Sara LeitnerBei meiner ersten Fahrt nach oben war ich nicht allein im Aufzug. Ein Herr begleitete mich ein paar Stockwerke und meinte stirnrunzelnd und mit zweifelndem Blick, es sei wohl nicht so viel los gerade im Archiv. Vermutlich fragte er sich, was wohl so eine Praktikantin im Sommer dort macht. Eine Frage, die auch ich mir bei dieser ersten Fahrt nach oben stellte. Tatsächlich wurde ich von einer für mich neuen Welt erwartet – zehn Stockwerke vom Alltag entfernt. Die Räume des Archivs sind hell, die Luft trotz der Hitze draußen kühl, der vorherrschende Ton warm. Egal wem ich begegnete, jeder/jede kam mir freundlich und mit einer Spur Sommer in der Stimme entgegen. Die Aufgeschlossenheit der MitarbeiterInnen sagte mir, dass man hier daran gewöhnt ist, immer wieder neue Gesichter zu sehen. Der ‚Ferrari‘ (eine Espressomaschine) in der Küche wurde zum Glück nur zum Begleiter meiner Kaffeepausen und nicht, wie es der Schrecken einer jeden Praktikantin / eines jeden Praktikanten wäre, zum Hauptarbeitsgerät. Ebenso wenig wie der Kopierer, und auch dem Scanner gebührte die Ehre nur kurz.
Das beantwortet nun die unausgesprochene Frage des Herrn im Aufzug noch nicht annähernd. Für mich stand schon bald fest: Auch beim Sommerpraktikum kann man hier viel lernen. Ich hatte dazu allerdings auch die besten Voraussetzungen. Die ersten beiden Wochen arbeitete ich mit Verena, einer Praktikantin, die an der Universität Innsbruck studiert. Im Gegensatz zu ihr hatte ich durch mein Studium weder Vorwissen über das Archivwesen noch über die (Süd-)Tiroler Literatur.
Der Plan, dies zu ändern, ging vor allem dank meiner Betreuerinnen Christine Riccabona und Erika Wimmer auf. Es freute mich, gleich in einen Nachlass schnuppern und dadurch eine erste, mir bis dahin unbekannte, Persönlichkeit kennen lernen zu dürfen: Kristian Sotriffer. Eine Tasche voller Korrespondenzen war neu dazugekommen und musste jetzt in den Bestand aufgenommen und richtig eingeordnet werden.
Materialien zu den Innsbrucker Wochenendgesprächen warteten ebenfalls darauf, in Ordnung gebracht zu werden. Ich war froh, mit Verena zusammenarbeiten zu dürfen, so konnten wir die großen Mengen an Prospekten, Fotos, Korrespondenzen und vielem mehr, bald in eine übersichtliche Ordnung bringen. Auch das Digitalisieren machte zu zweit um einiges mehr Spaß. Diverse Mappen mussten gescannt werden, da Originale daraus zu einer Ausstellung nach Dorf Tirol verliehen wurden. Darunter war „Der Gaulschreck“ von Fritz von Herzmanovsky-Orlando.
Ein Projekt, das mich über zwei Wochen lang begleitete und dem ich mich widmete, wann immer ich eine Leerstelle hatte, war das Bibliografieren von Kunstkritiken Sotriffers. Ein Projekt, das schon viele Praktikanten und Praktikantinnen vor mir beschäftigt hat, und das auch nach mir vermutlich noch einige Praktikanten beschäftigen wird, wie so viele Dinge, die ich im Archiv gemacht habe. Daran muss man sich auch erst mal gewöhnen: Es wird vieles angefangen, aber nicht alles hat so große Dringlichkeit, dass es abgeschlossen wird. Dafür konnte ich in umso mehr Bereiche eintauchen. Unter anderem in die Nachlässe von Claus Pack, Lilly von Sauter und Josef Leitgeb.
Aus dem Strand-Nachlass holte Christine Dokumente zu den Österreichischen Jugendkulturwochen hervor. Es handelte sich um eine recht ansehnliche Menge an Materialien, die nun in eine chronologische Ordnung gebracht und signiert werden sollten. Die Kulturwochen, die über einen Zeitraum von zwanzig Jahren Innsbruck einmal im Jahr zum kulturellen Mittelpunkt werden ließen, ließen mich über bekannte Autoren stolpern und Verbindungen sehen, die mir vorher unbekannt waren. Es lohnt sich also, nicht nur in Publikationen, sondern auch in den Materialien dahinter zu stöbern, um Neues zu erfahren und Interessantes zu entdecken.
Die letzten drei Wochen verbrachte ich mit dem Nachlass von Erika Danneberg. Der war so neu und unberührt, dass es noch nicht mal einen Eintrag im Bestandsverzeichnis gab (jetzt gibt es einen!).
Wie schon bei den Jugendkulturwochen tauchte ich auch hier einfach ab in ein anderes Leben und in eine andere Zeit. Die Tage- und Traumbücher und ihre Notizen machen es möglich, den Mensch hinter der Persönlichkeit kennenzulernen und mehr zu sehen als das, was in kurzen Biografien vorkommt. Um dahin zu kommen kann es auch schon mal vorkommen, dass Schutzbrille, -maske, Labormantel und Staubsauger ausgepackt werden müssen. Das hat den zusätzlichen Nutzen, dass es auf ein weiterführendes Praktikum bei der Atomschutzbehörde und/oder den Ghostbusters vorbereitet.
Auch eine noch lebende Persönlichkeit, die als Gast ins Archiv kam, durfte ich kennenlernen. Ihre Stimme ging Dörte Lyssewski voraus und es überraschte mich daher nicht, dass es sich bei dem interessierten Gast um eine Burgtheaterschauspielerin handelte. Als Praktikantin durfte ich sogar ein Autogramm mit nach Hause nehmen.
Was nach viel Input und Arbeit klingt, wurde immer wieder von kurzen Gesprächen unterbrochen – so gut wie jeder ist bereit, von seinen aktuellen Projekten und anderem Wissenswerten rund um das Archiv zu erzählen.
Ich lernte auch, wie der Mann im Aufzug sich wohl gedacht hatte, dass für manche die Sommerzeit im Archiv auch Eiszeit bedeutet. Verzichtet man da auf den kühlen Genuss, kann es gut sein, dass Joseph Wang ungläubig die Frage stellt: „Lebst du noch?“
Und ob! Ich überlebte die sechs Wochen nicht nur, ich lebte sie. Denn auch bei dreißig Grad im Schatten war es erfrischend, statt in einen Bergsee in die Archivwelt abzutauchen. Nur einen großen Nachteil hat mir das Praktikum gebracht: Ich hatte gehofft, hier ein Masterarbeitsthema zu finden – jetzt kann ich mich gar nicht mehr entscheiden, worüber ich schreiben sollte.

Sara Leitner 

Innsbruck, August 2016