Rezensionen von Carolina Schutti

  

 

erinnerte gegenwarten - frauengeschichte(n) zwischen anpassung und widerstand
Hg. von wortraum, Plattform Oberländer AutorInnen

Das große Tiroler Gedenkjahr war Anlass für viele ehrgeizige Projekte, dem gefeierten Heldentum etwas entgegenzusetzen. Die Anthologie erinnerte gegenwarten sollte „eine kritische Auseinandersetzung mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aus der Sicht und Erfahrungswelt der Frauen spiegeln. Ein Erinnern im Gedenkjahr in Textform soll zur Diskussion gesellschaftlicher Fragen in einer breiteren Öffentlichkeit anregen“, hieß es in der ursprünglichen Ausschreibung. Wortraum wurde als offene Plattform für Oberländer Autorinnen und Autoren gegründet, um der Literatur einen Raum zu bieten, und so verfassten die Oberländer Autorinnen Dietlinde Bonnlander, Maria Koch, Elisabeth Mehlmann, Christa H. Raich, Annemarie Regensburger und Gertrude Schrott Texte, die Frauengeschichten, Frauenleben oder einfach der weiblichen Perspektive nachgehen. Die Dreiteilung –  „Damals“, „Heute und Jetzt“, „Zukunft“ – führt gut durch das Buch, das naturgemäß sehr unterschiedliche Texte versammelt. Auf weitere strukturierende Maßnahmen wurde verzichtet, denn, wie das Editorial verrät: „Die Vielfalt und thematische Breite der Beiträge sollte dabei denkbar groß gehalten bleiben, wie sie dem individuellen Erfahrungshorizont und der Aussagekraft der einzelnen Autorin entspricht.“ So stehen etwa dialektale und schriftsprachliche Texte nebeneinander. Man sieht, es gibt Gedanken, die man eben nur in der Mundart auf den Punkt bringen kann, anderes lässt sich schriftsprachlich besser fassen. Dadurch, dass Prosa, Lyrik und auch dramatische Ansätze einander abwechseln, bekommt man auch nicht das Gefühl, man müsse das Buch in einem Zug von vorn bis hinten durchlesen – nein, es lädt geradezu zum Schmökern ein, man bleibt bei Texten hängen, die einen im Moment besonders ansprechen. „Wir möchten einander ermutigen und stärken, in unserem Schreiben die Fülle des Wortes umzusetzen“ ist der Leitgedanke der wortraum-Autorinnen, eine Aussage, die sehr schön die Intention dieses Büchleins zusammenfasst.  

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Angelika Mayr-Gehler’s Fadele. Südtiroler Mundart aus der Ferne
Raetia Club 2009, 149 Seiten. Mit Audio-CD

„Hånn net die Kråft ze toaln die Bildr, / de sich so innigtiaf einifressn in mi ohne Wertr“, so beginnt das Gedicht „Hoamatweah“, das neben dem titelgebenden treffend zum Ausdruck bringt, worum es Angelika Mayr-Gehler in diesem Lyrikband geht: Überwindung des Heimwehs und genussvolles Eintauchen in die Südtiroler Mundart. „Hoamatweah isch a Gfiehl, des a zu mir keart“ schreibt die 1967 in Lichtenstern / Ritten geborene Lyrikerin, die nach der Matura an der Lehrerbildungsanstalt Meran Pädagogik und Geschichte in Innsbruck studiert und eine Ausbildung als Buchhändlerin angeschlossen hat. Die Südtirolerin lebt in Hildesheim / Niedersachsen, und nicht nur die große räumliche Entfernung trennt sie von ihrer Heimat, sondern auch die Sprache.

Mundartgedichte haben es verhältnismäßig schwer, den Weg in die Öffentlichkeit zu finden. Mundartautorinnen und Autoren müssen beim Schreiben einige Gegensätze überwinden: zwischen der Mündlichkeit des Dialekts und dessen Verschriftlichung, zwischen privaten Erlebnissen und der Öffentlichmachung von Erfahrung, vor allem aber zwischen traditioneller Sprache und der heutigen modernen Welt.
Doch obwohl oder gerade weil sie in einer Sprache geschrieben sind, die regional begrenzt und dadurch besonders an die Gegebenheiten eines Ortes, eines Lebensraumes, einer sozialen Gruppe angepasst ist, haben diese Gedichte ganz andere Möglichkeiten als hochsprachliche Gedichte. Ihr Klang erinnert häufig an Kindheit, an Heimat – die Sehnsucht nach genau diesem Gefühl vermitteln Angelika Mayr-Gehlers Gedichte.

Sie spinnt einen sprachlichen Faden von ihrer Heimat zu ihrem Wohnort und wieder zurück. Indem die Lyrikerin ihren sprachlichen Faden durch ihre Gedanken und Gefühle führt, fädelt sie allerhand auf. Mitmenschen und Wege, das Auf-dem-Weg-Sein spielen dabei eine besondere Rolle.
Die ebenfalls zahlreichen Naturbeobachtungen stehen nicht für sich, sondern stellen gleichsam ein Spiegelbild für das lyrische Ich bereit: „Dr Mund drahnt gånz såcht / kohlschwårz vrstoanrt kriacht sie um sich die Nåcht“, so hebt ein Nachtgedicht an, in dem die Schwärze Ausdruck für die dunklen Seiten des Lebens ist, die traumgleich am lyrischen Ich vorüberziehen.

Alltagsbeobachtungen, die Mitteilung von Gedanken über den Tag, über den Menschen und über das Leben ganz allgemein kleidet die Autorin in mundartliche Reime. In diesen Gedichten geht es weniger um sprachliche und formale Raffinesse und die Leser herausfordernde Gedankengänge als vielmehr um einen Versuch, sich in der Ferne die Heimat (neu) zu erschaffen. Angelika Mayr-Gehler hat Freude daran, den „Kern der Gedanken lautmalerisch wiederzugeben und für andere festzuhalten“, wer ebenfalls Freude am Klang des Südtirolerischen hat, dem seien die Lektüre dieses Büchleins und das Anhören der Audio-CD empfohlen.
  

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Martin Kolozs, Ich glaube nicht an die große Liebe. Neue Liebesgedichte und andere
Edition BAES 2008, 42 Seiten

In trockenem, knappem Ton entromantisiert Martin Kolozs in seinem Gedichtband die Liebe. Manchmal nur mit drei knappen Zeilen: „Ich habe es bemerkt / als ich mit dem Hund unten war: // Ich liebe dich nicht mehr“, oder „Ohne dich will ich nicht mehr sein // Aber an die Zeit ohne dich / kann ich mich gut erinnern“. Manchmal in pathetischem Ton, der Erinnerungen an andere Liebesgedichte weckt: „Wenn ich wüsste / was die Liebe ist / bräuchte ich keine Erklärung zu finden / sondern bliebe einfach stumm / und fühlte und hörte / wie mein Herz für dich schlägt“. Manchmal geradezu komisch: „Ich hänge an dir / und mein Hals wird länger und länger // Ich stehe auf dich / und denke an falsche Grammatik“.
Auch wenn das lyrische Ich nicht an die große Liebe glauben mag, die kleine scheint umso beständiger. Obwohl dieses Ich streckenweise kühl und frech daherkommt, kann es sich auch öffnen, immer wieder ist den Lesern ein kurzer Blick auf den sprichwörtlichen weichen Kern gestattet. Um drei Versionen des Gedichtes „Du“ sind die Miniaturen angeordnet, die der internen Ordnung zugrunde liegenden Gedanken sind am ehesten zu umschreiben mit den Begriffen ,Richtung’, ,Ist-Zustand’ und ‚Rückbesinnung auf das Wesentliche’.
Laut Verlagsankündigung ist Kolozs höchstens noch ein Bändchen solcher Liebeslyrik gestattet, dann nämlich sei „die Jugend vorbei und auch sämtliche Flausen aus jenen Tagen“. Schade eigentlich, denn diese Flausen lesen sich hervorragend. 

Martin Kolozs, Bar. Mördergeschichten. Sakarabaeus 2008, 124 Seiten
Sehr direkt ist Martin Kolozs in der Fortsetzung seiner Geschichte vom Serienmörder Jakob Schwind, die in seinem ersten Buch Mon amie ihren Anfang gefunden hat, in der man sich als Leser im psychopatischen Jakob wiederfindet, mit seinen Augen sieht, seine Gedanken mitdenkt. Explizit und detailliert wird Grausames und Ekliges beschrieben, man fragt sich schon, ob man das alles wirklich so genau wissen möchte und mehr als das stellt sich die Frage nach der Funktion dieser Passagen, zumal eine Explizitheit dieser Art nicht mehr provozieren kann und auch sehr wenig zur Figurenzeichnung beiträgt. Freilich lässt sich, wenn man möchte, die erste Erzählung auch mit einem ironischen Blick lesen – das sei dem Leser auch empfohlen. Jakob Schwind unterliegt der Wahnvorstellung, dass ihn nur das Blut anderer Menschen vor dem Tod retten kann, und so tötet er, trinkt das Blut der Getöteten, flieht vor vermeintlichen Verfolgern, hört Stimmen: „Jakob fühlte sich, als wäre er in zwei Welten gleichzeitig geworfen. Eine, die er mit allen Männern und Frauen, Kindern, Tieren und Pflanzen teilte, in der die Worte zeigten, was sie hießen, es keine Rätsel gab, die nicht zu entschlüsseln gewesen wären. Und eine andere, fremde, wo niemand außer ihm hinkam, er die Dinge wie hinter Glas sehen, aber nicht begreifen konnte“ (28).
Die zweite Erzählung in diesem Buch, „Verschwinden. Einer Mördergeschichte letzter Teil“, spielt mit Verdächtigungen, in jedem Kapitel gibt es einen anderen Täter: Eine Ehefrau wird tot aufgefunden, der Ehemann gibt zu, mit ihr gestritten zu haben, bestreitet aber den Mord. Einer der potenziellen Täter ist Jakob Schwind, über den die Erzählung, die durchaus für sich alleine stehen kann, an „Bar“ angeknüpft werden kann. Diese Erzählung ist sehr konventionell gestrickt, es gibt eine Kommissarin, es gibt Verhöre, einen allwissenden Erzähler. Doch Kolozs nützt die etwas hölzern wirkenden Dialoge und platt gestrickten Krimifiguren als Sprungbrett, um diese quasi mit eigenen Mitteln zu schlagen. Kleine Augenzwinkereien sind eingebaut – es lohnt sich, unter anderem einen genauen Blick auf die Namen der Kommissare zu werfen...
 

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Selma Mahlknecht, Im Kokon. Erzählung 
Edition Raetia 2007, 167 Seiten 

Nach Ausgebrochen und rosa leben ist nun Selma Mahlknechts dritte Prosaarbeit, die Erzählung Im Kokon, bei Raetia erschienen. Die junge Autorin nimmt sich hier die Jugend, genauer gesagt die verwirrenden Phasen der Pubertät vor, verknüpft die Pubertätsproblematik aber mit beinahe märchenhaften Elementen, wodurch das Buch einen ganz eigenen Charme bekommt.
Die junge, etwas burschikose Protagonistin, die sich gerne in den Wäldern herumtreibt und auch einmal Kratzer in Kauf nimmt, die in der Schule nur einen Hauch besser als der Dümmste der Klasse ist, entdeckt auf einem ihrer Streifzüge, dass in einem ansonsten unbewohnten, abgeschiedenen Häuschen jemand wohnt. Sie hört jemanden ein Märchen vorlesen und mit den Worten schließen: „Das war doch eine schöne Geschichte, nicht wahr? Jetzt schlaf schön. Gute Nacht, mein Schatz!“ Das Mädchen kehrt nun jeden Abend wieder, lauscht den Märchen, bis sie nach drei Wochen einmal zu früh kommt und entdeckt, dass die Stimme einer jungen Frau, Nelly, gehört, die ihrem ungeborenen Sohn Kim vorliest. Nelly wohnt allein, ernährt sich von selbst Angebautem und Gesammeltem und verwehrt sich gegen alles, was modern ist. Das junge Mädchen fühlt sich sehr zu ihr hingezogen und baut sich eine Phantasiewelt auf, in der Nelly und sie glücklich bis an ihr Lebensende zusammenleben. Als Livia, eine junge Frau, die in der Bäckerei angestellt ist, Nelly ihre Hilfe anbietet, reagiert die Protagonistin zunächst mit Zorn. Versöhnung bahnt sich an, als Nelly am Ende ihrer Schwangerschaft schwer erkrankt, gegen ihren Willen von Livia ins Krankenhaus gebracht wird und nur die Protagonistin empfängt, doch die Schwärmerei verliert ganz von selbst an Intensität: „Dann befahl ich mir, eine meiner Szenen abzurufen. Kuss im Morgengrauen. Erwachen in der Waldlichtung. Hand in Hand am Bergsee. – Verblasste Postkartenmotive. Es nützte nichts: In diesem Trakt meiner Luftschlösser begannen die Fassaden zu bröckeln“ (152).
Nicht die erste unglückliche Verliebtheit im gewöhnlichen Sinn steht im Mittelpunkt der Erzählung, sondern eher das Bedürfnis nach Geborgenheit, das man in diesem Alter oft in der eigenen Familie nicht mehr zu finden glaubt. Geschickt eingeflochten wird hier auch die geschlechtliche Orientierung. Mahlknecht weicht hierbei sehr gekonnt allen Klischees aus, die Liebe der Protagonistin zur schwangeren Nelly bleibt zwischen Mütterlichkeit und körperlicher Anziehung in der Schwebe, ohne dass sich die Phantasien des jungen Mädchens genau festmachen ließen.
Sehr stimmig ist die Art und Weise, wie sich die Hauptfigur in die Liebe hineinverstrickt und wie diese „Phase“ gleichsam von selbst wieder vorübergeht: Sind Gedanken erst einmal oft genug gedacht, verblassen sie beziehungsweise büßen an Reiz ein.
Parallel zur Nelly-Handlung erzählt Im Kokon auch vom ganz normalen Schulalltag: Schulfreundschaften, eine gemeine Lehrerin, ein nicht durchgehaltener Boykott von Hausübungen, der Klassenbeste Holger, Nachhilfeunterricht, Geburtstagspartys sind Themen, die junge Menschen beschäftigen. Auch der Familienalltag darf nicht fehlen – als die Protagonistin mehr Zeit mit Holger verbringt, der viel allein gelassen wird, erkennt sie, dass ihre Familie doch ganz in Ordnung ist.
Sprachlich findet Selma Mahlknecht zu einem Ton, der dem Thema angemessen ist, mit märchenhaften Zügen im Nelly-Erzählstrang und frechen, frischen Anklängen in den Passagen, die vom „wirklichen“ Leben des jungen Mädchens handeln. Glaubt die Protagonistin, auf eine große Erkenntnis gestoßen zu sein, unterstreicht Mahlknecht dies mit pathetischen Zeilen, die sehr gezielt eingesetzt werden und dadurch zum stimmigen Gesamtbild beitragen: „Ich wollte auch so sein können, so unantastbar, so beständig verankert, wollte auch aufhören, Fragen zu stellen und Wahrheiten zu suchen, wollte auch alles auf mich zukommen lassen, ohne etwas zu fürchten, im Grunde war doch genau das meine große Sehnsucht, dieses Verlangen nach Sicherheit, nach Letztgültigkeit, der Wunsch, unverrückbar fest zu stehen in der Welt, die ringsum dröhnt und scheppert und sich stets neu mit sich selbst überwirft“ (19).
Dieser durchaus solide komponierten Erzählung kann man einzig den Vorwurf machen, dass die Zielgruppe ein wenig unklar bleibt. Für eine literarische, an ein erwachsenes Publikum gerichtete Erzählung erhält sie zu wenig „Welt“, ist zu sehr auf die pubertären Erfahrungen beschränkt und weist nicht über sich hinaus. Für (jüngere) Jugendliche hingegen ist sie vielleicht zu wenig realitätsnah. Als Schullektüre für die Oberstufe, und das ist jetzt keinesfalls abwertend gemeint, ist dieses Buch jedenfalls wärmstens zu empfehlen.
Fazit: Eine recht gut gemachte, sprachlich und erzähltechnisch auf guter Basis stehende Erzählung.  
     

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Aurelia Seidl-Todt, Nachtöne
Innsbruck: TAK – Tiroler Autorinnen und Autoren Kooperative 2007 

„Nachtöne“, „Übers Jahr“ und „Aussichten“ – drei thematische Schwerpunkte scheint der neue Lyrikband von Aurelia Seidl-Todt zu haben, und doch zieht sich ein großer Bogen durch das ganze Buch: Die Autorin schreibt mit melancholischen und humorvollen, mit zurückgenommenen und manchmal etwas bestimmteren sprachlichen ,Tönen’ Miniaturen über das Leben.

Die Titel der Gedichte nehmen sich wie Überschriften zu einzelnen kleinen Kapiteln aus oder wie Namen von Stationen auf einer Reise durch die Jahreszeiten, durch markante Lebensphasen mit Zwischenstopps an einmaligen (Wende?)Punkten. Obwohl die Autorin kaum sprachliche oder formale Wagnisse eingeht, halten die Gedichte überraschende Momente bereit, beispielsweise, wenn Assoziationsketten ganz willkürlich gegen den Strich gebürstet werden:

aufgetaut

in der Wärme des Blickes
der Sonne der Wörter im
heimelnden Rauch einer Pfeife
und schon ist er wieder da
der Vater des Gedankens
der verwegene Wunsch
kniet alte und neue Dummheit
vor zärtlichster Vermutung
und erst der Kuss auf die Wange
Mann – du riechst so gut

Auffällig ist, dass die meisten Gedichte ,draußen’ stattfinden, in der Natur, in der Stadt, auf der Straße. Aurelia Seidl-Todt versucht nicht, in die Menschen hineinzuschauen, sondern beobachtet und zieht daraus ihre Schlüsse. Kritik an gesellschaftlichen Zuständen wird ganz offen geäußert, wobei die Autorin Gemeinplätzen manchmal nicht ganz ausweichen kann bzw. der Gedanke in einer anderen Textsorte besser aufgehoben wäre. Ähnlich verhält es sich mit einigen Beobachtungen, die ohne erkennbaren poetischen Mehrwert niedergeschrieben wurden und dadurch eher persönlichen Notizen als Gedichten gleichkommen. Diese weniger gelungenen Gedichte stellen allerdings die Ausnahme dar. Oft verhält es sich so, dass man das Gedicht zunächst relativ ,glatt’ durchlesen kann, doch dann beschleicht einen das Gefühl, etwas übersehen zu haben, einen kleinen Kniff, ein Augenzwinkern, eine sprachliche Schwelle, über die man beim zweiten Lesen stolpert, wodurch man gleichsam in eine andere Ebene fällt:

Fensterblicke I

Flugzeuge kreuzen
den Himmel aus
legen ihm Raster an
flüchtige Rahmen
um blaue Flächen
flüchtig wie die Schwalbe
die den Südflug verpasst

Positiv hervorzuheben ist die zurückhaltende Art, mit der Aurelia Seidl-Todt ihre Gedichte schreibt. Es gibt keine übergroßen Gesten, keine zwanghaften Versuche, innovativ sein zu wollen. Aurelia Seidl-Todt schreibt, wie sie schreibt, gibt ihren Gedanken eine authentische und doch bedächtig gewählte Stimme. Der Gedanke zählt manchmal mehr als die sprachliche Form, zuweilen tritt das Poetische sogar so stark in den Hintergrund, dass dem Einfall allein aller Raum zugesprochen wird, ein besonders schöner sei hier an den Schluss gestellt:

[...]
das Blau eines Himmels
ins Wasserglas füllen
mit Schaumkronen obenauf
für den tröstlichen Schluck
an düsteren Tagen
das wäre nur so ein Gedanke

Mit wachen Augen nach draußen schauen, sie nicht verschließen vor unangenehmer Wirklichkeit und sie weit offenhalten für die schönen Dinge des Lebens – das scheint uns die Autorin mit ihren Gedichten zu wünschen. Dass wir an düsteren Tagen nicht auf die Farbe des Himmels und auf die Kraft der Erinnerung vergessen... 
     

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Sabine Eschgfäller, Versuche die Worte zu wiegen
Wien: Resistenz Verlag 2007 

Die junge Lyrikerin Sabine Eschgfäller beeindruckte schon vor Erscheinen ihres ersten Gedichtbandes mit Einzelpublikationen und Lesungen: Ihre Gedichte bleiben hängen, möchten wiedergelesen werden, erforscht und durchleuchtet in ihren Worten und den Räumen, die zwischen den Worten entstehen und stehenbleiben. Sabine Eschgfäller beherrscht die Kunst des Stehenlassens, kein Wort zuviel verwendet sie, sie fordert ihre Leser auf, von vorne anzufangen, wenn sie meinen, am Schluss angelangt zu sein. Hinter den komplexen Gebilden liegt jeweils eine klare Idee, eine Geschichte, ein Erfahrungsausschnitt: Keine reine Sprachkunst also betreibt die Dichterin, sie komponiert keine Assoziationsketten, sondern vielmehr kunstvolle Wortbögen, die sich um ein Stückchen Wirklichkeit legen.

Versuche die Worte zu wiegen ist Eschgfällers zweiter Gedichtband nach dem tschechisch-deutschen Band in die ecke gesprochen – řečeno do kouta (Burian a Tichák, Olomouc 2005). Der Gedichte angenommen hat sich der Resistenz-Verlag: „Andere drucken Bücher. Ich verlege AutorInnen“, so schreibt der Verleger Dietmar Ehrenreich in den Bemerkungen zu seiner Verlagsphilosophie auf der letzten Seite. Dem Druck, der (sehr schlichten) Aufmachung des Buches wird eher wenig Bedeutung beigemessen – andererseits lenkt hier somit nichts vom Wesentlichen ab. So gerne ich „schöne“ Lyrikbände in der Hand halte – Sabine Eschgfällers Gedichte kommen jedenfalls auch ohne handgeschöpftes Papier und Vierfarbdruck aus.

Aus sieben Teilen besteht das Buch: „abseits“, „leis“, „beschworen“, „versuch, die worte zu wiegen“, „noch einmal (dich erinnern) leg deinen kopf beiseite“, „pfadfinder“ und „unter meiner angst“. Leise, bedächtige, auch angstvolle Töne schlägt Sabine Eschgfäller an. Sie verwendet keine ,Kunstwörter’, bleibt in ihrem Wortschatz ganz schlicht. Allein über das Aufbrechen von Syntax und Semantik, über zum Teil verstörende Wortkombinationen gelangt sie zu einer eindrucksvollen, zugleich gänzlich unprätentiösen Bildsprache: 

ich ringe dich ein
zerreib dich sanft unter meiner nase
[...]
zwischen den schloten
am nordrand; wenn man nur

wuesste, wer sich zerkleinert
in erinnerung
: dort

oder:

an der leine
führe ich die gespräche mit dir
spazieren durch den tag und jeder

davon handverlesen [... ]

Ein trauriger Schatten liegt über dem Band, es ist eine Trauer allerdings, der man sich gerne hingibt, denn sie wirkt authentisch, ist nachvollziehbar, führt hin zu tiefen Empfindungen. Sabine Eschgfäller greift keine großen Themen auf, vielmehr steht ein beobachtendes, nachdenkendes, intensiv empfindendes Ich im Mittelpunkt. Aus den Gedichten der jungen Lyrikerin spricht viel Erfahrung, vor allem aber besitzt sie die Fähigkeit, den einzelnen Nuancen von Gefühlen nachzuspüren und diese in Sprache zu fassen. Dabei kann Sabine Eschgfäller den Winter, den Engel, sogar das Herz verwenden, ohne jemals auch nur im Entferntesten Gefahr zu laufen, auf ausgetretenen Lyrikpfaden auszugleiten.

Heimat, Fremde und Frost sind wiederkehrende Motive, ein Du wird häufig angesprochen: Begegnung, Entfernung, Leere, unausgesprochene Gedanken stehen zwischen dem Ich und seinem Gegenüber, wobei das Du ganz eingebettet ist in die Gedanken des lyrischen Ichs und ihnen (verändert?) wieder entsteigt:

lass dich steigen aus meinem horizont, du
waerest mir ein leichtes
ein gleiches gewesen du
[...]

Das titelgebende Gedicht, das gleichsam die Gedichte dieses Lyrikbandes ,bündelt’ bzw. zusammenhält, findet sich in der Mitte des Bandes:

versuch

die worte zu wiegen wie im
greislerladenspiel frueher: spiele wieder
mit mir/ im guten

gelb und rot in diesem winter
tritt ein und laechle
und – lass es endlos

bleiben wie im
spielen damals: ohne buehnenbild und ohne
spielzeug/ nimm mein heute

bezahle es mit schweren
worten, gib mir einen vorrat
von dir

: dass ich ueber diesen winter komm


Unmöglich kann ich hier auch nur annähernd damit beginnen, starke, gelungene Bilder zu zitieren, deren Bedeutungen nachzugehen, bleibe ich doch beim Lesen wieder und wieder hängen beim „spazieren/ auf januarhaut“, beim „ich wiege die stunde aus bis/ sie fliegen kann, mit uns“, bei der „zeit ohne poren“ – unmöglich, mit Alltagsworten auch nur annähernd zu beschreiben, was Sabine Eschgfällers Texte sagen. Das ist ein Kennzeichen guter Gedichte: Dass sie im Grunde un-beschreiblich sind und wieder und wieder und wieder gelesen werden wollen.
    

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Quart Heft für Kultur Tirol. Nr. 10/2007
Hg. Kulturabteilung des Landes Tirol
Innsbruck, Wien: Haymon 2006 
  
Stolz darf Quart, das Sven-Eric Bechtolf als die „beste deutschsprachige Kulturzeitschrift“ bezeichnet hat (weitere Worte ernst gemeinten Lobes sind nachzulesen auf www.circus.at), ein kleines Jubiläum feiern: Nach fünf Jahren liegt nun die zehnte Ausgabe vor, wobei sowohl das Konzept als auch die Qualität immer noch überzeugen.
     Eine der Stärken der Quart-Hefte ist fraglos das ansprechende Design – eine diesbezügliche Würdigung erfolgte u.a. durch die Auszeichnung mit dem prestigeträchtigen „reddot design award 2007“ (Hefte 6 bis 8) sowie durch die Nominierung für den hoch angesehenen „Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2008“. Gute Gestaltung allein reicht für eine Kulturzeitschrift freilich nicht aus, und erfreulicherweise sind auch in Heft Nr. 10 wieder ansprechende Beiträge zu verschiedensten kulturellen Themen zu finden.

     Diesmal gestaltete Hans Schabus sowohl den Umschlag als auch die linken Heftseiten. Er habe sein Briefmarkenalbum neu geordnet, heißt es auf der grünen Schleife, wobei diese Neuordnung im Dienst einer Reflexion der jeweils rechten Heftseiten steht. Der Beitrag „Queen for a day“ beispielsweise, in dem Heinz Trenzak Djavidan Hanum, die Schriftstellerin, Pianistin, Malerin und ägyptische Prinzessin war, porträtiert, wird von Königinnen-Briefmarken aus verschiedenen Ländern begleitet.
     „Wozu Geisteswissenschaften“ fragt sich Helmut Reinalter – dem Bericht über die „Kultur als Sinnsystem“ stellt Schabus mit Briefmarken gefüllte Seiten in den sechs Spektralfarben gegenüber und liefert damit ein deutliches Statement in Bezug auf die von Reinalter thematisierte Spannung zwischen der starken Spezialisierung der Geisteswissenschaften und ihrer Vereinigung unter dem Deckmantel der Kulturwissenschaft.
     Man glaubt kaum, wie viele Auto-Briefmarken es gibt: Genug jedenfalls, um die augenscheinlich als Serie geplanten „Brenner-Gespräche“ zu umrahmen. „So viele Leute fahren über die Alpen nach Italien“, heißt es, „Quart bittet herausragende Persönlichkeiten an den Straßenrand zu einer Jause mit Gespräch“. In der ersten Folge interviewt Andreas Schett den Komponisten und Theatermacher Heiner Goebbels, dessen Aussagen über das Funktionieren von Live-Aufführungen lesens- und ,weiterdenkenswert’ sind.
     In der Serie „Gutachten“ geht es diesmal um die Schöpfung, der Physiker Ferdinand Cap, der Krebsforscher Martin Widschwendter, die Autorin Barbara Hundegger und der Gynäkologe und Theologe Johannes Huber machen sich Gedanken dazu (Hans Schabus hat sowohl Krebs-Briefmarken als auch drei passende Marken zu Hundeggers Beitrag „busen wunder“ aufgetrieben!).
     Des Weiteren vermittelt Ivona Jelcic ihre Erfahrungen mit Bettenpartys, verteidigt Clemens Aufderklamm das Schreiben für die Masse als Drehbuchautor, insbesondere seine Mitarbeit an der ORF-Vorabendserie „Mitten im Achten“, wobei er sich gleichzeitig Luft über den „Arschtritt“ macht, der ihn aus Österreich wieder zurück nach Berlin befördere.
     Alice Riegler berichtet über Dörfer im Südtiroler Vinschgau, die perfekte Bedingungen für Genforscher bieten (Hans Schabus’ Briefmarken sehen wir hier von hinten...). In der Serie „Landvermessung“ wandert der Schweizer Schriftsteller Urs Mannhart von Wenns im Pitztal nach Nufels im Kaunertal – äußerst lesenswert sind seine Überlegungen zu Gipfelsieg und Kronenzeitung! Auch Raimund Margreiter kommt in diesem Quartheft zu Wort – der einzige vielleicht nicht ganz „originale“ Beitrag, handelt es sich doch um eine Transkription einiger seiner Redebeiträge zum Thema Organtransplantation bei den diesjährigen Rauriser Literaturtagen.
     Ein ausführliches Porträt von Thomas Nußbaumer ist Maria Hofer und ihrem umstrittenen Werk gewidmet, einer Komponistin, die um jeden Preis Tirolerin werden wollte. Robert Woelfl ließ sich im Atelier von Hans Schabus zu einem Bergwerkstext inspirieren und den Anfang schließlich – ich habe diesmal das Heft von hinten aufgezäumt – macht ein polemischer Beitrag von Philipp Mosetter zum Thema „Das kenn’ ich schon, das hat’s ja schon gegeben!“ Einerlei, ob man wie ich mit diesem Text zu lesen aufhört, mit ihm anfängt oder das Heft überhaupt kreuz und quer liest – lesenswert ist dieses Quart Heft allemal. Besonders gelungen ist auch die Originalbeilage von Peter Sandbichler, eine bearbeitete Gummimatte, die vielfältig eingesetzt werden kann.
     Einen kleinen Makel muss ich der Vollständigkeit halber (und als gutgemeinten Hinweis für hoffentlich viele weitere Quarts) erwähnen: Diesmal haben sich leider einige vermeidbare Fehler eingeschlichen – der Rechtschreibung, der Grammatik und dem Satzspiegel hätte mancherorts ein strenger prüfendes Auge gut getan.

     Abschließend bleibt zu sagen: Auch nach zehn Ausgaben bleibt Quart seiner Linie treu, enttäuscht die Leser nicht, fügt Bewährtem Neues hinzu und bleibt ein ernstzunehmender, über die Grenzen hinausweisender Bestandteil der (Tiroler) Kultur! 
  

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Maria Koch und Annemarie Regensburger, Tiroler Adventkalenderbuch. Heitere und besinnliche Gedichte und Geschichten zur Advent- und Weihnachtszeit.
Nidderau: M. Naumann 2006, 79 Seiten.

Nina Schröder (Hg.), weißt du was schnee ist / frisch gefallener? Weihnachstsgeschichten von Südtiroler Autorinnen und Autoren.
Bozen: Edition Raetia 2004, 159 Seiten.

Päckchen, aufgehängt wie auf einer Wäscheleine, aus einem fällt gerade ein Stern heraus, gelb auf gelbem Hintergrund, auf der Rückseite schwindelt sich ein „Thomasradle“ zwischen die Geschenke. Ein weißer Umschlag, der im Licht glänzt wie Weihnachtspapier, in der Mitte prangt ein biederes Duftbäumchen. Beide Cover spielen mit Erwartungshaltungen, greifen die Spannung zwischen Weihnachten-Feiern-Müssen und Weihnachten-Feiern-Dürfen auf, zwischen Kommerz und echtem Fest, zwischen Enttäuschung und Freude, zwischen künstlichem Weihnachtsmannbart und selbstgebackenen Keksen. Auch die Geschichten und Gedichte handeln sowohl von unweihnachtlichen Ereignissen am Heiligen Abend als auch von tiefer Sehnsucht nach dem ,echten’ Weihnachtsfest. Ob man das Fest nun feiert oder nicht, ob man sich darauf freut oder es möglichst schnell hinter sich zu bringen versucht – Weihnachten zu ignorieren fällt schwer.

Das sorgfältig konzipierte „Tiroler Adventkalenderbuch“ von Maria Koch und Annemarie Regensburger lässt einen schon beim Aufschlagen innehalten. Adventzeit, besinnliche Zeit, Zeit zum langsamer werden, zum langsamer lesen... Die ungewohnte Orthographie der Dialektgedichte, der Geschichten und der Kurztheaterstücke zwingt den Leser geradezu, das Tempo zu drosseln, genau hinzusehen, sich Zeit zu nehmen dafür, von der Augen- in die Ohrensprache zu über-setzen. „Tiefer eiche lousnen. nächner zommruckn. des wünsch mir zwoa für die Advent- und Weihnachtszeit“, so die Widmung der Autorinnen für ihre Leserschaft. Hören und Fühlen, Beobachten und in Ruhe einem einzelnen Gedanken nachhängen – für jeden Tag im Adventkalender gibt es Anleitungen bzw. Anstöße in Form von Texten und auch einigen Rezepten.
„oufangen“ mit Adventkranz und damit, sich Zeit zu nehmen für andere, seine eigenen Füße spüren und sich Gedanken über sein Gegenüber machen – so beginnt die Adventzeit. Die äußeren Signale des Kranzes und der Kerzen erinnern an das Wesentliche: „alle Tag / aufs nuije / schaugn“ zum Beispiel.
So vielfältig Weihnachten heute ist, so breit gestreut sind auch die Themen der Texte: Ehrfüchtiges Aufstellen der Krippe oder Kerzenschiffchenbasteln aus Nussschalen, das Geschenk eines Galoschenmachers, die Wahrheit über das Zeltenbacken stehen dem Konsumwahnsinn gegenüber, den Gedanken eines Hoteliers, der ohne es zu bemerken das Lied von der Herbergssuche mit seiner eigenen Fremdenfeindlichkeit in Zusammenhang bringt, weihnachtsbedingten Erschöpfungszuständen, einer Szene in einem Krankenhaus, um nur einige wenige zu nennen. Dazwischen blitzt immer wieder die Sehnsucht nach Ruhe auf, nach Düften aus der Kindheit, nach Menschlichkeit, nach einem Weihnachten, das seinen Namen verdient. Mit „oufangen“ beginnt das Buch, mit „Weitergiahn“ endet es: Weihnachten ist nach Weihnachten noch nicht zu Ende. Das „Tiroler Adventkalenderbuch“ will zu (Be)Sinnlichkeit verführen, es stimmt ein auf die stille Zeit: „Alm wider / dia dunkle Zeit / durchstiahn“, um es „alm wieder / Weihnacht / wearn“ zu lassen...

Weniger beschaulich, aber umso vielseitiger präsentiert sich die Südtiroler Weihnachtsanthologie. Ein Kaser-Zitat dient als Aufputz, den dieser Sammelband gar nicht nötig hätte, der die Aufmerksamkeit der Leser aber gleich auf die vielen Fragen und Leerstellen lenkt, die die Texte aufwerfen: „weißt du was schnee ist / frisch gefallener?“ Was ist eigentlich die Bescherung, wird in der Anthologie gefragt, was der Sinn des Weihnachtsbaums, warum darf an Weihnachten kein Theater gemacht werden, warum wird ein Kind geboren, warum stirbt es gleich wieder, das andere eben später?
Nina Schröder, die Herausgeberin, setzt Weihnachten mit dem „Hochamt“ des „Mangels“ gleich. Die Werbung führe uns täglich Mängel vor Augen, die an Weihnachten auf einen Schlag wiedergutgemacht werden sollen. Dass dieser Anspruch von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, versteht sich von selbst.
Vielen guten Beiträgen tue ich Unrecht, wenn ich hier nur Joseph Zoderer erwähnen kann, der in der Geschichte über einen Onkel mit einem besonderen Draht zum Christkind subtil kindliche Wahrnehmung und Erwachsenenrealität einander gegenüberstellt, oder Selma Mahlknecht, die in „Babyspeck“ die aufgestauten Ängste einer schwangeren Jugendlichen an Weihnachten aufbrechen lässt, Anne Marie Pircher, die von kindlicher Enttäuschung erzählt oder Helene Flöss, in deren Geschichte die Besessenheit nach guten Taten und Selbstkasteiung Weihnachtsfreude unmöglich macht. Währende Herbert Rosendorfers Erzählung eine der drastischsten Umdeutungen der Weihnachtsgeschichte ist (die heilige Familie ist türkisch, das Neugeborene, dessen Vater nicht der Ehemann ist, stirbt noch in der Nacht in einer Garage auf alten Autoreifen) sucht Joseph Zoderer in seinem zweiten Beitrag das Weihnachtsgefühl in Erinnerungen an eine Kofferkrippe. Wie die Prosa, so öffnet auch die Lyrik unterschiedliche Zugänge zu Weihnachten. Beeindruckend ob seiner Zartheit und Stille ist vor allem „Winterwende“ von Sepp Mall. „Im Schneetreiben / stand dein Gesicht / am Fenster / das Auge blank / vor Flocken“, so beginnt das Gedicht, in dem die Winterlandschaft zum Beobachter der Menschen wird...

Weihnachten hat viele Gesichter: Ob nun die Sehnsucht nach ursprünglichem Weihnachten im Vordergrund steht oder der Festtag nicht viel mehr als eine Kulisse für menschliche Tragödien ist – emotionslos zu bleiben ist schwer. Sich auf die Feiertage einzustimmen fällt schon leichter, vor allem mit den beiden hier vorgestellten Büchern, die sich übrigens hervorragend als Geschenke eignen...
  

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Quart Heft für Kultur Tirol. Nr. 7 und 8/2006.
Hg. Kulturabteilung des Landes Tirol.
Innsbruck, Wien: Haymon 2006.

Seit mittlerweile drei Jahren gibt die Kulturabteilung des Landes Tirol halbjährlich die Kulturzeitschrift Quart Heft für Kultur Tirol unter der Chefredaktion von Heidi Hackl und Andreas Schett heraus. Die Liste der Mitarbeiter jeder Ausgabe ist lang und durchaus prominent besetzt, selbiges gilt für die Kuratoren, die namentlich erwähnt sind.
Auf den aufwändig produzierten Seiten, der Anzahl nach dem Umfang eines kürzeren Romans entsprechend, sind vielfältige Beiträge von Kunst- und Kulturschaffenden verschiedenster Sparten versammelt. So unterschiedlich wie die Themen sind auch die Ausdrucksformen: Gedankenskizzen, Interviews, Essays, Berichte, ein Drama, ein Langgedicht, ein Kochrezept sind einige der Textsorten, denen man in den Heften 7 und 8 begegnet. Fotografien, Skizzen, Zeichnungen, Malereien und die Originalbeilagen (unterschiedlich in Bezug auf Idee und auf die verwendeten Materialien) bilden einen Querschnitt aus der Vielfalt der Ansätze zeitgenössischer bildender Kunst.

Eine der Intentionen der Quart Hefte besteht offenkundig darin, zum Dialog anzuregen – einen Anfang machen die linken Seiten der Hefte, auf denen die Inhalte der rechten Seiten reflektiert, kommentiert, interpretiert werden.
Der Kulturbegriff ist weit gefasst, so unterliegt die Auswahl der jeweiligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht einer Begrenzung auf ,Künstler’ in engerem Sinne, sondern es kommen auch Menschen zu Wort, die gewöhnlich nicht zu den Kulturschaffenden gezählt werden.
Für Heft 7 beispielsweise gestalteten die Pharmazeutin Barbara Matuszczak, der Arzt Peter Scheer und die Köche Martin Sieberer und Heinz Winkler „vier fettfreie Seiten“, in Heft 8 spricht der Physiker Ferdinand Cap mit Ernst Trawöger über Zeit und Raum. Der Sektion „Klinik“ der Neuen Wiener Gruppe (Lacan-Schule), der es vereinfacht gesprochen um eine „Rückbesinnung auf Freud“ und um die „Weiterentwicklung der Psychoanalyse“ in Freud’schem Sinne geht, stehen die linken Heftseiten zur Verfügung, wodurch das Quart Heft Nr.8 „auch ein Beitrag zum ,Freud-Jahr’“ sei.
Kultur ist mehr als Literatur, Musik, bildende Kunst, Theater, Film, Architektur... – zur kulturellen Landschaft, wie sie in den Quart Heften präsentiert wird, gehören unter anderem auch gutes Essen und die Wissenschaft. Quart bricht begriffliche Grenzen auf und zeigt: Oft ist es der Rahmen (in diesem Fall ein besonders ästhetischer), der eine Idee zu Kulturgut macht.

Zu Heft 7/06:
Dem sehr ansprechenden Titelbild, der Fotografie eines auf einen Joghurtbecher gekippten Kleiderschranks, folgt eine Doppelseite, auf der die eigenwillige Kombination von Möbelstücken mit Nahrungsmitteln fortgesetzt wird: Margarine, Joghurt und Kräuterbutter (?) sind zwischen Stuhl und Wand geklemmt, ein geschnitzter Tisch ruht auf Extrawurstsemmeln mit Gurke. Erwin Wurms Fotografien regten Bernhard Studlar zu einem Text über das Essen an, der mit der Bemerkung endet: „So vergeht ein Tag. Frühstück – Mittag – Abendessen. Ich habe irgendwann zwischen dem vorigen Jahrhundert und jetzt vergessen, wie man sonst noch leben kann“. Abgesehen von den „vier fettfreien Seiten“ hat es (fast) wieder mit dem Thema Esskultur. Wir dürfen Krista Hauser ins Brenner-Archiv begleiten, die sich von Johann Holzner „durch die Wohngemeinschaft großer Geister“ führen ließ. Der mit 13 Fußnoten versehene Text von Helmut Jasbar, der auf einem Interview mit Helmut Lachenmann gründet, lässt uns über die „Unverdaulichkeit Neuer Musik“ nachdenken. Die darin enthaltene „Kleine Fibel für Komponisten auf dem langen Weg zur Unsterblichkeit auf Lebenszeit“ spricht wohl vielen Jungkomponisten aus der Seele: lesenswert! In eine ähnliche Kerbe, wenn auch in anderem Kontext, schlägt Martin Fritz mit seinen Überlegungen zur „Downtown Neuhintertux“: Wie sich die Postmoderne in der Tourismusarchitektur manifestiert, zeigt Fritz am Beispiel einer „hochverdichtete[n] – nahezu urbane[n] – Situation“, also anhand einer der Gletscherbahn vorgelagerten Gebäudeansammlung. 
Auch die Ortschaft Prettau ist an einem Talschluss gelegen. Doch nicht mit Tourismus, sondern mit einem großen Thema der Literaturgeschichte beschäftigen sich Bernhard Mertelseder und Christoph W. Bauer: Mertelseder edierte den „Prettauer Faust“, der in Südtirol noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts aufgeführt wurde, neu. Diese Neuedition ist hier neben einem ausführlichen Kommentar vollständig abgedruckt, gefolgt von einem „Epilog in der Hölle“ (Christoph W. Bauer). Dreizehn Strophen lang, in gewohnt dichter, durchdachter Sprache, ,spielt’ Bauer mit dem Teufel und seiner literarischen Überlieferung.
In einem Selbstversuch untersucht Andreas Altmann, ob und wie man in Innsbruck Sicherheit kaufen kann, ebenfalls als Selbstversuch kann Sven-Eric Bechtolfs Besteigung der Niederen Munde bezeichnet werden – sie erfolgte in untrainiertem Zustand, war trotzdem von Erfolg gekrönt. Mit seiner heiteren Beschreibung dieses Gipfelsiegs setzt Bechtolf die Serie „Landvermessung“ fort. Es folgen Bilder von und Gedanken zu Einfamilienhäusern: Bernhard Kathan versucht, anhand einer Analyse der Eigenheimmentalität ein Weltmodell aufzustellen. Man blättert weiter und bemerkt beinahe zu spät, dass man bei den Werbeanzeigen angelangt ist. Dem ästhetischen Prinzip dieser Zeitschrift folgend sind sie beinahe ausnahmslos ,gut gemacht’. Einen Blick auf die Werbung zu werfen ist in diesem Fall durchaus lohnenswert – und wird einem auch nahe gelegt, schließlich sind die Anzeigen in der Inhaltsangabe erfasst.
Die linken Heftseiten wurden diesmal von Peter Senoner gestaltet: „Neunundvierzigmal Bleistift und Buntstift auf Formular“ bedeuten neunundvierzig Variationen über Wespen. Die im wahrsten Sinn des Wortes schwerwiegende Originalbeilage für dieses Heft stammt von Eva Schlegel: Es handelt sich um ein auf Blei gedrucktes Amateurfoto, das die Künstlerin bei einer Problemstoffsammelstelle gefunden hat. In ihrem Kommentar weist sie auf das Spiel mit Erwartungshaltungen hin: „Das Motiv rekurriert auf die nackten Damen in den Boulevard-Zeitungen ... allein das Material verhält sich nicht erwartungsgemäß [...]“.

Zu Heft 8/06:
Wolken über dunkler Landschaft wählte Ernst Caramelle (Filmstill Monika Schwitte) für seine Umschlaggestaltung. Die Begriffe „Landschaft“ und „Raum“ ziehen sich durch die Ausgabe 8/06, den Anfang machen Bestandsaufnahmen von Martin Fritz, der Tiroler Autobahnraststätten besucht hat. Autobahn als Teil der Landschaft hier, bebaute Landschaft da: Der Fotograf Walter Niedermeier arbeitet mit der Architektin Marta Fütterer an einem „Handbuch der Landschaften“ und stellt Fotoarbeiten daraus vor. Raum ist auch zentrales Thema eines Werkstattgesprächs mit Joseph Zoderer. Hans Karl Peterlini besuchte den Autor in seiner Arbeitswohnung in Bruneck und befragte ihn über das Schreiben an diesem (neuen) Ort. Nach Jahrzehnten des Schreibens im Bergdorf Terenten hat Zoderer „ein bisschen Urbanität gebraucht“. Im Interview geht es um Vieles, nicht aber um Südtirol und nicht um Gott: „Über alles kann man nicht reden. Aber wart’, ich les dir noch ein paar Gedichte vor“  lauten Zoderers Schlussworte. Es folgt ein weiteres Gespräch, ein Brief-Dialog zwischen dem Schriftsteller und Kabarettisten Philipp Mosetter und Ernst Caramelle: „Lieber Ernst! Entschuldige mein tagelanges Schweigen, aber ich war zum größeren Teil damit beschäftigt, mir Gedanken zu machen.“ – „Ich melde mich in Kürze, liebe Grüße Philipp.“ Zwischen Anfang und Ende des Briefwechsels stehen viele anregende Sätze über Wände, Räume, Menschen, die Wände schaffen wollen... dazwischen Zeichnungen und Fotografien, die Wände, Räume, Menschen zeigen. Um einen besonderen Menschen geht es Barbara Gräftner, die einen Uheber im Zillertal besuchte und trotz ihrer Profession keinen Film darüber drehen wird: „Medien schaden. Sie verbreiten eine falsche Seinsauffassung“, so Sigmund R. (Name geändert), „[...] das, was hilft, ist genau das, was keiner hören will. Und darum steht das nie in einer Zeitung“. Gräftner macht keine Sensation aus Sigmunds Heilkräften, sondern berichtet respektvoll über seine Fähigkeiten. Die provokante Überschrift „Doppelt so schnell, halb so gut?“ überschreibt einen Text von Michael Cede, der sich mit einer Aufsehen erregenden Schrift des Organisten und Musiktheoretikers Willem Retze Talsma beschäftigte: 1980 erschien seine „Anleitung zur Entmechanisierung der Musik“, ein Plädoyer für eine wesentlich langsamere Tempowahl bei klassischen Musikstücken. Michael Cede stellt in seinem Artikel Talsmas Ansätze und die Wirkung seines Buches vor. Was in Heft 7 fettfrei war, ist hier „schön“: „Martin Kušej, Martina Steckholzer, Hanno Schlögl und Georg Friedrich Haas machen etwas Schönes“, verspricht die Inhaltsübersicht: Der Regisseur schreibt über Werktreue, die bildende Künstlerin legt zwei weiße Kreisflächen auf schwarzen Hintergrund, der Architekt präsentiert ein Foto von Autos in einer ehemaligen Kathedrale und der Komponist schreibt ein Gedicht über die Unmöglichkeiten und die Möglichkeiten der Musik. Eine „Topografie der Farbpigmente von Tirol und Umgebung“ schuf Christine Ljubanovic und kombinierte die Farben mit Mustern. Dabei verwendete sie für jede Darstellung Original-Farbpigmente und Grundmuster-Motive. Nicht auf einen Gipfel, sondern „von Untermieming über Mötz und Silz nach Sautens“ geht Thomas Stangl und „wird dabei zweimal gegrüßt“, sein Bericht über den Fußmarsch ist eine weitere Folge der Serie „Landvermessung“.

Die durchdachte und sorgfältige Gestaltung, die Vielfalt der Beiträge, das Einbeziehen unterschiedlicher Kunstsparten, das Ansprechen wissenschaftlicher Konzepte und Diskurse und nicht zuletzt die lange Liste namhafter Künstler, Kulturschaffender, Intellektueller tragen dazu bei, dass Quart zurecht die Bezeichnung „Heft für Kultur Tirol“ trägt.
Mit den Quart Heften hat Tirol eine Visitenkarte, die den Klischees aus Tourismusprospekten eine gehörige Portion lebendiger Kultur entgegensetzt.

 

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Egon A. Prantl, Hellfart .2
Innsbruck, Bozen, Wien: Skarabæus 2006, 132 Seiten. Mit einem Nachwort von Thomas Oliver Niehaus.

Eines gleich vorweg: Ich bin eine Anhängerin kryptischer Literatur. Es bereitet mir Freude, ,Leerstellen’ aufzufüllen, in verwirrenden Satzkonstruktionen nach Ordnungen zu suchen, abstrusen Geschichten zu folgen und Bedeutungen in scheinbar Bedeutungslosem, Chaotischem zu entdecken. Insofern kommt mir Hellfart .2 sehr gelegen.
Doch ich muss auch gestehen: Ich bin keine Freundin von Fäkalausdrücken, von blindwütigen Angriffen auf all das, was man seit den 68ern so angreift (ergänzt durch EU und Post-Golf-Generation), von Ausschöpfung der Tirolgarantie auf Skandale hervorgerufen durch entsprechende Literarisierung von Sexualität, Andreas Hofer und der Kirche. Drittens bin ich Literaturwissenschaftlerin und mein Instinkt sagt mir schon nach wenigen Seiten: Dieses Buch, auch wenn ich es nicht mag, ist gut.

 „Hellfart .2 sind die fiktiven Tagebücher des F. Fart, der rauschhafte Bewusstseinsstrom eines Wahnsinnigen, der atemlos und anspielungsreich um Sex, Drogen, Musik und Gewalt kreist“. Dieser Satz ist auf dem Buchdeckel zu lesen, und er drückt im Wesentlichen den Inhalt aus. Ein Lob an denjenigen, der die 132 Seiten dermaßen auf den Punkt gebracht hat. „Rauschhaft“ ist der Text allemal. Das Verfahren des ,stream of consciousness’ wird hier auf die Spitze getrieben, ein Wort ergibt das andere, Assoziationen reihen sich wie Glieder einer Kette nahtlos aneinander, das dadurch entstehende Tempo ist tatsächlich ,atemlos’. Wie wahnsinnig F. Fart nun tatsächlich ist, kann so einfach nicht beantwortet werden. Unlogisch ist das Chaos paradoxerweise nicht. Aufgrund des Anspielungsreichtums kann man auf einen relativ hohen Bildungsgrad F. Farts schließen, der die antike Mythologie, allem voran Ödipus, sowie Historisches und breit gefächertes Allgemeinwissen in seinen Bewusstseinsstrom einflicht.

Müde nach „FUN & RAVE & DRUGS“ geht F. Fart den Fluss (Inn) entlang und verliert sich in ausschweifenden Gedanken und Halluzinationen. Die „Festung Europa“ bereitet ihm Angst, er fühlt sich blind, wettert gegen die Schuldhaftigkeit der Kirche, unterhält sich mit Hofer und Ödipus, riskiert mit Medea eine Anzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses, fällt trunken ins Gras, versucht, nicht vorzeitig in selbiges zu beißen. Von dieser Eröffnungsszene aus ergeht sich F. Fart in zahlreichen Anspielungen und Anschuldigungen, sein Denken ist geballte Wut, manchmal wohl auch Verzweiflung. Er fragt sich, was aus dem Zorn der 68er Generation geworden sei, ob die Revolution der politischen Korrektheit weichen musste.

Trotz der bestsellerverdächtigen Themen (Sex, Drogen, Musik, Gewalt) bleibt sich Prantl treu. Gabriele Crepaz hat ihn einmal als „Nischenschreiber“ bezeichnet – auch Hellfart .2 ist ,Nischenliteratur’ für ,Nischenleser’, denn letztere werden sehr gefordert. Prantl tut (fast) alles, um es ihnen schwer zu machen: Satzzeichen (ergänzt durch Pfeile und verschiedenartige Klammern) stehen hinter den Leerzeichen, die Schriftarten wechseln; zu den optischen Erschwernissen kommt auch der Umstand, dass es so gut wie keine vollständigen Sätze gibt. Auch einen durchgehenden Text sucht man vergeblich: ,Haupttext’ und Einschübe bzw. Fragmente wechseln wild durcheinander. Doch das vermeintliche Chaos ist in einen Rhythmus gebettet, der sich bei lautem Lesen offenbart, der trägt, der dem Ganzen Zusammenhalt und Logik verleiht. Zudem zeigt sich eine wohl durchdachte Konstruktion, indem Prantl den antiken Stoffen Personen aus der Popkultur und Anspielungen auf typische Merkmale unserer Gesellschaft gegenüberstellt: Coca-Cola-Kultur, Aids, Zigarrenwerbung, MP3-Player usw. stehen wie in einer Collage, in der Zeit naturgemäß keine Rolle spielt, neben Odysseus, Medea, Hofer, Jesus. Die Ideen kreisen, Motive werden entwickelt, variiert, es gibt Spannungsbögen, die Gespräche von F. Fart, Ödipus und Hofer verschmelzen zu einer dramaturgischen Einheit.

Der sprachliche Variantenreichtum sei anhand des schon im ersten Absatz auftretenden Leitgedankens dargestellt: „das Kind ,das ich war ,denkt F.“ - „UND DAS KIND ,DAS ICH WAR ,DENKT F.“ - „F. ,denkt der Mann in F. ,der F. heute ist ?wie aber war das damals ,denkt F. ,als er noch das Kind war ,das in mir ist ,oder der Junge ?“ -„30.06.01 22:08 !sagt der Mann in F. ,der ich bin“ usw. Thomas Oliver Niehaus, der Bühnenwerke von Prantl inszeniert hat, bezeichnet diese Art des Schreibens in seinem Nachwort als „wahnsinn mit methode“. Alles in diesem Buch werde „lustvoll miteinander verquirlt, hochkultur und trash, mythos und moderne“, bei Prantl stapelten sich bedeutungslos die „bildungsschrotthaufen“.

Ob ich das Buch gern gelesen habe? Nein. Aber ich muss zugeben: Über diesen (gelungenen) Text nachzudenken, Verweisen nachzugehen, Zusammenhänge zu suchen und schlussendlich einige Zeilen darüber zu schreiben hatte einen Reiz – einen Reiz, der anhält, obwohl ich mich dagegen sträube. In einem Interview (TT vom 9.6.2004) sagte Prantl: „Ich bin zufrieden, wenn jemand Dinge in Frage stellt. Wenn er sagt: Ich will wissen, ob der Wahnsinnige, der das geschrieben hat, Recht hat. Ob Godot wirklich ein Radfahrer war, auf den Beckett gewartet hat. Oder wenn er nachschaut, ob Heidegger auf der Krim war, dann hab ich gewonnen.“ In diesem Sinne gönne ich Prantl seinen Sieg (über mich) aus vollem Herzen.

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Hans Haid, töet vöer dr töet keemen ischt.
Innsbruck, Bozen, Wien: Skarabæus 2006, 61 Seiten. 

Mitte Dezember des vergangenen Jahres stand im Internet auf Tirol.com zu lesen: „Hans Haid hat die Nase vom Ötztal voll – präziser gesagt: von den Protagonisten des Tales. Der Literat und Rebell zieht sich zurück – und rechnet ab.“ Zurückziehen wolle er sich zwar aus seinen „öffentlichen Funktionen“, nicht aber vom Schreiben. Mit töet vöer dr töet keemen ischt tritt der Volkskundler, Dichter und Bergbauer wieder mit einem Lyrikband in Erscheinung, schöpft dabei die Bandbreite ,seiner’ Themen aus, rechnet ab –   beleuchtet die Befindlichkeit des Menschen aber auch von unpolitischer, dafür umso poetischerer Seite.

Tot, bevor der Tod gekommen ist. Will man den Ötztaler, genauer gesagt, den Längenfelder Dialekt ins Schriftdeutsche übersetzen, wird man sich sofort der Unzulänglichkeit der Übersetzung bewusst – um so mehr, wenn es sich beim zu Übertragenden um Lyrik handelt. Denn speziell der Ötztaler Dialekt hat eine musikalische Qualität, die noch die einfachsten Wörter zum Klingen bringt. Hans Haids Lyrik lebt von diesen einfachen Wörtern, oder besser, vom Zusammenklang des Einfachen. Was schriftsprachlich fast unmöglich wäre, nämlich ein Gedicht mit den Worten/ Versen „wieder/ wieder/ eisplatte/ eis/ sachen/ sternlein“ beginnen zu lassen, hört sich im Dialekt ganz wunderbar an: „wiidr/ wiidr/ schlenz/ golla/ eis/ sachelen/ schtearnlen“.

Über das Gehör Zugang zu Hans Haids Lyrik zu bekommen ermöglicht die vom Verlag beigelegte CD. Gut dreizehn Minuten lag kann man eintauchen in den besonderen Dialekt, etwa gleich lang ist ein anschließendes Gespräch mit Martin Sailer (beides Ausschnitte aus einer Rundfunksendung des ORF-Radio Tirol vom 14.4.2005). Im Interview bezeichnet Haid seine Lyrik unter anderem als „Litanei“, „Predigt“, „Psalm“, aber auch als „Apokalypse“. In diese Formen gießt er die Themen, für die man ihn kennt: Lawinen, Tourismus, erstarrten Katholizismus, Gletscher, das harte Leben in den Bergen. Doch Lyrik, sagt er, soll auch „Poesie im reinsten Sinn“ sein. Und die findet sich im vorliegenden Band.  
Dem Tod, zum Beispiel, verleiht er viele Gesichter, er findet ungewöhliche, verstörende, auch verstörend idyllische Bilder: „mittlat in falde/ vöern zaune/ geleegn/ a raschtle/ a schlaafle/ vrschloofn/ drfröern/ & gschtarbm/ wöltan scheane/ & fein/ mittlat in falde“.

Der promovierte Volkskundler, der naturgemäß auch im Schriftdeutschen zuhause ist, dichtet fast ausschließlich im Dialekt, seiner „Herzenssprache“. Einer Herzenssprache, die freilich von Außenstehenden nur schwer zu verstehen ist. Aus diesem Grund findet sich eine optisch zurückhaltende, Fußnoten gleiche Übertragung ins Schriftdeutsche unter jedem Gedicht, einiges wurde auch kommentiert. Nur „lagebericht alpen I“, „sklavenjäger“ (mit Ausnahme der letzten beiden Verse) und „grausamer sonnenuntergang“ sind bereits im Schriftdeutschen entstanden – gemeinsam ist diesen Gedichten die Intention: Hier tritt Haid ganz deutlich für die „gemolkenen Dreitausender“ ein, verteidigt die Berge, die Gletscher, das Tal. Auch Mischformen gibt es, beispielsweise „gletscherwelt & eis in porno alpin“ oder „sieben mal sieben...“, wo sich sich die ,Sprachen’ strophenweise abwechseln, wenn Hans Haid die Ausbrüche des Venagtfernersees und deren Deutung als Strafe für die Sünden ver-dichtet.

Als „klangvolle Poesie vom Leben und Sterben in den Bergen“ bezeichnet der Verlag diesen Lyrikband – dem ist nichts hinzuzufügen.

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C. H. Huber, Kurze Schnitte.
Innsbruck: TAK – Tiroler Autorinnen und Autoren Kooperative 2005, 91 Seiten. 

Eine Schere als ambivalentes Symbol für kreative Gestaltung und Verletzung – beides klingt im gelungenen Titelbild an, auf dem die Spitze einer Schere in glänzenden Gitterstoff sticht. Kurze Schnitte heißt die Sammlung von 29 Texten: Ausschnitte aus dem Alltag, Teile von Gesprächen, Einschnitte im Leben werden aus verschiedenen Perspektiven, in verschiedenen Tonfällen und mit variierenden sprachlichen Mitteln eingefangen und den Lesern präsentiert.

Die Innsbruckerin C. H. Huber erprobt in ihrem nunmehr  dritten Buch nach dem Erzählband unter tag (1999) und der Lyriksammlung gedankenhorden (2000) ganz verschiedenartige Möglichkeiten des Schreibens: „Nicht zu Unrecht mit Kurze Schnitte betitelt“, schreibt Christoph W. Bauer auf der Rückseite dieses schön gestalteten Buches, „führt einen diese Prosa, voll mit überraschenden Wendungen, lesend durch die vielen inhaltlichen und sprachlichen Register einer Autorin, die bei aller Spracharbeit nie auf das zweite Standbein eines gelungenen Textes verzichtet: Emotionalität.“ Emotional sind die Texte in der Tat: Wut auf plakatierte Schönheiten, Kritik an „rücksichtsloser Gewinnmaximierung“, aber auch Freude über einen blauen Himmel und ein wogendes Meer in der Bauchhöhle sind Themen der Kurzen Schnitte.

Besonders schön ist die Geschichte „Laura liest“, denn hier wird ohne Anflug von Kitsch ein Bild der Idylle gemalt, einer Idylle allerdings, die hart erkämpft ist. Auf ihrer Terrasse findet Laura ihr Paradies, stellt sich den Himmel als Bibliothek und ihren Körper als Bienenstock vor, hört Chris Rea und liest Marlen Haushofer. Das alles unter einem blauen Himmel, vom warmen Föhn umspielt.  Kleines, gemütliches Glück – das sich auch nicht von missgünstigen Bekannten stören lässt. Scheinbar Unbedeutendes schätzen zu können ist auch Thema des viel leichtfüßigeren Textes „Die Wunderbaren“, eine Liebeserklärung an Erdäpfel: „Ich liebe diese Damen. Diese unterschiedlich geformten mit den schönen Namen. Die ich sträflicherweise immer wieder vergesse.“
Ganz anders in Stil und Inhalt sind Texte wie „Erkenntnis“, in dem es (vordergründig) um den Toilettengang geht, und „Wendezeit“. Hier wählt die Autorin eine bewusst unliterarische Sprache, um der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Wie bei den meisten Schnitten  weisen die Titel den Weg von der vordergründigen Erzählebene zur dahinter stehenden ,Aussage’. Am extremsten, was die Stilebene betrifft, ist sicherlich „Andererseits“. In diesem kurzen Text reiht C. H. Huber negative Äußerungen über Menschen und über das Leben aneinander, in ,rappigem’ Ton: „Öde, total öde. Shit Life.”

In manchen Passagen dieser ,kritischen’ Texte wie auch in einigen Dialogen stellt sich freilich die Frage der Glaubwürdigkeit. Einiges wirkt ziemlich aufgesetzt, manchmal wird eine erzwungen wirkende aufklärerische Haltung über das Aufnahmevermögen eines Textes gestellt (was sich beispielsweise in inhaltlich überladenen Dialogen widerspiegelt, vgl. „Zwischen Tür und Angel“). Den erhobenen Zeigefinger hat die Autorin eigentlich nicht nötig – gerade die versteckten, ,stillen’ Botschaften sind es, die letztendlich hängen bleiben.

Zwei große Themen, die C. H. Huber immer wieder aufgreift, sind die Liebe (ihr Aufblühen, ihr Vorhandensein, aber auch der Mangel daran) und der Unterschied zwischen Mann und Frau, der häufig (noch) zum Nachteil der Frauen ist. Trotz scheinbarer Überwindung von Oberflächlichkeiten und  der Emanzipation im 21. Jahrhundert fixiert der Mann im Text „Sonntagsmesse“ entgegen seinen verbalen Beteuerungen letztendlich doch die hübschen Formen einer Zeitschriftenschönheit und wird der oben erwähnten lesenden Laura „mindestens“ ein Liebhaber unterstellt – anders scheint ihr familienloser Aufenthalt im einsamen Atelier nicht erklärbar. „Traurig, die mangelnde Solidarität unter den Frauen!“ – eine seufzende Feststellung, die sich durch mehrere Texte zieht.

Auch Enttäuschung und Schmerz spart Huber in ihren Kurzen Schnitten nicht aus. Statt Zuneigung Entfremdung, statt Liebe Verletzung, statt Offenheit Hintergehung: Ganz harmlos beginnt etwa der gelungene Text  „Handschriften“: „Papier färbt sich. Ein kleiner See entsteht. Seine unregelmäßigen Ufer verlaufen, wenn er das Blatt schräg hält. Finger, eine dunkle Hand bildet die verschüttete Tusche.“ Nicht aus Tusche sind die Abdrücke, die sich auf der Haut der jungen Frau finden. Und die Mutter meint nur lapidar, dass jeder seine Fehler habe ...

Mit Überlegungen zum „Gegenwind“, der in der heutigen Zeit weht, schließt der Band. Gemütlich im Gras liegt ein Freizeitläufer und schaut in den blauen Himmel. Aber es ziehen Wölkchen auf und mit ihnen Bilder von Arbeitslosigkeit, Autoabgasen, und ihn beschleicht die Angst, dass vielleicht „die Zeichen bald wieder auf Sturm stehen“. Noch kann er laufen, in teurer Bekleidung und mit kräftigen Muskeln – und darauf hoffen, dass sein Leben keinen Schnitt erfährt...

 

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Beatrice Simonsen (Hg.), Grenzräume. Eine literarische Landkarte Südtirols. 
Bozen: Edition Raetia 2005, 230 Seiten. 

„Hier stoßen zwei Kulturen aufeinander, die sich an ihrer Vergangenheit abarbeiten“, heißt es im Klappentext. Ist ,Südtiroler Literatur’ Literatur, die Südtiroler Geschichte und Politik thematisiert? Oft hat man den Eindruck, als gelte nur das als südtirolerisch, was sich mit der konfliktträchtigen Vergangenheit des Landes beschäftigt. Doch häufig wird übersehen, dass nicht nur die neue Autorengeneration (die in dieser Anthologie auch berücksichtigt wird) mit Themen aufwartet, die sich völlig losgelöst haben aus dem regionalen Kontext, sondern dass sich auch ein Joseph Zoderer mit überregionalen Themen beschäftigt hat und dass es einen Oswald Egger gibt, der unbegreiflicherweise in dieser Anthologie fehlt. Obwohl, dazu später mehr, in einigen Beiträgen auf die Themenvielfalt der Südtiroler Literatur verwiesen wird, hinterlässt dieses Buch einen schalen Nachgeschmack: „Für alle gemeinsam liegen die Wurzeln ihres Schreibens in dieser Heimat, mit der man sich kritisch auseinander setzt“, schreibt die Herausgeberin ziemlich unkritisch in ihrem Nachwort.

Zweifelsohne ist ein großer Teil der Südtiroler Literatur exemplarisch für eine Art des Schreibens, die sich aus der speziellen Geschichte des Landes speist. Politische und historische Ereignisse dringen vielleicht mehr als anderswo, vor allem aber besonders hartnäckig und mit weit reichender Konsequenz, ins private Umfeld ein. Die Folgen des Ersten Weltkriegs, die Option, die Attentate der sechziger Jahre sind explizite Themen vieler Texte. Aber vor allem indirekt, auf dem Weg über private, familiäre Schicksale stoßen Autorinnen und Autoren immer wieder auf die problematische Geschichte Südtirols. Letztendlich manifestiert sich das Politische in der wiederkehrenden, weil immer noch aktuellen Frage nach Heimat und Identität – und diese Frage lässt sich ablösen als etwas, das auch außerhalb der Region von Interesse ist. Insofern hat Beatrice Simonsen gut gewählt, als sie nach einem Beispiel für die Literatur eines „Grenzraums“ suchte. Sehr forciert hingegen ist die Herstellung eines Europabezugs: „Politische Grenzen werden aufgelöst“, schreibt sie. „Durch die Erweiterung Europas in Richtung Osten kommt den veränderten Grenzräumen neue Bedeutung zu.“ Simonsen räumt zwar selbst ein, dass ein „direkter Vergleich nicht möglich“ sei – doch würde ich meinen, dass die Situation in Südtirol bei allem Bemühen nun wirklich nichts mit der EU-Osterweiterung zu tun hat...

In dieser Anthologie sind sowohl literarische Texte als auch literaturwissenschaftliche Analysen und allgemein-theoretische Überlegungen zur Sprache und Literatur Südtirols versammelt (wobei der Untertitel eine rein literarische Anthologie suggeriert). Das Nebeneinander verschiedener Textsorten ist etwas ungewöhnlich, aber schlüssig – dem Buch als Ganzem jedoch fehlt es an einem Fokus. Das Konzept, die Intention bleiben vage, nicht zuletzt deswegen, weil eine fundierte Einleitung fehlt und Beatrice Simonsens „Ausblicke“ ein Fazit vermissen lassen. „Aus dem Blickwinkel aller hier zusammenlebenden Sprachgruppen“, so ihr Schlusssatz, „erfährt man von der Wirklichkeit eines vielschichtigen Grenzraumes, eingeschrieben auf einer differenzierten literarischen Landkarte.“ Stellt sich die Frage: Was ist die „Wirklichkeit“? Wie sieht es nun tatsächlich aus mit der Entwicklung, mit Tendenzen in der Südtiroler Literatur?
Es scheint so, als würde die Idee des Buches gänzlich an Armin Gatterers bemerkenswerten Text „Was erzählen wir Europa?“, der seinem 2002 erschienenen Essayband Augenhöhen entnommen ist, hängen. Denn er thematisiert hier Südtirols Grenzsituation, Bozen als „Begegnungspunkt zwischen Kulturen“, Südtirol als Land des Transits, des Tourismus, als Ort „politischer Minderheitenerfahrungen“. Und er ist es auch, der das Bild der Landkarte von Landschaften auf Texte überträgt, von „Landkarten der Narrativität“ spricht. Kein noch so guter Essay kann aber, sofern es sich wie in diesem Fall nicht um einen Originalbeitrag handelt, eine Einleitung ersetzen. Gerade in einer Anthologie, die nicht nur einen mehr oder weniger repräsentativen Querschnitt von Texten präsentieren möchte, sondern den Anspruch erhebt, die Situation eines „Grenzraumes“ umfassend darzustellen, sollte nicht nur der konzeptuelle Rahmen abgesteckt, sondern auch das Kriterium für die Auswahl der Texte begründet werden.

Die einzelnen Beiträge hingegen erlauben tatsächlich „Einblicke“ und „Ausblicke“. Die interne Ordnung, will heißen, die Gegenüberstellung von literarischen Texten und literaturwissenschaftlichen Analysen bzw. essayistischen und literaturgeschichtlichen Betrachtungen, geht auf.
Am Beginn der insgesamt acht nach Themen und teilweise nach Jahrgängen geordneten Blöcke steht ein Auszug aus Franz Tumlers Roman Aufschreibungen aus Trient (1965), dem eine Analyse der Erzählhaltung nachgestellt ist. Der Germanist, Schriftsteller und Musiker Martin Kubaczek denkt über Tumlers „Rekonstruktionsversuch einer problematisierten Wirklichkeitserfassung nach“ und nimmt immer wieder Bezug auf sein Gesamtwerk.

Der zweite Block ist Herbert Rosendorfer und Joseph Zoderer gewidmet. Leider fehlt hier ein analytischer Text, was die Ausgewogenheit des Konzepts beeinträchtigt und den Eindruck einer recht willkürlichen Zusammenstellung der Texte verstärkt. Während Rosendorfers Originalbeitrag „Bekenntnisse eines Angekommenen“ rein in der Erinnerung an die familiäre Situation zur Zeit der Option verharrt, wird am Ausschnitt aus Wir gingen deutlich, welche literarische Qualität Zoderers hohen Bekanntheitsgrad auch über die Grenzen hinaus begründet.

Mit Helene Flöss und Sepp Mall folgen zwei jüngere Autoren, die in Löwen im Holz (2004) und Wundränder (2004) anhand persönlicher Schicksale, zerbrochener Familien, traumatisierter Menschen die Auswirkungen der Geschichte auf die Südtiroler Bevölkerung aufgreifen. Diese Texte spielen in der ,Provinz’ – dass ein Schauplatz in der Provinz nichts mit provinzieller Literatur zu tun haben muss, legt die vielseitig gebildete Journalistin Nina Schröder in ihrem Beitrag „Nichts Neues im Land der ,Walschen’“ eindrucksvoll dar.

„Je kleiner die Region, umso stärker die Sehnsucht nach Aufbruch“, schreibt Wendelin Schmidt-Dengler in seiner Betrachtung über eine lyrische Gegenüberstellung der besonderen Art: Norbert C. Kaser und Gerhard Kofler teilen sich eine „fruchtbare Ausgangssituation“, die sich in der Unmöglichkeit äußert, „[i]hre Pointe, die das Fragile und Bizarre dieses Schreibens in einem zweisprachigen Gebiet umfasst“, auf Deutsch wiederzugeben. Er konstatiert den Gedichten der beiden Autoren ein von der Literaturkritik und Vergleichenden Literaturwissenschaft erst zu entdeckendes Potential und sieht in der poetischen Umsetzung der Zweisprachigkeit die Möglichkeit einer endgültigen Überwindung „nationalliterarischer Enge“.

Anita Pichler (hier mit Haga Zussa. Die Zaunreiterin, 1986 bzw. 2004), Sabine Gruber (mit Aushäusige, 1996) und Maria Elisabeth Brunner (mit Berge Meere Menschen, 2004) sind für Karin Dalla Torre, Publizistin und Leiterin der Dokumentationsstelle für neuere Südtiroler Literatur, drei Autorinnen, in deren Erstlingswerken das Sehnsuchtsmoment bestimmend ist und die sich über das „sperrige Erbstück“ ihrer Heimat hinwegsetzen, indem sie nach neuen Perspektiven und neuen Orten suchen. Dalla Torre setzt die Texte in Beziehung zur Lyrik Maria Ditha Santifallers, die 1904 in Kastelruth geboren wurde, in Weltstädten wie u.a. London, Paris, Wien und Buenos Aires lebte und anhand derer Gedichte „erste Konturen des Sehnsuchtmotivs“ nachgezeichnet werden können.

Um eine Sehnsucht der anderen Art geht es im Text von Rut Bernardi und im Reise-Essay von Karl-Markus Gauß. Letzterer passt thematisch zwar höchstens am Rande zu dieser Anthologie (es geht um den Untergang der zimbrischen Sprache), doch er besticht durch interessante Fakten und die gewohnt hohe sprachliche Qualität. Rut Bernardi schreibt über das Ladinische, in einer leider weniger gelungenen Mischung aus Erfahrungsbericht und (wissenschaftlichem) Aufsatz. In beiden Fällen geht es um aussterbende Sprachen, wobei das Zimbrische bereits in Wörterbüchern ,konserviert’ wurde, das Ladinische noch ums Überleben kämpft.

Mit einer Verbreitung von ca. 26% (Ladinisch etwa 4%) macht die italienische Sprachgruppe immerhin ein Viertel der Bevölkerung aus. Dem trägt die Anthologie Rechnung, indem auch italienische Beiträge aufgenommen wurden (die ins Deutsche übersetzt sind – allerdings gibt es keine italienische Übersetzung der deutschen Texte ...). Der skurrile Text von Alessandro Banda, „I treni da e per Meridiano“/ „Die Züge von und nach Meridiano“ ist seinem 2005 erschienen Buch La città dove le donne dicono di no entnommen und steht stellvertretend für die italienische Literatur aus Südtirol. Es folgen ein literaturgeschichtlicher Überblick von Carlo Romeo und ein Essay über die Situation des Schreibens von Paolo Valente. Man müsste viel weiter ausholen, um italienisch- und deutschsprachige Literatur aus Südtirol einigermaßen umfassend zueinander in Beziehung setzen zu können. Doch wird auf den wenigen Seiten klar, dass Begriffe wie ,Minderheit’, ,Heimat’ und ,Identität’ auch für italienischsprechende Autorinnen und Autoren von Bedeutung sind.

Der letzte Block dieses Buches ist der jungen Schriftstellergeneration gewidmet, die hier von Bettina Galvagni und Martin Pichler vertreten wird. Beide Texte verschließen sich einer historisch-politischen Deutung. Sie haben ihren Ursprung, wie Johann Holzner in seinen „Notizen“ darlegt, in der Autobiografie und führen von der persönlichen Erfahrung geradewegs ins Fiktionale: „Texte, die aus der Autobiografie heraus in die Fiktion hinein führen und also ein weites Feld von Beobachtungsmöglichkeiten öffnen, sträuben sich gegen jede Festlegung, die sie rigoros einzuengen, zum Beispiel auch zurückzufinden versucht an den Raum ihrer Herkunft.“ Losgelöst vom heimatlichen Raum, sich die Freiheit nehmend, über die Heimat zu schreiben oder auch nicht, in der Tradition zu bleiben, gegen sie anzuschreiben oder sie gar nicht erst zu beachten ... eine neue, vielleicht freiere Autorengeneration ist da, zweifelsohne.

Was empfiehlt man in diesem Fall nun als Rezensentin? Ich würde sagen, dass sich das Lesen dieses Buches trotz der unübersehbaren konzeptuellen Schwäche lohnt. Man wird Ausschnitte guter bereits publizierter Texte und interessante Originalbeiträge finden – doch sollte man das Buch keinesfalls unreflektiert lesen oder gar als objektiven und repräsentativen Querschnitt durch die Südtiroler Literatur ansehen. Denn bei all den interessanten Einblicken, die diese Anthologie gewährt, bei allem Bemühen um die Gegenüberstellung verschiedener Perspektiven gelingt es hier nicht, eine „Landkarte“ zu zeichnen – dazu ist der Blick zu unscharf, der auf die Literatur dieses „Grenzraums“ geworfen wird.

 

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Birgit Unterholzner, Die Blechbüchse.
Innsbruck, Bozen, Wien: Skarabæus 2006, 155 Seiten. 

„Geheimnisse, die berühren, Geschichten, die verstören, unter einer Schutzhaut aus locker-flüssiger Sprache“. 

Die Blechbüchse ist eine Sammlung von Erzählungen, von denen die titelgebende bereits 2004 in den Mitteilungen aus dem Brenner – Archiv (Nr.23/2004) abgedruckt wurde. Die Bozner Autorin Birgit Unterholzner, Jahrgang 1971, erzählt in dichter, bildreicher, zugleich leichtfüßiger Sprache fünf Geschichten, die man so schnell nicht mehr vergisst. 

„Die Blechbüchse“ handelt von einer Frau, deren Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommen. Ihr Sohn (der Vater ist nicht mehr als ein „Ersatzrad im Kofferraum des Autos“: „Es gaukelt Sicherheit vor, doch hoffentlich braucht man es nicht wirklich.“) hatte eine ebenso innige Beziehung zum Großvater wie sie selbst zu ihrem Vater – zur (Groß)mutter hingegen bestand keine emotionale Nähe. Die Erinnerungen der 40-Jährigen werden aber erschüttert, als sie in einer Blechbüchse Briefe ihres Vaters an die Mutter findet. Das Bild, das sie von ihren Eltern hat, gerät mit einem Mal ins Wanken. 
Auch die Freundinnen Therese und Franka werden in „Dialoge in Prag“ mit der Vergangenheit konfrontiert. Mit der persönlichen (Therese hatte sich in ihrer Jugend während eines Schüleraustausches in einen Prager jüdischer Abstammung verliebt) und mit der Vergangenheit der Prager Bevölkerung. In leichtem Tonfall, der in dieser Erzählung vorherrschend ist, werden schließlich schreckliche Kindheitserinnerungen Frankas enthüllt.
„Eva Maria“ und „Komm zu mir“, die beiden kürzesten Texte dieser Sammlung, thematisieren Suche, Rastlosigkeit, Verzweiflung. In der ersten Geschichte geht es um eine Frau, die aus Trauer um ihr Kind den Verstand verloren hat, der zweite Text beginnt mit einer Aufforderung auf einer Ansichtskarte  („Komm zu mir nach Korsika!“), beschreibt eine geheimnisvolle Reise und endet mit einem Wiegenlied.
Ebenfalls mit einem Geheimnis wird „Das Lächeln der Thaifrau“ eingeleitet. Diesmal ist es eine Fotografie, die mit der Post kommt und unselige Erinnerungen heraufbeschwört. Die besitzergreifende Marie verliert ihren Mann Thomas beinahe an eine Tailänderin, und bis zum Schluss ist nicht ganz klar, ob der Fluch der Thaifrau nicht doch auch in Europa wirksam ist... 

Birgit Unterholzners Geschichten bestechen durch Spannung und Phantasie, jede der Figuren hat etwas Geheimnisvolles oder Tragisches an sich. Aufgrund guter Einfälle und der interessanten Wendungen, die die Geschichten nehmen, lässt man sich gerne durch die Erzählungen ,treiben’. Die frische, man möchte fast sagen, ,respektlose’ Sprache mit Stilmerkmalen eines Feuilletons, einer Kolumne, auch der sogenannten „Pop-Literatur“, lässt sich nur schwer kategorisieren und überrascht ebenso wie die Handlungen und die Entwicklung der Figuren. Neuartig und dadurch sehr aussagekräftig sind viele der Metaphern, Bilder und Vergleiche, wie etwa der folgende: „Mit den Fingernägeln beschädigst du das Wachstuch! Krallte ich trotzdem weiter, warf sie mir ihr Gesicht zu wie ein kaltes, tropfendes Bodentuch, faltete es auf eine Art, die mich sofort erstarren und das Spiel einfrieren ließ.“ 

Eine der Stärken Birgit Unterholzners ist, sich nicht vom lockeren Erzählstil zu oberflächlichem Geplaudere verleiten zu lassen, sondern beim Erzählen in die Tiefe zu gehen und den zumeist verstörenden Schicksalen der durchwegs rund gezeichneten Figuren nachzuspüren. Die Sprache scheint hier bewusst in die Irre führen zu wollen – oder eine Schutzfunktion zu haben (wie Jugendsprache, die mit ihrem flapsigen Umgangston häufig von Gefühlen und Unsicherheiten abzulenken sucht). So singt etwa Marie unbekümmert und siegessicher „yeah, yeah, yeah“, während sie sich „die blutenden Hände in den Rock“ wischt...
Manchmal lässt sich die Autorin allerdings zu wenig geglückten Formulierungen verleiten, etwa „spießige Enten“ oder „[w]ährend sie schimpft, stellt sich ihr pumucklroter Kurzhaarschnitt gefährlich horizontal“. Teilweise wirken Komik (?) oder Leichtigkeit (?) erzwungen bzw. fehl am Platz: Muss ein Neugeborenes wirklich in ein Regencape „gestopft“ oder eine Mücke (das „absolute Unglücksinsekt“) von Marie, die aus dem Bett steigt „wie eine Mörderin“, „umgelegt“ werden? Vor allem die „Dialoge in Prag“ befinden sich teilweise an der Grenze zum Trivialen, verbale Ausbrüche der Figuren sind manchmal nicht ganz  nachvollziehbar.
Abgesehen davon ist die Autorin aber zu Formulierungen fähig, die einem noch lange im Gedächtnis bleiben: „Wie schmal Franka ist, wie zerbrechlich. Hautflügler mit Geheimnis.“ Geheimnisse, die berühren, Geschichten, die verstören, unter einer Schutzhaut aus locker-flüssiger Sprache – das ist die Blechbüchse.
 

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stadtstiche – dorfskizzen. Herausgegeben von Brigitte Messner.
Innsbruck, Bozen, Wien: Skarabæus 2005. (Brennertexte, Bd. 5)

Als Erweiterung einer Anthologie, die 2003 anlässlich des 25. Todesjahres N. C. Kasers (1947-1978) erschienen ist, verfassten nun noch mehr Autorinnen und Autoren aus Nord-, Süd- und Osttirol, Jahrgang 1939 bis 1979, bekannt und weniger bekannt, Texte zu Städten, Orten und Plätzen zwischen dem Ötztal und Breitenbach, Hinterriß und Bozen.
Auch wenn der erste Teil des Titels sofort an Kasers bissige Stadtporträts denken lässt, versteht sich die vorliegende Anthologie nicht als Fortsetzung oder gar als Ergänzung seiner Texte. Satirisches und bisweilen Zynisches kommen zwar vor, der größte Teil liest sich jedoch als versprachlichtes Fotoalbum, das hauptsächlich Schnappschüsse, zwischendurch einige gestellte, komponierte Aufnahmen für die Leser bereithält. In jedem Fall ist das Buch als Hommage an den Autor gedacht, dessen Name in einigen der Beiträge auch direkt aufgegriffen wird.
Die deutlichsten (und sehr breit gestreuten) Kaser-Bezüge finden sich in Erika Wimmers „Das Auge des Neptun“. Wie aus dem Untertitel hervorgeht, widmet sie ihre Hommage der Wut Kasers und greift die Neptunstatue am Bozner Obstmarkt heraus, um sie über „verhaßte Tauben“, das „ewig gleiche Bild“, „die zur Schau getragene Mulitkulturalität“ und nicht zuletzt über die Tatsache, dass eine Neptunstatue nicht wirklich gut nach Bozen passt, polemisieren zu lassen.
Ganz anders verfährt Helene Flöss. Ohne Bitterkeit spaziert sie die Straßen und Gassen Brixens auf und ab, ,wandelt’ gleichsam auf Kasers Spuren und verbindet sie mit den Wegen ihrer Kindheit, greift Worte Kasers auf, bettet sie in eigene Erfahrungen ein und beschließt ihren Text mit dem beinah seufzenden Zitat: „Brixen, eigentlich gehörst du geküsst“.
Zwischen „Der Kuhstall hat ausgedient, es lebe der Saustall“ (Hans Augustin) und einem idyllischen „lichtwechsel ins pappelgrün“ (Julia Rhomberg) pendeln die Texte hin und her. Es ist die bekannte Spannung zwischen Tourismus/ Verkehr und Natur, in der sich Tirol zu positionieren hat (?) und die auch beim Lesen der Anthologie zu spüren ist. Wie eng beide Seiten beieinander liegen können, zeigt ein Gedicht C. H. Hubers, in dem das Schöne ins Kitschige kippt, zum Blaugrün des Obernberger Sees gerade noch der „röhrende hirsch“ fehlt und das Naturerlebnis mit einem „ersten schnupfen“ endet.
Schließlich bleibt noch die Frage nach dem Heimatbegriff in Südtirol, nach der Brennergrenze, nach Identität. Maria E. Brunner schreibt über ihre beiden Großväter, den einen, dem die Grenze „mitten durchs Herz“ geht, den anderen, der bei der „confederazione fascista agricoltori“ war. Einen Wanderer lässt sie durch dieses Land gehen und fragt sich: „Was macht die Heimat zur Fremde?“, während Sepp Mall in „60 Zeilen für eine Stadt“ die Identitätsproblematik Südtirols anhand eines kleinen, aber allgegenwärtigen Satzzeichens aufgreift: „Ein Bindestrich trägt das verschämte Wagnis der Stadt“, er ist ein Steg, eine Brücke „zwischen den Namen“, oder aber „Messers Schneide, wie eine Rasierklinge scharf“. Apropos Sprache: Lobenswerterweise findet sich in dieser Tiroler Anthologie auch Grödnerisches. Rut Bernardi hat nicht nur die Grödner Hymne ins Deutsche übertragen, sondern auch nachgedichtet.
Joseph Oberhollenzers Text schließlich, „Prettau – oder am ende, am anfang der welt“, rundet den Band ab. Grenzen und Blickwinkel sind, alles in allem, relativ – so viel wird klar: „Ach, prettau war einmal südlich, als man noch für kaiser & gott; und dann lag es plötzlich nördlichst, wie es seinem klima entsprach“. 
Einige der hier versammelten Schnappschüsse gehören, so muss man ehrlicherweise sagen, nicht in ein öffentliches Fotoalbum. Zuweilen halten die (sicherlich gut gemeinten) Verschriftlichungen von (Alltags)Beobachtungen der Literarisierung nicht stand, wirkt versuchte Ironie verbissen, sind große Gesten ein wenig peinlich.
Als „Verneigung vor dem früh verstorbenen Dichter aus Südtirol“ versteht sich dieses Buch, daneben bietet es seinen Lesern die Möglichkeit, über Orte und Plätze zu lesen, die vielen Tirolern am Herzen liegen und gibt Details preis, die sonst kaum jemals bekannt würden: Wer weiß denn zum Beispiel schon, dass es in Hinterriß zwar 45 Telefonanschlüsse gibt, der Ort je nach Wahl des Routenplaners aber gar nicht zu existieren scheint? Bei der Reise kreuz und quer durch Tirol wird eines ganz klar. Es sind nicht die schmucken Häuser, aber auch nicht die schäbigen Plätze, die die Orte ausmachen, sondern deren Bewohner: „Plaus, der Sumpf, hat keine Seele“, schreibt Selma Mahlknecht. „Aber viele Herzen“.
 

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Markus Köhle, Brahmskoller.
Wien: edition ch 2005, 103 Seiten.

Innerhalb kürzester Zeit legt Markus Köhle, in der Tiroler Literaturlandschaft schon lange kein Unbekannter mehr, eine neue Publikation vor. In Brahmskoller, einem kleinen, optisch schlicht gehaltenen Büchlein, bleibt der vielseitige ,Szeneautor' seiner Linie treu. Abgesehen von der stilistischen Konstanz finden sich Analogien zum 2004 erschienenen Band Couscous à la Beuschl: So, wie in letztgenanntem nie von Couscous die Rede ist und es sich bei "Beuschl" um den Familiennamen des Protagonisten handelt, werden hier jene enttäuscht sein, die den Titel wörtlich nehmen und eine kritische Auseinandersetzung mit romantischen Komponisten erwarten. Vielmehr "verschmelzen" (im wahrsten Sinn des Wortes, wenngleich der Liebesakt hier nur selten so vornehm umschrieben wird) der Kellner Jakob Brahms und die durstige, "marktforschungsinstitutende" (S. 8) Barbarella Koller nach anfänglichem Zögern miteinander: "Und unsere Liebenden Koller und Brahms? Die sind längst eingestrudelt, verschmelzen gerade und werden für immer zu Brahmskoller" (S. 99).
Neben der Titelfindung behält der Autor auch das Strukturprinzip des ,Hineinschneidens' anderer Textebenen bei. Der Titelzusatz lautet "mit Textvorhängen" - dementsprechend ist die von einem "Prolog bzw. Vorspann" und einem "Epilog bzw. Abspann" umrahmte Geschichte von experimentellen, verspielten, improvisierenden, in den meisten Fällen auf akustische Umsetzung angewiesenen lyrischen Einschüben ("Vorhängen") unterbrochen, die mit der eigentlichen Handlung so wenig zu tun haben wie Werbeeinblendungen mit einem Spielfilm (vgl. dazu die filmischen Anleihen, die Köhle immer wieder nimmt und auch thematisiert).
Die eigentliche Geschichte ist schnell erzählt. Der Kellner Brahms wird in seinem Lokal auf Barbarella Koller aufmerksam, er überlegt sich verschiedene Strategien der Kontaktaufnahme, sie bestellt einen mit Leitungswasser gespritzten Orangensaft und einen Toast "wie ihn der Herr da drüben gerade eben hatte" (S. 78), ist von Brahms angetan, nach gedanklichen Ab- und Ausschweifungen sowohl von Koller als auch von Brahms wird aus den beiden ein Paar. Viel mehr hat die Handlung nicht zu bieten, der zur "Ursuppe" gewordene Plot "gibt den Löffel ab" (S. 93), wie Köhle selber schreibt, zu bald "erhängen sich die Erzählstränge am Satzgerüst" (S. 93). Um Inhalt und konsequentes Erzählen geht es hier auch nicht, der Autor versucht vielmehr, der Sprache neue Bilder und Bedeutungen zu entlocken. Dies gelingt ihm über weite Strecken, doch einiges wirkt allzu unbedacht, hält weder einer literarischen noch einer sprachlichen Wertung stand (vor allem ein Verzicht auf Interjektionen wie "Au ja, fein", "Yes Jo" und ähnliche hätte dem Werk mehr genützt als geschadet).
Will man dieses Büchlein genießen, sollte man sich weder an expliziter Sexualität stoßen noch über einen empfindlichen Magen verfügen. Neben der Provokation durch das Ignorieren verschiedenster Tabus spielt Köhle mit der Erwartungshaltung des Lesers (die natürlich nicht erfüllt wird), thematisiert aber auch auf witzige Weise das Verhältnis zwischen dem Erzähler und seinen Figuren: "Lass uns lektorieren", lässt er einen gewissen Sandmann zu Holger Beuschel (der aus oben genanntem Vorgängerbuch in diesen Text "angeschwemmt" wurde) sagen, "das wird den schwachbrüstigen Erzähler einschüchtern und auf Kurs bringen" (S. 54f.).
Anspielungen auf Philosophie, Literatur und Musik sind zahlreich, bleiben aber im Wesentlichen auf die Nennung von Namen wie Feuerbach, Rousseau, "Schmidtchen Arno", Goethe, Tolstoi (hier mit dem Vornamen "Erkan", er bereitet sich auf die Führerscheinprüfung vor), H.C. Artmann, Frank Sinatra, Grönemeyer u.a. beschränkt. Nur Raoul Schrott ist ein ganzes Gedicht gewidmet, welches allerdings wenig schmeichelhaft ist.
Köhles frei-assoziative Schreibweise lässt einerseits originelle Gedankengänge zu, andererseits bewegt sich der Autor manchmal auf dünnem Eis. So zum Beispiel, wenn er den sexuellen Missbrauch Minderjähriger als (ausschließlich?) ländliches (Inzest)problem darstellt und Barbarella Koller das folgende Fazit in den Mund legt: "Jaja, so ist es halt am Land, es wird zusammengehalten, zusammengeschlagen, zusammen gevögelt. Das muss man aushalten. Wem der Landaufstrich nicht schmeckt, der muss raus, weg, in die Knie oder Kirche gehen" (S. 48). Das blasphemische Gebet (S. 87) wiederum kommt kaum über bloße Provokation hinaus.
Im Großen und Ganzen sind unter dem Maßstab der literarischen Qualität die "Textvorhänge" als gelungener zu werten als die eigentliche Erzählung. Rhythmische Improvisationen über das Alphabet und die Vokalfolge, zwei "ABC-Walzer", das "Wiegenlied" und vor allem die "Zeitgeschichte-Litanei", die die 100 Wörter des 20. Jahrhunderts aufs Korn nimmt, sind an dieser Stelle hervorzuheben. Wenn auch die Form der Gedichte und die Art der Sprachspielerei nicht neuartig sind, so beweist Köhle in den kurzen Texten geschickten Umgang mit den Variationsmöglichkeiten der Sprache. Darüber hinaus legt er großen Wert auf die ,Performance' von Lyrik, was sich unter anderem in Anweisungen für den Vortrag der vielfach an musikalischen Formen orientierten Gedichte niederschlägt (ganz generell empfiehlt es sich, die Texte Köhles laut zu lesen). Interessant sind auch die Reflexionen des Autors über Sprache und Dichtkunst. "Was ist Poesie?", fragt er sich und beantwortet die Frage umgehend: "Poesie ist Sprache, die sich zu sich selbst verhält" (S. 93). Unter diesem Gesichtspunkt ist die Handlungslosigkeit der Erzählung gerechtfertigt: Alles, was gleichsam ,zwischen' den Wörtern steht, wird als (bedeutungslose) Illusion enttarnt, Köhle "führt rhetorische und andere Figuren vor und lässt sie alle im Dienste der Sprache abtreten" (S. 58f.). Der Sinn eines Textes erschließt sich üblicherweise aus einer logischen Abfolge der Wörter - doch was, wenn einen die Wörter in die Irre führen? Wer sich auf den Brahmskoller einlässt, wird garantiert eines erleben: lustvolle Verstrickungen im Labyrinth der Sprache. 

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Raoul Schrott, Handbuch der Wolkenputzerei.
München: Hanser, 2005.

     Ein Buch, unverzichtbar für Schrott-Leser: anregend, erhellend, originell sind die hier versammelten "Schriften, Reden und Pamphlete" (S. 13). Gewusstes und Erdachtes können getrost nebeneinander stehen und miteinander verbunden werden, die ganze Palette seiner Interessen kann Schrott ausbreiten, ohne sich den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, er vermische Fakten und Fiktion auf undurchsichtige und ungehörige Weise, wie es in Kritiken vor allem zu seinem großen Roman Tristan da Cunha" der Fall war.
     Eröffnet wird der Band mit einer in Zürich gehaltenen Rede: "Lassen Sie mich Ihnen also zunächst den an die Wand malen, der ich bin: ein der Öffentlichkeit dargebotener Schriftsteller - der ihr jedoch nur seine Masken hinhalten mag, und dies in einer tragikomischen Travestie, einer hochgestapelten Himmelfahrt zu den Sternen mit dem Titel: De Personis & Larvis Earumque Apud Veteres Usu Et Origine Syntagmation oder Über eine Schiffsgeburt auf dem Weg nach Brasilien" (S. 16 f.). Wer sich erwartet, hier mehr über den Menschen Schrott zu erfahren, wird enttäuscht. Vielmehr wird tatsächlich hochgestapelt, verschleiert, verwirrt, wobei sich auch die eine oder andere Zeitungsente wieder findet. Am meisten von Schrotts Persönlichkeit blitzt noch in einer Rede für saarländische Schulabgänger ("Der wölfische Hunger") durch. Die Begründung für die Abneigung gegen Biographisches bleibt der Autor dem Leser nicht schuldig: "[...] und was überdies die Literatur betrifft, so habe ich das Ich darin noch zu betonen schon immer für Koketterie gehalten. Und dazu zähle ich biographische Angaben ebenso wie das übliche Photo auf der Buchklappe [...], das Buch allein ist es, das zählt" (S. 20).
     Dieses Buch bietet eine Sammlung unterschiedlichster Themen und Texte, dabei werden je nach Kontext (es empfiehlt sich, bei der Lektüre den Anhang zu beachten) unterschiedliche stilistische Register gezogen. Vieldeutig sind die Überschriften, die die einzelnen Essays zu insgesamt acht Kapiteln zusammenfassen. Nach den einleitenden "Posen & Possen" führen sie von der Erde ("Eine Erdung der Poesie") über ein ,Bindeglied' ("Kompendium der Blitzableitungen") bis in den Himmel ("Vom Luftraum der Wolken", "Schall & Rauch", "Wolkenkuckucksheime" und "Die Leere des Himmels"). Abgeschlossen wird der Band schließlich mit einem Journal, das anlässlich einer Reise in den Iran entstand. Schrott befand sich dort während der Zeit der ersten Angriffe auf Afghanistan und zeichnet hier ein sehr persönliches Bild des Landes, das stark von der medialen Berichterstattung in Europa abweicht.
     An vorgeblich Autobiographisches, eine Hommage anlässlich H.C.Artmanns 75. Geburtstag, zwei Beiträge zur Frankfurter Buchmesse und eine "Mainzer Stadtschreiberrede" schließen zwei Dankesreden anlässlich der Verleihung des Peter-Huchel bzw. des Joseph-Breitbach-Preises an, in letzterer erfolgt ein interessanter Exkurs über die Zusammenhänge von Geld und Literatur und über die Grundlagen ihres Erfolges. Im "Kompendium der Blitzableitungen" reagiert Schrott unter anderem auf die Kritik, die auf seine Nachdichtungen in der "Erfindung der Poesie" folgte und polemisiert seinerseits über die Literaturkritik, er ergänzt mit eigenen Erfahrungen und hat augenscheinlich "Lust am Disput" (S. 300). Schließlich führt er noch "fünfzehn Kunstgriffe eines Verrisses" (S. 114 ff.) an, die zwar laut Anhang als "Skizze einer bloßen Seminarübung" gedacht waren (S.300), die aber die Sicht eines Autors auf schlechte (nicht negative!) Kritik eindrucksvoll wiedergeben. Den Inhalt der Schriften vollständig aufzulisten würde hier zu weit führen, verweisen möchte ich aber noch auf die originelle, als Plädoyer formulierte "Verteidigung der Poesie", die einer Reihe von Essays über Dichtung und Dichter (Rückert und Rilke) vorangestellt ist, und auf einen Themenkomplex, zu dem Schrott immer wieder zurückkehrt und dem er auch hier zwei Schriften widmet: der Religion. "An dem, was Religion ist, hat sich seit Urzeiten nichts Wesentliches geändert", schreibt er, "sie ist die Mutter aller Dichtung, aus deren Umklammerung sich die modernen Poesien erst langsam herauswanden" (S. 175).
     So überzeugend, überraschend und schön formuliert dieses Buch auch ist, so muss sich Schrott dennoch Kritik gefallen lassen, denn auch in dieser Publikation sind ihm offensichtliche Fehler unterlaufen. Vor allem die Musik wird ihm immer wieder zum Fallstrick: Beethovens 3. Symphonie nennt er "Heroica" statt "Eroica", ein Fauxpas, der daher rühren mag, dass sie tatsächlich einen ,heroischen' Charakter hat und im Französischen ,Héroïque' geschrieben wird. Allerdings kommt in dieser Komposition keine "Tschinelle" vor (die, wenn, dann ,Becken' heißen müsste). Weshalb Schrott ausgerechnet die historisch und ideologisch belastete "Eroica" für einen Vergleich herangezogen hat, wenn es auch jede andere bekannte Symphonie getan hätte, verwundert. Des Weiteren haben Instrumente keinen "Oktavenumfang" (,Ambitus', wenn man es wissenschaftlich möchte, das Wort ,Tonumfang' tut es auch), Dur und Moll sind keine Tonarten, sondern Tongeschlechter, Quinten und Quarten sind nicht nur "gleichsam nach mathematischen Prinzipien" geordnet, sondern gehen auf die pythagoräischen Intervallverhältnisse zurück.
     Schrott räumt selbst ein, dass es ihm grundsätzlich mehr um das "Spiel der Augen und Hände" gehe (S. 218) als um das Musikhören. Sein Zugang zur Musik ist fassbarer, wenn er sich ihr über das Sichtbare nähert, wie in den Betrachtungen zum Bassisten Jaco Pastorius und der Geigerin Viviane Hagner, oder über das Literarische ("Mahlers Hund"). Verzichtet Schrott auf musikalische Fachsimpelei, entsteht Raum für wunderbare Formulierungen: "[...] in ihren besten Momenten verschafft uns die Musik eine Ahnung dessen, was es heißt, ganz in der Welt zu sein, in ihr aufgehoben" (S. 229). Sehr schlüssig ist auch seine Rechtfertigung der freien Übersetzung von Gedichten mit den verschiedenen Tempi der Sprachen ebenso wie die Forderung, zu übersetzende Gedichte nicht zu "transkribieren", sondern zu "transponieren" (S. 90).
     In diesem Buch ist sehr viel Wissens-, Nachdenkens- und Diskussionswertes zusammengetragen. Und auch wenn Schrott sich dagegen wehrt, zu viel von seiner Person nach außen dringen zu lassen, so gibt er hier doch sehr viel von sich preis, indem er uns teilhaben lässt an seiner Art, die Welt zu betrachten, an seiner Ehrfurcht, mit der er die Poesie hochhält und an seiner Fähigkeit, Sprache "kaleidoskopisch" (S. 15) zu neuen Gefügen zusammenzusetzen. Das Handbuch der Wolkenputzerei zeigt genau das, was Schrott ausmacht: Den Versuch, die Form der Gedanken, die sich letzten Endes nicht festmachen lassen, die sich von Dichter zu Dichter, von Generation zu Generation verändern und dennoch alle aus demselben Stoff gemacht sind, nachzuzeichnen, in dem Bewusstsein, dass die Konturen wieder verschwimmen werden: "Die Bilder, die man entwirft, sind letztlich Trug, Embleme der Ohnmacht, an die Dinge herankommen zu können. Es trotzdem zu wollen, darin liegt ihre Rechtfertigung; dabei stets in Frage zu stellen, darin liegt ihre Wahrheit. Mit ungeteilter Zustimmung hat dies nichts zu tun" (S. 53).

 

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Martin Pichler, Nachtreise.
Innsbruck: Haymon, 2005.

     Schon in Pichlers Erstlingsroman Lunaspina waren autobiographische Bezüge klar erkenntlich, blieben jedoch stets dem literarischen Konstrukt untergeordnet. Der nun erschienene autobiographische Text Nachtreise, dessen zentrales Thema der Krebstod der Mutter des Autors ist, beginnt da, wo der Roman aufgehört hat, die autobiographischen Schatten aus Lunaspina treten gleichsam hinter den Romanfiguren hervor und werden beim Namen genannt - und doch ist der Text mehr als ein bloßes Nacherzählen der eigenen Vergangenheit. Er ist immer wieder an den Roman zurückgebunden, sei es durch Themen, durch einzelne Wörter oder durch ganze Formulierungen. An dieser Stelle sei auch die Umschlaggestaltung von Benno Peter erwähnt: kein Bild könnte die Essenz des Buches besser zum Ausdruck bringen als die zu einem Zopf geflochtenen Stränge frischen und getrockneten Grases.
     "Pass auf, was du sagst, unser Sohn schreibt alles mit", die Warnung des Vaters bezieht sich noch auf die Entstehung des Romans (S.10), dann, ohne Überleitung, ist die Rede von der Todesanzeige: Das Erlebte wird konstruiert durch die Art des Erzählens, durch Vor- und Rückblenden, durch ein Ineinanderverschlingen und Aus-Sich-Hervorschreiben. Die spiralähnliche, sich auf immer andere Art der Beschreibung des Todes nähernde Textstruktur endet jedoch nicht im Mittelpunkt, mit dem Abschiednehmen von der Mutter, das, immer wieder angesprochen, endgültig wird durch die Nennung des Todeszeitpunktes, sondern wird weitergeführt, hinein in das neue Leben der Familie.
     Der Tod ist kein plötzlicher. Wie schon der Titel andeutet, gleitet die Mutter hinab in "immer tiefere Schichten des Schlafs" (S.110). Das ermöglicht einerseits ein bewusstes Abschiednehmen, doch andererseits entsteht eine zum Teil schmerzhafte Kluft zwischen dem (Weiter)leben der Angehörigen und dem langsamen Sterben der Krebskranken. "Ich zog es vor, diesen Text nicht zu lesen", so endet das dem Text vorangestellte Zitat aus Saul Bellows Herzog. Der Tod - ein unbequemes Thema, vor allem, wenn versucht wird, ehrlich darüber zu schreiben. Ohne Beschönigung, aber auch ohne Sensationslust. Und ohne Bitterkeit, denn die Krankheit hat paradoxerweise auch etwas Gutes: "Es hat den Krebs gebraucht, dass sie wieder zu Leben zieht", spricht der Vater (S. 136). Und wie schon in Lunaspina ist immer wieder von einem zweiten Leben die Rede, einem Leben nach der jahrelangen Abkapselung von der Außenwelt, einem Leben, in dem Trainingsanzüge und bunte T-Shirts den "Wolljanker, das Kopftuch, den Faltenrock" (S.38)  ablösen, einem Leben, in dem wieder Bekanntschaften gemacht und Freundschaften geschlossen werden.
     Das Vermächtnis gilt in erster Linie der Mutter, doch auch die bereits im Roman aufgegriffene Thematik der Homosexualität bleibt nicht ausgespart, wenngleich sie in ihrer Bedeutung hinter der Problematik des Sterbens zurücktritt. Homosexualität bedeutet nicht nur Sexualität, sondern auch Beziehung, in diesem Sinn ist die ganze Familie betroffen, auch in der Zeit der Krankheit und des Todes. Betont wird, dass die Mutter den italienischen Freund des Autors, Mirco, offenherzig aufgenommen hat, dass sie von Anfang an in seiner Mutter, Frau Sira, eine Freundin gefunden hat, und dass Mirco als Teil der Familie am Sterbebett der Mutter wacht. Seine Position innerhalb der Familie wird ganz selbstverständlich gleichgesetzt mit derjenigen, die die Freundin des Bruders einnimmt. Erotisches hingegen bleibt in diesem Text nur hier und da angedeutet - und doch kann es nicht ganz ausgeklammert werden. Die seelische Belastung durch das Miterleben der unaufhaltsamen Krankheit verstärkt die "Gier nach anderen Bildern. Die Lust ist da, brennend" (117). Vielleicht eines der größten Tabus, das der Autor hier anspricht.
     Die Frage nach dem Jenseits stellt der Theologe Pichler nicht, was ein wenig überrascht. Religiöse Zeichen reduziert er auf das Notwendigste: Er weigert sich beispielsweise, seine tote Mutter mit Weihwasser zu besprengen und verabschiedet sich lediglich mit einem Kreuzzeichen (S. 83). Bezüge zur Religion werden aber trotzdem immer wieder hergestellt. Zum einen ergeben sie sich ganz natürlich dadurch, dass die Privatklinik von Klosterschwestern betreut wird, zum anderen wird erwähnt, dass die Mutter zuletzt einen Kirchensender hört und das "Katholische Sonntagsblatt" liest. Im Angesicht des Todes "kehrt das Beten zurück" (S. 93), es scheint, als würde nur der innere Glaube Trost spenden, religiöse Riten hingegen verstören.
     Pichler benennt Dinge und Vorgänge ohne Scheu davor, (sprachliche) Tabus zu brechen: Ausscheidungen, Wundsekret, Ausschläge und psychische Ausnahmezustände haben in diesen Text Eingang gefunden. Auch hier gilt: Niemals ist eine Lust am Ekel oder ein Zur-Schau-Stellen menschlicher Abgründe zu spüren - die Dinge müssen vielmehr benannt und beschrieben werden, weil sie ein wesentlicher Teil der Geschichte und der Grund dieses Todes sind. Damit stößt der Autor beim eigenen Vater auf Unverständnis, das wird schon auf den ersten Seiten, als der Vater den Roman kritisiert, klar; die Mutter jedoch gibt ihre Geschichte ,frei' für die Öffentlichkeit: "Nach der zweiten Seite lacht mein Vater nicht mehr: Es geht um den Urin meiner Mutter, das Blut, die Wunde. So genau müssen die Leute das nicht wissen, ruft er entrüstet aus [...]. Meine Mutter winkt ab: Aber es war doch so, genau so und nicht anders" (S.9). Dem verborgenen Leben der Mutter muss im Gegensatz zu den sichtbaren Anzeichen der Erkrankung erst nachgespürt werden. Beobachtungen sind keine vorhanden, nur Indizien und Gespräche, die erst zu einem Bild zusammengesetzt werden müssen. Pichler vermeidet allzu Spekulatives, indem er sich auf die Außensicht konzentriert und nicht versucht, in fremden Gedanken zu lesen. Ohne Verwendung ausweichender Metaphern gelingt es ihm, den Vorgang des Sterbens zu beschreiben. Was der Verlust der Mutter für die einzelnen Familienmitglieder bedeutet, kreist er durch Beobachtung ein.
     Beobachten lässt er aber auch sich selbst, er nimmt sich nicht aus von der Öffentlichmachung des Erlebten. Zum einen werden die Umstände des Schreibprozesses geklärt, die  autobiographischen Bezüge in Lunaspina aufgedeckt und die Beobachterrolle in der Familie festgelegt. Zum anderen wird die Wortfindung an sich thematisiert, wenn beispielsweise über die Verwendung von Kriegsvokabular für den Todeskampf der Mutter reflektiert wird (S. 46). Bei alldem wird dem Leser stets vor Augen gehalten, dass autobiographisches Schreiben nicht nur den Autor betrifft, sondern sein ganzes Umfeld: "Ich will die richtigen Namen nennen, keine Ausflüchte mehr. Die Erinnerung lässt kein Dichten und Erfinden mehr zu" (S. 138), so begründet Pichler seine Offenheit.
            Nachtreise ist ein Buch über das (langsame) Sterben, über das Umfeld der Sterbenden und gleichzeitig eine Familiengeschichte, die versucht, allen Perspektiven gerecht zu werden. "Wird es nicht Wort, wird es nicht Fleisch" (S. 13), das war der Grundsatz, der bis zum Tod der Mutter gegolten hat, nun darf nicht mehr geschwiegen werden, erst recht nicht, wenn die Spuren, die an sie erinnern, allmählich verwischen: "Als ich zum Muttertag einen Strauß Blumen auf ihr Grab lege, zeichnet ein kleiner Krater das Rechteck nach, wo meine Mutter begraben liegt. Durch die vielen Regenfälle hat der Boden nachgegeben. Mit der Fußspitze lösche ich die Umrisse aus" (S. 169f.). Schade nur, dass der Text nicht hier endet .

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