Ein Forum für die junge Kunst

Dokumentation der Österreichischen Jugendkulturwochen 1950–1969

Die Dokumentation der Österreichischen Jugendkulturwochen (ÖJKW), 2006 erschienen im Innsbrucker StudienVerlag, rückt eine noch unendeckte faszinierende Facette der österreichischen Kulturgeschichte nach 1945 ins Blickfeld. Bilder und Berichte, Werkstattgespräche, Treffen und künstlerische Veranstaltungen dieser Reihe zeigen eine tief im Wandel begriffene Nachkriegsgesellschaft. Die Jugendkulturwochen offenbaren exemplarisch die Spannungen und Polaritäten im damaligen Verständnis dessen, was Kunst sei und was sie vermag.

Was damals einmal jährlich in Innsbruck stattfand, wirft im Nachhinein Streiflichter auf innovative Entwicklungen innerhalb der mitteleuropäischen Kunstszene, auf Brüche und Veränderungen in der Bildenden Kunst, der Musik und der Literatur, sowie auch auf die kulturelle Atmosphäre der fünfziger und sechziger Jahre.

Autorenrunde bei einer Veranstaltung im Stift Stams im Rahmen der JugendkulturwochenDie ÖJKW waren eine mutige Initiative in einem stark konservativ geprägten Umfeld der ersten Nachkriegsjahre in Innsbruck. Innerhalb kurzer Zeit öffneten sich die Tore nach außen. Die Idee der Organisatoren war es, die Förderung junger Talente und eine Begegnung mit bekannten angesehenen Künstlern zu kombinieren. So trafen über zwei Jahrzehnte hinweg in Innsbruck einmal im Jahr begabte junge Künstler mit der internationalen Avantgarde zusammen. Jährlich Ernst Jandl bei der Jugendkulturwoche 1969boten die Veranstalter der ÖJKW dem Publikum aktuelle Kultur auf der Höhe ihrer Zeit und schufen darüberhinaus ein Forum für junge Kunst, in dem neuen Trends in der Bildenden Kunst wie in der Musik, sowie aktuellen Themen und Schreibweisen der Literatur nachgespürt wurde. Im Verlauf von zwanzig Jahren - 1949 bis 1969 - hatte sich die jährlich stattfindende Veranstaltung zu einem ambitionierten Unternehmen von überregionaler Bedeutung entwickelt. Die Teilnehmerlisten der zwanzig Jahre lesen sich heute wie ein „who is who“ der zeitgenössischen österreichischen und europäischen Kunst.

Hilde Domin bei der Jurysitzung 1969In der Sparte „Literatur“ zählten damals unter anderen Ernst Jandl und Friederike Mayröcker, Marlen Haushofer, Thomas Bernhard, Gerhard Fritsch, Vera Ferra-Mikura, Elfriede Gerstl, Gerhard Amanshauser, Andreas Okopenko, Gerald Bisinger zu den Jungen, später auch Elfriede Jelinek, Peter Handke, Michael Scharang, Gert Jonke, Barbara Frischmuth, Joseph Zoderer, Hans Haid, Norbert C. Kaser.

Aus der etablierten Literatur kamen Autoren wie Rudolf Felmayer, Christine Busta, Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger, Jeannie Ebner, Hans Weigel, Günter Eich, Karl Krolow, Eugen Gomringer, Hilde Domin.

Die „Innsbrucker Wochenendgespräche“ - nach dem Ende der ÖJKW neu begründet - gehen auf diese Veranstaltungsreihe zurück.

In Form von erzählten Szenarien werden in eher großzügigen Linien die Ereignisse und wichtigsten Geschehnisse dargestellt und durch Interviews mit noch lebenden TeilnehmerInnen, wie Friederike Mayröcker, Joseph Zoderer, Barbara Frischmuth, Peter Henisch, Giselher Smekal, Erich Urbanner u. a. erweitert. Eine historisierende Perspektive bindet diese Szenarien in den Kontext und in die Zusammenhänge der Zeitgeschichte ein.

Die Dokumentation ist durch Originalbeiträge ehemaliger TeilnehmerInnen, durch Erinnerungen, kritische Retrospektiven und pointierte anekdotische Details – auch formal - aufgelockert.

Und nicht zuletzt enthält die Dokumentation literarische Texte von damals. Im Anhang findet sich ein Namensindex und der Veranstaltungskalender der JugendkulturwochenDer Band ist illustriert durch Fotografien, Programmhefte, Zeitungsartikel, Faksimiles. Die Dokumentation schöpft in erster Linie aus den Materialien und Sammlungen des Brenner-Archivs.

Die Musikwissenschaftlerin Milena Meller bearbeitete den musikalischen Teil der Jugendkulturwochen.