Rezensionen von Manuela Schwärzler

 

  
Bernhard Aichner, Schnee kommt  
Innsbruck: Skarabaeus 2009

Schnee kommt. Um eine Ankündigung handelt es sich im neuen Roman von Bernhard Aichner nicht. Schon nach einem kurzen Auftakt beginnt es unentwegt – und bis über den Buchrand hinaus - zu schneien. Der Schneefall tritt unerwartet ein und bringt einen der zahlreichen Unfälle mit sich: Valentin würde die herumtanzenden Flocken am liebsten mit seinem LKW überrollen und kaputtmachen, weil ihr Glücksversprechen für ihn nach dem Tod seiner Freundin unglaubwürdig geworden ist. Ihr makabrer Unfall erinnert an so manche Anekdote über den tödlichen Überschwang kindlicher Umarmungen, denen ein geliebtes Haustier zum Opfer fällt. Diese Bilder beständig vor Augen kommt Valentin unmittelbar vor einem Tunnel ins Schleudern. Dadurch kann sich das nächste Glied zu einer fortlaufenden Verkettung von Unglücksfällen fügen und ein Spiel mit Versatzstücken bekannter Episodenfilme und filmischer und literarischer Unfälle in Gang bringen.
Der Ausnahmezustand, in den sich die paarweise gruppierten Figuren versetzt sehen, spitzt folglich auch in diesem Episodenroman Situationen zu und bietet schnelle Lösungen an, sodass Illusionen, abgelebte Lebensmuster und -gewohnheiten oder unbequem gewordene Liebhaber beinahe mühelos abgestreift oder zurückgelassen werden. Daneben wimmelt es nur so von Hilfsunwilligen - tatkräftige Hilfe findet sich nur, wenn es um Spurenverwischung beziehungsweise die Tarnung einer Gewalttat als Unfall geht. Der Schnee tut das Übrige. Mit ihm stellen sich schließlich auch wieder Assoziationen ein, die – wie es scheint, beinahe ohne ihre symbolische Macht einzubüßen - insbesondere in den Momentaufnahmen der neu gruppierten Pärchen Neuanfang, Geborgenheit, Spiel und Spaß versprechen.
Beim Lesen dagegen vermag nicht allein der symbolträchtige Schnee in all seiner Plastizität Spuren zu hinterlassen und zu sichern. Eines der besonders eindrücklichen, auf die visuelle Vorstellungskraft wirkenden Bilder bietet Bertram, den die Nichtauffindbarkeit seiner Prothese nicht davon abhalten kann, mit Uschi zu verreisen: „Er spielte die Hauptrolle in diesem Horrorfilm, er war der mit dem Loch im Gesicht. Der Mann ohne Nase.“
Eine wiederkehrende, mitunter irritierende, das Tempo herunterschraubende und die Konturen fast ein wenig ausfransende stilistische Eigenheit Aichners könnte bei näherer Betrachtung ein viel versprechender Ansatz sein: Wirkt doch so manche Passage, als wenn sie sich aus unmittelbar aufeinander folgenden Einzelaufnahmen zusammensetzen würde, deren minimale Unterschiede feine Abweichungen und einen leichten Verzerrungseffekt ergeben. „Die Fahrbahn wurde weiß, alles war still, nur das Surren der Neonröhren. Er öffnete das Fenster und hörte zu, wie sie fielen, lautlos fast, nur ein leises, dumpfes Geräusch, wenn sie im Weiß eintauchen. Kaum hörbar, wie Bewegungen in Watte. Flocken, die ankamen mitten in der Nacht. Nur er und der Schnee. [...] Nur diese Flocken im Scheinwerferlicht, wie sie durch die Luft wirbelten, so viele, unkontrolliert, unzählbar.“ Permanente Annäherungen anstelle eines fertigen Bildes.


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Günther Loewit, Mürrig.
Roman
Skarabaeus Verlag 2008

Beim Lesen des dritten Romans von Günther Loewit verrät die jedem Kapitel vorangestellte weltpolitische Rückschau anfänglich nicht mehr als ihre Gleichzeitigkeit mit den nach Lebensjahren gegliederten Stationen der Titel gebenden Romanfigur. Ein erster Zusammenhang zeichnet sich ab, als der mittlerweile vierjährige Karl Georg in vermeintlich friedlichster Eintracht mit seinem Vater vor dem magischen Radioapparat gebannt Nachrichten hört. So will es zumindest seine Mutter sehen. Gerade in der Weltpolitik aber findet der heranwachsende Mürrig endlich Verbündete in der Auflehnung gegen den autoritären und in seiner Erziehung regelmäßig von körperlichen Züchtigungen Gebrauch machenden Vater.
Aus diesem allmählichen Ineinandergreifen von Weltpolitik und Lebensgeschichte heraus entwickelt sich eine spannende Komposition und Struktur. In Form eines gegenläufigen Prinzips setzt sich ein komplexes Verhältnis in Gang. Günther Loewits neuer Roman führt von der anfänglichen Parallel- zu einer Engführung.
Vor allem vom Ende her betrachtet erweisen sich die einzelnen Etappen von Mürrigs Lebensweg als eigentlich rückläufig, da sie unaufhaltsam einer Zuspitzung der allzu einengenden familiären Ausgangsbedingungen entgegen treiben. Eine Entwicklung dagegen lässt sich einzig in seiner Beziehung zur Medienwelt ausmachen und ablesen. In deren logischer Konsequenz und bei fortschreitender Verstrickung der Protagonist schließlich in der Geschlossenheit einer psychiatrischen Anstalt landet. Bis auf sein Intermezzo als Famulant wird er im Gegensatz zu seinem Vater niemals auf der Seite der Ärzte stehen.
Mit dem schwarzen Bürgerrechtskämpfer Steve Bico bricht eine beunruhigend neue Welt auf den jungen Studenten herein. Als Vorbild und eindeutige Identifikationsfigur verkörpert dieser zwar vor allem Rebellion gegen und Aufbruch aus der verschwiegenen NS-Vergangenheit des Vaters und einem Leben der Pflichterfüllung. Der intensiv durchlebte und gepflegte Kontakt mit Bico bindet ihn letztendlich nur noch stärker an eine Parallelwelt, die mehr und mehr Eigenleben, Gewicht und Raum beansprucht. Am Ende sucht er nur mehr Ruhe und Erholung „von der Welt, und wenn Sie hier keine Nachrichten haben und ich bleiben kann, das ist ja nicht so einfach mit dem Bleiben, irgendwo, immer muss ich wieder Platz machen, für neue, die die Nachrichten zugrundegerichtet haben“. Bevor ihn die drohende Gefahr einer vollständigen Verdrängung einholt, erfährt seine fortschreitende fatale Identifizierung mit den Widerstandskämpfern und jeweiligen Opfern der aktuellen Geschichte eine selbstmörderische Steigerung, indem er leicht zeitversetzt selbst ein Opfer von 9/11 wird. Jedenfalls in der an die Stelle der Realität getretenen Vorstellung, die ihn zum Todessprung bringt.
Soweit die strukturellen Besonderheiten des vorliegenden sehr straff erzählten Romans. Der Erzähler hält dabei die verschiedenen Fäden und Stränge fest im Griff. Zum Teil schränkt das auch uns LeserInnen ein und bevormundet stellenweise. Über die Gedankensplitter und –gänge der Figuren hinaus bekommen wir oft Rückschlüsse und Interpretationen mitpräsentiert, die Leer- und Spielräume besetzen. Es entsteht der beklemmende Eindruck einer Geschlossenheit und weitgehenden Deckungsgleichheit von Form und Inhalt - ohne Ausweg.
Und der Stil? Sachlich, förmlich, distanziert und poetisch zugleich wird er allerdings immer wieder durchkreuzt von aufkeimenden Ausbrüchen und Entgleisungen. Am Schluss steht dann eine der in regelmäßigen Abständen unterbrechenden, lyrisch -verknappenden schönen Passagen, die ein retardierendes Moment in sich bergen, kurzfristig Innehalten und Entschleunigen ermöglichen. „Noch in dieser Nacht, das weiß er, wird er aus dem Trichter, in dem er sich bis zur Unerträglichkeit beschleunigt und zugleich verengt, eingeengt fühlt, fliehen, entweichen. Er wird sich fallenlassen. In die Tiefe. Irgendwohin. Zurück.“ Diese letzten Sätze schließen inhaltlich und stilistisch direkt an folgende Schilderung seiner Geburt an, die sich wie ein Fazit liest: „Zu allem Überfluss setzten die Wehen aus. Das Licht der Welt rückt in weite Ferne. Der erwartete Erdenbürger steckt im Geburtskanal fest. Kann nicht vor und nicht zurück.“


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