Rezensionen von Irene Prugger

 

 

Birgit Unterholzner, Die Blechbüchse
Erzähungen
Innsbruck: Skarabaeus Verlag 2006

Die Menschen in Birgit Unterholzners Erzählband „Die Blechbüchse“ sind ständig in Bewegung: sie ahnen, sobald sie verweilen, holt die Vergangenheit sie ein. Aber wie ihr entkommen? Die Erinnerung springt auch auf einen fahrenden Zug und es braucht nicht unbedingt einen Stau im morgendlichen Berufsverkehr, wie in der Titelerzählung die „Blechbüchse“ damit die Bilder Zeit haben, sich zu formieren. Die Ich-Erzählerin ist sich bewusst, dass die Vergangenheit entweder als blinder Passagier oder als gestrenge Kontrollorin überall hin mitfährt und stellt sich ihr:
„Wie eine Reisende, die nach geraumer Zeit eine Stadt erneut aufsucht, das Alte nach und nach wieder erkennt, die Enttäuschung über verflogene Schönheiten schwerlich verbergen kann, so bewege ich mich in den Räumen meiner Kindheit.“

Nein, es ist Birgit Unterholzners Protagonistinnen nicht gegeben, die Augen vor den Grauzonen der Erinnerung zu verschließen und sich gemütlich in einem unreflektierten Leben einzurichten. So treten sie auch als Reisende keine gut organisierten, detailliert geplanten Pauschalreisen an, sondern lassen sich mutig auf neue Erfahrungen ein, selbst auf die Gefahr hin, dass die Reise zu einer Irrfahrt werden könnte.
Zitat aus der Erzählung „Dialoge in Prag“:
„Bevor sie die Reise antraten, sagten sie, Ohne Risiko fahren wir nicht. Sie sagten es beide und sahen sich dabei lange in die Augen. Es war wichtig zu fahren, so viel spürten sie, und es würde ein Wagnis werden.“ 
Kein Risiko lässt sich wirklich abschätzen, sonst wäre es ja keines mehr, und so machen auch Therese und Franka auf ihrer Pragreise Erfahrungen, mit denen sie nicht gerechnet haben.   Therese steht bei der Suche nach der Vergangenheit vor einer verschlossenen Tür, während Franka eine aufstößt und sich dabei auch der Freundin öffnet. Sie erkennen: miteinander verreisen, heißt noch lange nicht, einander nahe sein, der Weg, den es nun zurückzulegen gilt, führt von der einen zur anderen und ist extrem fordernd: der Blick in die menschliche Seele ist eben weit beschwerlicher als eine Stadtbesichtigung.  
Suche und Flucht vereinen sich in allen diesen Geschichten zu einem dynamischen Ablauf. So rennt Eva Maria in der gleichnamigen Erzählung seit fünfzehn Jahren, drei Monaten und nunmehr zwölf Tagen durch die Stadt, auf der Suche nach ihrem Kind, das man ihr entführt hat, und kehrt jeden Tag wieder ins Heim zurück, wo sie sich als pflegeleichte Person erweist.
Birgit Unterholzners Protagonistinnen sind aber nicht sinnlos Flüchtende und Getriebene. Wenn sie sich auf eine Suche begeben, so finden sie meistens auch -   im besten Fall zu sich selbst. Sobald sie aufbrechen, bricht etwas auf und heraus, auch auf der sprachlichen Ebene. Die Autorin lässt sich von der Leidenschaft ihrer Figuren anstecken und mitreißen. Das ist faszinierend zu lesen und sorgt für Spannung. Man möchte wissen, wie es Marie in der Geschichte „Das Lächeln der Thaifrau“ ergeht, die ihren Mann Thomas in Thailand besucht und dabei mit einer thailändischen Rivalin konfrontiert wird.  
Man möchte wissen, ob die Icherzählerin in der Geschichte „Komm zu mir“ ihre geliebte Ana findet und welches Geheimnis sich hinter deren Verschwinden verbirgt. 
Und man möchte vor allem mehr über die Autorin wissen, die diese Geschichten geschrieben hat. Man kann sie sich eigentlich nur als eine unermüdlich Reisende und Beobachtende vorstellen, als Frau voller Neugierde auf die Welt und die Menschen. 

 

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Anna Stecher, zŏuba! Sanwen-Prosa
Bozen: Edition Raetia, 2005 

„Gehen Wir“, so lautet der Titel von Anna Stechers druckfrischem Prosaband. Ein schöner Titel. Eigentlich ist es jene Aufforderung, die am Beginn eines jeden Buches, jeder Erzählung, jeder Kurzgeschichte, jeder dramatischen Arbeit und jedes Gedichtes stehen müsste oder tatsächlich steht: „Gehen wir, komm mit, ich zeige dir etwas, das dich staunen lässt, das dich zum Lachen oder zum Nachdenken bringt, das dir gefallen wird oder das dir möglicherweise auch ganz und gar nicht gefallen wird.
Gehen wir, das ist die Aufforderung der Schriftsteller an die Leser, gemeinsam eine Reise anzutreten. Manchmal wird daraus tatsächlich eine Reise, mitunter auch nur ein kleiner Spaziergang, bevor der Regen losbricht oder auch nur ein zaghafter Schritt vor die Tür, weil man gleich merkt, dass es nicht lohnt, sich reisefertig zu machen und deshalb die Lektüre schnell wieder aus der Hand legt.
Wenn Anna Stecher in ihrem Buch uns auffordert: „Gehen wir“, so entführt sie tatsächlich auf eine Reise, in erster Linie auf eine Reise nach China, insbesondere nach Peking, wo sie ihr Masterstudium im Fach „Moderne und zeitgenössische chinesische Literatur“ absolviert. Gleichzeitig ist es eine aufregende, abenteuerliche Reise, die Leser zuerst einmal weit weg führt von sich selbst. Denn auf die eigenen Sinne kann man sich mit fortschreitender Lektüre schon bald nicht mehr verlassen. Im Gewusel der fremdländischen Städte, von denen Anna Stecher erzählt – mögen sie in China sein oder anderswo -   könnte man schnell die Orientierung verlieren, alles gerät einem durcheinander. Fragt man zum Beispiel eine schöne, junge Frau nach dem Weg, könnte es durchaus sein, dass man in Wirklichkeit eine Katze in Menschengestalt vor sich hat, die einem den Weg über die Dächer weist, sodass sich schon bald gefährliche Abgründe auftun. In Hotelzimmern lauern gefräßige Krokodile, Gespenster treiben sich herum, und immer wieder gibt es schwierige Prüfungen zu bestehen, die durchaus geeignet sind, sensiblen Gemütern den Angstschweiß auf die Stirn zu treiben.
Aber in Anna Stechers Begleitung - und das ist für eine so junge Autorin in höchstem Maße erstaunlich – fühlt man sich dennoch vom ersten Moment an sicher, man vertraut sich ihr ohne zu zögern an, folgt ihr bedenkenlos auf Schritt und Tritt, auch über Dächer und gefährliche Abgründe hinweg. Man merkt sofort, sie kennt sich hier aus, sie ist hier zuhause, sie ist vor allem in der Sprache zuhause.
„Mein Haus“, sagte die Ich-Erzählerin in der Erzählung „Zhuang Youang oder die kaiserliche Prüfung“, „baut sich wie Eschers Gebäude: vom ersten Stock in den zweiundvierzigsten, dann geht eine Treppe ins Klo, im Schlafzimmer steht ein Pferd und in der Garage der Kamin.“ Das mag auch auf die assoziative Erzählweise der Texte in diesem Buch zutreffen – eine Art zu schreiben, die sich in China Sanwen nennt - aber das Fundament trägt, das Fundament ist die exakte Kunst der Sprache. Nur durch Genauigkeit und sorgfältige Bemessung können sich in einem derart verrückten Haus ohne Einsturzgefährdung die großen, von Licht durchfluteten Freiräume zur Interpretation auftun, wie sie Anna Stechers Texten zu eigen sind. Ein Haus, wo man sich nicht ängstigt, wenn man sich darinnen verirrt, weil es von einem wundersamen Raum in den nächsten geht, ausgestattet mit Poesie und Ironie, und einen Ausgang hat, wie man weiß, ohnedies jede Geschichte.
Wenn sich dann auch noch ein Schmetterling auf dem Sims niederlässt, ist es gewiss einer von jener Sorte, die mit ihrem Flügelschlag ein Beben auszulösen imstande sind, in diesem Fall ein sanftes Beben der Erwartung auf den nächsten Satz, die nächste Erzählung, den nächsten wundersam sich öffnenden Raum.   

Die Reise beginnt in der Stadt der Katzen, wo gerade die Katzenseuche wütet und sich die Menschen in ihren vier Wänden verschanzen, um das Risiko der Ansteckung so gering wie möglich zu halten. Längst angesteckt vom Virus der Poesie erkundet man das Yin und Yang der Schmetterlinge in Peking, wo man schnell merkt, dass das Parfüm von Chanel zu schwach ist für diese Stadt, denn Pekings Luft ist dicht angefüllt mit den stärksten Gerüchen. Eine andere Stadt ist voll von dicken, großen, frechen Hunden, die am liebsten Sachertorte essen, was ihrem Gebell nicht gut bekommt. Man besucht u.a das „Land der zeitlosen Uhren“, begibt sich zwischendurch mit Fräulein Coco ohne Visum auf Europareise, wohnt der Geburt eines Clowns bei und bekommt es mit dem „Gesetz der Esel“ zu tun, welches einen nicht weiter beunruhigen muss, insofern man weder eine chinesische Dichterin noch ein chinesischer Dichter ist, denn nur diese werden als Esel ins Grasland der Inneren Mongolei geschickt, weil der Staat sich die Dichter nicht mehr leisten kann oder leisten möchte:   
„Yue Feng war also verwandelt worden, in einen Esel, auf Grund des Gesetzes. Ob man Berufung einlegen könnte? Mein Kopf dröhnte, ich konnte das alles nicht verstehen. Ich hatte mir niemals Sorgen um Yue Fengs Beruf gemacht, er tat ja keinem etwas zu Leide, und von der Warnung hatte er mir niemals erzählt. Was er jetzt wohl im unendlichen Grasland anfangen würde? Ob er sich immer noch Gedichte ausdachte? Oder vielleicht lief er mit einigen jungen Eselinnen um die Wette und dachte nicht mehr an seine Gedichte, er konnte sie sowieso nirgends aufschreiben, höchstens in den Wind konnte er sie singen, doch bis sie in die große Stadt gelangten, im Frühjahr, hätte der Wind die Worte in alle Richtungen verweht.“
Sollte es das Schicksal der Dichterinnen und Dichter sein, dass ihre Worte vom Wind verweht werden, bevor sie noch in die große Stadt gelangen, so ist zu hoffen, dass Anna Stechers Texte auf diesem Weg zumindest so viele LeserInnen wie möglich finden.

 

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Maria Elisabeth Brunner, Berge Meere Menschen.
Wien, Bozen: Folio, 2004.

Maria Elisabeth Brunners neues, im Folio-Verlag erschienenes Buch „Berge, Meere, Menschen“ beschreibt das Schicksal einer Pflegetochter auf der Flucht und deren schonungslose Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft und der Enge einer bäuerlichen Welt, die geprägt ist von einem gnadenlosen Patriarchat, das allem Fremden feindlich gegenüber steht.
Um Maria Elisabeth Brunner war es in den letzten Jahren still geworden. Wenn es um Autorinnen und Autoren still wird, ist es bei den meisten dann tatsächlich still. Bei manchen aber mischt sich in die Stille ein Raunen und Wispern, es rumort im Untergrund, und eine solche Autorin, die selbst in der Stille ein solches Rumoren umgibt, ist zweifellos Maria Elisabeth Brunner. Es ist ein Rumoren, das vor allem aus der Erwartungshaltung jener entsteht, die bereits Texte, Kurzgeschichten oder eine Erzählung von ihr gelesen haben, diese Menschen sind dann bereits hellhörig für den Namen der Autorin und ihre Gedankengänge geworden und wünschen sich, die Autorin möge die Stille nützen, um zu schreiben. Und Maria Elisabeth Brunner hat geschrieben. Ich kann Ihnen versichern, das Rumoren war nicht nur Täuschung und Projektion. Früher hätte man sagen können man hörte förmlich die Feder kratzen, heute hört man vielleicht eher die Anschläge auf der Computertastatur, aber beides würde der Wucht von Maria Elisabeth Brunners Schreiben nicht gerecht werden, fast muss man sagen, man hörte die Hammerschläge widerhallen, mit denen die Autorin ihre Sätze festmacht, wie aus Holz gezimmerte Sätze sind das, jedoch nie hölzern, sondern geschmeidig gedrechselt; Sätze, bei denen trotz aller Geschmeidigkeit jedoch die Gefahr, sich einen Schiefer ins Herz zu ziehen, groß ist. Es muss also davor gewarnt werden, dieses Buch zu lesen, Sie könnten sich weit verletzlicher fühlen als vorher, es muss aber auch ganz dringend davon abgeraten werden, dieses Buch nicht zu lesen, Sie würden sich ganz einfach ein überaus kraftvolles Stück Literatur entgehen lassen, dass trotz aller geschilderten Bitternisse sehr viele wunderbare Seiten hat..

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Waltraud Mittich, berühren sie jedes.
Roman.
Innsbruck: Skarabaeus, 2004.

Waltraud Mittich, eine Verlagskollegin von mir, hat vor zwei Jahren mit ihrem bei Skarabäus erschienenen Roman „Mannsbilder“ die Wogen vor allem in ihrer Heimat Südtirol hoch gehen lassen. Sie hat viele LeserInnen begeistert  und etliche Leser mit ihren einfühlsamen aber doch schonungslosen Männerporträts, die gleichzeitig ein aussagekräftiges Bild der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Südtirol zeichnen, ganz gewiss auch zutiefst verunsichert. Einige fühlten mit diesen Porträts sogar ganz Südtirol bloßgestellt. Das Buch wurde schon allein deshalb viel gelesen, viel diskutiert, angefeindet und beklatscht, darüber hinaus wurde es von der Literaturkritik hoch gelobt. Waltraud Mittich, so darf man behaupten, hat jedenfalls ein für hiesige Verhältnisse sehr erfolgreiches Buch geschrieben. Aber den skeptischen Blick, den ich an Waltraud Mittichs Literatur so schätze, den stellt sie auch im Leben unter Beweis und so hat sie mir einmal bei einer unserer ersten Begegnungen, als von an die Tausend verkauften Exemplaren ihres Buches die Rede war - entgegengehalten: „Das soll ein Erfolg sein?“
Mit Skepsis betrachtet sie durchaus auch ihr eigenes Schreiben. Erstens ist sie, wie sie selber sagt, im Rückblick noch immer nicht sicher, ob es für zwei Kinder zumutbar ist, eine schreibende Mutter zu haben – und sie meint damit nicht nur die Zeit und die Gedankenversunkenheit, die das Schreiben erfordert, sondern auch die geforderte Bereitschaft, sich dabei zu exponieren. Gleichzeitig sagt Waltraud Mittich: Ich hätte schon viel früher mit dem Schreiben beginnen sollen! Widersprüche im Leben einer Frau, einer Dichterin, die auch auf ihr literarisches Werk zurückwirken, Widersprüche, die sich auch im Charakter ihrer Protagonistinnen wiederfinden und die deshalb diese Figuren und deren Schicksale so spannend machen.
Auch im neuen Buch von Waltraud Mittich,  „berühren sie jedes“, geht es um eine Frau voller Widersprüche: Um die in New York lebende Fotografin Dolly Meyer, die Fotografin geworden ist, obwohl oder vielleicht sogar weil sie der Sprache der Bilder misstraut. Es ist eine faszinierende Angelegenheit, diese Dolly Meyer auf ihrem Weg zurück zu den eigenen Wurzeln, unter anderem in ihre Heimat Südtirol, zu begleiten und zu beobachten, wie sich die dabei die erinnerten Bilder verändern. So stellt sich mit der Zeit heraus, dass der zuerst als sanft geschilderte Liebhaber auch seine rohen Seiten gehabt hat, ganz zu schweigen von den rohen Seiten der Geschichte, die dem Vergessen entrissen werden müssen. Dabei geht es nicht um ein sentimentales Betrachten alter Fotografien, vielmehr geht es darum, mit beiden Händen in der Heimaterde zu wühlen und zwar ganz besonders dort, wo bereits Gras über das Grauen gewachsen ist. Waltraud Mittich hat keine Scheu, sich beim Schreiben die Hände schmutzig zu machen, sie gräbt sich wie ein Maulwurf durch die Schichten des Vergessens und wirft dort Hügel auf, wo die Erde längst wieder eingeebnet gewesen ist. Kein Wunder, dass manche Leute ins Stolpern geraten, wenn sie unvorbereitet den weit verzweigten Wegen Waltraud Mittichs folgen.

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Georg Engl, Besetzte Landschaft.
Gedichte, Essays, Prosatexte.
Innsbruck: Skarabaeus, 2003.

Selten gehen Engagement und Poesie in der Literatur eine derart überzeugende und sich gegenseitig inspirierende Partnerschaft ein wie in den Gedichten und Prosatexten von Georg Engl. Eine Partnerschaft, die auch über die Jahre hinweg nichts an Schönheit und Brisanz verloren hat, wie die bei Skarabaeus erschienene Textsammlung „Besetzte Landschaft“ beweist. Obwohl die Texte bereits von den späten siebziger bis zu den frühen neunziger Jahren entstanden sind, befinden sie sich – fast möchte man einfügen „leider“ – noch immer auf der Höhe der Zeit. Engls vorrangiges Thema, wie die „Besetzung“ der Heimat durch anbiedernden Tourismuskult, seine geschäftstüchtigen Zuträger und jenen, die im Fremdenverkehr auf der Strecke bleiben, mögen in der öffentlichen Diskussion inzwischen erfolgreich zurückgedrängt worden sein, sind es aber gerade deswegen wert, sich darüber Gedanken zu machen und nochmals genau hinzusehen:
Daß sie Figuren der Bühne geworden waren. Daß sie in einer Landschaft lebten, die von den vergangenen Jahrhunderten eingekreist war. Über diesen Zaun blickten nun die Zaungäste und amüsierten sich am Lustspiel, das die Eingekreisten boten: Möglichst bedacht, nicht aus der Rolle zu fallen; den Arbeiter so zu spielen, wie er gewünscht wurde, eben arbeitsam, immer zur Verfügung; den Bauern, den Behüter und Bewahrer der Landschaft, den Stürmen der Natur trotzend, ausharrend bei Acker und Pflug (obwohl er längst einen Traktor mit Heizung fuhr); die Bewohner ehrlich, gut und treu. Jeder an dem Platz, an den er sich hingesetzt glaubte.
Engls Blick ist leidenschaftlich und radikal, urteilt und bezieht Stellung. Jedoch nicht als unbeteiligter Fenstergucker, der die heimattümelnden Prozessionen an sich vorbeiziehen lässt, sondern aus der Mitte heraus, als ins Geschehen Verstrickter und „Wirklichkeitensuchender“, der seine Identität mittels der Sprache findet. Die poetische und dennoch unverblümte Sprache ist es auch, die jede Zeile dieser Texte zu einem gelungenen Versuch der Rückeroberung einer durch Klischees besetzten Landschaft namens Heimat macht.
Die Befreiung, das wissen wir, kann letzten Endes nur stattfinden, wenn Menschen bereit sind, auch einmal die Schaufel in die Hand zu nehmen und wie Georg Engl die realen Wirklichkeiten vom Schutt der vorgetäuschten freizuschaufeln. Georg Engl, 1951 in Terenten im Südtiroler Pustertal geboren, hat übrigens tatsächlich einmal als Bauarbeiter gearbeitet, ebenso als Lehrer und Schriftsetzer. Er war Mitbegründer der Südtiroler Autorenvereinigung sowie der Zeitschrift und der Edition Sturzflüge. Als Autor hat er sich mittlerweile weitgehend aus der literarischen Szene zurückgezogen, seine Texte jedoch wirken weiter und sind aktueller denn je.

 

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Waltraud Mittich, Mannsbilder.
Innsbruck: Skarabaeus, 2002, 117 Seiten.

Sie sind einem alle irgendwie bekannt, die von Waltraud Mittich literarisch porträtierten „Mannsbilder“: Dem einen ist man vielleicht schon einmal begegnet und hat ihn nach kurzer Zeit durchschaut oder es gibt ihn womöglich sogar im näheren Bekanntenkreis, und im einen oder anderen von ihnen glaubt man eventuell sogar eine reale, in der Öffentlichkeit agierende Person erkennen zu können.
Es geht, daran besteht jedenfalls von Anfang an kein Zweifel, um Männer im persönlichen Umfeld der 1947 in Bruneck geborenen Autorin, die einem „Generationsschicksal von Männern“ nachspürt, „geboren in den späten vierziger Jahren dieses endlosen Jahrhunderts, aufgewachsen an den Rändern, wo die Geschichte nachsichtiger und grausamer war als anderswo.“
Dieser Zwiespalt schlägt sich auch in den Lebensläufen nieder. Und so bergen Mittichs Manns- und Männerbilder eine nicht unbeträchtliche Brisanz, denn die von ihr porträtierten Charaktere sind zwar nach außen hin das, was man hierzulande „gestandene Mannsbilder“ nennt, allerdings zeigen sie auch Eigenheiten und seelische Nöte, mit denen „Mann“ lieber nicht hausieren geht.
Viele Leser und auch Leserinnen, die sich durch die sehr persönlich gehaltenen Schilderungen unangenehm berührt fühlen, mögen dabei von Denunziation sprechen und tun es mitunter auch, wie die heftigen und oft sehr emotionalen Reaktionen auf das Buch zeigen. Man müsste diesen Stimmen Recht geben, wären die Männer, von denen in Mittichs Buch erzählt wird, bei der Autorin nicht in derart guten Händen: Sensibel und vorsichtig sich an die Wahrheit hinter den Fakten herantastend und dennoch zu radikaler Offenheit entschlossen, spürt sie den verschiedenen Einzelschicksalen nach und schiebt zur Vermittlung der von ihr entdeckten Bruchlinien die Erzählerin Marie dazwischen, die ungefähr in der Mitte des Buches von sich sagt: „... ja, wahrscheinlich ist es an der Zeit, auch von mir zu sprechen, wenn ich schon so viel von anderen erzähle.“
Marie gibt nicht vor, alles über diese Männer zu wissen, von denen sie erzählt, auch wenn manche dieser Männer sie ein Stück durchs Leben begleitet haben. Marie hört diesen Männern zu, wenn sie ausnahmsweise einmal mehr von sich preisgeben, als sie es für gewöhnlich tun, sie beobachtet ihre Reaktionen, bekommt die äußeren Lebensumstände mit, lässt sich von Konvention und konventionellem Gehabe nicht blenden, empfindet Mitgefühl aber nicht Mitleid mit diesen Männern und liest die Zeitung. Denn es gibt kein Schicksal, das von den Lebensumständen, den sozialen und politischen Bedingungen und den gängigen Moralvorstellungen unabhängig wäre. Und so sind Mittichs Porträts auch ein Porträt der Zeit. Sie unterstreicht diese Intention, indem sie die Lebensschicksale jeweils einem bestimmten Jahrzehnt zuteilt, von den Fünfzigern „bis ins neue Jahrtausend“. Sie lässt ihre Erzählerin eine Sprache finden, oder besser um eine Sprache ringen, die diesen Männerschicksalen und auch den Frauenschicksalen, die mit ihnen verwoben sind, gerecht wird. Das ist nicht einfach und ein hartes Stück Arbeit, denn auch die Sprache führt den Ballast schwerer Irrtümer mit sich, aber das Kunststück gelingt.
Wie es gelingt, schildert die Autorin zu Beginn ihres schwierigen Unterfangens selbst: „Ich werde ein Gerüst bauen müssen und die Wörter dran aufhängen, die ich unbedingt brauche aus jener Zeit: Herz, Schmerz, Kartoffelfeuer, Zwergschule und Sehnsucht. Ich werde sie baumeln lassen, solange ich will, aber herunterholen werde ich sie müssen.“

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Walter Groschup, Lang lebe Valentins Hut.
Dramolette.
Mit einem Nachwort von Walter Methlagl. Innsbruck: Skarabaeus, 2001, 131 Seiten.

Wenn der Karl Valentin des Walter Groschup seinem Hut nachläuft, ahnt man schon, woher der Wind weht: immer aus der anderen Richtung - was durchwegs für Verwirrung sorgt. Gemäß dem großen Vorbild lässt Walter Groschup die Protagonisten in seinen neun Dramoletten der Bedeutung der gesprochenen Wörter nachrennen wie einem Hut im Wirbel eines Föhnsturmes. Der Hut ist natürlich meistens schneller als der Mensch, der ihn einfangen will. Denn die Sprache bewegt sich leider nicht zielstrebig durch eine Einbahnstraße, die in die einzig richtige Bedeutung mündet, sondern sie trudelt von Missverständnis zu Missverständnis, dreht sich hilflos im Kreis, bleibt kraftlos am Boden liegen und schwingt sich dann wieder zu überraschend bedeutungsvollen Höhenflügen auf. Aus Angst, es könnte ihm auch noch Jacke, Hemd und Hose davon wehen, zieht sich Groschups Valentin bei einem seiner Föhnspaziergänge mit Liesl Karlstadt bis auf die Unterhose aus, klammert sich die Kleidung unter die Arme und steht somit da wie der Mensch, der die Sprache rein in ihrer einfältigsten Form (die mitunter ja auch die raffinierteste sein kann) begreift und gebraucht: nämlich peinlichst entblößt.
In den neun Dramoletten stellt Groschup seinem Karl Valentin verschiedene DialogpartnerInnen gegenüber: am häufigsten die allseits bekannte Liesl Karlstadt, weiters auch einen Kellner, einen Beamten, einen Passanten, einen Regisseur, einen Philosophen. Sie sind, wie Valentin-DialogpartnerInnen nun einmal sein müssen: tapfer und voll ungebrochenen Glaubens an die Möglichkeit der Verständigung im gleichsprachigen Dialog. Hin und wieder scheinen sie allerdings der Valentinaden müde zu sein und dienen dann zu offensichtlich als bloße Stichwortgeber für den lästig lästernden Herrn Valentin:

KARL VALENTIN: ....was machen sie so. im leben!
DER PHILOSOPH: ich sitze.
KARL VALENTIN: sans einglocht worn!
DER PHILOSOPH: ich sitze hier auf der bank.

Das sind eben solche Stellen, da Valentins Hut kraftlos am Boden liegen bleibt, aber wenn man dann geduldig noch ein bisschen zuwartet mit dem Begreifen und Zugreifen, dann schwingt er sich plötzlich auf und trudelt schwungvoll dahin, sodass es wieder großen Spaß macht, ihm nachzulaufen und ihn einfangen zu wollen.

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