Rezension von Stefan Neuhaus

 


Michael Forcher, Der Riese Haymon. [Mai 2007]

Oder: Die wahre Geschichte, wie ein frommer Adelsherr zum Drachentöter und Klostergründer und nach Jahrhunderten zum Namenspatron für einen Literaturverlag wird.
Innsbruck u. Wien: Haymon-Verlag 2007. Geb., 88 S.

Zwei Riesen und ein Happy-End
Verlagsgründer Michael Forcher bereitet Haymon-Lesern eine unterhaltsame Geschichtsstunde 

Einer der wichtigsten belletristischen Verlage Österreichs und wohl der bedeutendste Tirols wird 25 Jahre. Das wird gebührend gefeiert, mit Festen, Lesungen und allem, was dazugehört. Dass das Jubiläum für den Verlag nicht nur eine willkommene Marketing-Aktion ist, zeigt sich in einem schmalen und doch bedeutungsvollen Büchlein, das von dem Streit zweier Riesen erzählt und andere mittelalterliche Sagenstoffe verlebendigt. Das Büchlein hat in zweifacher Hinsicht mit Haymon zu tun, es ist von dem Verlagsgründer Michael Forcher geschrieben, der erst im vergangenen Jahr Haymon in die Gruppe des StudienVerlags eingegliedert und damit die Amtsgeschäfte abgegeben hat, und es ist dem Namenspatron des Verlags gewidmet, dem sagenumwobenen Riesen Haymon. Aus Sicht des Verfassers dieser Zeilen ist, das sei schon vorab gestanden, vorliegendes Büchlein das schönste Geschenk, das sich der Verlag zum runden Geburtstag machen konnte.
Der 1941 geborene Verleger ist promovierter Historiker und als Geschichtsschreiber Tirols über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Nicht zuletzt sind es seine Bücher gewesen, die zum Verlagserfolg beigetragen haben. Dazu kommt sein Gespür für neue Talente, so haben zwei der bekanntesten Autoren Tirols, Felix Mitterer und Raoul Schrott, ihre Bücher zuerst im Haymon-Verlag veröffentlicht und sind dem Verlag weiterhin verbunden. Schrott hat gerade erst sein Afrika-‚Logbuch’ „Die fünfte Welt“ bei Haymon herausgebracht.
Man kann, man muss das alles aber gar nicht wissen, um das in Signalrot gebundene Jubiläumsbüchlein schätzen zu lernen. Man muss auch kein besonderes Interesse an der Tiroler Geschichte haben (wenngleich sich nicht verhindern lässt, dass man etwas über sie lernt). Forcher hat Lust am Erzählen, und dieser Funke springt über. Das zeigt sich schon an den Kapitelüberschriften, hier die erste: „Wie anfangen? Oder: Man soll das Pferd nicht vom Schwanz her aufzäumen“.
Eigentlich erzählt das Büchlein von einer Absenz, diese Schwierigkeit thematisiert der Erzähler ehrlichkeitshalber schon am Anfang. Wie soll man beginnen, wenn so wenig über den Helden der Geschichte bekannt ist? Forcher entscheidet sich zunächst für einen Mittelweg der Wiedergabe des Erforschten, doch beschreitet er auch die Nebenwege. Wann immer einer auftaucht, der vielversprechend erscheint, nimmt er die Leser mit und führt ihn anschließend zum Hauptweg zurück.
Dabei ergeben sich erstaunliche Aus- und Einsichten. Haymon wurde der Gründer des Stifts Wilten genannt, nach dem der heutige Innsbrucker Stadtteil heißt. Vermutlich ein in Machtkämpfe verwickelter Adeliger, wurde Haymon (dessen Name in vielen Varianten existiert) durch die Sage zum Riesen, der mit seiner Kloster­gründung eine Schuld tilgen wollte. Wichtige Zutat der Sage ist der Drache, den Haymon besiegte und dem er die Zunge herausschnitt, um die Tat zu dokumentieren. Seine Übergröße und die Drachenzunge sind Bestandteile seiner figürlichen Darstellung geworden.
Was aber hat Haymon aus dem 8. Jahrhundert mit den Römern zu tun? Wie kommt der andere Riese ins Spiel, der ihm das Inntal streitig macht? Was haben die Versuche zutage gefördert, Haymons Grab zu finden? Was hat die Drachenzunge mit dem Stirnfortsatz eines Schwertfisches zu tun? Forcher beschäftigt sich und seine Leser nicht nur mit solchen Fragen, er zeigt auch, wie verbreitet der Name Haymon im Mittelalter war. Kam der Wiltener Klostergründer etwa aus dem Rheinland? Was hat es mit der Sage der Haymonskinder auf sich, die noch heute zu einem alle 10 Jahre gefeierten Fest im belgischen Dendermonde Anlass gibt?
Wer dies und mehr wissen möchte, der sollte das Büchlein lesen. Es präsentiert keine endgültige Antwort auf die Frage nach Haymon, weil es sie nicht geben kann; dafür bekommen die Leser ein Gespür dafür vermittelt, wie Geschichte entsteht. Geschichten und Geschichte haben viel miteinander zu tun – noch heute. Dafür steht auch das abschließend abgedruckte Gespräch zwischen Felix Mitterer und Michael Forcher, das tatsächlich nie stattgefunden hat und dennoch mehr Aufschluss gibt, als wenn es stattgefunden hätte. Wie das sein kann? Auch dies sollte man nachlesen.
 

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