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Ins Bild gerückt

Samivel: C’Était Écrit. Eine Zeichnung im Nachlass Ludwig Erik Tesars

Die schlichte, gelungen einprägsame Zeichnung zieht uns in den Raum hinein, sie hat Höhe, Breite und Tiefe. Die Tiefe, der Raum nach hinten, ergibt sich vor allem mit der Fußspur, die winzig am Horizont beginnt und auf die Betrachterin, den Betrachter zuläuft. Tiefe allerdings auch ganz umgangssprachlich als Gegenteil von Höhe – die Stapfen enden in einer Gletscherspalte, die sich unvermutet inmitten der ansonsten völlig unberührten Schneelandschaft aufgetan hat. Die Perspektive auf das Geschehen ist zentral, aber weder frontal, noch von einem Scheitelpunkt aus, sondern von schräg vorne. Aber es deutet nichts darauf hin, dass eine Betrachterin, ein Betrachter erhöht, auf einem der Berge stehen könnte, die das Schneetal säumen: Wir müssten herabrutschen, denn es ist nichts zu sehen, was irgendwie Halt geben könnte. Man wird unsicher, schwebt im Raum. Und in der Zeit: Ist das stapfende Wesen, das sich auf uns zubewegte, bewusst vor uns zur Seite abgebogen und haben wir also seinen Absturz gesehen? Oder hat sein Weg gar nicht mit uns zu tun, blicken wir von unserem nicht viel deutlicher definierbaren Ort auf ein Rätsel? Es scheint kein dramatischer Vorgang stattgefunden zu haben, es gibt keine Schleifspuren, keine Spuren des Greifens nach vermeintlichem Halt. Als habe sich in dieser Einsamkeit einfach das Schicksal erfüllt.

„Es wurde geschrieben“? Der Titel C’était écrit klingt biblisch, findet sich als Formulierung aber nicht in der französischen Bibelsprache. Macht sich Samivel mit diesem Titel darüber lustig, dass irgendwo und immer wieder geschrieben steht: Wer mutwillig Berge bezwingen will, den werden sie eines Tages verschlingen? Will er uns sagen, dass die Wahrscheinlichkeit, auf einer Bergspitze zu sterben, nicht höher ist, als dass sich im Tal ein Abgrund auftut (dies auch im übertragenen Sinne)? Jede Mutmaßung, die Zeichnung wäre im Hinblick auf Karfreitag oder Ostern 2020 gewählt worden, sei an dieser Stelle zerstreut – Wahl und Termin sind voneinander unabhängig. Den existentiellen Ausdruck dieser Zeichnung entsprechend zu erweitern, ist davon unbenommen.

Der Franzose Samivel, der eigentlich Paul Gayet-Tancrède hieß (1907-1992), war selbst bergaffin, Alpinist. Er begann seine Karriere als Graphiker und Maler um 1930 mit Plakaten für den französischen Alpenverein, auch für Wintersportorte. Zugleich aber verspottet er in Karikaturen Möchtegernbergsteiger und Massentourismus. Seine Figuren Samovar und Baculot – mit einiger Sicherheit angelehnt an Bouvard und Pécuchet, das Dilettantenpaar Flauberts, das zwar voll Wissensdrang, aber ohne Methode und Maß agiert und nicht vom Fleck kommt – sind immer wieder dabei. Um nicht als Vonobenherab-Schauender, als sich gottgleiche Weitsicht Anmaßender zu erscheinen, wählt Samivel einen Trick: Er vereint Zeichnungen unter dem Titel Sous l’œil des Choucas… ou les plaisirs de l’alpinisme, erstmals 1932 in Paris erschienen und seitdem immer wieder aufgelegt. Dieser Titel gibt uns den entscheidenden Hinweis: Wir sehen aus den Augen einer Dohle auf das Geschehen. Eine großartige Sache, sie kann schier jede Position und Perspektive einnehmen und alles beobachten, und der Maler hat sich allein für einen Augenblick entschieden… Ob die hier vorgestellte Zeichnung (oder eine ähnliche) in diesem Werk veröffentlicht, ob sie überhaupt veröffentlicht wurde, konnte unter den derzeitigen Umständen nicht ermittelt werden. Diese Zeichnung ist – wie eine andere, die diesem Werk zugehört und sich im Internet findet – keine Karikatur. Der Mensch ist „verschwunden“, und sie spricht umsomehr von dessen existentiellem Verhältnis zur Größe Natur, zur Natur-Gewalt, die jedoch eben nicht wie der Mensch „gewalt-bereit“ oder „gewalt-tätig“ ist.

Der in Frankreich nicht nur als Bildkünstler, sondern auch als Schriftsteller und Filmschaffender populäre, aber bisher nicht durch einen deutschen Wikipedia-Eintrag gewürdigte Bergmensch und „Naturschützer erster Stunde“ (wie die Website der „Gesellschaft der Freunde Samivels“ ihn nennt), soll sein Pseudonym nach einer Figur in den Pickwick Papers von Charles Dickens gewählt haben. Es dürfte sich dabei um die des Samuel Weller handeln, den sein Vater einmal geringschätzig mit Samivel anspricht. Die Vermutung müsste verifiziert und die Implikationen dieses identifikatorischen Aktes, der ja wie ein Motto jedes Werk markiert, herausgearbeitet werden.

Wir wissen nicht, wie Samivels Bleistiftzeichnung in den Nachlass des Reformpädagogen Erik Ludwig Tesar (1879-1968) im Forschungsinstitut Brenner-Archiv gelangte. Seit einiger Zeit wegen Covid 19 sowohl von den Bänden der Universitätsbibliothek (die ziemlich einige Titel von Samivel führt) als auch von den Beständen im Brenner-Archiv (abgesehen von bereits digitalisierten Materialien) abgeschnitten, ist es nicht möglich gewesen, die Publikationen oder die im Nachlass Tesars erhaltenen Korrespondenzen im Hinblick auf die Zeichnung abzuklopfen. Der in dieser Situation befragte Spezialist, Eberhard Sauermann, der den Nachlass Tesars erschlossen und sich mit Tesar ausführlicher beschäftigt hat, vermutet – ich danke ihm herzlich für diesen Hinweis –, „dass Tesar sie von Wilfried Kirschl geschenkt bekommen hat, den er unterstützt hat und der ja eine Zeitlang in Frankreich gelebt und gemalt hat, wo er Samivel kennengelernt oder zumindest diese Zeichnung (im Tausch?) erworben haben könnte“. Die (irritierenderweise in Kopie vorliegenden, vermutlich nicht vollständigen) Korrespondenzstücke von Kirschl an Tesar (12 St. aus den Jahren 1952 bis 1954) geben aber leider keinen Aufschluss über Samivels Zeichnung. Kirschl hatte übrigens seinerzeit mit dafür gesorgt, dass der Bestand von Tesar in das Brenner-Archiv gelangte.

Die ebenfalls im Brenner-Archiv aufbewahrten und erschlossenen Entlehnkarten des Innsbrucker Institut français repräsentieren die aufgelöste Bibliothek, die, geht man vom selbstgewählten Erziehungsauftrag der französischen Besatzungsmacht aus, eine repräsentative Auswahl der französischen Kultur bereitgestellt haben dürfte. Darunter findet sich auch Samivel, mit Bonshommes de neige („Schneemänner“, wobei die Übersetzung von bonshommes allein von Mannsbilder bis Trottel reicht), angeschafft 1952. Weder Kirschl noch Tesar sind bei den drei Ausleihenden genannt, aber das muss nichts heißen. Kirschl hatte Kontakt zu Maurice Besset, von 1947 bis 1958 Direktor des Institut français. In den 1950er Jahren erhielt er mindestens ein Stipendium des Institut für einen Studienaufenthalt in Frankreich (vgl. Projekt des Forschungsinstituts Brenner-Archiv über den Einfluss der französischen Kulturpolitik auf die Kultur in Tirol).

Das abgebildete, dem Zeichnungsrahmen entsprechend handbeschnittene Blatt misst 23,5 x 19,5 cm. Wann es entstand, ist nicht angegeben; der Zeitpunkt würde nach obigen Überlegungen auch in die 1930er Jahre fallen – sofern nicht später Remakes entstanden. Dagegen, dass diese Zeichnung allein Vorstufe sein soll, sprechen Titel und Signatur, kompositorische Vollständigkeit und die gezeichnete Rahmung. Und nicht zuletzt auch ihre Weitergabe. Wann und an wen, bleibt derzeit Vermutung. Aber vielleicht werde ich mir nach Beendigung der Beschränkungen einmal die in Innsbruck greifbaren Samivels zu Durchsicht und Prüfung – und zum Vergnügen – bestellen.

(Annette Steinsiek)

Die Zeichnung hat die Signatur 036-144-001. Die Suche nach den möglichen RechteinhaberInnen läuft. Sollten Ansprüche verletzt worden sein, so bitte ich um Verständnis und Hinweise an annette.steinsiek@uibk.ac.at.

 

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