Rezension von Petra Sreng
 

 


Christian Kössler, Unheimliches Tirol. 17 Geister- und Teufelssagen aus Nord-, Ost- und Südtirol
Zirl: Edition BAES, 2011 

Der Autor Christian Kössler hat in seinem Vorwort vollkommen Recht: Die Regale in Buchhandlungen und Bibliotheken sind randvoll mit diversen Sagensammlungen. Sind aber diese Überlieferungen immer noch populär, erreichen sie einen großen Leserkreis? Wahr ist wohl vielmehr, dass es relativ einfach, ist regionale Sagentexte herauszugeben. Die Ausnahme sind wissenschaftliche Editionen, die einen ausführlichen Anmerkungsapparat aufweisen und auch den sozialgeschichtlichen Kontext kommentieren. Christian Kössler verarbeitet seine Sagen in literarischer Manier und orientiert sich primär nicht an den Editionen der sogenannten Modernen Sagen, deren Boom mit R.W. Brednichs Sammlung „Die Spinne in der Yucca-Palme“ in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts einsetzte. Eine spannende Herausforderung für den Autor, den man sicherlich als Kenner der alpinen Sagenlandschaft ansehen kann. Dies beweisen nicht zuletzt die Quellenangaben früherer Aufzeichnungen am Ende der jeweiligen Erzählung. Stilistisch orientiert sich Kössler zum Teil an den romantisch-pathetischen Bearbeitungen früher Sagensammlungen. Das ist manchmal etwas zu viel des Guten, wenn es heißt „Dichter Nebel lag über dem Seefelder Plateau“ (Die Totenrache) oder „...nasskalter Schleier breitete sich vom Arlberg her langsam über das Oberland aus, riesige Wolken senkten sich auf die graugrünen Anhöhen nördlich des Inns“ (Der Pakt). Doch zugegebenermaßen sind gerade diese mystisch-angehauchten Stimmungsbilder bezeichnend für derartige Überlieferungen. Kössler bedient sich ansonsten einer flotten Darstellungsweise, zeitgemäß ohne allzu flapsig zu werden oder den Alltagsjargon zu überzeichnen. Eben eine Form der Sagenerzählung bzw. Interpretation, die gerade jugendliche Leser ansprechen sollte. Seine Auswahl an Text“vorlagen“ entspricht dabei der Vielfalt der Sagenlandschaft.  Und er versteht es, den unheimlichen Ton einer Sage auch dann zu treffen, wenn Handys klingeln oder „Dutzende Staukilometer...“ (Der Pestreiter) den Ausgangspunkt der Erzählung bilden. Dramatische Momente machen so manche der Erzählungen von Kössler aus – spannungsgeladen bis zum Schluss. Bestes Beispiel hierfür „Das Kartenspiel“: Ein zunächst Rettung bietendes Sms erweist sich als eine nur kurzfristige Befreiung aus den Klauen des Teufels – kein Happy End, wie man es von Märchen kennt. Gerade solche unerwartete Momente machen den Charme dieser Sammlung aus; und man sieht, dass derartige Geschichten immer noch berühren können. Das Unheimliche, merkwürdige Begebenheiten, rational nicht Fassbares, sie werden nie an Attraktivität verlieren – und damit sind auch phantastischen Überzeichnungen kaum Grenzen gesetzt. Bei einigen der Bearbeitungen von Kössler hat man das Gefühl – mein Gott – das habe ich auch schon gehört. Vielleicht auch ein Hinweis, dass allen Unkenrufen zum Trotz das Erzählen noch durchaus lebendig ist. „Lebendig“ und kurzweilig sind die Erzählungen des Autors allemal – zudem zeichnet er sich auch durch ein Wissen an geographischen Gegebenheiten und historischen Hintergrundgeschichte(n) aus. Und gerade diese Kombination macht in diesen Texten des Pudels Kern aus – nicht in Anlehnung an Goethes Faust, sondern entsprechend der langläufigen Meinung, dass in jeder Sage auch ein wahrer Kern steckt.

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