Norbert C. Kaser: leoncin / Gedicht vom 23. Juli 1977, Sammlung FIBA (Sign. 47/10.10.1)Sammlung FIBA (Sign. 47/10.10.1)

 

„Zuerst war es eine Art Scheinberufung“, offenbarte Norbert C. Kaser dem Brunecker Bekannten Ivo Micheli einst in einem persönlichen Gespräch. „Dann mit der Zeit hab ich gesehen, daß ich wirklich schreiben kann. Und ich schreib eigentlich vielmehr aus Spaß, und wenn mir etwas Geeignetes einfällt, so kein konzentriertes wohlüberlegtes, stundenplanmäßiges literarisches Arbeiten – ich schreibe, wenn mich irgendeine Spannung überfällt, wenn ich irgendwo eine Spannung sehe, – ,Spannung‘ ist überhaupt so ein Lieblingswort von mir.“[i]

Die Spontaneität im eigenen Schaffen, von der Kaser berichtet, ist 1977 im Gedicht „leoncin“ eindrucksvoll manifest geworden. Sie zeigt sich nicht nur in der knappen Sprache, sondern in der gesamten äußeren Form des Textes – handgeschrieben, auf einen gerade griffbereiten Barzettel notiert, wodurch Kaser das Geschriebene (auch das nicht untypisch) über die Sprache hinaus zum Gesamtkunstwerk gemacht hat.

Dass es sich bei „leoncin“, dem kleinen miauenden Löwen, tatsächlich um ein Kasergedicht handelt, ist trotz fehlender Signatur eindeutig zu erkennen – insbesondere an der auffallend schönen Handschrift und der typischen Form der Datierung. Typisch für Kaser ist nicht zuletzt der lakonische Tonfall, mit dem er dem hungrigen Tier unterstellt, Appetit auf einen Missionar zu haben, den die Löwenmutter alsbald als Schnitzel servieren sollte.

Die italienische Sprache verweist als letztes stichhaltiges Indiz auf Kasers Autorenschaft, zählte er gemeinsam mit Gerhard Kofler doch zu den wenigen bzw. ersten Südtiroler Literaten, die auch italienische Texte verfassten. Mehr noch als bei Kofler ist die Wahl der Zweitsprache bei Kaser nicht nur eine Form geistiger Entprovinzialisierung, sondern durchaus als Geste der Verbrüderung mit den sprachlich-kulturellen Außenseitern im eigenen Land gedacht.

Der konkrete Anlass für das Gedicht lässt sich aus seinem Inhalt indes nicht mehr eruieren. Es dürfte ziemlich sicher in einer Brunecker Gasthausstube entstanden sein. Mitte Juli 1977 hatte Kaser in seiner Heimatstadt als Zaungast an einem mehrtägigen Volksfest – den Europatagen – teilgenommen und in dieser Zeit von dort mehrere Briefe versandt. Da er Johannes E. Trojer am 5. August mitteilte, „teiflisch in geldnoeten“ zu sein,[ii] ist es denkbar, dass „leoncin“ wie manch anderes Kasergedicht jener Tage für 500 Lire oder ein Viertel Wein seinen Weg aufs Papier und von dort in die Tasche eines Zechers fand.

Was man damals allenfalls erahnen, aber noch nicht wissen konnte: Nur ein Jahr später, am 28. Juli 1978, sollte Kaser im Brunecker Spital sein letztes Gedicht verfassen. Im April 2017 würde der 31-jährig Verstorbene seinen 70. Geburtstag feiern. Der Bahnbrecher der literarischen Moderne in Südtirol ist bereits länger tot, als er gelebt hat.

Joachim Gatterer

 

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Veröffentlichung des Textes von Norbert C. Kaser mit freundlicher Genehmigung des Haymon-Verlags.

 

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[i] Das Arbeitsgespräch mit Ivo Barnabò Micheli fand im Jänner 1976 statt. Norbert C. Kaser: Gesammelte Werke. Band 2: Prosa (hrsg. von Hans Haider, Walter Methlagl und Sigurd Paul Scheichl), Haymon-Verlag, Innsbruck 1989, S. 329–330.
[ii] Vgl. Benedikt Sauer: norbert c. kaser. Eine Biografie, Haymon-Verlag, Innsbruck 1997, S. 222 und Norbert C. Kaser: Gesammelte Werke. Band 3: Briefe (hrsg. von Hans Haider, Walter Methlagl und Sigurd Paul Scheichl), Haymon-Verlag, Innsbruck 1991, S. 305–306.