Rezension von Gudrun Priester

 

 

Josef Pedarnig & Klaus Dapra, Rudolf Ingruber: Flusslandschaften & In Stein verwandelt, Skulpturen an der Isel. [März 2007]
Wien: Uranus Verlagsgesellschaft 2005

Gestalten am Fluss

     Josef Pedarnig schreibt ein Bild. Ein sehr interessantes Bild, weil es einerseits impressionistische, andererseits naturalistische Elemente beinhaltet. Die verschwommen-romantisch-impressionistischen Teile gehen in genau-klar-naturalistische Teile über und werden in einem Werk vereint.
     Das Buch klingt wie eine Fantasiereise, wie die detaillierte, beinahe schon zu perfekte Beschreibung einer Traumlandschaft. Diese ist klar und deutlich gezeichnet, vergleichbar mit einer hoch aufgelösten Fotografie. Dabei klingt sie aber zu sehr nach einer nicht mehr vorhanden/vergangenen Zeit, in der die Flüsse noch Natur belassen waren und die Verbauungen nicht Grund für Überschwemmungen waren. Die Mischung der Komponenten Fantasie und Detailgenauigkeit macht die grundsätzlich naturgetreue Zeichnung irreal. Welcher Fluss ist noch derart frei, wie jener, den Josef Pedarnig beschreibt?
     Pedarnig verfasst ein Tagebuch am Fluss, über den Fluss, die Natur, während er gleichzeitig Botschaften nach außen sendet. Er veröffentlicht persönliche Gedanken in Ich-Form, die aber nicht die Aufgabe haben, den Lesern etwas über Josef Pedarnig zu sagen, sondern die zum Nachdenken anregen sollen. Sein „Ich“ begeht den Fluss, beschreibt den Fluss, teilt Gefühle mit, aber gleichzeitig macht die Darstellung klar, dass dieser Fluss ein Zeichen ist, für das Ausbrechen aus einer modernen Gesellschaft, für die Rückwendung zu anderen Werten. In der modernen Gesellschaft muss alles nützlich sein. So wie der Fluss anders ist, ist auch das Buch anders, weil es andere Werte nahe legt. Wenn Pedarnig beschreibt, wie sein „Ich“ am Flussufer sitzt und „noch einmal […] mit der Fußsohle über das Wasser [streicht]“ kann ich mich in dieses Gefühl hineinversetzen, die Empfindung nachvollziehen und glaube zu verstehen, was Pedarnig mitteilen möchte.
     „Bei Regen kann man am Fluß Wasser atmen“ ist wohl einer der schönsten Sätze in „Flusslandschaften“. Nicht nur die Bildsprache ist gedichthaft, auch die Struktur entspricht oftmals einer lyrischen Prosa wie in „Kleine Eidechse Ablenkende Aufmerksamkeit. Etwas bewegt sich – und mit einem Male ist es da: das Wissen von der Unwichtigkeit des Wissenwollens“.
     Das Buch ist in lose aneinander gereihte Abschnitte unterteilt, sie Kapitel zu nennen wäre zu eingrenzend. Dazwischen sind Bilder von Wilhelm Dabringer angeordnet, die stilisierte Flusslandschaften zeigen, andere Seiten sind gänzlich leer. Die Abschnitte „Der Fluss“, „Das Land“, „Der Baum“, „Wirklichkeit und Traum“, „Windungen“, „Versuch am Dargestellten“, „Wüstungen“, „Nachtschatten“ und „Nachklang“ haben wiederum Unterteilungen, von denen manche Bilder der Natur verwenden, andere bereits deutlich die die Botschaft mitteilen. Die Absätze sind unterschiedlich lang, unterschiedlich strukturiert und unterschiedlich in ihrer Gewichtung. So sind einige Teile des Buches stark der Bildbeschreibung gewidmet, andere beinhalten (leider etwas plakative) Belehrungen an Nicht-Flusswanderer („Der Ämtermensch geht um“), die Pedarnigs Empfindungen dem Fluss gegenüber nicht verstehen, sondern den Fluss nur als potentielle Nutzungsquelle wahrnehmen. Dabei übersehen diese Leute, so Pedarnigs Kritik, worauf es eigentlich im Leben ankommt.
     Pedarnigs zentraler Gedanke ist, dass die Menschen in der wilden Natur etwas finden können, was das „kultivierte Land [nicht] hervorbringen kann.“ Um sicherzugehen, dass die Leser dies auch verstehen, verlässt der Autor mitunter den Weg der Metaphern und macht die Botschaft seines Buches explizit: „Der Automatismus des Erfundenen [treibt] dorthin, wo er [den Menschen] aus den Händen gerät und nicht mehr steuerbar ist. Sie müssen sich dann sagen, daß ihnen die Entwicklung davonläuft.“ Immer wieder verhindere der Mensch durch diese Erkenntnis zwar „das Schlimmste“, aber nur mit dem Erfolg, Verwüstung zu hinterlassen. Der Mensch solle verstärkt dem Weg folgen, den die Natur, und damit ihr Schöpfer vorgibt.
     Nach diesem explizit formulierten Teil zieht es Pedarnig wieder ins Bildhafte zurück, das auch den eigentlichen Reiz des Buches ausmacht. Für Pedarnig stehen der Fluss und das Wasser symbolisch für ‚leben’ und ‚lebendig sein’. Das ausgenutzte, abgewirtschaftete Land ist heiß, trocken und angepasst. Zwar wandelt auch das Wasser, doch tut es dies langsam, mit Bedacht, und nicht um des Gewinnes Willen und ohne dabei zu zerstören. So verändert es Holz, schichtet Schotter mal da, mal dort zu Inseln um oder formt Steine.
     Ein dieser Naturanschauung folgendes Projekt ist der Bild- und Gedichtband „In Stein verwandelt“, herausgegeben und gestaltet von dem Fotografen Klaus Dapra, dem Kunsthistoriker Rudolf Ingruber sowie von Josef Pedarnig. Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen an der Isel entstandene, von internationalen Künstlern entworfene Steinskulpturen. Ähnlich wie die sprachlichen Fluss-Bilder Pedarnigs werden die Skulpturen in Detailausschnitten und in der sie umgebenden Landschaft präsentiert. Neben den Fotografien der Skulpturen beinhaltet der Band Haikus von Pedarnig, die die über die Aufnahmen vermittelten Eindrücke noch unterstreichen.
     Beide Bücher zeigen Werke zeitgenössischer Künstler, die sich zeitkritisch mit brisanten Themen auseinander setzen und dabei die Leser dazu anhalten, den christlichen Auftrag die Schöpfung zu wahren, ernst zu nehmen. Pedarnigs Texte sind eine Anleitung zur Meditation, die die Menschen über die Vorgänge der modernen Gesellschaft nachdenken lässt und dazu in sehr schönen, positiven Bildern ein Gefühl für eine alternative Lebensweise aufzeigt.

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