Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv Nr. 24-25/2005-06

Herausgeber: Johann Holzner und Eberhard Sauermann
Satz: Barbara Halder und Christoph Wild
Layout und Design: Christoph Wild

 

Editorial

Ein Besuch im Brenner-Archiv kann zu unvorhersehbaren Begegnungen führen; im ersten Beitrag dieses Heftes, im Text des Chamisso-Preisträgers José F. A. Oliver, ist unter anderem auch davon die Rede. Der zweite Beitrag ist aus einer Auftragsarbeit hervorgegangen; Barbara Aschenwald, die in Innsbruck Vergleichende Literaturwissenschaft studiert, präsentiert eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit Georg Trakl. Texte von Wolfgang Hermann beschließen den ersten Abschnitt: Armin A. Wallas, der 1995 eine ganze Nummer der Zeitschrift Mnemosyne diesem Autor gewidmet und schon damals festgehalten hat, Hermann zähle „zu den interessantesten und vielseitigsten Begabungen der österreichischen Gegenwartsliteratur“, hat auch mit dieser Prognose Recht behalten. Hermanns jüngster Roman, Herr Faustini verreist (Deuticke 2006), ist ein Glanzstück der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur.
     Wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, dieses Mal, zum ersten Mal eine Doppelnummer der Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv vor sich haben, so hat das einen besonderen Grund. Diese Nummer ist als Festschrift für Allan Janik, zu seinem 65. Geburtstag am 18.September 2006, angelegt.
     Allan Janik, der „Außenminister des Brenner-Archivs“ (Walter Methlagl), wurde 1941 in Chicopee, Massachusetts, geboren. Er studierte Philosophie, am St Anselm College, an der Villanova University und an der Brandeis University, wurde früh als Wittgenstein-Experte berühmt (Wittgenstein’s Vienna, erstmals erschienen in New York 1973, erlebte in den USA wie im deutschsprachigen Raum mehrere Aufl agen), publizierte später eine lange Reihe von Büchern und Aufsätzen, u. a. über Wittgenstein und Weininger und über den Brenner, aber auch zur Methodologie der Geisteswissenschaften, zur Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie sowie zur politischen Philosophie, und lehrte an zahlreichen Forschungseinrichtungen und Universitäten in den USA, in Mexico City und in Europa (u. a. in Graz, Wien, Innsbruck, Paris, Bergen und Stockholm). Seit 1993 arbeitet er als Chefdramaturg am Innsbrucker Kellertheater, seit 1995 schließlich (nach etlichen früheren Besuchen in unserem Institut) im Brenner-Archiv, wo er zahlreiche Forschungsprojekte angeregt und geleitet hat und auch nach seiner Pensionierung weiter leiten wird: Es ist also an der Zeit, Allan Janik für seine vielseitigen, ungemein anregenden Arbeiten auch einmal öffentlich zu danken, aber noch zu früh, hier schon eine Bilanz zu ziehen.
     Einmal abgesehen davon, dass letzteres ohnehin ein Ding der Unmöglichkeit sein dürfte. Aber das steht auf einem anderen, auf dem nächsten Blatt.

Johann Holzner
  


Diese Figur wird gewöhnlich Ludwig Wittgenstein zugeschrieben (veröffentlicht in Philosophische Untersuchungen, 1953). Er hat sie jedoch vom Psychologen Joseph Jastrow übernommen, um die verschiedenen Verwendungen des Wortes „sehen“ zu problematisieren: man kann die Figur als Hasenkopf oder als Entenkopf sehen; wir deuten eine Zeichnung und sehen sie, wie wir sie deuten; zwischen dem stetigen Sehen eines Aspekts und dem Aufleuchten eines Aspekts ist zu unterscheiden. Jastrow hatte die Figur 1899 in seinem Artikel The mind’s eye in Popular Science Monthly und 1900 in seinem Buch Fact and fable in psychology veröffentlicht (Abb. oben), um darauf aufmerksam zu machen, dass Wahrnehmung nicht nur ein Produkt des Reizes, sondern auch eines der geistigen Aktivität ist, dass wir also genauso mit dem Verstand sehen wie mit dem Auge. Die Original-Zeichnung ist 1892 in der satirischen Zeitschrift Fliegende Blätter erschienen. Deren Leser werden bemerkt haben, dass manche Zeichen unsere Wahrnehmung vor eine schwierige Aufgabe stellen, weil sie mehrdeutig sind.

 

 

Diese Figur könnte als Symbol für Allan Janik gelten, insofern als er sich nirgends eindeutig zuordnen läßt. Ausschlaggebend sind Standpunkt oder Blickwinkel des Betrachters, die Beurteilung hängt davon ab, wohin sich seine Aufmerksamkeit richtet. Die Mehrdeutigkeit der Person Allan Janik verhindert eine einfache Antwort auf die Frage, was er ist: eher Philosoph oder Dramaturg, Wissenschaftler oder Künstler, Wissenschaftstheoretiker oder Schauspieler, Amerikaner oder Österreicher?

E.S.


 

Inhalt

 

 
Editorial 5
 
Texte
José F. A. Oliver: In jedem Fluss mündet ein Meer 9
Barbara Aschenwald: Rückgewinnung von Unschuld 15
Wolfgang Hermann: Texte 19
 
Essays
Walter Methlagl: Am Krankenlager Georg Trakls. Ein imaginäres Stelldichein 27
Erika Wimmer: Fast ein Hamlet. Einige Bemerkungen zur Macht der Väter 47
Johann Holzner: Walter Schlorhaufer    59
   
Aufsätze
Anton Unterkircher: „Es kann dir nix gschehn“.
Notizen zu einem Spruch aus Anzengrubers „Kreuzelschreibern“
73
Eberhard Sauermann: Fickers Rundfrage über Kraus im Ersten Weltkrieg 81
Ruth Esterhammer: Kraus’ „Nachruf“ und seine Innsbrucker Lesung von 1920 aus
dem Blickwinkel eines literarisch interessierten Zeitzeugen
93

Friedrich Stadler: Text und Kontext des Logischen Empirismus:          

Außen- und Innenansichten zum Wiener Kreis
109
Alois Pichler: „Ich habe 14 Tage lang nichts gearbeitet...“
Ein Blick auf die Schreibarbeit Wittgensteins
131
Laura Cheie: Härtegrade der Lyrik: Georg Trakl und Günter Eich 151
Carolina Schutti: Über die Funktion einer biblischen Frauenfigur
in der aktuellen Literatur: Marah in Raoul Schrotts „Tristan da Cunha“
165
 
Edition
Eberhard Sauermann: Unbekannte Gedichte an Trakl 177
 
Aus dem Archiv
Ursula Schneider und Annette Steinsiek: Cocktails zum Konzil.
Die Brief-Kultur des Ignaz Zangerle (1905-1987)
187
Christine Riccabona: Lilly von Sauter (1913-1972) – Schriftstellerin
und Vermittlerin zwischen Menschen, Sprachen und Kulturen
197
 
Rezensionen und Buchzugänge 213
Bericht des Institutsleiters 229
25 Jahre „Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv“ 239
Neuerscheinungen 247
Verzeichnis der Abbildungen 254