Erika Danneberg (1922-2007) ist eine politische Frau. In Farbe und Wesen ähnelt sie einer roten Nelke. Ihr dicht gefaltetes Blütenblatt lässt eine vielschichtige Lebensgeschichte vermuten.
Von ihrer Mutter verstoßen, wächst die starke Großmutter zu Dannebergs frühem Vorbild heran. Als selbstbestimmte Schriftstellerin ebnet sie ihrer Enkelin einen literarischen Lebensweg. Danneberg wird gelernte Buchhändlerin, Germanistin, Psychoanalytikerin, Journalistin, Übersetzerin und Autorin. Sie bevorzugt das Maschinenschreiben, sodass sie ihre Blütenblätter weniger mit handschriftlichen Zeichen als vielmehr mit Druckbuchstaben verziert. Im Zentrum ihres literarischen Schaffens steht die Dokumentation ihres Lebens. Sie schreibt ehrlich und unverblümt – nach poetischer Raffinesse sucht man in ihrer autobiografischen Lyrik und Prosa vergebens. In einem Brief vom 24.09.1946 an ihren Freund Fritz à Brassard übt sie Kritik am Germanistikstudium. Erika Danneberg verspürt ein „große[s] Grausen vor dem ganzen literarischen Getue, vor allem bloßen Ästhetentum – was sollen wir damit anfangen nach diesen sieben [Kriegs-]Jahren?“.
Danneberg schreibt über soziale Gerechtigkeit, politisches Aufbegehren und Krieg. Sie ist in der Szene der Nachkriegsliteratur rund um Marlen Haushofer, Berthold Viertel, Dorothea Zeemann und Hans Weigel verwurzelt.
Die rote Nelke hat zwar keine Dornen, jedoch sind ihre roten Blüten umrandet von Zacken, die an Widerhaken erinnern. Erika Danneberg ist eine Frau, die in ihrem Denken und Handeln stets Widerstand leistet – Widerstand gegen ihren nationalsozialistischen Vater und gegen Missstände in Österreich und Nicaragua. In der Bewegung „Rotes Wien“ kommt ihr eine aktive Rolle zu. Sie ist Mitglied der KPÖ und der „Wiener Psychoanalytischen Vereinigung“, leistet Basisarbeit in Nicaragua und engagiert sich in der Sandinistischen Revolution.
Von wuchtigen Männerhänden umschlossen wird ein fragiler Blütenkopf leicht zerdrückt. Erika Danneberg hat ein gebrochenes Verhältnis zu Männern. Als Ehefrau verkümmert sie im Schatten von Hermann Hakel. Der Beweggrund für die 9-jährige Ehe mit Hakel ist politischer Natur: Danneberg will ein politisches Statement gegen den Antisemitismus setzen. In der disharmonischen Beziehung zu ihrem jüdischen Gatten überwiegt die Symbolkraft.
Auch als Geliebte des verheirateten Friedrich Polakovics findet sie weder emotionale noch sexuelle Anerkennung. Ihre Beziehung zu Bruder und Vater scheitert aus politischen Gründen.
In Nicaragua begegnet sie der Psychoanalytikerin Marie Langer. Trotz beachtlichem Altersunterschied fühlen sich die beiden Frauen auf Anhieb verbunden und pflegen über 3 Jahre hinweg eine innige Brieffreundschaft. Erika Danneberg überwindet ihre Angst vor dem Verwelken und blüht durch Marie Langer an ihrem Lebensabend noch einmal auf.

Anna Schöpf

 

 

Nach oben scrollen