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Christine Lavant als Briefschreiberin 

Christine Lavant (1915-1973) ist eine der wichtigsten AutorInnen der österreichischen Nachkriegsliteratur. Sie ist zwar vielen durchaus bekannt, bei näherem Betrachten jedoch mehr als Mythos (als Schöpferin von "dunklen" Gedichten, als "weltabgewandte Dichterin aus einem Kärntner Tal" mit Kopftuch u.a.) denn als Künstlerin und Persönlichkeit.

Die Briefe Christine Lavants sind vornehmlich im populären Bereich Gegenstand des Interesses gewesen, vorwiegend als Auszüge und als Erinnerung an die Person, die man kannte. Wissenschaftlich ediert und kommentiert wurde ein Briefkonvolut Lavants erstmals 1997 durch Annette Steinsiek.

Christine Lavant hinterließ keine Tagebücher oder andere persönliche Aufzeichnungen wie etwa Tageskalender oder Notizzettel; deshalb sind ihre Briefe zentraler und fundamentaler Baustein jeder biographischen Beschäftigung.

Sie geben als Zeugnisse menschlichen Lebens z.B. darüber Auskunft, was sie gelesen hat, was sie zu Weihnachten geschenkt (bekommen) hat, in welchen Verhältnissen sie gelebt und wie sie diese erlebt hat und nicht zuletzt über ihr Selbstverständnis als Dichterin.

Als Texte zeugen die Briefe in von Christine Lavant selbst so bezeichneten Phasen "dichterischen Verstummens" vom literarischen Umgang mit Sprache. Sie können aber auch unter dem Gesichtspunkt ihrer literarischen Qualität als Teil des Werkes der Autorin angesehen werden.

Die Möglichkeiten des Mediums Brief, räumliche Entfernungen zu überbrücken, kamen im Falle Christine Lavants einer Person zugute, die durch körperliche Einschränkungen wenig beweglich war; es zeigt sich zudem, wie von einem Punkt der Provinz aus ein Netz an überregionalen Kontakten entstanden ist, dessen Kenntnis das Bild der literarischen und künstlerischen Zusammenhänge in Österreich erweitert.


As a short description in English:
Since Christine Lavant has left no diaries or other personal notes, her letters are of central and fundamental importance for any biographer. Furthermore they are rightly considered a true part of the author's works. The letters not only testify to Christine Lavant’s vision of herself as a poet but also document her creative use of the language during those "phases of voicelessness" in which for her "producing works" was apparently impossible for her. Letters can bridge distances, a fact that was of advantage to a person who - due to her physical condition - was not very mobile. They also show how a network of interregional contacts was woven from a minor provincial point, a phenomenon which can help us to gain deeper insight into the literary and artistic world of Austria. Until now more than 1.500 letters of Lavant have been collected (most of them as photocopies), which have been transcribed and commented upon.


 


 

Der Kommentierte Gesamtbriefwechsel Christine Lavants in Stichworten

 

Ein Ziel unter anderen ist die Sammlung und Sicherung von Quellen, deren Auswertung den persönlichen und kulturellen Kontext Christine Lavants betreffen, sowie die Darbietung des Textmaterials für die Wissenschaft und eine weite interessierte Öffentlichkeit.

Ausgangspunkt war die im Auftrag des Forschungsinstituts Brenner-Archiv (FIBA) von A. Steinsiek herausgegebene und kommentierte Edition der Briefe Christine Lavants an Ingeborg Teuffenbach, deren Nachlass im FIBA liegt ("Herz auf dem Sprung", Otto Müller Verlag 1997). Schon hier wurden für Kommentar und Nachwort alle bis dahin (teil-)veröffentlichten Briefe ausgewertet sowie nach weiteren in Zusammenhang stehenden Briefkonvoluten gesucht. Schon damals schrieb Steinsiek: "Eine umfassende, kommentierte Briefausgabe, ohne die sich auch eine sinnvolle Biographie schwerer wird schreiben lassen, steht aus." (196)

Materialsuche: Die Briefe Christine Lavants waren und sind naturgemäß an vielen und verschiedenen Orten zu suchen. In Christine Lavants Nachlass (Robert Musil Institut, Klagenfurt) hat sich ihr Telefonregister erhalten, das mögliche KorrespondenzpartnerInnen ausweist (enthält Eintragungen von etwa 1957 bis Anfang der 1960er Jahre); im Nachlass gibt es 570 Briefe und Karten an sie selbst – davon 270 Briefe von Werner Berg (gesperrt) und 200 Ansichtskarten (die sie der Motive wegen aufgehoben hat) –, jedoch gibt es von wichtigen BriefpartnerInnen nicht ein Schreiben, haben sich von umfangreichen Briefwechseln eben nur manche Postkarten erhalten – sie selbst hat nicht "gesammelt". Wichtigste Referenz sind Namenserwähnungen in den schon vorliegenden Briefen sowie Auskünfte ihrer Bekannten oder Verwandten. Christine Lavant korrespondierte mit "Berühmten" und "Unberühmten" – ihre Briefe an die "Unberühmten" sind erfahrungsgemäß genauso inhaltsschwer, aber ungleich schwieriger aufzufinden. Christine Lavants Freundinnen und Freunde sind heute sehr alt (sie war Jahrgang 1915); oft sind wir bereits "zu spät". So suchen wir Personen, Nachlässe, Nachkommen.

Bestandsaufnahme: Bisher wurden insgesamt knapp 2000 Briefe zusammengeführt, etwa 1200 von Christine Lavant. (Die Korrespondenz zwischen Christine Lavant und Werner Berg - insgesamt knapp 800 Stück - wird nicht veröffentlicht; da sie aber die Jahre 1951 bis 1955 dicht dokumentieren, wären daraus sachliche und zweckdienliche Informationen in Kommentare aufzunehmen, auch um eine biographische Chronologie sicherzustellen.)
Lavant führten die Briefkontakte mit weit über 200 Korrespondenzpartnerinnen und -partnern in alle Welt.
Der früheste bisher bekannte Brief stammt aus dem Jahr 1933, der letzte vom April 1973, ihrem Todesjahr. Aus der Nazi-Zeit liegt bis auf die Bekanntgabe ihrer Hochzeit (April 1939) bisher nichts vor. Wir haben also gut drei Jahrzehnte im Kommentar zu gewärtigen. Die stärksten Jahre ihres Schreibens waren die zwischen 1951 (bis 1954 vor allem an Werner Berg) und 1958.

Umfang: Der Gesamtbriefwechsel Christine Lavants im Internet (s.u.) soll tatsächlich alle bekannten Korrespondenzen enthalten. Die privaten, die mit SchriftstellerkollegInnen sowie mit Verlagen und literarisch-künstlerisch tätigen Institutionen, auch das Kündigungsschreiben an die "Neue Heimat" – wer anders hätte als Grund der Kündigung "Heimweh" angegeben? "Dichterin" und "Mensch" – ident oder getrennt? Generell wird mit den Briefen der Eindruck stärker, dass Christine Lavant nicht – wie offenbar auch gerne geglaubt wird – ihr Leben im Verborgenen verbracht hat. Wir erfahren von ihren Reisen, von ihrer Teilnahme bei literarischen Zusammenkünften und Lesungen, von Besuchen. Doch muss noch genau erfasst werden, welche Phasen es gab und wie überhaupt sich in ihrem Leben Aktion und Rückzug verbanden. Die Briefkontakte reichen weit, von St. Stefan aus gehen sie über die Sau- oder Koralpe unter anderem nach Israel, Island und Istanbul. Dabei zeigt sich Christine Lavant oft auch als starke soziale Partnerin, die als Mitfühlende, Beratende, Kräftigende, gelegentlich beinahe Abgeklärte und Überlegene auftritt. Sie stellt im Kontext dieser sozialen Kontakte Betrachtungen über 'Leben und Welt' an, und so werden die Briefe zu Fragmenten einer Anschauung, die sich je nach KorrespondenzpartnerIn eher im spirituellen, religiösen, philosophischen, psychologischen oder lebenspraktischen Blickfeld manifestiert.

Teile, die summen: eine Vielstimmigkeit, in der einzelne Töne sich verstärkend übereinander lagern oder relativierend nebeneinander, ein Raum der Zwischenmenschlichkeit. Christine Lavant als Mensch in verschiedenen Kontexten, in Bewegung, immer anders, immer sie selbst, mit ihren Problemen und ihrer Verständigkeit.

Hinführend: zu Biographie und Werk. Christine Lavant hinterließ keine Tagebücher oder andere persönliche Aufzeichnungen, ihre Briefe sind die Zeugnisse ihrer inneren und äußeren Biographie. In ihren Briefen verstreute poetologische Äußerungen zeigen ihr Selbstverständnis als Dichterin (sie hinterließ keine theoretischen Texte); die Briefe selbst sind Dokumente auch literarischen Umgangs mit Sprache in den von ihr beschriebenen Phasen "dichterischen Verstummens". Es gibt Übergänge und Brücken zum Werk: manche Briefe haben eine literarische Struktur, manche benutzen im Werk ebenfalls auftauchende Bilder, manche geben Zugang zur Chiffrierung in Lyrik wie Prosa; nicht zuletzt sind die Briefe Referenzbereich für die Kommentierung und Datierung ihrer Werke.

Präsentation: Abgesehen von der schmerzlichen Frage, ob es je zu einer Präsentation kommen wird, soll es eine Internetedition ebenso geben wie gedruckte Bände. Im Internet sollen Forschende aus aller Welt sich nicht nur mit Christine Lavant quellenbezogen beschäftigen, sondern etwa auch bisher nicht gefundene biographische Einträge zu österreichischen Namen der Literaturlandschaft abrufenkönnen. Es werden sämtliche (greifbare) Briefe von und an Christine Lavant veröffentlicht, bei allen Möglichkeiten der erweiterten Suche. Dazu kommen Lebensdokumente Christine Lavants, die Faksimiles aller Briefe von der Autorin (ein "virtuelles Briefarchiv"), Einzelstellen- und Flächenkommentare, Biographien der BriefpartnerInnen und eine Chronik des Lebens von Christine Lavant (erstellt aus den Briefen und dem Kommentar, ggf. auch Erinnerungen anderer), interessante Drittbriefe, Fotos. Besonders berücksichtigt werden Christine Lavants Briefe: sie werden textgetreu wiedergegeben, lediglich offensichtliche Verschreibungen und Versehen aus schreibtechnischen Gründen werden im hergestellten Text korrigiert. Die textkritische Version, die den Nachweis jeder Änderung zwischen Original und hergestellten Text führt, kann je nach Wunsch aus- und eingeblendet werden. Es gibt keinerlei "stillschweigenden Eingriffe" mehr. Die editorische Richtlinien wurden erstellt von Ursula Schneider, Annette Steinsiek und Wolfgang Wiesmüller 2001/2002.

Geschichte: Im Oktober 1997 formulierten wir erstmals das Projekt eines Gesamtbriefwechsels; danach arbeiteten wir, soweit es die Zeit zuließ, ehrenamtlich daran. Vom 15. April 1998 bis 14. April 2000 und vom 1. Aug. 2000 bis 31. Juli 2001 waren wir halbtägige Mitarbeiterinnen eines vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) geförderten Projektes zur "Vorbereitung der Kritischen Werkausgabe von  Christine Lavant", das am RMI durchgeführt wurde (P 12836; Antragsteller: Arno Russegger; Projektleiter: Klaus Amann).
Von März 2000 bis 2008 wurde der Kommentierte Gesamtbriefwechsel Christine Lavants (KGCL) vom FWF in drei (!) Projekten gefördert:
März 2000 bis März 2002: "Der Gesamtbriefwechsel Christine Lavants: Sammlung, EDV, Basis für eine Biographie" (P 14110; Antragstellerinnen U. Schneider, A. Steinsiek; Projektleiter: A. Russegger, Wolfgang Wiesmüller).
April 2002 bis Dez. 2003: "Christine Lavant: Gesamtbriefwechsel" (P 15548; Antragstellerinnen U. Schneider, A. Steinsiek, Projektleiter: Wolfgang Wiesmüller).
Nov. 2004 bis April 2008: "Der Gesamtbriefwechsel Christine Lavants: Kommentierung" (P 17668-G06, Antragstellerin / Projektleiterin: U. Schneider).
Von Jan. 2009 bis März 2010 wurde die "Fertigstellung" vom Tiroler Wissenschaftsfonds (TWF) gefördert (Projektleiterin: U. Schneider).

Dank an alle, die uns mit Wissen weitergeholfen haben und weiterhelfen werden; die Kontakte herstellen; die uns empfangen; die sich erinnern; die Keller und Dachböden durchsuchen und manchmal zu ihrer eigenen Enttäuschung nichts finden; die Briefe zur Verfügung stell(t)en oder schenk(t)en; die freundlich Auskunft gaben und geben über sich selbst oder über Tanten, Väter, Ehemänner, FreundInnen...
Wir danken dem FWF für die Finanzierung! Wir danken dem Forschungsinstitut Brenner-Archiv für die Bereitstellung der Arbeitsstätte! Wir danken Wolfgang Wiesmüller für seine kompetente, immer konstruktive und kollegiale freundliche Hilfe!

Beste Absicht: Fertigstellung des Gesamtbriefwechsels, sobald die äußeren Umstände es erlauben.

(Nach: Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv, Nr. 20/2001, S.207-210; aktualisiert 2013)

... unter anderen:
H.G. Adler
Werner Berg
Thomas Bernhard
Brentanoverlag/Viktor Kubczak
Hans Brunmayr
Martin Buber
Christine Busta
Maria Crone
Gerhard Deesen
Hilde Domin
Jeannie Ebner
Elisabeth Effenberger
Josef Enengl
Rudolf Felmayer
Ludwig Ficker
Heinrich Gröger
Paula Grogger
Josef Benedikt Habernig
Gerda Halik
Rudolf Hartung
Horst Heiderhoff
Alfred Holzinger
Josef-Friedrich-
Perkonig-Gesellschaft
Linus Kefer
Edith Kleinmayr
Anise Koltz
Antonia Kucher
Ursula Kuchling
Gerhard und Maja Lampersberg
Hermann Lein
Hermann Lienhard
Monika Mayr
Merkur / Joachim Moras
Erentraud Müller
Otto Müller
Paula Ohm-Januschowsky
Friedrich Orter
Österreichische Gesellschaft
für Literatur (Otto Breicha)
Österreichischer Rundfunk
Otto Müller Verlag
Erwin und Ines Pabst
Josef Friedrich Perkonig
Adolf und Paula Purtscher
Gertrud Purtscher-Kallab
Gertrude Rakovsky
Tuvia Rübner
Adrian Russo
Nelly Sachs
Oda Schaefer
Ulrich Schaffer
Helmut Scharf
Wieland Schmied
Otto Scrinzi
Leopoldine Springschitz
Rudolf Stibill
Hermann Stuppäck
Viktor Suchy
Ingeborg Teuffenbach
Franz Tumler
Albine Unterlaß
Eduard G. Walcher
Ernst Waldinger
Hans Weigel
Ida Weiß
Ulla Wiesmann-Ficker
Armin Wigotschnig
Evlyn Wolf
Egon und Wiltrud Wucherer
Nora Wydenbruck
Ignaz Zangerle
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