Die Bibliothek des Psychiatrischen Krankenhauses Hall i. Tirol:
Quellenerschließung und literaturwissenschaftliche Analyse

oder: Wozu diente Literatur in der Psychiatrie?

Arbeitsbeginn: 1. Juni 2008 


Katalog der historischen Bibliothek des ehemaligen Psychiatrischen Krankenhauses Hall i. T., medizinisch-psychiatrischer Teil

Ausgangssituation

Die histori­sche Bibliothek im Psychiatrischen Krankenhaus (PKH) Hall i. Tirol füllte zu Projektbeginn einen Raum vom Boden bis zur Decke, die Bücher standen z.T. zweireihig, hinzu kamen „Außenbestände“ in weiteren Räumen. Die Bibliothek war ungeordnet. Sie ist der Öffentlichkeit nicht bekannt. Die Bücher sind in gutem Zustand.

Es handelt sich - diese Angaben sind bereits Arbeitsergebnisse des vorliegenden Projekts - um etwa 5.500 Bücher und 2.000 Zeitschriftenbände aus dem 19. und 20. Jahrhundert, wobei der Schwerpunkt auf dem Zeitraum zwischen 1870 und 1945 (!) liegt. Etwa 35 % der Bücher sind den Fachbereichen Medizin oder Psychiatrie zuzuordnen, ebensoviel der „schöngeistige Literatur“ und etwa 30% sind Sach- und Fachbücher anderer Gebiete (v.a. Geschichtsschreibung, Theologie, juristische Werke). Die Zeitschriften sind etwa zu 80 % belletristisch, der Rest hat theologische Inhalte. Die medizinischen Zeitschriften wurden nicht mitgezählt, sie werden im Rahmen eines Partner-Projektes von der Medizinhistorikerin Dr. A. Grießenböck verzeichnet (Kontakt: Psychiatrische Landschaften).
Etwa 80% der Bücher und 90% der Zeitschriften tragen Signaturen und Laufnummern. Es gab im Laufe der Jahrzehnte mehrere Signatursysteme.
Die Bibliothek wurde als Leihbücherei geführt, wobei es sich einerseits um die Fachbibliothek für die Ärzteschaft handelte, andererseits der belletristische Teil vor allem für die PatientInnen vorgesehen war.
Neben den Büchern mit Signatur gibt es einen Bestand ohne Signatur, doch mit Laufnummern, und schließlich einen ungekennzeichneten Bestand. Es ist anzunehmen, dass dieser sich aus Büchern zusammensetzt, die von PatientInnen zurückgelassen wurden, die das Krankenhaus verließen.

1. Das empirische Datenmaterial: Verzeichnung

Die Bücher werden elektronisch verzeichnet. Dieser elektronische „Katalog der Bibliothek des PKH Hall“ wird als eine „Dokumentation der Universität Innsbruck“ auf der Homepage der ULBT Innsbruck veröffentlicht und nach Abschluss der Arbeiten über die Homepage der UB (bzw. über einen Link von der Seite des PKH) im Internet (mit Logo des PKH) zur Verfügung stehen.
Es ist geplant, die historische Bibliothek des PKH nach Abschluss der Arbeiten als wissenschaftliche Präsenzbibliothek zu führen. Zur Zeit ist noch keine Benutzung möglich.

Die historischen Akten des PKH und die Akten, die im Tiroler Landesarchiv aufbewahrt werden, geben keine Informationen über die Bibliothek. Es gibt keine Hinweise zu Ankaufspolitik, Zeitpunkt und Art der Erwerbung sowie das Aussondern von Büchern. Ein Erfolg im Zuge der systematischen Erschließung war das Auffinden von bisher nicht bekannten vereinzelten Katalog- bzw. Leihbüchern. Wesentlich für die Interpretation von Geschichte und Funktion der Bibliothek ist die Rekonstruktion der historischen Signaturreihen, die vorsichtige Rückschlüsse auf ehemals vorhandene Bücherbestände erlaubt. Nach Rekonstruktion der Signaturreihen (manche Bücher tragen vier oder mehr Signaturen) werden die Bücher werden in historischen Signaturreihen aufgestellt. Auf diese Weise kann eine bessere Übersicht am Ort erzielt werden, Standortangaben können (meist) entfallen und eine zukünftige ev. weitere Übersiedlung ist einfacher durchzuführen.
Die empirische Datenaufnahme ist bereits ein gezielter wissenschaftlicher Prozess, der in hermeneutischem Zusammenhang mit der literaturwissenschaftlichen Analyse steht. Schon während der Verzeichnung ist der Analyseprozess in Gang und bringt sein Erkenntnisinteresse mit ein.

2. Funktionen der Bibliothek

Der elektronische Katalog macht es möglich, die Bücher nach Erscheinungsdaten, Sachgebieten und Sammlungsschwerpunkten zu gruppieren. Diese Daten lassen erste Einschätzungen zu, welche Funktionen die PatientInnenbibliothek durch die Zeiten erfüllen sollte: Erbauung, Stärkung des Patriotismus’, Unterhaltung und Beschäftigung, Ablenkung, Fortbildung, Sozialisierung, Bibliotherapie usw.
„Die Lektüre der Pfleglinge ist durch die Ärzte sorgfältig zu überwachen“, heißt es in der Haus-Ordnung für die „tirolischen Landes-Irrenanstalten“ von 1910, und in der „Dienstanweisung für die Oberärzte“ wird geboten, dass „die zur Erholung und Zerstreuung der Kranken zu Gebote stehenden Mittel auch tatsächlich benützt werden“. Die ersten überlieferten Kataloge stammen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Mit seiner Bibliothek war das psychiatrische Krankenhaus in Hall auf der Höhe seiner Zeit. Die ersten psychiatrischen Krankenhäuser hatten bereits Bibliotheken; das Lesen wurde als Therapie verordnet. In der medizinischen Abteilung der historischen Bibliothek im Psychiatrischen Krankenhaus in Hall in Tirol enthalten sind auch Schriften zu diesem Thema.
Zu den frühen Argumenten für das Lesen von Literatur in psychiatrischen Einrichtungen zählten Beschäftigung, Bildung, das Vertreiben von „morbiden Gedanken“, Beruhigung und die Möglichkeit, mit dem Leihverkehr und dem Gespräch über Bücher Kontakt zu den PatientInnen aufzubauen und zu pflegen.

3. Die Analyse des literarischen Teilbestandes

bildet den zweiten Teil des Projekts. An dieser Stelle kann nur kurz auf einige Perspektiven der literaturwissenschaftlichen bzw. literaturhistorischen Analyse hingewiesen werden.

Die literarische Abteilung enthält Werke, die der Erheiterung und Zerstreuung der PatientInnen dienten, u.a. „Anecdotenjäger. Zeitschrift für das lustige Deutschland“ (Leipzig, vorh. Jg. 1845-1849). Auch die Unterhaltungsliteratur verfolgte diesen Zweck, prominent aufgrund der Anzahl der Bände ist die Reihe „Engelhorns Allgemeine Romanbibliothek. Eine Auswahl der besten modernen Romane aller Völker“ (98 Bd., 1884-1919).
Einen  markanten Bestand bilden die literarischen Reisebeschreibungen. Reiseliteratur ermöglicht es den LeserInnen, sich imaginär durch die Welt zu bewegen und neue Eindrücke zu erhalten, was besonders für Personen mit eingeschränktem Bewegungsspielraum eine Möglichkeit zur Kompensation ist. Darunter sind Werke von Friedrich Gerstäcker (1816-1872) oder Sven Hedin (1865-1952) und die von Joachim Heinrich Jäck herausgegebenen Bändchen „Taschen-Bibliothek der wichtigsten und interessantesten Reisen“. Diese schönen und gut erhaltenen Taschenbändchen erschienen zwischen 1831 und 1833 bei Kienreich in Graz und boten den LeserInnen nicht nur den „von mehreren Gelehrten verfassten“ Text, sondern auch „Landkarten, Planen, Portraits und andere Abbildungen“ – für die damalige Zeit ein kostbares Angebot, das das intensive Einleben in die jeweilige Reise erlaubte. Zahlreiche mehr oder weniger wissenschaftliche geographische Werke, u.a. Alexander von Humboldts, boten ebenfalls die Möglichkeit zu „Reisen im Kopf“, wobei das prachtvolle „Kronprinzenwerk“ (eig. „Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild“, 24 Bd., 1885-1902) auch dazu diente, den Patriotismus zu fördern. In das Genre der Reise- und Abenteuerliteratur fallen auch die Werke des Bestsellerautors Jules Verne (1828-1905), von dem zum Teil rare Ausgaben vorliegen. Es findet sich ein Panoptikum der deutschsprachigen Literatur im 19. Jahrhundert, populäre Autoren wie Gustav Freytag, Felix Dahn oder der heute unbekannte, doch zu seiner Zeit höchst erfolgreiche Friedrich Wilhelm Hackländer mit seinen Romanen sozialkritischer Tendenz; auch der Dichter und Bischof Johann Ladislaus Pyrker in einer reizenden Ausgabe und der Tiroler Anhänger der 1848er-„Revolution“ Adolf Pichler. Alle großen Namen sind vertreten: Klopstock, Kleist, Platen, Lenau, Heine, für „BildungsbürgerInnen“ dazu Shakespeare, Lessing, Goethe und – unangefochten – Schiller mit sämtlichen literarischen und historischen Werken. 

Aufgrund der von HistorikerInnen durchgeführten Forschungen kann man davon ausgehen, dass im 19. Jh. ein hoher Anteil der PatientInnen überdurchschnittlich gebildet war. Das erklärt die Bücher in lateinischer Sprache (theologische Texte, aber auch klassische lateinische Literatur wie Werke Ciceros) und die Literatur in französischer Sprache. Die Therapie mit Hilfe von Büchern könnte hier einfach mit intellektueller Auslastung zusammenhängen.

Die ansehnliche Sammlung von literarischen Werken aus der Zeit und im Geiste des Nationalsozialismus ist angesichts der über 230 zwischen 1938 und 1942 aus der „Landes-Heil- und Pflegeanstalt“ Hall zur Ermordung deportierten PatientInnen bizarr zu nennen. Vergegenwärtigt man sich weiter, dass zwischen 1938 und 1945 etwa „300 bis 400 Kranke der Heil- und Pflegeanstalt [...] die Folgen von Hunger und Unterversorgung nicht überlebt“ haben, stellt sich die Frage, in welchem Geist und in welcher Funktion diese Bücher angeschafft wurden – und mit welchem Geld. Dienten sie der „geistigen Unterweisung“ der ÄrztInnen und des Pflegepersonals?

Leider konnte bisher noch kein Bezug zur Person Daniel Sailers (1887-1958) gefunden werden. Sailer, dessen Nachlass im Forschungsinstitut Brenner-Archiv aufbewahrt wird, war Lehrer und Schriftsteller, der auch im „Brenner“ veröffentlichte. Seine pädagogische Tätigkeit führte ihn zu einem therapeutischen Ansatz mit Kindern, die unterhalb des „Klassendurchschnitts“ blieben bzw. zwangsläufig bleiben mussten; er beschäftigte sich vor allem mit sprachbehinderten Kindern und schwererziehbaren Jugendlichen. Er war einer der Vordenker der Sonderschulen und der Logopädie und baute eine eigene Abteilung in der „Nervenheilanstalt Solbad Hall“ auf (also dem heutigen PKH). Sprechen Nachrufe über Sailer davon, dass er den oben genannten Personengruppen „durch Vermittlung neuer Schätze des Geistes die innere Freude und Harmonie“ wiedergegeben habe, so muss eben die „Leistung“ der Literatur, und das heisst wohl: bestimmter Literatur, untersucht werden.

In ihrem Bestand und mittels der Leihbücher wird die Bibliothek Hinweise zur (genderspezifischen) Sozialisationserwartung im therapeutischen Geschehen geben können.

Für die Literaturwissenschaft ist jedoch auch die psychiatrische Literatur von großer Bedeutung. Im Hinblick etwa auf Biographien ist die zeitgenössische Wahrnehmung von Krankheiten, etwa von Depression, von Wichtigkeit, da sie die Erkrankten in ihrer Selbstwahrnehmung entscheidend prägte.

Ein Zwischenbericht wird 2011 in einem Sammelband des Interreg-Projektes "Psychiatrische Landschaften" erscheinen.

Stand: 5.1.2011

Finanzierung

excellentia-Stipendium der Universität Innsbruck, 1.6.-31.10.2008
PKH Hall, 1.1.-30.6.2010

Durchführung und Kontakt 

Projektleitung und -durchführung: Mag. Dr. Ursula A. Schneider
tatkräftige Unterstützung: Dr. Annette Steinsiek M.A. und
                                          Bibliothekarin Eva Komarek

Kontakt:
Mag. Dr. Ursula Schneider
Forschungsinstitut Brenner-Archiv
Josef Hirn-Str. 5
6020 Innsbruck
E-Mail IconUrsula.Schneider@uibk.ac.at