Irma (Irmgard) Julia Sander (1885-1973). Eine Volksschullehrerin zwischen Schulpolitik und Reformpädagogik

Irma Sander als Lehrerin mit einer ihrer Klassen, ohne DatumWarum die Rubrik vorgestellt beginnen mit dem Bericht über einen bereits betagten Bestand und eine Person, die niemandem bekannt ist? Weil der Bestand für bestimmte Forschungsfelder interessant sein dürfte.
Irma Sander wird, als jüngere Schwester von Olga Ampferer, geb. Sander (1878-1952), Lehrerin und Verfasserin von Lyrik, und Bruno Sander (1884-1979), dem Geologen und Lyriker (Pseud. Anton Santer) in Innsbruck geboren. Von 1900 bis 1903 besucht sie ebenda die Lehrerbildungsanstalt, ist anschließend Probekandidatin an der städtischen Mädchenvolksschule Leopoldstraße in Innsbruck, 1908 wird sie definitiv gestellt.
Schon bald interessiert sie sich für andere Methoden der Wissensvermittlung als sie der übliche autoritäre Frontalunterricht bietet. Sie publiziert nach einer Reise in die skandinavischen Länder 1911 eine Broschüre über das Nordische Schulwesen, das ihr deshalb vorbildlich zu sein scheint, weil es statt „Wissen“ eher praktische Fähigkeiten vermittelt („Arbeitsschule“) und zu „Selbstbildungsmöglichkeiten“ anregt. Sander setzt sich für Kinder ein, „die aus gesundheitlichen oder anderen Gründen für Klassenunterricht ungeeignet [sind]“ und plädiert für einen „Sonderunterricht“. Es soll kein Kind zurückgelassen werden, sondern sein ihm gegebenes Vermögen ausbilden können. Der grundsätzliche Ansatz, mit Schule eine „gesellschaftliche Disziplinierung“ im Interesse der eigenen Nation zu verbinden (Nordisches Schulwesen), setzt die Schule allerdings einem funktionellen, ins Staatspolitische reichenden Zusammenhang aus, der mit zunehmender Ideologisierung der Begriffe „Nation“ in Zugzwang geraten musste.
Schulpolitisch kämpft Irma Sander in dieser Zeit gemeinsam mit den städtischen Lehrerinnen um die gleiche Bezahlung, wie sie die städtischen Lehrer erhalten, argumentierend, dass eine Bezahlung für die „Arbeitsleistung“ zu erbringen sei, nicht für ein „Prinzip der Entlohnung nach den Bedürfnissen“. In der arbeitsmarktpolitisch ungeklärten Situation im Laufe des 1. Weltkriegs gründet sie (mit anderen) den „Verein deutscher Lehrerinnen Tirols“, um die Interessen der Lehrerinnen gegenüber den männlichen Kollegen zu formulieren; die Erziehung der Mädchen „zu künftigen Müttern“ diene dem ganzen „Volk“ – so im Namen des Vereins 1919.
Sander sucht zunehmend den Anschluss an die sog. „Reformpädagogik“. Im August 1924 besucht sie den 2. Kongress der Gesellschaft für Heilpädagogik in München. Anwesend waren Koryphäen wie Karl Bühler (Wien), Theodor Heller (Wien), Heinrich Hanselmann (Zürich) und Wilhelm Peters (Jena). Auf der Weltkonferenz für Neue Erziehung in Locarno 1927 stellt Sander Kinderzeichnungen aus. Ihre Versuchsgruppe waren, wie sie dazu erklärte, „arme“ Kinder, Mädchen einer allgemeinen öffentlichen Volksschule, ohne Kenntnis von Bildkunst, deren Zeichnungen sie über den Zeitraum von ihrem 6. bis zum 10. Lebensjahr gesammelt hatte, um zu zeigen, dass auch bei Kindern „schwacher Begabung […] individuell ganz Verschiedenes, Eigenes herausgeholt werden“ kann. 1928 dann erprobt sie im abgelegenen Wildmoos mit einer Abschlussklasse das naturnahe Lernen. Im August 1929 ist sie erneut bei der Weltkonferenz für Neue Erziehung, an der Maria Montessori und Karl Bühler teilnahmen, außerdem besucht sie die „Öffentliche Studien-Woche“ der Freien Waldorfschule in Stuttgart. Das Schuljahr 1929 bis 1930 nimmt sie frei und arbeitet an Aufsätzen, an einem Band mit Kinderzeichnungen samt Auswertung sowie an einem Buch mit Fotos, mit denen sie die Mimik ihrer Schülerinnen festgehalten hatte, und das die „Arbeitsmöglichkeiten mit pädagogisch-psychologischen Photos“ aufzeigen will. Die Bände kommen allein aus Kostengründen nicht zustande. Sander sieht im Medium Film die bessere Möglichkeit, die „pädag.-psychologischen Fachleute“ zu erreichen, aber auch deren Eltern, denen die „Erlebens- und Reaktionsart des Kindes in der Schule das erste fremd Abgeschlossene im Leben ihres Kindes ist“. Sie wird Direktorin der Mädchenvolksschule Pradlerstrasse, im 2. Halbjahr 1944 Direktorin der Volksschule für Knaben und Mädchen Mühlau. Nach dem Krieg werden ihre Spuren undeutlicher, sie scheint sich privat kulturell beschäftigt zu haben. Ihre Schulakten wurden nicht eingesehen, der Zeitpunkt ihrer – veranlassten? – Pensionierung ist zu erfragen. Es sei noch erwähnt, dass Sander sich für andere einsetzte. Die Sammlung zu Hans Josef Weber-Tyrol in ihrem Nachlass dürfte die KunsthistorikerInnen interessieren.
Der Bestand erlaubt weitere historisch-pädagogische Forschungen zur Schulpolitik Tirols (es sind Materialien von etwa 1910 bis etwa 1935 vorhanden) und zur Geschichte und den (Ab-)Wegen der Reformpädagogik. Es braucht entsprechende Kompetenz, Sanders Engagement und ihre (auch unveröffentlichten) Schriften auf ihren Standort in diesen Bereichen hin zu untersuchen bzw. sie einer Geschichte von Schule und Pädagogik hinzuzufügen.

©Annette Steinsiek

 Bestand Irma Sander
Ein Beitrag zu Irma Sander im „Lexikon Literatur in Tirol“ folgt Ende September.