Rezension von Karl Müller

 


Lisa Mayer, funke zinte zepf åhschneide [Okt. 2008] 
Salzburg: edition Eizenbergerhof 2008, 131 Seiten, 1. Aufl.

„Fräulein, wem gehörst Du?“ Wunderliche Wort-Welten in Nassereither Mundart

Als ich Lisa Mayer zum ersten Mal ihre neuen Gedichte in der Kindheitssprache ihrer Nassereither Heimat vortragen hörte, war es wohl die Faszination des fremden Klangs dieser Worte sowie ihr authentischer und wirkungskräftiger Vortrag, die mich aufhorchen ließen und bewegten. Viele, die dies miterleben durften, waren ganz offensichtlich auch in den Bann der vortragenden Dichterin gezogen.
Von Unsicherheit und vom Zögern, die Nassereither Mundart ihrer Kindheit und Jugend als poetische Ausdrucksform zu verwenden, erzählt Lisa Mayer, nachdem sie gefragt worden sei, ob sie sich nicht auch einmal ihrer „Muttersprache“ bedienen wolle, sie, die sich bis dahin ausschließlich in avancierten, überaus sprachbewussten hochsprachlichen Gedichten überzeugend auszudrücken verstand. „Ich wuchs die ersten zehn Jahre meines Lebens [...] leider so gut wie ohne Bücher auf“, sagt sie. Erst nach der Matura, als sie in Blinden- und Altenheimen und im Krankenhaus arbeitet und an der Innsbrucker Universitätsklinik zur Logopädin ausgebildet wird, hat sie das Glück, auf die Dichtung z. B. von Georg Trakl, Charles Baudelaire, Hermann Hesse und Ingeborg Bachmann zu stoßen. Dies sollten unauslöschliche Eindrücke bleiben, wie es ihre – nach einer beruflich und privat bedingten langen Schreibpause – insbesondere im letzten Jahrzehnt entstandene, von eigenständigem Bilderreichtum geprägte Lyrik beglaubigt: „Auf den Dächern wird wieder getrommelt“ (Haymon 1999) und „Du allein beschenkst die Diebe“ (Haymon 2005). Für ihre poetischen Leistungen wurde sie inzwischen auch mit mehreren österreichischen Preisen geehrt, nicht zuletzt mit dem Georg-Trakl-Förderungspreis 2007, und ihre Lyrik fand inzwischen auch schon englische, französische, ungarische, polnische und arabische Übersetzer. Erst in den 1990er Jahren hatte Lisa Mayer wieder kontinuierlich zu schreiben begonnen und schnell zu einer erstaunlich sicheren Kontinuität ihrer lyrischen Ausdruckskraft gefunden, jetzt auch geprägt von ihrer Auseinandersetzung mit christlichen und hinduistischen Mystikerinnen und Mystikern, mit Yoga und Meditation, angeregt aber auch durch Texte von Christine Lavant, Paul Celan, Nelly Sachs, Reiner Kunze, Sylvia Plath und Ilse Aichinger.
Und nun liegt ein ganz neues und in vieler Hinsicht außergewöhnliches und unverwechselbares Buch – im Nassereither Dialekt – vor, das wohl viele Vorurteile gegen die Mundart als eine insbesondere für die in der Moderne angeblich nicht tragfähige lyrische Ausdrucksform Lügen straft. Denn es gibt keine verklärenden Erinnerungen an ein angeblich heiles Gestern, kein Sich-Berauschen an urig-vertrauten Klängen und Lauten, keinen Fetisch des Mundartlichen, keine rückwärtsgewandten Utopien, kein Ausspielen des Heute gegen das Gestern, keine mit dem Gestus einer Wissenden oder Klagenden vorgetragenen Mitleidsbotschaften oder unkritischen Naturverherrlichungen mit Hilfe des Instruments der als heil beschworenen Mundart der Ahnen, sondern anhand eines breiten Themenspektrums überraschend frische, eigenartige, nicht-abgegriffene Wortfügungen – eben Tiroler Dialektlyrik der Moderne.
Lisa Mayers Eintritt in die von ihr vergegenwärtigte und ihr, wie sie sagt, augenblicklich wieder vertraute und ganz „vergessene“ Wirklichkeiten hochspülende Sprach- und Sprechwelt der Kindheit im engen Nassereith der 1950er und 1960er Jahre Jahre – „funke zinte zepf åhschneide“ (Funken zünden Zöpfe abschneiden) als mehrdeutiger Nachhall – nimmt vieles und sehr Heterogenes in den Blick, oft empathisch aus der Perspektive eines erinnerten Tiroler Kindes und seiner für uns Erwachsene überraschenden Wahrnehmung: Familiengeschichte(n) und deren Überlieferungen, Dorfleben und bedrängende geschichtliche Vorkommnisse, Sexualität und Körperlichkeit, Krankheit, Verbotenes und Verheimlichtes, Kindsein-Gesellschaft-Kosmos, „Abseitiges“, „Unbedeutendes“, Behindertes, weibliches Außenseitertum und Fremdes, zivilisatorische Modernisierung im Widerstreit mit dem Überlieferten, den Geruch von Gewalt, bäuerlich-katholisches und Nassereither Brauchtum, befreiende Träume und immer wieder Träume der Angst, aber auch sensible Naturwahrnehmung im Jahreskreislauf und Liebeserfahrung. Der Gedichtband enthält darüber hinaus auch eine Dimension, die bisher in Dialektlyrik selten einen derart wichtigen Platz hatte: die Thematisierung und Beleuchtung des Wortes und immer wieder der Versuch, mystische, entgrenzende Erfahrungen im Dialekt zu fassen.
In fünf Teilen stellt uns Lisa Mayer ihre Gedichte vor: „ibar d roache breîtar“ (über rohe bretter), „gonze schiebl liacht“ (lichtbüschel), „wascht a wåssar dei woacht“ (wäscht ein wasser dein wort), „afn papiar vun wint“ (auf windpapier) und „ring sei se bein ohkemme“ (leicht sind sie beim ankommen). Jedes Kapitel hat sein eigenes Gesicht, weniger was die reich bestückte und oft polyvalente metaphorische Palette betrifft, sondern hinsichtlich ihrer thematischen Schwerpunkte.
In den ersten drei Teilen werden hauptsächlich frühe Kindheitserinnerungs-Augenblicke mitgeteilt: etwa zwischen Traum und Aufwachen oder das Bild einer nach Freiheit dürstenden Frau, die plötzlich in einer fremden Sprache zum Singen anfängt, bis der ganze Garten leuchtet (in are frende språch/zun singe n ohfongt//bis dar gonze gåchte/leichtet), oder das Bild von Nassereither Textilfabriksarbeitern (mei muesch jå froa sei/wenns geat – musst ja froh sein, wenn du überlebst), schemenhafte Erinnerungen an eine behinderte, dem Vergessen anheim gegebene Frau (tresele) aus dem Dorf (a bissle nebarn weg gwaht – ein klein wenig neben den weg geweht), an Nassereither Masken und lokale Vorkommnisse, Schrecknisse, an Geräusche an Dorfnachmittagen und an etwas Windschiefes, Fehlerhaftes: en ibar d nåcht/hearewachts/brochener zau//dar nåchtoal/dar fahler - ein über nacht eingebrochener zaun, der nachteil, der fehler) oder an die Stimmung eines tristen Regentages. Gedichte mit bewegenden Erinnerungen an frühe Bezugspersonen nehmen einen breiten Platz ein:
Dar våtar/zun bom umme/liacht åche schneide//s gliête zingle n/id stuar eie toh/ ibar s grawelete fald/gonge//nimme kemme – der vater/zum baum hinüber/ licht herunter schneiden/das glühende zünglein/ in die steine hinein getan/übers ergraute feld/ gegangen// nicht mehr gekommen. Erinnerungen an Identitätsprobleme kommen vor, an Wünsche nach kindlichem Besitz, die Sehnsucht wegfliegen zu können, oder die Skizze eines Lebens in Form von Kose- und Schimpfwörtern.
Das vierte Kapitel „afn papiar vun wint“ enthält – auf den ersten Blick – wunderbare Skizzen jahreszeitlicher Gegebenheiten: langez - frühling, summar - sommer, åltweibarsummar - altweibersommer, um cäzille - um cäcilia. Sie reichen ins Existentielle, und einige der hier versammelten Texte bereiten bereits den letzten Teil der Sammlung vor, in dem nicht-alltägliche Erfahrungen verarbeitet sind – schwebende Bewusstseinszustände und  Gefühlsbefindlichkeiten, abzulesen ab Wörtern mit vielfältigen, nicht festzulegenden Bedeutungshöfen: Licht, Helligkeit, Sonne, leicht, einwärts, innen, Kern, die eine spezifische spirituelle Dimension erahnen lassen.
Die Dialektgedichte Lisa Mayers thematisieren wiederholt Zustände von Ordnung und Entgrenzung, Traum und Wachen, Bewusstheit und Unbewusstem, von Drinnen und Draußen, Vertrautem und Fremdem, Angst und Erlösung, von Bedrohlichem und Geborgenheit, Licht und Dunkel, von Enge und Befreiung – schreie wås it/d oagn seal isch/auße – schreie was nicht/ die eigene seele ist/ hinaus.
Der kleinen Edition Eizenbergerhof des Vereins zur Förderung der Literatur (prolit) ist für das Wagnis dieser Dialekt-Publikation zu danken. Es ist keine Selbstverständlichkeit, die nur einer konzentrierten Aufmerksamkeit zugängliche Gedichtsammlung zu veröffentlichen – noch dazu weitab vom mainstream sonst geübter Mundartdichtung. Verdienstvollerweise wurde dem Band auch eine CD beigelegt – die Gedichte, von der Autorin selbst gelesen. Das knappe und kluge Vorwort Johann Holzners spricht mit Recht von der „wunderlichen Wort-Welt“ der Lisa Mayer und von einem „seltenen Glücksfall“. Denn ein eigener Ton ist spürbar, der in der Tradition der Dialektdichtung praktisch ohne Vergleich ist. Lisa Mayers Vater aus Nassereith soll von „sinnreichen Gedichten“ gesprochen haben, so erzählt mir die Autorin.
   

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