Rezensionen von Wolfgang Wiesmüller

  Vera Vieider, Am Hafen [März 2011]
  Daniela Hättich, meine augen durch deine [Jan. 2003] 

 
 

Vera Vieider, Am Hafen. Gedichte
Innsbruck: edition laurin bei innsbruck university press 2010

Der Titel „Am Hafen“ bündelt die Assoziationen einer südlichen Landschaft, deren Elemente wie Meer und Strand, Sonne und Himmel, Wind und Wellen als dominantes Bildfeld die Gedichte durchziehen und von den Fotominiaturen, die den Band in vier Zyklen gliedern, visualisiert werden. Wenngleich die Autorin mit diesem ‚mediterranen Komplex’ ein traditionsreiches Sujet deutschsprachiger Lyrik aufgreift und damit Gefahr läuft ins Klischee zu verfallen, besteht ein wesentlicher Teil der Qualität ihrer Gedichte gerade darin, ihm zu entkommen: oft nur durch eine geringe Verschiebung des Blicks („Aschenes Blau“) oder durch originelle lyrische Figurationen wie den „Blau Lächler“ oder den „Sucher am Meer“. Das Motto des Bandes, in dem die Grundbefindlichkeit dieses lyrischen Ichs kondensiert, lässt denn auch keine Illusionen einer südlichen Idylle aufkommen: „Momentloses Warten / Ein Sandspiel im Wasser / Ein Echo am Ufer / Ringelblumen im Sturm verblüht“.
Die Erfahrungen und Empfindungen, Wünsche und Gedanken, die in einer komprimierten und bisweilen lakonischen, mit sensiblen Bildkomplexen durchsetzten Sprache artikuliert werden, lassen den Spannungsbogen der Geschichte einer Liebesbeziehung erkennen, die von Begehren und Verlust („Herzriss“, „Ein Hinken am Herzen“), von Wut und Trauer in der Erinnerung („Als alles abseits wurde“) sowie von ambivalenten Gefühls- und Bewusstseinslagen geprägt ist, wie sie sich im Bild von den „funkelnden Scherben“ verdichten. In der lyrischen Aufarbeitung dieser Geschichte werden gleichzeitig Aspekte der poetischen Erinnerungsarbeit thematisiert („Am Ende des Bettes“) sowie generelle Fragen nach den Möglichkeiten der poetischen Sprache gestellt und Antworten darauf gesucht: Poesie erscheint als Wahrheitssuche („Tag der Poesie“), als mühsamer Prozess vom Schweigen zum Wort zu kommen („Ein Versuch“), als spannungsgeladenes Medium der Erinnerung („Eine Erinnerung unter den Lidern / wärmt mir vertraulich die Stirn“ – „huste mir Verlorenes / krampfhaft zurück“) sowie als Ermutigung, seinen Sehnsüchten nachzugehen („Ich bin die Glücksgräberin / die sich Mut antrinkt / mit Worten“). Und immer wieder geht es um die Authentizität der poetischen Sprache („Welches Gefühl steht hinter den Worten“) und um die Einheit von Empfindung und Wort im poetischen Augenblick („Die Wortaugenblicke sind / zu früh zerfallen / in eine verwachsene Sprache“).
Mit dem Thema der Erinnerung kommt auch die Zeit ins Spiel, wie in folgenden aphoristischen Zeilen: „Das Leben hat uns längst / eingraviert einen Stehplatz / auf Zeit“. Im letzten Zyklus des Bandes verbindet sich diese Thematik mit Zuständen der Enge und Beklemmung bis hin zum Ersticken und zur Nähe des Todes: „Der Tod sitzt tief vergraben / zwischen Gedankensäulen“. Dabei wird die jahreszeitliche Metaphorik von Herbst und Winter etwas zu forciert eingesetzt, wobei allerdings auch hier die Bilder eine eigene Ausdruckskraft gewinnen und dem Konventionellen nicht in die Falle gehen („Das Rascheln der Blätter“, „In der Stunde des Schnees“).
Am Schluss positioniert sich das lyrische Ich in der Rolle des verhaltenen Weitermachens („Mit Vorsicht“, „Ich drehe mich weiter“) und des Abwartens auf das Kommende („Jetzt also“), eine Mischung aus Resignation und Zuversicht.
Was an diesen Gedichten ins Auge sticht, ist die präzise Handhabung des Wortmaterials nicht nur im Hinblick auf die metaphorische Ausdrucksweise, sondern auch und vor allem was die Möglichkeiten der phonetischen Stilmittel betrifft. Hinzu kommen die ganz beiläufigen, oft unauffälligen Abweichungen vom konventionellen Sprachgebrauch, die beim Lesen nach kurzem Stutzen als Überraschung, ja vielleicht sogar als kleine ästhetische Sensation empfunden werden; sie gehören zum unverwechselbaren Ton dieser Gedichte, der für ein lyrisches Debüt mit erstaunlicher Sicherheit getroffen wird.

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Daniela Hättich, meine augen durch deine
Prosa und Lyrik
Innsbruck: Haymon, 2002, 128 Seiten

Das literarische Debüt von Daniela Hättich ist ein leises und unaufdringliches Buch, in dem Gedichtzyklen und Prosastücke, motivisch miteinander verknüpft, in regelmäßiger Folge abwechseln. Man könnte von einer neuen Empfindsamkeit sprechen, versucht doch die Autorin, den Gefühlsbereich in Verbindung mit körperlicher Sensibilität, Selbsterfahrung und Selbstfindung in zwischenmenschlichen Beziehungen poetisch auszuloten. So lautet denn auch ein Motto des Buches: „Der Mensch wird am Du zum Ich.“ (Martin Buber). Berührt wird dabei vor allem der Erfahrungsraum der Liebe zwischen Mann und Frau, auch in ehelicher Gemeinschaft, wobei Aspekte des Gelingens und Scheiterns, der Identität von Ich und Wir, von Bindung und Freiheit, von Nähe und Distanz sowie der Verletzlichkeit und der Sehnsucht nach Geborgenheit im Mittelpunkt stehen. Eingeblendet wird dabei wiederholt die Rolle des Kindes: Es vermittelt den Erwachsenen einen neuen, unmittelbaren und erlebnisintensiven Zugang zur Wirklichkeit, es stellt sich zwischen Mann und Frau und kann diese einander entfremden und es gerät im Falle der Trennung zwischen die Fronten der Eltern. Als geschulte Psychologin erzählt Hättich auf sehr einfühlsame Weise aus der Perspektive des Kindes, womit sie sich in die Reihe von Autorinnen wie Lavant, Haushofer, Frischmuth oder Mitgutsch stellt.

Das lyrische Ich der Gedichtzyklen ist von einer inneren Spannung geprägt: zwischen dem Bedürfnis nach liebender Begegnung einerseits und der Angst vor ihrer Zerbrechlichkeit andererseits („wäre die angst nicht“, S. 20); zwischen Selbstfindung in der Selbsthingabe auf der einen und dem Selbstverlust auf der anderen Seite; zwischen den irrationalen Kapriolen der Liebe und ihrer tödlichen Domestizierung in erstarrten Bindungen. Das Titelgedicht „meine augen durch deine“ (S. 54) entwirft als Ideal und vielleicht auch als Utopie ein symbiotisches Verhältnisses von Ich und Du, das die wechselseitige Selbstwerdung ermöglichen soll:

dein ankommen wiederkehr in ein land
fremd vertraut neu geschenkt
du verschiebst die zeiten
dein atmen meines
bildet dein mund meine worte
sehen meine augen durch deine
so bist du gewachsen in mir und
aus mir heraus so wachse ich
aus mir heraus und zu mir
zurück

Dass sich diese Vision, symbolisiert in der Wassertiefe als Raum der Geborgenheit und Versunkenheit (Zyklus „TIEFES WASSER“), vor bedrückenden Entfremdungserfahrungen aufbaut, wie sie auch im Prosastück „FREI“ thematisiert werden, unterstreicht das unmittelbar darauffolgende Gedicht „hauptstraßen nebenstraßen“ (S. 54):

die landkarte im kopf neu gezeichnet
hauptstraßen nebenstraßen verblassen
vertraute bewohner nun fremden landes
sucht an anderen orten den puls
sprecht ihr davon sagt ihr mir nichts mehr
und für euch spreche ich eine fremde sprache

Im Zyklus „ALBATROS“ variiert die Autorin diese Problematik, also wie man seine Identität in einer Wir-Beziehung bewahren könnte, und findet dafür ein topographisches Symbol: die beiden Flüsse Rio Negro und Rio Solimoes, die sich in Manaus zum Amazonas vereinigen und darin dennoch mit ihren Farben Schwarz und Weiß zu unterscheiden sind („manaus“, S. 106).
Von der Entfremdung her erklärt sich auch der versöhnliche Impuls des Anblicks eines schlafenden Kindes in „was mich tröstet“ („nur s t i l l e und s e i n / ohne kopf nur noch körper / neben dem atem des kindes und dem schnurren / der katzen in der dunkelheit“, S. 57), ein Gedicht, das auch deutlich macht, daß die Autorin nicht immer davor gefeit ist, ins Idyllisch-Sentimentale abzugleiten. Angesprochen wird darin aber noch ein weiterer für Hättich bedeutender Weg, Selbstentfremdung zu überwinden, nämlich die Körperwahrnehmung. Im Gedicht „körperland“ (S. 21) wird sie als sensibles Element der Partnerbeziehung mit Hilfe einer Natur- und Landschaftsmetaphorik poetisch umgesetzt:

berge mich vagabundin zwischen himmel und erde
in den buchten nahe den meeren
aus dem spiel dem tanz in den wellen
atem holend am ruhenden festland
werde dich führen in den flügelschlag zum himmel
berge mich in den höhen den tiefen
an deinem körperland
gib mich frei an die nahende flut

Umgekehrt wird der Körper zur Metapher seelischer Vorgänge, wenn etwa im Zyklus „DER GETARNTE TOD“ die gestörte Kommunikation zwischen Mutter und Kind, die mit der „ersten lüge“, dem Vertrauensbruch, beginnt, als schleichender Tod, den der Körper nicht abstoßen kann, erscheint. Von daher erklärt sich, dass das Auge, die Schnittstelle zwischen Außen und Innen, zwischen empirischer Wahrnehmung und seelischer Empfindung, als zentrales Symbol den gesamten Band leitmotivisch durchzieht.

In den Prosakapiteln, die thematisch mit den Lyrikteilen korrespondieren, tritt die Handlung zugunsten von Erinnerungen, Reflexionen und der Darstellung von Befindlichkeiten zurück, die über weite Strecken im inneren Monolog gehalten sind. Zwei davon seien beispielhaft herausgehoben. In den „Skizzen“ unter dem Titel „WIR SIND DREI, WIR SIND FÜNF“ werden verschiedene Schlaglichter auf die Triade Mutter-Vater-Kind geworfen, wobei die Perspektiven der Beteiligten einander abwechseln. Das Ballspiel wird zur Metapher für eine lebendige Beziehung, die aber von Störungen bedroht wird und schließlich zerbricht („Irgendwann haben wir aufgehört, wir zu sein.“ S. 30). Die Dynamik der Skizzen verlagert den Schwerpunkt gegen Ende hin auf die Sicht des Kindes, seine Verunsicherung und Verletzung durch die Trennung der Eltern, insbesondere durch den Verlust des Vaters, was in sehr einprägsamen Alltagssituationen vermittelt wird. Um die schwierige Beziehung der Kinder zu ihren geschiedenen Elternteilen geht es auch in „DRAUSSEN FÄLLT SCHNEE“. Anhand eines Telefongesprächs mit dem Vater über die Frage, bei wem heuer Weihnachten gefeiert wird, kommt nicht nur die prekäre Position des Kindes in einer solchen Familienkonstellation zum Vorschein („Eine Entscheidung von mir FÜR ist immer eine Entscheidung GEGEN.“ S. 63), sondern es werden auch die daraus resultierenden Kommunikationsstörungen dargestellt:
„Schon möchte ich ihn anrufen, jetzt sofort, und ihm alles sagen, auch wenn ich nicht weiß, was alles dann sein wird, jetzt wählen, jetzt sofort, zwei Mal die Null und vier und drei, dann die eins und zwei und vier und bei fünf kehrt schon die Angst zurück, die Angst vor dem Rauch zwischen den Hörern, wenn wieder kein Wort kommt, wenn die Worte wieder entgleisen, zwischen Hamburg und Wien.“ (S. 67)

Am Schluss lenkt die Autorin den Blick, in mythologischer Gestalt und in einer an das biblisch-prophetische Sprechen erinnernden Diktion, auf die ökologischen Katastrophen der Gegenwart (z.B. Tschernobyl) und unterstreicht deren apokalyptische Dimension.

kassandra

kassandra du fragst
wo sind deine schwestern
siehst du nicht längst ihren atem verstummen
die stimmen verhallen die stimmen die waffen
kassandra es ist wie es war
wer beim namen nennt
wird lebendig begraben
schlägt die macht wie einst
dem bewußtsein die zähne aus

Dass ein solches Buch in gesellschaftskritische Töne mündet, mag auf den ersten Blick überraschen. Es hat aber durchaus seine Logik, wenn man Hättichs Texte als Plädoyer für ein sensibles und verantwortungsbewusstes soziales Verhalten aus einem starken Ich-Gefühl und Ich-Bewusstsein heraus liest, das ein ebensolches Verhalten im Umgang mit Natur und Technik voraussetzt.

Hier ist eine eigene Stimme zu hören, die manchmal Gefahr läuft, durch Direktheit oder Abstraktheit der Aussagen die poetische Kraft zu verlieren, die aber dort besonders überzeugt, wo sie in einfachen und knappen Bildern spricht und in unkonventioneller Weise syntaktische Bezüge lockert, um die Leser in die Texte zu involvieren und nicht nur zum Mitfühlen anzuregen, sondern auch zum Nachdenken zu provozieren.


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