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Die Biographie

Über Christine Lavant gibt es keine Biographie. Da es bisher auch keine publizierte Materialsammlung zur Dichterin gibt, beziehen sich biographische Abrisse aufeinander und tradieren so auch ungesicherte Informationen. Zum Teil wird auf Erinnerungen von ZeitgenossInnen als Quellen zurückgegriffen, ohne die Perspektivität, die Kenntnismöglichkeit oder auch nur die Tücken des Gedächtnisses zu berücksichtigen.
(Zum Problemfeld der Tradierung von ungesicherten biographischen Aussagen vgl.: Annette Steinsiek: Was kann sein – Überlegungen zum biographischen Umgang mit Christine Lavant, in: Christine Lavant und Ingeborg Teuffenbach, s. Bibliographie, S. 213-232.)

Die Briefe und der Kommentar des Kommentierten Gesamtbriefwechsels sind die entscheidende Materialbasis für eine Biographie. Denn es gibt in Lavants Nachlass keine Notizen oder persönlichen Aufzeichnungen, keine gesammelten Erinnerungsstücke; einige bürokratische Dokumente sind die einzigen Quellen zu ihrem Leben.

Die Biographie wird versuchen, die vielfältigen und zahlreichen Informationen in eine verdichtete und kohärente Darstellung zu bringen, die weder auf Charakterisierungen, noch auf Bewertungen abzielt, sondern die quellenorientiert und nachprüfbar individualgeschichtliche und kulturgeschichtliche Prozesse sowie deren Zusammenhang nachzeichnen soll. Dazu gehören etwa Fragestellungen wie die nach Konstanten und Variationen im Lebensverlauf, nach dem Verhältnis von Leben und Schreiben (Poetologie, Kreativität, Produktionsästhetik), nach den Umständen der Produktion und der Produktivität, nach der privaten und öffentlichen Kontaktstruktur und nach den spezifischen Bedingungen eines weiblichen Lebenslaufes.

Der Stellenwert des Gesamtbriefwechsels und der enorme Zuwachs an biographischem Wissen dürfte unumstritten gewesen sein, als man sich entschloss, seine organische Fortsetzung, eine (die erste) Biographie Christine Lavants, mit einer von neun international evaluierten Hertha Firnberg-Stellen des Bundesministeriums und des FWF für Annette Steinsiek zu fördern.

Inzwischen erschienen mehrere Aufsätze, die - im Umfeld methodischer Fragen zu Erkenntisgewinn oder zum editorischen Vorgehen - bereits Kapitel der Biographie bilden, deren Erscheinen erst dann möglich sein wird, wenn aus dem Gesamtbriefwechsel zitiert werden kann.
 

Christine Lavant - Zeittafel zur Orientierung

Armin Wigotschnig: Zeittafel

aus: Kunst wie meine ist nur verstümmeltes Leben. Nachgelassene und verstreut veröffentlichte Gedichte - Prosa - Briefe. Ausgewählt und herausgegeben von Armin Wigotschnig und Johann Strutz. Salzburg: Otto Müller 1978. S. 252-254.

Seit dieser ersten und wichtigen Zeittafel von 1978 sind mehr als 30 Jahre vergangen, manche Informationen können inzwischen präzisiert oder müssen korrigiert werden. Bis zu einer neuen detaillierten und vor allem begründeten Chronik muss die Auswertung des Gesamtbriefwechsels, sollte die Biographie abgewartet werden. Inzwischen kann diese Auflistung jedoch weiter hilfreich sein (einige Fehler haben wir korrigiert und die entsprechenden Belege angegeben). U. Schneider, A. Steinsiek

1915 4. Juli als 9. Kind des Bergarbeiters Georg Thonhauser und seiner Frau Anna in Groß-Edling bei St. Stefan im Lavanttal/Kärnten geboren.

Mit 5 Wochen Skrofeln auf Brust, Hals und im Gesicht, dadurch fast erblindet, verträgt kein Licht und kann nur im Dunkeln spielen.

1918 Erste Lungenentzündung (später nahezu jedes Jahr)

1919 Krankenhausaufenthalt, als nicht mehr lebensfähig angesehen

1921 Beginn der Volksschule in St. Stefan

1924 Aufenthalt im Krankenhaus Klagenfurt bei Prim. Dr. Purtscher, mit dem sie später eine enge Freundschaft verbindet. Besserung des Augenleidens. Nach der Entlassung geht sie zu Fuß 60 km von Klagenfurt nach Wolfsberg (mit Goethes Werken im Rucksack als Geschenk von Purtscher).

1927 Lungentuberkulose und Verschlimmerung der Skrofulose. Da dem Kind vom Arzt Dr. Man nur noch eine Lebenserwartung von einem Jahr zugebilligt wird, riskiert der Arzt eine starke Röntgenbestrahlung. Erfolg: Skrofeln und Tuberkulose geheilt.

Laut Aussage der Geschwister Versuch eines ersten Romans: Beschreibung einer Seelenwanderung.

1929 Ende der Volksschule. Hauptschule mußte abgebrochen werden, weil der Weg zu lang war.

Ab dieser Zeit lebt sie zu Hause, ohne einer regelmäßigen Arbeit nachzugehen.

Beschäftigung: kleine häusliche Arbeiten, Malen, Schreiben, Lesen; sie beginnt zu stricken - dies wird ihr späterer Broterwerb.

1930 Eine Mittelohrentzündung wird übersehen: sie ist an einem Ohr fast taub.

1931 Bekanntschaft mit Frau Lintschnig, St. Stefan, einer ihrer treuesten Freundinnen.

Arbeit an Hinterglasmalereien, es entstehen viele Aquarelle, die sie später verschenkt.

Schwere Depressionen; da alle Geschwister von zu Hause fort sind, bleibt sie allein bei den Eltern.

1932 Wieder Augenbehandlung bei Dr. Purtscher.

Christine Thonhauser sendet einen Roman (Titel unbekannt) an den Leykam-Verlag, Graz. Trotz positiver erster Reaktion des Verlags kommt eine endgültige Absage. Dies führt zur Vernichtung von allem bisher Geschriebenen und zum Aufgeben des Schreibens. Über die frühen Arbeiten spricht sie nie mehr, erwähnt nur soviel, daß sie sich viel an Technik erworben habe.

[1933 Nach schweren Depressionen auf eigenen Wunsch Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt in Klagenfurt, um Klarheit über ihre Zustände zu bekommen.] 

1935, 24. Okt. - 30. Nov.: Aufenthalt in der "Landes-Irrenanstalt" in Klagenfurt nach einem Suizidversuch mit Tabletten.
(Vgl. U. Schneider, A. Steinsiek: Out of Biography = Nachwort zu den "Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus" (s. Bibliographie), S. 130.) 

1937 Lernt ihren späteren Mann, den Kunstmaler Josef B. Habernig, kennen, den sie beim Malen auf der Straße anspricht.

Tod des Vaters.

1938 Tod der Mutter. Christine Thonhauser muß die Wohnung verlassen, wird zuerst von den Geschwistern finanziell unterstützt und verdient sich dann ihren Unterhalt durch Strickarbeiten.

1939 Heirat mit dem um 30 Jahre älteren Josef Habernig (aus Sorge um den alternden Mann).

1940 Knut Hamsuns "Letztes Kapitel" hinterläßt einen großen Eindruck. In den folgenden Jahren Beschäftigung mit religiöser, mystischer, philosophischer und okkulter Literatur.

1945 Stößt auf Späte Gedichte von Rilke, die sie immer wieder liest. Beginnt selbst wieder zu schreiben, ist jedoch nicht von sich überzeugt. Sendet ihre Gedichte an Familie Purtscher, die davon sehr beeindruckt ist und die Gedichte an Paula Grogger weitergibt. [Dort ist gerade der Stuttgarter Verleger Viktor Kubczak zu Gast. Es kommt zu einem Zusammentreffen mit ihm bei Paula Grogger.] 

1946, 11. - 20. Mai: Im Hause von Paula Grogger Zusammentreffen mit dem Verleger Viktor Kubczak, im Gästebuch Groggers nach einem Gedicht erste eigene Verwendung des Namens "Christine Lavant". (Vgl. U. Schneider, A. Steinsiek: Erfahrung nach dem Krieg (s. Bibliographie), S. 184 - 186.)

1948 Unter dem Namen Christine Lavant (nach ihrer Heimat) erscheint in Kubczaks neugegründetem Brentano Verlag in Stuttgart ein Bürstenabzug der Gedichte "Die Nacht an den Tag", der aber verlorengeht. Der Verleger rät ihr, Prosa zu schreiben.

"Das Kind", Erzählung, Stuttgart, Brentano Verlag.

1949 "Das Krüglein", Erzählung, Stuttgart, Brentano Verlag. "Die unvollendete Liebe", Gedichte, ebenda.

1950 Dichterlesung in St. Veit an der Glan (St. Veiter Kulturtage) wird für Lavant zu einem großen persönlichen Erfolg. Hier lernt sie den Maler Werner Berg kennen, mit dem sie eine jahrelange enge Freundschaft verbindet. Es entstehen seine Holzschnitte, Ölbilder und Portraits der Dichterin. Freundschaft mit der Familie des Komponisten Gerhard Lampersberg.

Lavant übersiedelt in das Haus ihrer Freundin, Frau Lintschnig, wo sie mit Ausnahme einer 1 1/2 jährigen Unterbrechung bis zum Tode wohnt.

1952 "Baruscha", Erzählungen (außer der Titelerzählung noch "Die goldene Braue", "Der Messer-Mooth"), Graz, Leykam.

1954 Verleihung des Trakl-Preises (gemeinsam mit Christine Busta, Michael Guttenbrunner, Wilhelm Szabo). Freundschaft mit Ludwig von Ficker.

1956 "Die Bettlerschale", Gedichte, Salzburg, Otto Müller.

Staatlicher Förderungspreis für Lyrik. Lyrik-Preis der "Neuen deutschen Hefte".

"Die Rosenkugel", Erzählung, Stuttgart, Brentano Verlag.

[1957 Reise nach Istanbul, trotz vieler Schwierigkeiten großer Eindruck.] 

1958,  Juni: Reise nach Istanbul. (Vgl. A. Steinsiek: Chr. Lavant u. Ingeborg Teuffenbach (s. Bibliographie), S. 223.)

1959 "Spindel im Mond", Gedichte, Salzburg, Otto Müller.

1960 "Sonnenvogel", Gedichte, Wülfrath, Horst Heiderhoff.

1961 Staatlicher Förderungspreis für Lyrik

"Wirf ab den Lehm", Gedichte und Erzählungen, hrsg. v. Wieland Schmied, Graz, Stiasny.

1962 "Der Pfauenschrei", Gedichte, Salzburg, Otto Müller.

13 Gedichte in "Lyrische Hefte", Nr. 11, hrsg. v. Arnfried Astel, Heidelberg.

1963 Josef Habernig erleidet einen Schlaganfall; Nervenzusammenbruch Christine Lavants - Krankenheimaufenthalt in Klagenfurt. Freundschaft mit Prim. Dr. Otto Scrinzi.

1964 Trakl-Preis. Anton Wildgans-Preis.

1966 Übersiedlung nach Klagenfurt in ein Hochhaus.

1967 "Hälfte des Herzens", Gedichte, Darmstadt, Bläschke.

1968 Rückkehr nach St. Stefan nach einem Krankenheimaufenthalt in Wolfsberg.

1969 "Nell", Erzählungen (außer der Titelerzählung noch "Maria Katharina", "Rosa Berchtold", "Der Knabe"), hrsg. (ohne Nennung) v. Jeannie Ebner, Salzburg, Otto Müller. Die Erzählungen stammen noch aus den frühen fünfziger Jahren.

1970 Großer österreichischer Staatspreis für Literatur. Aufenthalt im Krankenheim Wolfsberg.

1972 "Gedichte" (aus "Bettlerschale", "Spindel im Mond", "Pfauenschrei"), hrsg. v. Grete Lübbe-Grothues, München, Deutscher Taschenbuch Verlag. Aufenthalt im Krankenheim Wolfsberg.

1973 7. Juni Tod Christine Lavants im Landeskrankenhaus Wolfsberg nach einem Schlaganfall.

1974 Veröffentlichung von 26 Briefen an den Rechtsanwalt Gerhard Deesen, der die Autorin finanziell unterstützt hatte, in Ensemble. Internat. Jahrbuch für Literatur 5 (1974). 

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