Rezension von Gerhard Scholz
  

 


Markus Köhle, Hanno Brennt [Juli 2012]
Wien: Milena, 2012
 
Pop + Politik = Popolitik. Oder: We don’t need no water

Wer wie Hanno und dessen bester Freund Karl sowie Köhle selbst gern den Wissensüberschuss der Netzwelt zurate zieht, erfährt schnell, dass Kunst für Markus Köhle das Leben ist. Köhle, so die intellektuelle Community, sei scharfzüngig, brutal genau und nehme kein Blatt vor den Mund; man lobt seinen Charme, Humor und Einfallsreichtum und hat manchmal sogar Lachtränen in den Augen, auch wenn der Spannungsbogen in seinem neuen Roman irgendwie mangelhaft aufgezogen sei. Wobei über besagten Bogen Uneinigkeit herrscht – so heißt es denn andernorts, die überraschende Wendung am Schluss des Buches komme wie ein Donnerschlag.

Hier ließe sich fragen, ob damit der Bogen nicht etwas überspannt sei. Blitzartig kommt das Ende vielleicht, aber auch nur dann, wenn man den Donner in Form von Klappentext, Titel und Umschlagdesign völlig ignoriert und gezielt an den vorausweisenden Passagen sowie dem vorangestellten Inhaltsverzeichnis vorbeiliest. Um Ihnen diese umständliche Arbeit zu ersparen, ein paar Worte zur Handlung: Hanno, der harmloseste Privatmensch, den man sich vorstellen kann, wird zum Opfer der staatlichen Überwachung und Untersuchungshäftling nach Paragraph 278a StGB, den der brutal genaue Autor zur Gänze im Text abdruckt, um auch jene, die nicht nur an Klappentexten und Inhaltsverzeichnissen, sondern auch an journalistischen Erzeugnissen keine Freude finden und so noch nie von irgendwelchen Tierschützerprozessen gehört haben, die Scheuklappen herunterzureißen und sie schonungslos mit der Realität zu konfrontieren.

Wenn man nun von der Köhle’schen Gleichsetzung von Kunst und Leben weiß, wäre es unanständig, zu leugnen, dass man instinktiv versucht ist, die Verwandtschaft des titelgebenden Hanno mit dem Autor (Wohnort, ungefähres Alter, prekäre Lebenserwerbssituation) ernster zu nehmen als die literaturwissenschaftlichen Vorbehalte es zulassen. Das wäre aber allein schon deshalb unangebracht, weil ja die Differenzen nicht weniger interessant sind: Hannos Schwachstelle bei Trivial Pursuit sind die pinken Fragen, während dem Autor in puncto Unterhaltung ja Spezialistentum bescheinigt wird. Solche Charakterisierungsstrategien gehören zweifellos zu den Stärken des Romans. Dass Hanno weiche Hände hat – also nicht zu den Aktiven gehört, die sich die Hände schmutzig oder schwielig machen würden – stellt wenig später Annabell (genannt Nabel) Schnurr fest. Hannos Weg führt also von der Nabelschau und den weichen Händen über die Nabelschnurr hinaus in die Welt. Oder vielmehr umgekehrt, denn das Politische scheint die Figuren des Romans in erster Linie dann zu interessieren, wenn es sie entweder höchstpersönlich hinter Gitter bringt, oder wenn es sich in ein Kunstprojekt und damit in symbolisches und ökonomisches Kapital überführen lässt.

Ansonsten geht es den Figuren primär um Sex und Bier, gefüllte Kühlschränke und die Frage der Aneignung all dessen. Und immer wieder um Sprache, wobei selbstredend Kombinationen möglich sind. Während sich allerdings die anderthalb Seiten über die Härte-, Prallheits- und Pulsieranforderungen an Penisse, respektive Schwänze, gefolgt von anderthalb Seiten über die Möse, respektive Scheide oder Vagina, durchaus genderrelevant geben und in ihrer quantitativen Äquivalenz immerhin der Forderung nach Gleichberechtigung Rechnung tragen, sind das so bezeichnete „Kotsprech“ und die „Tierfäkalpornografie“ selbst in lyrischer Form überflüssig. Hier zeigen sich deutlich die Schwachstellen des Poetry-Slang in Form von einseitiger Ausrichtung auf die pinke Trivial-Pursuit-Kategorie und wecken den Wunsch, der Autor möge manchmal vielleicht doch ein Blatt vor den Mund nehmen.

Dabei lassen sich unter all den Assonanzen, Reimen und Kalauern, die Köhles losgelassene Formulierungskraft produziert, doch auch regelmäßig – auch wohltätig kann sie sein – Komposita und Metaphern entdecken, die, gepaart mit wikipedophilem Fachwortschatz, die Sprache als Kuriosum und die tragikomische Absurdität menschlicher Kommunikation zur Schau stellen. Dem unbeschwerten Nebeneinander Köhle’schen Stils und Köhle’scher Stillosigkeit ist es zu verdanken, dass wir dem Grazilen Afrikanischen Leuchtaugenfisch und Hannos Sehnsucht quasi in ihrem natürlichen sprachlichen Umfeld Seite an Seite bei der Nahrungssuche zusehen dürfen. Das funktioniert jedenfalls besser als die gut gemeinte Katerstimmung im achthebigen Trochäus und lässt manchmal selbst bei reservierten Kritikastern so etwas wie das Gefühl aufkommen, das Hanno gegenüber dem dauergeilen und künstlerisch wie politisch so aktiven Ziel seines Begehrens, Nabel, signalisiert:

Mitplanschwilligkeit.  

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