Christine Busta an Ludwig von Ficker, 19.12.1951

 

Wien, 19.XII.51 

Lieber, sehr verehrter Herr Professor Ficker, 

ich schämte mich entsetzlich vor Ihnen, daß meine Antwort auf Ihren reizenden Weihnachtsbrief vom Vorjahr so spät kommt. Aber eben dieser Brief in seiner wunderbaren Menschlichkeit gibt mir doch auch wieder Mut, auf Ihr Verständnis u. Ihre Vergebung zu hoffen.
Sie ahnen nicht, was mir dieser Brief u. der Umstand, daß Sie gerade am Hlgn. Abend an mich gedacht haben, bedeutet hat. Ich habe ihn das ganze Jahr hindurch mit mir herumgetragen u. immer wieder gelesen u. oft u. lange darauf geantwortet im Geiste. Aber zu anderer Antwort hat Mut u. Kraft – physisch u. psychisch – nicht ausgereicht.
Aus persönlichen Gründen ist Weihnachten seit Jahren für mich eine der schlimmsten u. trostlosesten Zeiten im Jahr u. wenn es ein Mittel gäbe, das einen für Tage in einen tiefen, ununterbrochenen Schlaft versetzt, so würde ich es augenblicklich anwenden, denn ich fürchte mich heuer fast noch mehr als im Vorjahr.
Gerade am Hlgn. Abend des Vorjahres erlitt ich einen scheußlichen Nervenzusammenbruch u. in den folgenden Wochen u. Monaten wurde es schlimmer mit mir. Eine Fülle physischer und psychischer Momente wirkte zusammen, bis ich keinen Ausweg mehr sah u. mich an Prof. Frankl [Viktor E. Frankl] wandte, der mich augenblicklich auf Urlaub sandte wegen schwerer Depression u. Melancholie. Dank seiner Hilfe ist nun wenigstens vom Physischen her durch Infektionskuren u. dergl. alles getan worden, das Schlimmste zu beheben u. ich weiß nicht, ob ich ohne seine großzügige u. selbstlose Hilfe dieses Jahr überhaupt überstanden hätte. Rein äußerlich lasse ich mir ja kaum je etwas anmerken, aber das macht alles nur ärger, weil ich immer alles in mich hineinfresse u. nicht schlapp machen will. Und da ich nicht gern klage, sondern es lieber mit mir allein ausmache, mied ich fast alle Menschen u. schrieb auch niemandem. Überdies mußte ich auch noch Gemeinheiten erfahren, die mir allen Mut nahmen. Sie hingen z. Teil auch mit der Verleihung des Förderpreises zusammen, der von irgendeiner Neiderseite Anlaß zu übelsten Gerüchten gab, was mich unsagbar verstörte. Unter anderem hinterbrachte man mir, Sie hätten sich über meine Arbeiten geäußert, sie seien verlogen u. dürftigstes Klischee, ein begrenztes Vokabular, das mit Routine zu Tode gehunzt würde u. dergl. mehr. Es war alles sehr häßlich u. liegt Gott sei Dank nun doch schon wieder eine Weile zurück, man wärmt es also besser nicht mehr auf. Es war ja auch nur ein winziger Kreis, von dem das ausging, u. zur Rede gestellt verhielt er sich überdies wenig mutig u. stellte alles in Abrede. Man vergißt das besser! –
Leider bin ich auf Grund meines Zustandes sehr wenig konzentrationsfähig, daher braucht jede Arbeit viel länger als sie normalerweise dürfte, was mein Unfähigkeitsgefühl noch arg verschlimmert. So frette ich mich halt weiter auf Güte und Nachsicht meiner Vorgesetzten angewiesen. Vorige Woche habe ich Gott sei Dank wenigstens die Bibliothekarsprüfung mit Auszeichnung hinter mich gebracht, mehr mit der Wut der Verzweiflung als mit echter Sachkenntnis. Heute komme ich mir dümmer vor denn je.
Ist der neue Brenner zustandegekommen? Es wäre mir eine große Ehre gewesen, darin mit dem „Geborstenen Gekreuzigten“ Platz zu finden. Leider aber war er damals schon an die „Furche“ vergeben, die ihn allerdings erst zu Ostern brachte. Aber vielleicht findet einmal ein anderes Gedicht Ihre Gnade für Ihre ebenso schöne wie seltene Zeitschrift. So gern würde ich Sie einmal wiedersehen! Ich bin im allgemeinen sehr leutscheu u. schüchtern, aber zu Ihnen hatte ich vom ersten Augenblick an Zutrauen gefaßt u. da geht von Mund zu Mund, von Aug zu Aug u. von Herz zu Herz alles viel einfacher u. besser!
Darf ich Ihnen als Weihnachtsgabe nun meinen ersten größeren selbständigen Gedichtband [Der Regenbaum. Thomas Morus Presse im Verlag Herder. Wien 1951] in die Hände u. ein bisserl auch an Ihr menschenfreundliches Herz legen? Wenn er ein bißl Ihre Zustimmung finden könnte, wär mir das eine ganz, ganz große Freude. Ich wäre Ihnen aber auch dankbar, wenn Sie mir soviel Zeit schenkten, mir zu schreiben, was Ihnen mißfällt u. warum. Es ist seltsam, die karg gelesenen u. herben Früchte langer not- u. liebgetreuer Jahre zum erstenmale beisammen in die Welt zu schicken u. nicht zu wissen, ob einer ihr Wesen schmeckt u. an- u. aufnimmt u. ob sie wirken können, ein wenig Freude, Liebe u. Nachdenklichkeit bewirken können. Doch ohne die bleibt ja doch alles verloren, ist alles eitel. Und das Eitle hab ich nie wollen, nur das Vergebliche muß man in Demut tragen lernen. Vergessen Sie mich, bitte, nicht ganz, ich hab’s so bitter nötig. Ein wenig von meiner persönlichen Geschichte werden Sie ja wohl aus der Reihung der Verse lesen können u. in zwei Tieren dürfen Sie auch mein Selbstporträt suchen. Ich bin so froh, daß es Sie irgendwo in der Welt gibt u. denke viel an Sie u. das Leben, das hinter Ihren Worten steht u. hinter Ihrem Gesicht. Geben Sie mir, bitte, ein winziges Zeichen, daß Sie mir über mein langes Schweigen nicht böse sind. Es würde mich arg bedrücken, Sie mir nicht gut zu wissen. Denn es gibt Menschen, mit denen man zwar das eine lange gute Gespräch, das jeder im Leben nötig hat, nie führt, weil es einfach nicht dazu kommt, aber es genügt oft, zu wissen, daß man es mit ihnen führen könnte. Zu diesen Menschen gehören für mich Sie, lieber Herr Professor. Und nach diesem Geständnis darf ich wohl schließen, denn auch diese Zeilen sind so unzulänglich wie alles, was ich tue.
Ich wünsche Ihnen u. allen, die Sie lieb haben u. um die Sie Sorge tragen, ein recht schönes, inniges Fest u. viel Freude u. Kraft fürs nächste u. alle kommenden Jahre.
Immer 

Ihre Christl Busta
Wien XV./101.,
Turnerg. 26 II./21 

P.S. Leider wollte der Verlag die Dedikation aus Gründen typogr. Aesthetik (mit Ausnahme meiner Mutter) nicht unter die Titel setzen u. hat sie nur auf einer gesonderten Liste in meine Freiexemplare eingebunden, im Buchhandel aber weggelassen, was mich kränkt, weil es als Undankbarkeit mißverstanden werden könnte.

(aus: Ludwig von Ficker. Briefwechsel 1940-1967. Haymon Verlag 1996)