankt. sich die haare aus der stirn nimmt. und auf dem parkplatz steht und sich den bauch hält. weil er weh tut jetzt. und es kalt ist. und sie nicht weiss wie sie in ihr zimmer kommt. in die andere stadt. mit dem flugzeug zurück. aber da ist kein flugzeug auf dem parkplatz. und auch kein bett und keine küche. und nichts das nach holz riecht. und dann kommt einer und nimmt sie mit auf den rücksitz in sein auto.
seit drei jahren sitzt sie hier und hebt ihr glas. und wartet auf dem parkplatz. und
schwitzt und entleert sich auf der toilette. und sitzt in der ecke und redet sich wund manchmal. und bemalt ihre lippen. und sie träumt von dem kleinen bett. und dass alles nach holz riecht. nach sonst nichts. jeden abend riecht es nach holz in ihrem kopf. und jeden abend geht das licht aus. und jeden abend setzt sie sich nieder und wartet bis das licht aus geht. und immer wieder geht es aus das licht. und sie hört wie sie lachen neben ihr. wie sie redet mit irgendwem. über etwas das weit weg ist an jedem abend. wie sie auf dem hocker sitzt. und ihre lippen rot sind. und ihr mund sich füllt. und der mann hinter der bar ihre hand berührt. und wie sie ihn anschaut. und das glas hebt mit festen lippen. oder sie einfach nur tanzt bis sie umfällt.
sie hatte eine tochter. bis vor drei jahren. die tochter ist unter einem auto gestorben. ein
unfall. seitdem geht sie in die bar jeden abend. seit drei jahren mit roten lippen. und sie weiß was sie tut. sie will es so. und nichts tut ihr leid. egal wie lange es dauert. bis der mund voll ist. und dann das licht ausgeht. weil sie feiert. weil das schöner ist als weinen. weil es sonst nichts zu tun gibt. weil es so nicht weh tut. und sie noch ein glas bestellt. und die musik laut ist. damit sie nichts hört sonst.
sie hat ein zimmer in der hinterstadt. wo es keine laternen mehr gibt hinter dem fenster
auf der strasse. keine küche in der es nach holz riecht. wenn sie durch die tür kommt am morgen müde. und ohne sich auszuziehen daliegt wie tot. und sich nichts mehr bewegt. bis zum abend. bis die lippen wieder rot werden. und sich ihr mund wieder füllt. schnell bevor es weh tut. und der mann hinter der bar ihr das glas füllt und wieder ihre hand berührt. wie sie ihn anschaut und trinkt.
sie ist sitzengeblieben. nach dem totenschmaus. nicht mehr aufgestanden. gefeiert bis heute. von der kirche in das gasthaus. mit den verwandten gegessen. die suppe
geschlürft. weil es üblich ist. rindssuppe und wie sie still da sitzen und leise versuchen zu reden. auch wenn es wild aus dem gesicht in die suppe tropft. sie ist sitzen geblieben. nur der ort ist anders. ein anderes gasthaus. eine bar. eine andere Stadt. ohne nachthemd. ohne erinnerung. wie sie durch die stille wohnung stolpert. wie sie betrunken in das kinderbett fällt. wie beide bände den kopf halten weil er so schwer ist. wie sie die spielsachen an die wand wirft. wie sie schreit und dann wie sie weint. weil die kleine zahnbürste immer noch neben ihrer im becher steht. und die zeichnungen am kühlschrank. und ein angebissener apfel am schreibtisch liegt. faul. wie er braun wird und vertrocknet. und wie sie aus der tür geht. und nicht zurückkommt. weil die bars länger offen sind in einer anderen stadt. und keine zahnbürste sie weinen macht.
kein holz das riecht. wie sie vor der toilette hockt am baden. und dann am parkplatz wie sie wartet ob einer in sie hinein will. irgendeiner. nackt. oder nur die hose unten. und wie sie dann da liegt und ein lied summt. und etwas in ihr sich bewegt. taub fast. und sie das geld in ihre hose steckt. und sich nicht mehr auszieht. zurück in der hinterstadt. auf ihrem bett wie tot bis zum abend.
das kleine nachthemd hinter der tür hat sie da gelassen. sie hat nach dem tod im
kinderzimmer geschlafen. in dem kleinen bett. um sie noch einmal zu spüren. die laken nicht gewaschen. um die haut zu riechen. und es war leise in dem zimmer. nichts das wie früher war, keine stimme. und nichts das sich bewegte in der wohnung außer ihr. die spielsachen am boden. wie es war. bis es zu schwer wurde. und sie ging. aus dem zimmer. aus dem bett. weil der geruch von der haut verschwunden war. nur mehr ihr geruch in dem stoff. wie sie fotografien umarmt und doch nur papier in der hand hält.
wie sie den namen in das holz ritzt. wenn sie in der küche sitzt. mit einem messer. und der geruch von holz das einzige ist was bleibt. und sie stundenlang auf den tisch starrt. auf die buchstaben die sich auch nicht bewegen. nichts sagen. still sind. hart sind.

nach drei wochen ist sie gegangen. hat alles verkauft. auch den Lisch. weil nichts mehr wichtig ist wenn es nicht mehr atmet. so wie sie da sitzt und ihr kopf schwer auf den knien liegt. wenn die augen geschlossen sind und nichts mehr wichtig ist. wie ein porzellanengel der hinunterfällt. oder eine kerze geht aus. oder eine tür geht zu. oder die spülung geht. und alles verschwindet in der muschel. mit erde zugeschaufelt. wie der kleine holzsarg verschwindet. wie blumen das holz berühren. dann erde. bis man nichts mehr sieht und sie schnaps bestellt nach der suppe. und sie trinkt. bis die flasche leer ist. wie sie hysterisch lacht und zu tanzen beginnt und die verwandten entsetzt den mund halten. sie anstarren. nichts sagen. nur wie sie stolpert und lachend liegen bleibt. dann wimmert. und dann aus dem Basthaus getragen wird. in einem auto am rücksitz zurück in die leere wohnung. in das kleine bett. den geruch suchen. und wie sie einschläft mit nassen augen weil es nur noch nach ihr riecht.
sie hat viel gelacht und getanzt. immer am abend hat sie vergessen. hat eine kerne ausgeblasen. eine tür zugeschlagen. gelacht. und keiner hat sie angestarrt. und sie
heim gebracht. drei fahre getanzt. weil alle tanzen in dieser stadt. und keiner weiß es. sie weiß es auch nicht. sie tanzt. und trinkt. und fickt manchmal für geld. sonst nichts. weil nichts mehr wichtig ist. wenn sie sich blicke holt. sich anschleicht. mit ihrem arm die schulter eines mannes streift. und sagt dass er schön ist. wie sie reden will. sich anlehnen. wo es warm ist. sie spürt sich nicht. nur wie sie einen fremden anschaut. und wartet dass er sie umarmt. ihre tränen aufleckt. einfach nur da ist. aber da ist niemand. sie ist betrunken. und geht tanzen.
wie ihre arme durch die luft gehen. wie flugzeuge. bunte flugzeuge. ihre augen sind zu. da ist nur die musik. und wie die absätze ihrer Schuhe den boden suchen. und die bände.
wie der kopf kreist. ihre haare. die roten lippen. und wie sie ausrutscht. wie ihre augen aufgehen. und sie hart liegen bleibt. am boden. sich wieder hochzieht an einer fremden hand. und zur bar wankt. auf ihren hocker. zu ihrem glas. bis die musik ausgeht.
man duldet sie in der bar. sie ist wie ein stück einrichtung. ein hocker. ein lied das
immer wieder kommt. die letzte die geht. wenn sie die böden wischen. sie ist die dancing queen. das steht unter einem foto hinter der bar. mit einem weißen stift in das bild gemalt. wie sie mit geschlossenen augen fliegt. die arme wie Flügel. dancing queen. und der mann hinter der bar berührt wieder ihre hand. liebevoll fast. und sie nimmt ihr glas und schaut an ihm vorbei. auf das bild an der wand. und dann trinkt sie.
während das tages schläft sie. essen manchmal. wenn es schon weh tut. weil es so leer
ist in ihr. dann im bad unter der dusche. vor dem spiegel. ihr gesicht fremd. leere augen. wie sie da steht und sich anstarrt. und nichts passiert. nur diese leeren augen. und die blauen ringe darunter, die sie bemalt mit brauner farbe. dann der lippenstift. und wie sie die haare kämmt. mit einer pinken bürste. eine stunde lang. und sich anschaut. und nichts sieht.
auf dem parkplatz in dem auto stinkt es. er verriegelt die tüten. sie liegt am rücksitz. und wartet. alles dreht sich plötzlich. ihr kopf ist schwer. und sie sieht wie er seine hose nach unten schiebt. es stinkt. und sie spürt wie es wieder heraufkommt. wie es in ihren mund kommt. wie sie es nicht behalten kann. und wie es aus ihr herausspritzt. eine fontäne aus ihrem mund. auf den steifen schwanz vor ihr. und dann wie sie ihn schreien hört. wie er um sich schlägt. in ihr gesicht. in den bauch. wie er sie herumreisst. und ihr wieder in ihr gesicht schlägt. wie die tür aufgeht. und sie auf den asphalt fällt. dann der motor und wie sich das auto entfernt. und sie daliegt und weint. weil alles weh tut. weil endlich alles weh tut.
sie versucht sich aufzurichten. ihr bein ist gebrochen. in ihrem gesicht sind blaue
flecken wenn sie in den spiegel schaut später. und blut auf der nase, das sie wegwischen im krankenhaus. es schmerzt wenn sie versucht zu stehen. zu gehen. und sie sitzen bleibt am parkplatz mitten in der nacht. allein mit tränen, die nicht aufhören zu rinnen. aus den augen. auf die strasse. und ihr mund schmeckt faul.
und dann berührt sie wieder diese hand. von hinten. über ihre schulter ein arm. eine
leise stimme setzt sich neben sie. langsam. behutsam fast. sie kennt diese hand. es ist der mann hinter der bar. wie er ihr aufhilft. und sie ins krankenhaus bringt. ohne worte. und sie in seine schulter weint. sie sitzen am parkplatz und es weint heraus aus ihr. in seine Schulter hinein. und nur wie er sie hält. weil er weiß warum.
er sieht sie seit drei jahren. wie sie tanzt und trinkt. wie sie versucht zu fliegen. dass etwas
weh tut wenn er ihr glas füllt. und ihre hand streift. bitte nicht denkt er und berührt ihre hand. er schaut auf ihre lippen. fest zusammengepresst. weit weg. und wie sie wieder beginnt zu tanzen. und er ein foto macht. weil sie eine königin ist. er ist sich sicher.
ausgetanzt. ihr bein in gips. eine brille über den flecken. auch die rippen tun weh.
sie liegt in seiner wohnung am Sofa. er hat gewartet im krankenhaus. und hat sie mit zu sich genommen. ist neben ihr gesessen den ganzen tag. auch die nacht. und die nächsten tage. und wenn sie nach alkohol fragt macht er tee. sitzt neben ihr am sofa. umarmt sie. hält sie. und sie weint. seit tagen weint sie. zittert. klammert sich an ihn in der nacht.
am sofa liegt sie. den kopf in seinem schoß. sie weint und er streicht über ihre haare.
egal wie lange es dauert. das spürt sie. und sie weiß dass es noch lange dauert. noch bäche voll. nur weinen. nichts reden. spüren dass sie nicht allein ist wenn sie aufwacht. und ihn in der küche hört. oder seine hand immer noch in ihren haaren.
es ist seine bar. er muss nicht arbeiten. also sitzt er neben ihr am sofa. kocht und ist
einfach da. für die königin. nur für stunden lässt er sie allein. dann wieder neben ihr. sie halten. nichts erwarten. nur dieses gefühl, dass es schön ist wenn sie weint. wenn es herauskommt, egal was es ist. weil alles einen grund hat. und er sie einfach mag. sie anschauen. wie sich ihr gesicht entspannt. ihre lippen. wie alles weich wird. verletzlich. und er sie beschützt. und sie es zulässt. jetzt.
er hat ihr glas gefüllt jeden tag. jetzt macht er tee. und er verflucht das, was er tut jeden
abend. in seiner bar. sie alle tanzen machen. vergessen machen. betrunken machen. tanzen machen. sie lachen machen. sie tanzen machen. weil es war nicht das erste mal.
dass jemand zerbricht auf einem hocker vor ihm. kaputt wird. auseinanderfällt. und er wie er die gläser füllt. und die musik lauter macht. und sich moral nicht leisten kann. lächerlich und naiv. und alles in ordnung ist wenn das licht angeht. und die bar leer wird. sie alle weg sind. und er den boden wischt und den kühlschrank füllt. und die tür versperrt. und dann in seinem bett liegt und an die frau mit den roten lippen denkt. wie sie kaputt wird jeden abend. und jeder auf sich schauen muss. wann schluss ist mit feiern. wann genug ist. und doch kann er nicht schlafen. nimmt schlaftabletten. und geht zur arbeit. seit jahren.

seit vier wochen sind sie nicht mehr in der bar. nicht tanzen. keine gläser füllen. ausgefeiert. und wie sie langsam beginnt zu reden. und er ihr zuhört. auf einer bank im wald. oder sie in der badewanne, das gipsbein hochgelegt. und er am boden auf den fliessen. wie es herauskommt aus ihr. dass da ein kind war. dass es tot ist. dass der geruch weg war. dass alles nur noch nach ihr roch. dass es so still war in ihrer wohnung. dass es tot ist. dass da ein kind war. ihr kind. und wie sie weint. laut manchmal. wie sie auf das wasser einschlägt mit ihren kleinen verhungerten händen. und aus der warme springt. vergisst dass sie nackt ist. und trinken will. wie sie zittert und ihn anschreit. er soll etwas holen. er soll ihr glas füllen. und er nein sagt. und sie auf ihn einschlägt. auf seine brust mit harten fäusten. bis sie wieder still wird. in ihm zusammenbricht. ruhig wird. und nur noch die tränen über die wangen. auch über seine wangen. wie sie sich umarmen und weinen. für stunden. immer wieder. weil es schön ist wenn es herauskommt. auch aus ihm.
nach zwei monaten haben sie sich dann geküsst. das erste mal. nachdem sie im
krankenhaus den gips zerschnitten. und sie nackt war. ihre finger in seinem gesicht über die haut. und wie ihre lippen aufgehen und ihre zunge in seinen mund stolpert. langsam. wie sie ineinander liegen. und sie leise lächelt. klein. aber ein lächeln.


so etwas wie glück in dieser nacht.
bevor sie stirbt. weil das licht ausgeht. ausgetanzt.
ausgekotzt stirbt sie. auf einem parkplatz erfroren.
und die bar öffnet wieder. und die musik ist laut. und aus.

oder sie küssen sich immer noch.
eigentlich egal.
cheers!

nach oben




 
 

Romananfang von Eder, Dietmar: Stadtrundfahrt.
Stuttgart: Klett-Cotta, 2004, S.7f.


Szene 1

Dörfliche Umgebung. Einfamilienhaus, groß und zweistöckig, umgeben von Grünflächen. In der Garagenauffahrt parkt ein Auto deutschen Fabrikats, Lack dunkelblau. Zeit: Abend. Frühling, Mai.

Als er die Tür zum Schlafzimmer seiner Eltern öffnete, hielt er kurz inne. Es war ihm als Kind, als Jugendlicher immer verboten, dieses Zimmer zu betreten.
Niemand hatte das Verbot jemals ausgesprochen. Es stand einfach im Raum. Jahre waren vergangen, seit er ein Kind war. Nachdem er die Schule abgeschlossen hatte, entschloß er sich zu studieren und in eine Stadt, weit weg von diesem Schlafzimmer, zu ziehen.
Er trat ein und schaute sich um, bedächtig. Der Raum war kleiner, als er ihn sich vorgestellt hatte. Die Vorhänge vor den hohen, schmalen Fenstern waren zugezogen. Er wußte, daß sie zum Garten lagen. Man sah durch sie einen kleinen Teich, in dem Winter für Winter rote, gelbe, grüne Fische verendeten.
Der dunkelbraune Kleiderkasten, das Nachtkästchen, das Doppelbett, ein hellbrauner Tisch und zwei Holzstühle standen Seite an Seite, Mutter hatte kaum einen Zentimeter Freiraum gelassen.
Ein Geruch, den er noch nie gerochen hatte, bohrte sich in seine Nase.
Totes Fleisch. So riecht totes Fleisch.
Obwohl die Vorhänge zugezogen waren, konnte er die Oberflächen in dem Zimmer ausmachen. Er stand ein oder zwei Meter im Raum, als er das schwere, gepreßte Atmen seines Vaters bemerkte.
Sein Vater lag im breiten Ehebett, das nicht in den erdrückenden Raum passen wollte.
Der alte Mann füllte nicht einmal ein Drittel des Bettes aus, er lag auf dem Rücken, bis zum Bauch zugedeckt. Sein starrer, leerer Blick richtete sich auf die Decke des Raumes. Der Rest des Bettes war unberührt.
Fast jungfräulich, dachte Xaver.
"Guten Tag, Vater. Wie geht es dir?" Blöde Frage.
"Wie soll es jemandem gehen, dem gleich die Därme explodieren? Ich sollte schon seit drei Tagen tot sein. Gott sei Dank verstehen die meisten Kurpfuscher nicht viel von ihrer Arbeit. Gestern war ein junger Doktor hier, der vor ein paar Monaten sein Studium abgeschlossen hat. Er sah mir in die Augen, er fühlte meinen Puls. Anschließend hätte er am liebsten den nächstbesten Pfarrer angerufen."

nach oben