Rezension von Ilse Somavilla

 
 

Christoph W. Bauer (Hg.), Ahoi! [Juni 2007]
Gedichte aus 25 Jahren Haymon Verlag
Innsbruck-Wien: Haymon Verlag, 2007

Seit April 2007gibt es einen Lyrik-Band mit Gedichten, die in den vergangenen 25 Jahren im Haymon Verlag erschienen sind und die Christoph W. Bauer, ausgehend von persönlichen Erinnerungen und Begegnungen mit den Autoren, ausgewählt hat.
Der von Bauer gewählte Titel „Ahoi!“ sowie das Umschlagbild mit einem Foto vom Meer mag auf den ersten Anblick eher auf einen Roman als einen Lyrik-Band schließen lassen, doch spätestens beim Lesen des sensibel geschriebenen Vorworts wird einem deutlich, warum der Herausgeber sich für diesen Titel  entschieden hat.
„Das Meer  beginnt vor der Tür“, schreibt Bauer, der damit eine Erinnerung an einen Lyrikband verbindet, dessen Umschlag den Gegensatz zwischen der Natur – dem Meer – und einem vom Menschen geschaffenen Raum – einem Zimmer – darstellte und der ihn verstehen ließ, was Lyrik bedeute. Die Schifffahrt auf dem Meer als Metapher für das Hinaustreten bzw. Öffnen von engen Räumen, für das Überschreiten von Grenzen, für das Beleben von Phantasien und Träumen – alles das, was Gedichte vermögen und bedeuten.
Man könnte noch eine Reihe weiterer Aspekte anführen, die Meer und Lyrik miteinander verbinden: das Geheimnisvolle, die Stille trotz Bewegtheit, das inhärente Schweigen.

Die Wahl des Titels kann auch im Sinne von Hilde Domins Worten „Das Gedicht als Augenblick von Freiheit“ gesehen werden, der Freiheit, die dem Gedicht ungeachtet einer  ihm auferlegten Gesetzmäßigkeit gegeben ist – der Freiheit hinsichtlich von Raum und Zeit, des Verweilens im Augenblick, des Aufhebens des Gegensatzes zwischen Wachsein und Traum.

Bei der Lektüre der Gedicht-Auswahl zeigt sich alsbald, dass der Aspekt der Freiheit nicht nur in allgemeiner Hinsicht auf das Gedicht zutrifft, sondern im speziellen hier insofern, als die im Laufe von 25 Jahren im Haymon Verlag erschienenen Gedichte keiner bestimmten Richtung unterworfen wurden, sondern aus unterschiedlichsten Traditionen kamen: Konventionell gebaute und experimentelle Gedichte, Mundartgedichte wie die von Annemarie Regensburger oder  DADA-Dichtung von Raoul Schrott.
Einfühlsames Verständnis gegenüber unterschiedlichen Dichtern hat vor allem der inzwischen verstorbene Benno Peter bekundet, der über Jahre hinweg für die besondere Gestaltung der Umschläge im Haymon Verlag verantwortlich war und auf den Bauer als wertvollen Gesprächspartner verweist, der ihm und anderen in mehrfacher Hinsicht Anregungen zu geben vermochte.
Auch die Thematik der Gedichte zeichnet sich durch Vielfalt aus: man findet Impressionen von Städten und Landschaften, häufig auch vom Meer, Reflexionen über Liebe, Tod, Vergänglichkeit, über soziale und politische Probleme.

Während die kreierten Räume bzw. die Atmosphäre mancher Gedichte aufgrund persönlich erlebter Befindlichkeiten der Autoren und ihrer Verwendung von Sprache sich für den Leser teilweise schwer nachvollziehen lassen,  gelingt es Otto Grünmandl, Daniela Hättich, Gerhard Kofler, Marie Laurenti, Sepp Mall und Julia Rhomberg ­ – um nur einige zu nennen –, in distanzierter Haltung und mit wenigen Worten eindrucksvolle Bilder zu schaffen, die Reminiszenzen hervorrufen, zum Verweilen einladen. In diesen Augenblicken offenbart sich Freiheit im doppelten Sinn – hinsichtlich des Gedichts als ein Bestehen außerhalb von Raum, Zeit und Zwecken, sowie für den Leser selbst, der durch die vom Gedicht angeregte Phantasie persönlich erlebte Enge oder auch Zwänge transzendiert, im Schopenhauerschen Sinne zum „reinen Subjekt des Erkennens“ wird.
Dichtung wird zum Erleben des Augenblicks. Dieses Aufgehen im Augenblick käme Wittgensteins Vorstellung von einem „glücklichen Leben in der Gegenwart, nicht in der Zeit“ gleich, wobei Ewigkeit im Sinne von Zeitlosigkeit, nicht unendlicher Zeitdauer, spürbar wird.

Die Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit und Tod, die von mehreren Autoren (zum Beispiel auch von Markus Vallazza in seinem einfühlsamen „In Memoriam N.C. Kaser“)  angesprochen wird, ist insbesondere in der Lyrik von Walter Schlorhaufer präsent. Für diesen sind Liebe und Tod untrennbar miteinander verbunden und es ist Aufgabe der Lyrik, in entsprechenden ästhetischen Strukturen diese Thematik sichtbar zu machen. Womit sich wieder an die anfangs erörterte Metapher Meer anknüpfen lässt – als Symbol des Lebens, damit der Liebe und des Todes.
 

 

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