Rezension von Monika Seekircher

 
 

Helga Braun, Ferdinand Ebners Ort in der Moderne. [Feb. 2002]
Essen: DIE BLAUE EULE 2000. 82 Seiten.

Eine erste mögliche Reaktion auf die Inhaltsangabe auf der Rückseite dieses Buches, in der Ferdinand Ebner in Zusammenhang mit Planck, Einstein, Bohr und Heisenberg genannt wird, könnte die Frage sein: "Was hat Ebner mit der modernen Physik am Hut?" Wenn man sich folgendes Zitat von Lawrence Durrell vor Augen hält, dann wird klar, daß Ebner nicht notwendig Physiker sein mußte, damit sich strukturelle Gemeinsamkeiten zwischen seinem Denken und den Erkenntnissen der modernen Physik feststellen lassen: "Zwischen der fundamentalen Struktur eines Valéry-Gedichtes, einer Einsteinschen Gleichung, einem kubistischen Gemälde und einer Zwölfton-Komposition besteht eine enge Verbindung." Die Grundlage für das Aufzeigen solcher Zusammenhänge sind Analogien, d.h. Strukturgemeinsamkeiten in verschiedenen Wissensgebieten. Das macht auch Braun deutlich, wobei sie sich auf den Begriff der Analogie von H. Höffding beruft: "Die Methode kann nur die Analogie sein; der Versuch 'von einer Ordnung innerhalb einer gewissen Totalität aus ... zu untersuchen, ob eine ähnliche Ordnung nicht innerhalb anderer Totalitäten wiedergefunden werden kann'." (S. 71) Diese Methode wendet Braun in ihrem Buch Ferdinand Ebners Ort in der Moderne mit Erfolg an und zeigt nachvollziehbare Zusammenhänge zwischen Ebners dialogischem Denken und der modernen Physik auf. In den ersten beiden Kapiteln, in denen sich Braun mit der Stellung Ebners innerhalb der abendländischen Tradition und der Aussage des Ebnerschen Denkens befaßt, bereitet sie diese Analogie vor, indem sie mehrmals auf naturwissenschaftliche Zusammenhänge anspielt bzw. die entsprechende Begrifflichkeit verwendet, bevor sie dann im letzten Kapitel diese Analogie explizit ausführt.
Gleich zu Beginn des ersten Kapitels bezeichnet Braun Ebner als Positivisten, womit sie eine ungewöhnliche Zuordnung Ebners vornimmt. Während allerdings für den Positivismus das Gegebene "das naturwissenschaftlich Beweisbare" sei, sei für Ebner das Gegebene "der Mensch in seinem lebendigen Vollzug". Diese Parallele wirkt etwas konstruiert. Aber die Annahme einer geistigen Nähe von Ebner zum Wiener Kreis ist durchaus nicht so abwegig, wenn man bedenkt, daß der geistige Gründervater des Wiener Kreises Ernst Mach war, der den herkömmlichen Substanzbegriff und damit auch die Annahme eines abgeschlossenen Ichs kritisierte und stattdessen die Bedeutung der Relation betonte. Wenn auch Braun darauf nicht eingeht, so zeigt sie doch eine weitere Übereinstimmung Ebners mit dem Wiener Kreis auf, nämlich seine Ablehnung jeglicher metaphysischer Spekulation, die er als einen "Traum vom Geist" bezeichnet. Zu "Ebners Ort in der Moderne" führt Braun auch hin, indem sie Ebners Neuansatz als ein Denken in Doppelungen beschreibt. Dieses stellt einen Gegensatz zum Denken in Polaritäten dar, wobei "Doppelung kein Spannungsfeld, sondern ein Beziehungsfeld" erzeugt. (S. 20) Weiters sieht sie in Ebners Denken eine Nähe zur Mathematik, auch wenn er selber diese als einen "Traum vom Geist" bekämpft hat: "Ebners Denken in seiner Unterscheidung von 'Ich und Du' und 'Ich als Du' folgt einem klaren Gesetz infinitesimaler Bewegung und Näherung, die dieses Denken in seiner Struktur sowohl der Mystik wie der Mathematik zuordnet." (S. 54) In Ebners Unterwanderung der Axiomatik der Logik, welche Braun anhand der vier Hauptsätze der Logik anschaulich demonstriert, sieht sie den "Neuansatz seines Denkens", den Ebner "nicht nur substantiell, sondern gerade auch strukturell parallel zu den modernen Wissenschaften zog, ohne sich dessen bewußt zu sein." (S. 56)
Im letzten Kapitel dieses Buches, das den Titel "Jenseits des Personalismus" trägt, geht sie auf diese strukturelle Parallele konkret ein. Zunächst befaßt sie sich mit Ebners Begriff der Perspektive, der gemäß Braun "ein aus dem Räumlichen ins Zeitliche transponierter Begriff" ist, mit dem Ebner die "Invarianz der Beziehung", die "Variabilität der Standorte", sowie den "Wechsel der Aspekte" bezeichnet. Dieses perspektivische Denken steht in einem Gegensatz zum bisher gewohnten statischen Denken: "Nicht Standpunkte stehen sich gegenüber, das wäre 'Selbstsetzung', Identität, Statik. Der Standpunkt des anderen erreicht mich perspektivisch: soweit ich Du bin, habe ich keinen Standpunkt, sondern bin der Fluchtpunkt des anderen, das Du des Ichs im anderen. Nur wenn ich jemand zum Du mache, habe ich Standpunkt." (S. 66) In dieser Fluktuation sieht Braun das dialogische Moment von Ebners Ansatz: "Perspektivisches Denken ist das aus der Bewußtheit des Raumes in die Bewußtheit der Zeit überführte Denken. Es ist, der Bewegung des Du zum Ich und des Ich zum Du entsprungen, dialogisches Denken und damit tolerantes Denken." (S. 69) Damit zeigt Braun Strukturen in Ebners Denken auf, die Parallelen zu den großen Neuerungen der modernen Physik aufweisen, und die sie auch konkret als solche anspricht: "Einstein zielt auf dasselbe, was Ebner mit Perspektive umschreibt: die Variabilität der Standorte, aber Invarianz der Beziehung". (S. 76) Nachdem Braun diese Parallelen genauer herausgearbeitet hat, stellt sie abschließend noch die Frage nach dem "Grund hinter aller Analogie" und vermutet: "Ist es nicht vielmehr so: die diversen Realitäten erscheinen als verschiedene Aspekte desselben Bewußtseins im selben historischen Moment." (S. 79) Und wir könnten die abschließende Frage stellen: Was bringen solche Analogien? Diese Frage läßt sich am Beispiel des Buches von Helga Braun durchaus positiv beantworten: Indem Braun die strukturellen Gemeinsamkeiten zwischen Ebners Denken und der modernen Physik herausarbeitet, macht sie die Struktur von Ebners Denken klarer erkennbar und seinen grundlegenden Neuansatz besser verständlich.

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