Rezensionen von Daniel Ostermann

 
 

Nicole Brossard, Sie wäre der erste Satz meines nächsten Romans.
Elle serait la première phrase de mon prochain roman. She Would Be the First Sentence of My Next Novel Hg.: Ursula Mathis-Moser
Innsbruck: Universität Innsbruck, 2002, .

Dies ist eine Publikation des Zentrums für Kanadastudien an der Universität Innsbruck, ein kurzer Text der bekannten franko-kanadischen Autorin Nicole Brossard in einer schönen dreisprachigen, sehr sorgfältigen Ausgabe. Hervorzuheben sind nicht nur die sehr ansprechenden Übersetzungen, sondern auch die Umschlaggestaltung, abblätternde Farbschichten und morschen Verputz auf einer Ziegelmauer darstellend.

Es ist der Prozess, der Gärungsprozess, der einem Roman vorausgeht, dem wir folgen dürfen, ein Laborbericht gewissermaßen. Der Abend, die Nacht in Montreal, die wir miterleben, die den zeitlichen Rahmen bilden, stellen einen entscheidenden Punkt in diesem Prozess dar, an dem dieser neue Roman Gestalt anzunehmen beginnt.
Gibt es einen Hinweis darauf, worum der Roman sich drehen wird? Höchstens in einem der Absätze gegen Ende. Während einer Taxifahrt bilden sich Wortgruppen heraus, die uns eine Ahnung geben. Höchstens soviel, es soll um Sprache und Gewalt gehen.

Doch was uns hier interessiert ist, wie der vorliegende Text funktioniert, was ihn ausmacht.
Wir sehen uns zunächst mit mehrfachen Brüchen, Brechungen konfrontiert. Die Autorin spaltet sich in zwei, ja gar drei Positionen, Stimmen, Bewusstseinsebenen. Da ist ein ‚ich’ und ein ‚sie’ und später noch ein ‚sie’. Auch die Textsorte ist, gelinde gesagt, hybrid: erzählend, theoretisch, wissenschaftlich, poetisch ...
Dadurch, dass die Autorin es sich nicht bequem macht in einer konventionellen Erzählung, müssen auch wir Leser unaufhörlich in Bewegung bleiben. Der Text bildet ein komplexes Gewebe, das sich nicht auflöst, wenn wir an einem der Fäden ziehen, und die Struktur dieses Gewebes wird sich uns auch nach mehrmaliger Lektüre nicht restlos erschließen.

Das augenscheinlichste Merkmal ist, dass der Text zerfällt in mehr oder weniger kurze Absätze, Miniaturen, Stücke «poetischer Prosa», wie es die Autorin selbst nennt. Und diese Prosa beginnt auf eine seltsame Art zu opalisieren, jedes Bruchstück scheint einen anderen Blickwinkel zu eröffnen und es bieten sich uns stets neue Farben und Strukturen dar. Doch wie bei einem Opal ist es auch hier so, dass die Farben nicht etwa von vornherein im Inneren des Ganzen vorgegeben wären, sondern erst durch Lichtbrechung zum Leben erweckt werden und durch unseren Blick darauf. Der Text, wie der Opal, beginnt erst zu schillern, wenn wir uns ihm öffnen, uns öffnend ihn lesen.

Wie es auch im Text selbst einmal heißt, das wahre Geschehen spielt sich auf der sprachlichen Ebene, zwischen den Wörtern ab. Durch die ständige Brechung, den Wechsel der Perspektive, die unaufhörliche Selbstreflexion, bekommen diese Seiten etwas sehr Leichtes und sehr Schweres zur selben Zeit.

«Écrire je suis une femme est plein de conséquences» («Schreiben ich bin eine Frau ist voller Konsequenzen»), heißt es an einer Stelle. Ja, 'sie' zu schreiben heißt einen ganzen Satz schreiben, der keinen Anfang und kein Ende hat. Von der unglaublichen Komplexität, der Vertracktheit, mit der sich das Thema Schreiben, nein: Erzählen für eine Frau in dieser unserer Welt darstellt, handelt dieser Text auf faszinierende, vielschichtige Art und Weise. Und so heißt es ja auch ‚wäre’ und nicht ‚wird sein’ im Titel. Sollen wir nun daraus schließen, dass jener Roman niemals das Licht der Welt erblicken wird? Und wessen Roman, scheint sich doch die Stimme, die hier spricht, immer weiter schrittweise zu entziehen?

«J’écris pour faire acte de présence dans la langue.» («Ich schreibe, um in der Sprache gegenwärtig zu sein.») Denn auch darum geht es, um das Schreiben-müssen, um die Notwendigkeit, als Frau die Stimme zu erheben in dieser Sprache, die die eigene ist und doch so fremd. Aber wie lautet letztlich einer der, meiner Meinung nach, zentralen Sätze auf diesen Seiten: «C’est dans l’écriture que tout arrive.» («Im Schreiben geschieht alles.»)

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Walter Schlorhaufer, Weggefährten.
Innsbruck, Haymon, 2001, 224 Seiten.

Die Erinnerung überbrückt Zeiträume, verkürzt sie, macht das lang Vergangene zum Gestern, sogar zum Heute. Und dabei bewegt sie sich entlang von Wegen, die sich manchmal (oder etwa immer?) mit wirklichen Straßen, Gassen decken, so mag es scheinen ... Es sind dies vielleicht die ganz persönlichen, zeitlosen ‚Songlines'. Und da gibt es Gefährten, die uns vorübergehend begleiten, deren Wege sich mit unseren kreuzen, deren Wege vielleicht sogar manchmal fast parallel zu den unseren verlaufen. Gefährten, die uns verlassen, die wir verlassen, die verloren gehen ... und die doch in unseren inneren Liedern lebendig bleiben und gegenwärtig.

Weggefährten ist das Manifest einer Freundschaft, deren Gefühlsregungen, Frustrationen, Leerläufe mit sehr viel Präzision und Ehrlichkeit dargelegt werden. Veit Oberkofler ist der Weggefährte, der Kamerad, der vertraute und doch so fremde Bruder. Und er ist der sehr lebendige Abwesende, dessen Verschwinden auf diesen dreihundert Seiten nachgegangen wird.

Der Roman ist eine Spurensuche auf den Wegen der Erinnerung, ein Zurückverfolgen von Spuren, die der Erzähler (wer immer er sein mag) für die eigenen hält. Und dabei schwankt seine Stimme zwischen Nähe und Distanz zu seinen Figuren, bedient sie sich der
Gegenwarts-, dann wieder der Vergangenheitsform. Nicht von ungefähr ist die Sprache selbst ein wiederkehrendes Thema im Text, etwa wenn die Mutter der Hauptfigur dessen Vater seine geschwollene Wortwahl vorwirft. Insofern haben wir es hier wohl auch mit einer Suche nach der eigenen Stimme zu tun, nach den Wurzeln dieser Stimme. Vielleicht auch mit einer (späten?) Versöhnung mit einer Herkunft, der Rupert Leb im Laufe der Erzählung zu entwachsen scheint. Nicht außer Acht zu lassen bei alledem ist der zeitgeschichtliche Hintergrund, die große Zäsur, welche der zweite Weltkrieg und das dritte Reich besonders auch für einzelne Familiengeschichten dargestellt haben muss. Auch diesbezüglich scheint eine rückblickende erzählerische Milde und Abgeklärtheit vorzuwiegen, die jede etwaige Härte von Seiten der Protagonisten aufwiegt.

So wie aus dem Ich ein Er wird, ist auch die Topographie des Schauplatzes entrückt mit Hilfe zwar veränderter aber dennoch leicht erkennbarer Ortsnamen. Diese Stadt ist eine fremde und doch wohlvertraute, wie eine immer wieder in einem Traum gesehene, begangene, oder in jener Erzählung, zu der die Erinnerung nach und nach wird. Oder wird sie erst dazu mit dem Schreibakt selbst? Und jene Topographie ist auf eigentümliche Art leergeräumt, abstrahiert geradezu, vor allem da, wo von gekrümmten, abfallenden Gassen und geraden, ebenen Straßen die Rede ist. Von den Lebenswelten der beiden Protagonisten also, die gegenübergestellt und gleichzeitig dauerhaft verschränkt werden.

Hinter dieser doppelten Entrückung, sozusagen, verbirgt sich der entscheidende Schritt von der autobiographischen Episode zur ‚abgenabelten' Erzählung. So ist der Roman zweifellos auch als eine indirekte Studie zu den Mechanismen des Schreibens zu sehen.

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