Das Ernst-von-Glasersfeld-Archiv

Seit Anfang 2012 gehört zu den Beständen des Brenner-Archivs der umfangreiche Nachlass des Philosophen und Kommunikationswissenschaftlers Ernst von Glasersfeld (1917-2010). Leihgeber und Nachlassverwalter sind Theo Hug (Institut für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung, Universität Innsbruck) und  Josef Mitterer (Institut für Philosophie, Universität Klagenfurt).
Am 22. März 2013 wurde das Ernst-von-Glasersfeld-Archiv in der Claudiana offiziell eröffnet.
  

Ernst von Glasersfeld, 2008. Foto: Christian Wucherer

 



Ernst von Glasersfeld bei der Ehrendoktoratsverleihung an der Universität Innsbruck am 17.4.2008
(Fotonachweis: Christian Wucherer)

 
Biographie

Ernst von Glasersfeld (1917-2010), der Begründer des Radikalen Konstruktivismus, war Emeritus Professor für Psychologie an der University of Georgia, Research Associate am Scientific Reasoning Research Institute und Adjunct Professor am Institut für Psychologie der University of Massachusetts in Amherst. Er war Mitglied der American Society of Cybernetics sowie des Instituto Piaget in Lissabon.

Ernst von Glasersfeld stammt aus einem österreichischen Elternhaus, sein Vater war bis 1918 im diplomatischen Dienst. Glasersfeld wächst zunächst zweisprachig auf, zuhause wurde deutsch und englisch gesprochen. Nach dem Ersten Weltkrieg übersiedelt die Familie nach Südtirol, wo Glasersfeld Italienisch lernt, der Vater widmet sich von nun an der Fotografie. In einem internationalen Internat in Zuoz im Oberengadin in der Schweiz kommt Französisch als vierte Sprache dazu. Sein späteres Interesse an erkenntnistheoretischen Fragen führt Glasersfeld auch auf seine Erfahrungen mit der Mehrsprachigkeit zurück. Die Frage, wie weit Sprachen bestimmen, wie wir die Welt erfahren und mit ihr umgehen, hat ihn schon als Schüler beschäftigt.
Er beginnt in der Schweiz das Studium der Mathematik, das er nach einem Semester in Wien fortsetzt. Dort beschäftigt er sich auch mit den Arbeiten von Freud und Wittgenstein, die auf sein späteres Schaffen großen Einfluss haben.
Ein Jahr darauf nimmt er ein Angebot wahr, in Australien als Schilehrer zu arbeiten und auch an internationalen Schirennen teilzunehmen, was ihm den Titel des ersten australischen Abfahrtsmeisters einbringt.
Zurück in Europa verbringt Glasersfeld einige Zeit in Italien und Frankreich, da als Folge des Anschlusses eine Rückkehr nach Wien nicht mehr möglich ist.
Die Zeit des Zweiten Weltkriegs verbringt er mit seiner Frau in Irland, er betätigt sich als Farmer und entdeckt George Berkeley und Giambattista Vico.
Nach Meran zurückgekehrt, schreibt er für die seit 1947 erscheinende Wochenzeitschrift Der Standpunkt. Während eines Urlaubs am Gardasee lernt Glasersfeld den Linguisten und Philosophen Silvio Ceccato kennen, in dessen interdisziplinären Kreis, die Scuola Operativa Italiana, er aufgenommen wird.
Für die Zeitschrift Methodos verfasst er Artikel und übersetzt die Beiträge von anderen Autoren.
1959 wird Glasersfeld Forschungsassistent an Ceccatos Zentrum für Kybernetik in Mailand und leitet dort später ein Projekt zur maschinellen Sprachübersetzung. Piero Pisani und Jehane Burns, die spätere Frau von Thomas Kuhn, werden seine Mitarbeiter.
Durch dieses Projekt wird er bekannt mit einigen Vertretern der noch jungen Disziplin der Kybernetik, unter ihnen Gordon Pask und Heinz von Foerster. 1966 übersiedelt er mit einigen Kollegen in die USA, um an der University of Georgia in Athens das Projekt fortzusetzen. Nachdem die Abteilung der Air Force, die das Forschungsprojekt finanziert hat, unter Präsident Nixon geschlossen wird, beginnt für Glasersfeld eine akademische Karriere, die eigentlich nicht geplant war. Auf Einladung von Ray Carpenter, einem der führenden Primatologen in den USA, entwickelt Glasersfeld die Zeichensprache „Yerkish“ für Schimpansen.
Wesentlich für die Entwicklung des Denkens von Glasersfeld und damit für die Entwicklung des Radikalen Konstruktivismus wird seine kritische Lektüre der Werke des Entwicklungspsychologen Jean Piaget.
1974 erhält Ernst von Glasersfeld die amerikanische Staatsbürgerschaft. 1976 untersucht er gemeinsam mit John Richards und Leslie Steffe  die Entwicklung des Zahlenbegriffes bei Kindern.
Auf der Tagung „The Construction of  Realities“ in San Francisco lernt er 1978 den ebenfalls aus Österreich stammenden Paul Watzlawick kennen, der viel zur Verbreitung des Radikalen Konstruktivismus beiträgt.
Nach seiner Emeritierung als Professor für kognitive Psychologie an der University of Georgia setzt Ernst von Glasersfeld auf Einladung von Jack Lochhead seine Forschungen am Scientific Reasoning Research Institute in Amherst, Massachusetts fort.
Seine Kontakte zu Österreich, Deutschland und Italien sind nie abgerissen. Er leitet mehrmals Seminare und hält Vorträge, unter anderem in Klagenfurt, Innsbruck, Wien, Heidelberg und Siegen. 1997 wird ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Klagenfurt verliehen, 2005 erhält er den Gregory Bateson Preis in Heidelberg, 2008 schließlich ehrt auch die Universität Innsbruck Glasersfeld mit der Verleihung des Ehrendoktorats. Dazu kommen Auszeichnungen verschiedener Universitäten und wissenschaftlicher Gesellschaften aus anderen europäischen Ländern, den USA und Kanada.
Ernst von Glasersfeld stirbt im November 2010 in Leverett, Franklin County, Massachusetts.
„Die Denkweise von Ernst von Glasersfeld steht in einem engen Zusammenhang mit seiner Biographie, und nur wenige Theoretiker können von sich sagen, dass sie ihre Theorie in einem solchen Ausmaß gelebt haben.“ (Josef Mitterer)

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